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Ben Lewis, Das komische Manifest. Kommunismus und Satire von 1917 bis 1989 (aus dem Engl. v. Anne Emmert).

München: Blessing 2010. ISBN 978-3-89667-393-0. Gebunden, 459 S. Preis: € 22,95.

Rezensiert von: David Krych

Was ist Kommunismus? Algebra gibt Aufschluss: "Kommunismus = Sowjetmacht + Elektrifizierung" (S. 45). Ein mathematischer Leitsatz aus Lenins Zeiten, der womöglich  erhebliche Konsequenzen nach sich zog:  "Elektrifizierung = Kommunismus – Sowjetmacht" (S. 46). Diese Formelumkehrung suggeriert auch eine Umkehr der Wahrnehmung – von den Wahl- und Propaganda-Sprüchen zu anderen realen Gegebenheiten, vom Kommunistischen Manifest zum Komischen Manifest. Der ehemalige Kunstgeschichte-Student, Musiker und Dokumentarfilmer Ben Lewis versucht eine Geschichte "von dem politischen System, das einfach weggelacht wurde" (S. 13), zu erzählen, eine Geschichte mit zahlreichen Parallelgeschichten, eine Geschichte, die viele Fragen aufwirft und im zynischen Witz Antworten findet: "Was ist der Unterschied zwischen Roosevelt und Stalin? Roosevelt sammelt die Witze, die man über ihn erzählt, und Stalin sammelt die Leute, die Witze über ihn erzählen." (S. 120)

 

In seiner chronologisch aufgebauten Abhandlung vom Beginn eines kommunistischen 'Zeitalters' ("Lachen unter Lenin") bis zum Niedergang desselben ("Schluss mit lustig") arbeitet sich Ben Lewis an bekannten Persönlichkeiten sowie Ereignissen der UdSSR und deren Satellitenstaaten, Alltagsgeschichten sowie -problemen und all jenen Witzen, die über dies alles gerissen wurden, ab. Innerhalb dieses Aufbaus schafft er das eigene 'Making-of' dieser Arbeit mit Privatgeschichten gekonnt in ein 'Jetzt' zu versetzen und oszilliert dabei zwischen zwei gängigen Witz-Theorien – derjenigen der 'Minimalisten', die auf Sigmund Freud aufbauend besagt, dass Witze "lediglich ein Moment der persönlichen Genugtuung herbeiführen" (S. 39), und der 'Maximalisten', die sich auf George Orwell, Milan Kundera und Alan Dundes stützen und dem Witz einen revolutionären Akt zusprechen (vgl. S. 40ff.) –, obwohl beide als "simplifizierend und unbefriedigend" (S. 42) erachtend, bekennt er sich doch eindeutig selbstironisierend zu der 'maximalistischen' Theorie: "Ich machte mich auf die Suche nach einem Heiligen Gral, der Monty Python alle Ehre gemacht hätte. […] Ohne Rücksicht auf finanzielle, physische oder emotionale Opfer schwor ich mir, nicht zu ruhen, ehe ich den Beweis, den Kausalzusammenhang zwischen dem Erzählen von Witzen und dem Sturz des Systems zutage gefördert hatte." (S. 43)

 

Diese 'Gralssuche' beginnt in 'Родина Мать' ('Mutter Heimat', dem sowjetischen Propaganda-Pendant zu 'Матушка Россия' – 'Mütterchen Russland') zu Zeiten der Oktoberrevolution, der gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche im Rahmen der Urbanisierung und führen zu einer ersten Definition: "Die Russen bezeichnen ihre Witze als anekdoty. Die kommunistischen anekdoty können sich einer edlen Herkunft rühmen, die sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Damals waren anekdoty historische Geschichten über berühmte Menschen, in der geistreich ein Witz transportiert wurde" (S. 54). Über die Jahrhunderte erweiterten sich die Inhalte dieser anekdoty auf Volkswitze, politische Witze und Geschichten mit einer politischen Lehre, bis auch eine Verschmelzung dieser drei Arten im Kommunismus stattfand (vgl. S. 54ff.). Doch für die geringe Zahl der eindeutig "kommunistischen Witze" während der 1920er und 1930er Jahre findet Lewis zwei mögliche Zugangsweisen: "Erklären ließe sich das mit der Neuheit des Systems: Möglicherweise merkten die Russen erst nach und nach, was an ihrem neuen Staat so komisch war. Aber es gibt noch eine bessere Erklärung: In dieser frühen Ära wurde der Humor noch nicht nachhaltig zensiert und florierte daher auch in Druckschriften. Die zwanziger Jahre gelten deshalb als goldenes Zeitalter der sowjetischen Satire." (S. 57) In diesem Zusammenhang eröffnet Lewis weitere Geschichten des "kommunistischen Witzes": die der staatlichen Zensur und damit 'Witze-Verfolgung' – die sich ab hier durch das gesamte Buch zieht – durch die NKWD, welche unter Stalin ihren Höhepunkt fand (vgl. S. 112 ff.): "Und davon [vom Witz] gab es zweierlei: den offiziellen und den inoffiziellen, den schriftlichen und den mündlichen, den öffentlichen und den privaten. In dem Vakuum, das durch die Zensur entstand, entwickelte sich eine Kultur des gesprochenen Witzes, ein kollektives satirisches Werk, erschaffen von der gesamten Bevölkerung." (S. 77)

 

Gemäß "Artikel 58, Paragraf 10, Strafgesetzbuch […] "antisowjetische Propaganda"" (S. 113) wurden die Witze-Erzähler 'zur Rechenschaft gezogen', deren Galgenhumor unter Stalin "eine nie da gewesene Intensität und Tiefe" (S. 92) erreichte: "Ein Mann geht ins Lenin-Mausoleum und betrachtet die Leiche. "Lenin ist tot", erklärt ihm der Wachmann, "aber seine Ideen sind unsterblich". Darauf der Besucher: "Wäre es doch nur andersherum."" (S. 93) An diesem Beispiel und weiteren versucht Lewis die Eigenart des  Witzes der Stalin-Ära zu finden und greift auf eine phänomenologische Analyse zurück, die er leider im weiteren Verlauf seiner Arbeit nicht mehr verfolgt: "[W]enn ich mir die Witze laut vorspreche, meine ich einen neuen Ton zu erkennen: Sie sind trocken und zynisch, mitleidslos und überwiegend knapp, also kurz genug, um sie jemandem schnell zuzuflüstern." (S. 111) Doch seine historiografische Beurteilung dieser Zeit führt zu einem nennenswerten Ergebnis, dass in  Witzen allgemein nicht nur ein negatives Potential gesehen wurde, sondern auch ein positives bzw. positivistisches bzgl. der WitzeerzählerInnen, "wenn sie nur die richtigen Witze erzählten – und Witze über Stalin oder die Partei gehörten definitiv nicht dazu." (S. 142) – es entstand ein Kampf zwischen zwei humoristischen Parteien. 

 

Ben Lewis' Reise durch die kommunistischen Geschichten führt ihn zu den ehemaligen Satellitenstaaten der UdSSR, weiterhin auf einer rechtlichen Zensurperspektive voranschreitend – wie jenes Archivmaterial aus dem Jahre 1949 von einem gewissen Josef Ebinger aus Kübekháza in Ungarn zeigt, der in einem Rechtsstreit über einen Witz letztlich eine Liegenschaft sowie für zehn Jahre seine politischen Rechte verlor (vgl. S. 187f.) –, doch damit auch zu einer neuen Bestimmung des "kommunistischen Witzes", der auf "vorgetäuschte[r] Unterwürfigkeit und Loyalität" (S. 217) beruht, dabei 'scheinbar' die getreuliche Denkweise des Staates aufgreift und diese dann letztlich gegen ihn richtet. (vgl. S. 216ff.) Über eine Vielzahl von Pfaden, die ihn über Interviews – u. a. mit dem ehemaligen polnischen Präsidenten Lech Wałęsa (vgl. S. 350f.) –, historische Quellen und Exkursionen in die ehemalige DDR, nach Polen, Rumänien, Tschechien und Ungarn führen, meint Ben Lewis im "kommunistischen Witz" nicht nur eine einfache Addition aus zaristischen 'anekdoty', bäuerlichen Überlieferungen, dem jüdischen Humor, dem bestimmter Ostblockstaaten sowie dem Galgenhumor zu erkennen (vgl. S. 253f), sondern "ein einzigartiges kollektives Satireprojekt" (S. 254), welches mit Präzision und mithilfe der kommunistischen Staatslogik dieselbige verlachen konnte. 

 

Trotz seiner großen Euphorie bemerkt Lewis, dass die Zahl an Neuschöpfungen von "kommunistischen Witzen" gegen Ende der 1960er bis zum Jahr 1989 stark abnahm (vgl. S. 295ff.), was seiner vorangestellten 'maximalistisch' angehauchten Theorie widersprechen würde bzw. müsste. Hierfür findet er zwei Gründe: zunächst die Lockerung des "Artikel 58, Paragraf 10, Strafgesetzbuch", sodass im Ostblock "Komödianten mit einem von der Zensur genehmigten Programm mit verwässerter und verschwommener Kritik am Regime hausieren" (S. 318) konnten; sodann eine Theorie über die Absurdität des Alltagsleben, eine spekulative und absurde Theorie, die umso mehr zum Nachdenken anregt: "Die Realität übertraf mittlerweile jeden Witz, den sich der menschliche Geist hätte ausdenken können, beziehungsweise hatte der Kommunismus ein Maß an Absurdität erreicht, das Witze überflüssig machte." (S. 329) In Rumänien macht Lewis jedoch einen Mitstreiter seiner Theorie aus: den Amateurstatistiker und Witze-Sammler Calin Bogdan Stefanescu, der in einer beeindruckend genauen Statistik einen Beweis vorlegen kann, dass zwischen August 1979 und Dezember 1989 alle 4,71 Tage ein neuer Witz in seine Aufstellung hinzukam. (vgl. S. 382ff.) Nichtsdestotrotz stellt der 'Gral-Suchende' fest, dass die Revolution 1989 'witzlos' ausfiel: "Im Verlauf der Aufstände versiegten die kommunistischen Witze plötzlich." (S. 404) Ungeschmälert aller Erfolge und Niederlagen, die der Reisende und Suchende hinnehmen musste, endet seine Odyssee im und mit dem Kommunismus mit folgendem Gedanken: "Die Witze brachten den Kommunismus 'zu Fall', in dem Sinne, dass sie einen wesentlichen Bestandteil der Kritik am Kommunismus bildeten, in der sich Staatsführung und Bürger am Ende einig waren und die seinen Sturz herbeiführte." (S. 445) 

 

Ben Lewis durchbricht seine chronologische Anordnung mit zeitlichen sowie räumlichen Kontextualisierungen – seien es nun Versuche über die Entstehung vieler Witze oder Vergleiche zwischen Witz-Kulturen innerhalb des Kommunismus sowie mit denen des Nationalsozialismus –, und schafft es damit, mehrere Geschichtsebenen zu eröffnen, die er in seinem journalistisch-essayistischen und ironischen Stil, der die Lektüre höchst angenehm gestaltet, wieder zusammenführt. Gewiss kann bei solch einer Publikation die 'wissenschaftliche' Genauigkeit hinterfragt werden, doch dem ist sich der Autor stets bewusst, und er weiß selbst, dass, wie in so vielen Arbeiten, "Optimismus und Ignoranz die Triebfedern" (S. 43) des Schaffens sind. Ben Lewis erzählt viele Geschichten, aber vor allem eine über den Kommunismus, die sich am Witz zu messen hat; eine Beschreibung der kommunistischen Zeit über und mithilfe von Witzen: "Es war einmal in einem weit entfernten Land, ein Volk, das lebte unter einem politischen System, das mittlerweile im Dunst der Vergangenheit entschwunden ist. Es nannte sich Kommunismus. Die Kommunisten sagten, unter dem Kommunismus werde es von allem mehr geben, und sie hatten Recht. Die Parteitage waren größer, die Schlangen vor den Geschäften waren länger, es gab zehnmal so viele Geheimpolizisten, und statt einem Deutschland gab es zwei." (S. 29)

 

Veröffentlicht am 16.11.2010 (Ausgabe 2010/2)

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