Ruth Heynen: Erfahrung des Unmöglichen. Zur Verfassung eines Theaters für Europa.

München: Fink 2013. ISBN 978-3-7705-5459-1. 152 S. Preis: € 22,90.

Rezensiert von Thomas Ochs

Kein Inhaltsverzeichnis, sondern Lesehinweise. Keine bestimmten Titel für die Kapitel, sondern eine reine Nummerierung. Ruth Heynens Text Erfahrung des Unmöglichen geht innovative Wege hinsichtlich Buchaufbau und wissenschaftlicher Struktur: Vier thematische Stränge stehen über sechs Kapitel hinweg in unmittelbarer Beziehung zueinander. Die Lektüre kann entweder in der dargelegten und von der Autorin gewählten Reihenfolge vollzogen werden oder eben anhand der Stränge über die Grenzen der Kapitel hinweg.


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Ulf Otto: Internetauftritte. Eine Theatergeschichte der neuen Medien.

Bielefeld: transcript 2013. ISBN: 978-3-8376-2013-9. 324 S. Preis: € 29,80.

Rezensiert von Klaus Illmayer

Unbestreitbar ist wohl, dass die Nutzung des Internets das auffälligste Phänomen der durch die Digitalisierung angestoßenen bzw. sie begleitenden gesellschaftlichen Veränderungen ist. Längst mehr als eine technische Spielerei, interagieren weite Teile der Welt in sozialen Netzen und es äußert sich ein vielstimmiger Chor, dessen Äußerungen manche Dys- und Utopien hervorrufen. Dass ein solches Szenario die Notwendigkeit wissenschaftlicher Auseinandersetzung nach sich zieht, sollte einleuchten. Trotzdem gibt es eine zu beobachtende Zurückhaltung in vielen universitären Fächern, wenn es gilt, einen angemessenen Umgang mit den durch das Internet induzierten Veränderungen ihrer Untersuchungsgegenstände zu finden.


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Rolf Aurich/Wolfgang Jacobsen (Hg.): Kein letztes Wort. Die Filme von Rainer Erler.

München: edition text + kritik 2013. ISBN 978-3-86916-269-0. 110 S. Preis € 18,–.

Rezensiert von Anna Koblitz

Er machte Filme "so intelligent wie möglich, so trivial wie nötig" (S. 67) und ließ darin rund um den Globus Papier zu Zucker zerfallen, Wissenschaftler den berühmten 'Nürnberger Trichter' erfinden oder einen skeptischen Journalisten Kontakt zu Außerirdischen aufnehmen. Gut endete das nie. Das bewährte Duo Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen lenkt mit seinem neuen Buch endlich wieder einmal die Aufmerksamkeit auf einen heute kaum noch Gekannten und zu Unrecht Vergessenen des deutschen Film- und Fernsehens: den Autorenfilmer Rainer Erler.


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Tino Balio: Hollywood in the New Millenium.

Basingstoke: Palgrave Macmillan 2013. (International Screen Industries). ISBN: 978-1844573806. 178 S. Preis: € 18,80.

Rezensiert von Claus Tieber

Tino Balio ist einer der Väter der modernen amerikanischen Filmgeschichtsschreibung. Er war einer der Ersten, die sich mit Themen wie Produktionsgeschichte und -ästhetik auseinandergesetzt haben. In einer Disziplin, in der die ökonomischen Grundlagen noch immer zugunsten von Interpretationen künstlerischer 'Texte' vernachlässigt werden, ist Balios Pionierarbeit gar nicht hoch genug zu schätzen. In seinen Arbeiten zur Geschichte von United Artists (United Artists. The Company Built By The Stars von 1976) oder seinem Band Grand Design. Hollywood as a Modern Business Enterprise, 1930–1939 von 1993 hat er auch die Grundlagen für die in jüngster Zeit boomenden Production Studies gelegt.


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Dominic Johnson: Glorious catastrophe. Jack Smith, performance and visual culture.

Manchester/New York: Manchester University Press 2012. ISBN 978-0-7190-8299-3. Preis: € 80,–.

Rezensiert von Georg Vogt

Ein Mangel an ästhetischen Praxen, die für sich das Attribut der Widerständigkeit in Anspruch genommen haben oder denen es zumindest retrospektiv zugeschrieben worden ist, scheint den 1960er-Jahren nicht attestiert zu sein. Spannend wirkt die geronnene Vorstellung eines Jahrzehnts der Neuerung und des Aufbruchs heute vor allem durch die Entdeckung zahlreicher blinder Flecken und Auslassungen.


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Gunnar Landsgesell/Michael Pekler/Andreas Ungerböck (Hg.): Real America. Neuer Realismus im US-Kino.

Marburg: Schüren 2012. ISBN 9-783894-412-727789. 208 S. Preis: € 19,90.

Rezensiert von Sebastian Kuhn

Das Buch Real America. Neuer Realismus im US-Kino entwickelte sich aus der gleichnamigen Programmreihe der Viennale 2012, die Filme wie Man Push Cart, Wendy and Lucy und Putty Hill zeigte. Laut den Autoren Gunnar Landsgesell, Michael Pekler und Andreas Ungerböck gehören diese Filme zu einer sich seit Anfang des 21. Jahrhunderts formierenden Strömung im US-amerikanischen Independent-Kino und lassen sich in erster Linie über eine bestimmte sozialpolitische Gesinnung gegenüber der (Alltags-)Wirklichkeit verbinden: "eine Haltung zu ihren Geschichten, zu ihren Figuren, zu ihrem Land und dem, was darin vorgeht, zu dessen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragen, eine Haltung, die aus den Filmen klar und deutlich abzulesen ist, ohne dass sie einem vorgefertigt und unhinterfragbar ins Zuschauerhirn eingepflanzt würde" (S. 9).


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Hannah Pilarczyk (Hg.): Ich hatte die Zeit meines Lebens. Über den Film "Dirty Dancing" und seine Bedeutung.

Berlin: Verbrecher 2012. ISBN 978-3-943167-13-9. 192 S. Preis: € 15,–.

Rezensiert von Florian Wagner

25 Jahre hat es gedauert, bis der Film Dirty Dancing (Regie: Emile Ardolino / Drehbuch: Eleanor Bergstein) mit einem wissenschaftlichen Sammelband kritisch gewürdigt wurde. Von der Filmkritik als 'Frauenfilm' leichtfertig abgetan und von vielen – nicht zuletzt den mit Bildungsprivilegien ausgestatteten – Fans als 'guilty pleasure' empfunden, schien der Weg für eine derartige Würdigung lange verstellt.


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Martin Seel: Die Künste des Kinos.

Frankfurt a. M.: Fischer 2013. ISBN 978-3-1007-1012-3. 255 S. Preis: € 22,99.

Rezensiert von Thomas Ochs

Kinematographische Produkte sind im Alltag vielerorts zu finden. Mobilität und Vernetzung machen das bewegte Bild überall verfüg- und benutzbar. Kino jedoch als Original-Schauplatz des Films ist in seinem Setting exklusiv. Das Erscheinen des Films im Kino, im Sinne einer Urszene gedacht, ist das Thema von Martin Seels philosophischer Auseinandersetzung Die Künste des Kinos. Film kann kaum ohne Kino theoretisch reflektiert, die 'Künste des Kinos' (dem Erscheinen des Films im Kino) können allerdings unabhängig von disparaten Formen von Filmbildern betrachtet werden. In neun Kapiteln, einem Vor- und Nachspann beschreibt Seel ein Bild des Kinos, das von der Interaktion mit anderen Künsten sowie dem Fühlen, Denken und Handeln des Menschen geprägt ist. Dabei diskutiert der Autor den Film als Architektur, als Musik, als Bild, als Schauspiel, als Erzählung, als Exploration, als Imagination, als Emotion und als Philosophie.


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John Hartley/Jean Burgess/Axel Bruns (Hg.): A Companion to New Media Dynamics.

Malden/MA/Oxford: Wiley-Blackwell 2013. ISBN: 978-1-4443-3224-7. 520 S. Preis: € 151,10.

Rezensiert von Ramón Reichert

Der von den australischen Medienwissenschaftlern John Hartley, Jean Burgess und Axel Bruns herausgegebene Sammelband A Companion to New Media Dynamics präsentiert eine umfassende Standortbestimmung der rezenten New Media Analysis. Er erkundet dabei die heuristischen Herausforderungen, die angesichts der neuen Mediendynamik entstehen und versucht vor diesem Hintergrund die kulturellen Umbrüche der Medien des digitalen Zeitalters gesellschaftsdiagnostisch zu verorten.


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Till A. Heilmann/Anne von der Heiden/Anna Tuschling (Hg.): medias in res. Medienkulturwissenschaftliche Positionen.

Bielefeld: transcript 2011. (Medienanalysen: 6). 300 S. ISBN 978-3-8376-1181-6. Preis: € 29,80.

Rezensiert von Christine Ehardt

"In medias res" oder "medias in res", die bekannte Redewendung, deren sich auch die wissenschaftliche Rhetorik gerne bedient, will ohne Umschweife zur Sache kommen. Die rhetorische Figur steht seit Horaz' ars poetica für die Kunst, mitten in die Dinge hineinzublicken. Das in der Mitte Befindliche wiederum ist Grundlage der kulturwissenschaftlichen Definition von Medien. Genau dorthin blickt der Sammelband medias in res und lenkt den Fokus auf den aktuellen Stand der Grundlagenforschung medienkulturwissenschaftlicher Positionen. Anhand methodischer und theoretischer Leitlinien wie der Dekonstruktion, Diskursanalyse, Systemtheorie und Psychoanalyse werden exemplarisch kulturwissenschaftliche Medienforschungen aufgezeigt.


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Anikó Imre/Timothy Havens/Katalin Lustyik (Hg.): Popular Television in Eastern Europe During and Since Socialism.

New York/London: Routledge 2013. (Routledge Advances in Internationalizing Media Studies). ISBN 978-0-415-89248-3. 285 S. Preis: € 108,68.

Rezensiert von Nicole Kandioler

Dass man mit Tieren gut denken könne, behauptete Claude Lévi-Strauss 1962 in Le totémisme aujourd'hui (Paris: Presses Universitaires de France, S. 128) und entlarvte damit in seinem bahnbrechenden strukturalistischen Text den Totemismus als eine Fiktion, die, indem sie einer universellen klassifikatorischen Logik gehorcht, die Konstruktion des Verhältnisses von Kultur und Natur erst ermöglichte. In ihrer inhaltlich und wissenschaftspolitisch neue Maßstäbe setzenden Publikation greifen die beiden Herausgeberinnen und der Herausgeber – Anikó Imre, Timothy Havens und Katalin Lustyik – Lévi-Strauss' Pioniergeist und das Zitat auf, um es sich folgendermaßen anzueignen: "It would seem that old television is, to appropriate Lévi Strauss's now famous quote, good to remember with" (S. 5).


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Michaela Bauks/Martin F. Meyer (Hg.): Zur Kulturgeschichte der Scham.

Hamburg: Meiner 2011. (Archiv für Begriffsgeschichte: Sonderheft 9). ISBN 978-3-7873-1979-4. 232 S. Preis: € 98,00.

Rezensiert von Kathrin Müller

"Sie sah ihn nicht einmal an, […] Morten küsste sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die Maße." Scham – ein Gefühl, das die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet. In diesem Zitat aus Thomas Manns Buddenbrooks. Verfall einer Familie klingt ein kleiner Teilaspekt eines menschlichen Phänomens an, das von sexueller Scham, Scheu, Schuld bis zu Schande, Peinlichkeit, Schamhaftigkeit reicht und in einer 2009 veranstalteten Tagung "Zur Kulturgeschichte der Scham" vom Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz Landau analysiert wurde. Das daraus entstandene Buch präsentiert ein bunt gemischtes Programm aus zwölf Beiträgen zur Scham, wobei theologische, soziologische, moralphilosophische neben anthropologischen und historischen Zugängen für eine Diversität sorgen, die für diese Thematik fruchtbar ist.


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Rosi Braidotti: The Posthuman.

Cambridge: Polity 2013. ISBN 978-0-7456-4158-4. 230 S. Preis: € 16,69.

Rezensiert von Dominik Zechner

Rosi Braidottis Deliberation über das Posthumane ist angesichts gegenwärtiger Bewegungen in den Geistes- und Kulturwissenschaften – oder, um den von der Autorin bevorzugten Begriff ins Treffen zu führen: den 'Humanities' – keine Zufälligkeit; vielmehr entspricht sie haargenau einer umfassenden Dynamik, die sich vor allem im anglo-amerikanischen Kontext seit einigen Jahren rapide und reich entfaltet: nämlich einer affirmativen Abkehr vom Menschen als dem Maß der Dinge, dem Nonplusultra aller Aneignung von Geist und Welt.


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Rosemarie Brucher: Subjektermächtigung und Naturunterwerfung. Künstlerische Selbstverletzung im Zeichen von Kants Ästhetik des Erhabenen.

Bielefeld: transcript 2013. ISBN 978-3-8376-2270-6. 284 S. Preis: € 32,80.

Rezensiert von Tobias Heinrich

Selbstverletzung im Rahmen der Performance-Kunst markiert eine mehrfache Grenzüberschreitung. Wenn Günter Brus in der Zerreißprobe (1970) mit aufgeschnittenem, blutenden Körper vor seinem Publikum in statischen Positionen kniet, stellt er die konventionelle Differenz von künstlerischem Subjekt und darstellendem Objekt grundlegend in Frage. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Irin Kira O'Reilly, die sich in ihren Arbeiten wiederholt, so etwa in Succour (2001), mit der menschlichen Haut als Projektionsfläche befasst. Durch Schnitte, die sie sich selbst mit einem medizinischen Skalpell zufügt, eröffnet sie realiter einen hinter der Haut liegenden, imaginären Projektionsraum.


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Peter Johanek (Hg.): Bild und Wahrnehmung der Stadt.

Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2012. (Städteforschung. Reihe A: Darstellungen: 63). ISBN 978-3-412-20595-9. 187 S. Preis: € 35,90.

Rezensiert von Aneta Bialecka

Der neue Tagungsband des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster entdeckt neue Forschungsgegenstände und erweitert das methodische Instrumentarium. Das dialektische Verhältnis vom Stadtbild und seiner Wahrnehmung, das hier in einem Zeitbogen vom 12. bis ins 19. Jahrhundert reicht, eruiert überraschende Kontinuitäten. Untersuchte literarische und visuelle Stadtdarstellungen der Vormoderne und der frühen Neuzeit demonstrieren zudem nicht selten, dass Fiktionalität eine wesentliche Voraussetzung für die Realität bietet.


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