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Peter Heßelmann: Gereinigtes Theater? Dramaturgie und Schaubühne im Spiegel deutschsprachiger Theaterperiodika des 18. Jahrhunderts (1750-1800).

Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann 2002 (Das Abendland. N. F. 31). ISBN 3-465-03216-0. 512 S. Preis: € 79,--.

Rezensiert von: Beate Hochholdinger-Reiterer

Als zentrale Untersuchungsgegenstände seiner Publikation Gereinigtes Theater? Dramaturgie und Schaubühne im Spiegel deutschsprachiger Theaterperiodika des 18. Jahrhunderts (1750-1800) nennt Peter Heßelmann das Theater als Institution und audio-visuelles Medium, die Schauspieler als Produzenten und die Zuschauer als Rezipienten der Bühnenkunst. Vornehmlich diesen drei genannten Bereichen galten im 18. Jahrhundert auch die Bemühungen der Theaterreformer. Heßelmann untersucht nun aus funktionsgeschichtlicher und zivilisationstheoretischer Sicht, inwiefern die Forderungen der Reformer im Theateralltag umgesetzt worden sind. Als Material wählt er sich Theaterperiodika des 18. Jahrhunderts, die als die wesentlichen schriftlichen Zeugnisse dieser Reformierungsversuche in den vergangenen Jahren verstärkt ins Zentrum wissenschaftlichen Interesses gerückt sind.

 

Erleichtert werden alle Forschungen, die sich mit Theaterzeitschriften, Theaterkalendern, Theateralmanachen und Theatertaschenbüchern des 18. Jahrhunderts beschäftigen, durch die mittlerweile fast vollständig gedruckt vorliegende Bibliographie und inhaltliche Erschließung deutschsprachiger Theaterzeitschriften, Theaterkalender und Theatertaschenbücher.¹ Heßelmanns Studie, die überarbeitete Fassung seiner Habilitationsschrift, ist in enger Zusammenarbeit mit diesem Projekt entstanden, sie versteht sich als dessen "Ergänzung", in der "eine Interpretation von einigen Segmenten des überaus umfangreichen, heterogenen Materials unter ausgewählten, speziellen Fragestellungen" (S. 19) versucht werde. Mit seinem Buch "soll der Forschung lediglich eine Tür geöffnet werden, hinter der sich weitere Arbeitsfelder auftun." (S. 28) Gerade aufgrund der offensichtlich engen Bindung an das Projekt verwundert es aber umso mehr, dass Heßelmann derart vehement die Relevanz der Theaterperiodika für eine (literatur)wissenschaftliche Untersuchung beweisen zu müssen glaubt.

 

Heßelmann verortet seine Studie im "Grenzbereich von Literatur- und Theaterwissenschaft" (S. 30). Wo sich auf den ersten Blick wenig Konfliktstoff vermuten lässt, treten auf den zweiten, den theaterwissenschaftlichen Blick doch genügend Kritikpunkte zutage. Zumeist handelt es sich dabei um Ungeduld erzeugende Redundanzen auf begrifflicher und auch interpretatorischer Ebene.

Wen hat diese Studie als Zielpublikum vor Augen? Neben der Tendenz zur Übererklärung theaterwissenschaftlicher Grundbegriffe (Dramaturg, dramatisch, dramaturgisch) und nichtsdestotrotz missverständlicher Verwendung des Begriffs "Regietheater" für die Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts [!] werden auch methodisch vielfach diskutierte Vorgangsweisen für theaterwissenschaftliche Bedürfnisse viel zu eingehend abgehandelt: so z. B. die Theaterhistoriografie, in der als Grundbedingung "ein Beharren auf Partialität" unverzichtbar sei, "d.h., die erkenntnisleitenden Fragen und Themenbereiche müssen bei einem problemorientierten Vorgehen vorab formuliert werden" (S. 30), oder die Entdeckung des Transitorischen ("In dem Augenblick, in dem ein Theaterkunstwerk der Kritik unterzogen wird, ist es bereits nicht mehr existent." (S. 376)).

 

Auch auf interpretatorischer Ebene bietet die Studie für Theaterwissenschaftler/innen leider nur dürftige Ergebnisse. Was hat man - nun freilich gestützt durch zahllose Zitate aus den diversesten Theaterperiodika - nicht auch schon bisher aufgrund der umfangreichen Forschungsliteratur rund um das Theater des 18. Jahrhunderts gewusst? Dass zwischen den Bestrebungen der Reformer um eine "gereinigte", sittliche Bühne und dem Theateralltag bzw. der Aufführungs- und Darstellungspraxis große Unterschiede bestanden? Dass die Nationaltheateridee trotz vehementer Bemühungen an der politischen Situation Deutschlands scheitern musste? Dass das Verhalten des Publikums während der Aufführungen bzw. dessen Theatergeschmack längst nicht den Zielvorstellungen der Reformer entsprachen? Dass ein eklatanter Unterschied zwischen der heute als kanonisiert geltenden Literatur des 18. Jahrhunderts und der im Bühnenrepertoire dieser Zeit präferierten Stücke besteht?

 

Methodisch besonders problematisch erscheint jedoch eine Vorgangsweise, die Aufführungsberichte bzw. -kritiken als nahezu dokumentarische Belege für den so genannten Theateralltag deutet. "In Anbetracht des transitorischen Charakters der Schauspielkunst bieten die Berichte der zeitgenössischen Theaterkritiker, die als Augenzeugen den szenischen Ereignissen beiwohnten, eine der ganz wenigen Möglichkeiten zur authentischen [!] Erforschung der theatralen Darbietungen." (S. 427) So findet keine Reflexion darüber statt, was Theaterkritiken, stellt man adäquate Fragen an sie, tatsächlich leisten könn(t)en (mit Sicherheit jedoch keine Authentizität), genausowenig werden Parteilichkeit und Ideologiepotenzial von Theaterkritik an sich problematisiert. Selten wurde das Zauberwort jeder theaterwissenschaftlichen Erstsemestrigenübung - "Quellenkritik" - so schmählich vernachlässigt.

 

Nun kann der Wert einer Arbeit, die bisherige Forschungsergebnisse durch die Erschließung und Auswertung neu entdeckten Materials (und zwar unbestreitbar umfassend eingesehenen Materials) stützt, selbstverständlich in eben dieser Affirmation bestehen, wenn die Präsentation der Quellen für ein Weiterarbeiten hilfreich wäre. Heßelmann wählt aber für seine Studie weder exemplarische Darstellungen der umfangreichen schriftlichen Zeugnisse, noch wird die Heterogenität derselben durch Diskursanalysen beispielsweise aufbereitet. Statt dessen wird jeder Themenkreis durch die wahllos erscheinende Aneinanderreihung von weder lokal noch chronologisch präzise in Beziehung gesetzten Zitaten aus diversesten Periodika abgehandelt. Im Übermaß häufen sich (oft nahezu analoge) Aussagen z. B. zu den programmatischen Konzepten und Strukturtypen der Theaterperiodika, zum Selbstverständnis der Theaterkritik, zu Organisationsformen des "gereinigten" Theaters, zu Disziplinierung und Professionalisierung des Theaterbetriebs, zu den theoretischen Grundlagen der neuen Schauspielkunst, zur Erziehung des Publikums etc. - so, als hätte die Begeisterung über die Vielzahl an Fundstellen jede exemplarische Vorgangsweise behindert.

 

Es fehlt einfach die Arbeit am und mit dem Material, dessen Darbietung über weite Strecken wie ein Exzerpt wirkt. Die gekonnt gewählten und pointierten Zitate "warten" geradezu darauf, dass von ihnen ausgehend abstrahiert wird. Doch über weite Strecken vermisst man die im Eingangskapitel angekündigten Interpretationen, vielmehr wird die durchgängige Tendenz zur inhaltlichen Redundanz - nicht nur von einem Kapitel zum nächsten, was ja unter Umständen als Leserfreundlichkeit deutbar wäre - noch dadurch verstärkt, dass ausführliche Zitate (in der durchaus verständlichen Sprache des 18. Jahrhunderts) nochmals paraphrasiert, statt analysiert werden. Vergleichbar verhält es sich mit der für die funktionsgeschichtlich ausgerichtete Fragestellung herangezogenen Zivilisationstheorie von Norbert Elias, die zwar anfangs ausführlich diskutiert, danach aber wiederum kaum angewandt wird.

 

An einer Stelle der Publikation gelingt die erfolgreiche Darstellung eines Diskurses rund um einen von Grüner im Theater-Kalender auf das Jahr 1793 veröffentlichten Beitrag mit dem Titel "Ist der Staat verbunden dem Schauspielstande eine bürgerliche Existenz und Würde zu verleihen, oder sich für die Sache selbst zu interessieren?". Darauf reagierende Gegenpositionen und Parteinahmen werden präsentiert und vermitteln somit ein anschauliches Bild von den geführten Diskussionen.

 

Unbestreitbar wertvoll ist das ans Bibliografische grenzende Literaturverzeichnis, das neben der repräsentativen Auflistung der umfangreich verwendeten Theaterperiodika (dankenswerterweise mit Angabe von Herkunft und Signatur der jeweils benutzten Exemplare) sowie der im 18. Jahrhundert erschienenen einschlägigen Texte eine umfassende Zusammenstellung der bis 2001 publizierten (nahezu unüberschaubaren) Forschungsliteratur bietet. Auch Heßelmanns weiterführende Literaturhinweise und die biografischen Angaben zu den Herausgebern der Theaterperiodika in den Fußnoten sowie die dreifache Aufteilung des Registers nach Namen, deutschsprachigen Theaterperiodika und Orten erweisen sich als äußerst hilfreich.

 

Da die Arbeit einen Überblick über die wesentlichsten Diskussionen rund um das deutschsprachige Theater des 18. Jahrhunderts gibt, scheint sie sich als Einführung in und Annäherung an die umfassende Thematik zwar durchaus anzubieten, umwälzende neue Erkenntnisse für Spezialist/innen werden aber leider nicht geboten.

 

Als Motto ist der Studie folgender Auszug aus einem von Gustav Friedrich Wilhelm Großmann verfassten Epilog vorangestellt:

 

Jedoch die schwerste Kunst von allen

ist wohl, es Allen recht zu machen

und Allen zu gefallen.

Ich denk, ich denke, sie gehört,

wie des Zirkels Quadratur zu den unmöglichen Sachen.

 

Wie hinlänglich bekannt, wurde der wissenschaftliche Austausch gerade durch polarisierende Arbeiten angeregt.

 

¹ Wolfgang F. Bender, Siegfried Bushuven und Michael Huesmann (Hg.). Theaterperiodika des 18. Jahrhunderts: Bibliographie und inhaltliche Erschließung deutschsprachiger Theaterzeitschriften, Theaterkalender und Theatertaschenbücher. München 1994ff.

 

Veröffentlicht am 01.04.2003 (Archiv)

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