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Joel Black: The Reality Effect. Film, Culture and the Graphic Imperative.

New York, London: Routledge 2002. 286 S. ISBN 0-415-93721-3. Preis: € 26,99.

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Joel Black begibt sich in Reality Effect auf eine exploratorische Studie durch die zeitgenössische Mediengestaltung. Das Ergebnis ist eine umfangreiche, detailverliebte Arbeit, in der auf intelligente und unterhaltsame Art die Medienproduktion und -rezeption kulturkritisch betrachtet wird.

 

Die Grundthese, die Black dabei aufstellt, ist schnell zusammengefasst: Er führt aus, dass Filme nicht mehr Geschichten erzählen, sondern zunehmend Alltagsleben in seiner ganzen Banalität erfassen, sich also von Unterhaltung zur Dokumentation entwickeln. Diesen Prozess sieht er in der cineastischen Tradition der Sichtbarmachung des Unsichtbaren begründet. Bereits Vertov und Kracauer sahen darin das Wesen des Films. Und auch die amerikanische Filmwissenschaftlerin Linda Williams sieht den Erfolg des Films in der voyeuristischen Neugierde begründet, mit dem der (männliche) Blick den (weiblichen) Körper erfasst. Joe Black bezeichnet die Motivation, alle Lebensbereiche durch Abbildung sichtbar zu machen, als "grafischen Imperativ".

 

Die Indexikalität des fotografischen Bildes schreibt dem Fernseh-, Film-, Video- oder digitalen Bild, der Aufzeichnung und der (Tele-)Projektion einen symbolischen Wert als Wirklichkeitsreferent zu. Das ist natürlich ein Sehfehler des Rezipienten, denn die fotografische Spur, wie Barthes es nennt, bezieht sich auf analoge Bilder, bei denen das, was vor der Kamera gewesen ist, eine Spur auf dem lichtempfindlichen Film hinterlässt. Die ursprüngliche Referenz des Abbildes zum Abgebildeten erklärt jedoch die Macht der Bilder. Synthetische Bilder hingegen benötigen keine vorfilmische Realität, sondern können von der Bildmaschine Computer generiert werden.

 

Mit dem Terminus "Reality Effect" bezeichnet Black die kulturell hoch entwickelte Praxis, durch Effekte die Illusion von Wirklichkeit zu erzeugen. Bolter und Gruisin haben bereits in Remediation (1999) darauf hingewiesen, dass es das Ziel von Medien ist, Unmittelbarkeit zu erzeugen. In Bezug auf Film erkennt Black dies daran, dass Special Effects früher einzelne Szenen dominierten und ganz deutlich als Effekte zu erkennen waren. In der zeitgenössischen Filmproduktion ist es jedoch schwer, Special Effects als solche zu erkennen.

 

Authentisierungsstrategien sind für Black auch eine Form der Special Effects. Gerade die populären Bilder im Home Video-Stil, wie in den Dogma-Filmen, oder der Cinema Verité-Stil, wie in Blair Witch Project angewandt, werden von Black als Beispiele angeführt. Diese technologische Entwicklung führt zu einer Popularisierung des Authentischen und damit auch zu einer Simulation der fotografischen Spur. Auch die Genrekonventionen des Dokumentarfilms werden derzeit von den Fiction-Genres gern verwendet. Neue Formate wie Doku-Soap, Fake-Documentary, Info-Fiction oder Reality-Formate wie Big Brother führen zu einer Auflösung der Genregrenzen zwischen Fiction und Non Fiction. Black konstatiert auch das Verschwinden der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Unschärferelationen zwischen diesen Bereichen beschreibt Black anhand zahlreicher Beispiele, in denen filmische Repräsentation und Alltagswirklichkeit zu einer Grauzone verschwimmen. Der Ort Seahaven aus dem Film Forrest Gump, ist nicht eine für den Film angefertigte Kulisse, sondern die reale Stadt Seaside in Florida, deren Architektur durch die filmische Repräsentation amerikanischer 50er Jahre-Kleinstadtidylle inspiriert wurde. Die saubere Umgebung des Times Square erschließt sich aus der heilen Disneywelt. Der Konzern renovierte die heruntergekommene Gegend in New York und vertrieb dabei auch alles, was nicht zum Firmenimage passte: Bettler, Prostituierte, Sex-Shops usw. Und auch in der konzerneigenen Stadt, Celebration (Florida), wurde die Mickey Maus-Idylle durchgesetzt.

 

In Doku-Soaps ist eine Trennung von Medienwirklichkeit und außermedialer Realität ohnedies nicht mehr möglich. Auf VH1 kann man derzeit beobachten, wie die Hässlichkeit des Krieges, die uns von All Quiet On the Western Front über Apokalypse Now bis Platoon vermittelt worden ist, reingewaschen wird. Telegene Angehörige der amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan berichten in Videotagebüchern von ihrem Einsatz. Vor allem Sonnenuntergänge und Musik werden dabei thematisiert ebenso das Gefühl, bei der Armee in einer Art Familie geborgen zu sein, keineswegs aber der unschöne Tod von Zivilisten.

 

Black fällt weiter auf, dass die Erfassung und mediale Repräsentation banaler Alltagsereignisse eine immer größere Bedeutung erhält. Bilder aus Webcams und Überwachungskameras, Augenzeugenberichte, Real People-Shows und dokumentarische Formate stellen derzeit den unmöglichen Versuch dar, die Nachfrage nach außermedialer Wirklichkeit zu decken. Die Digitalisierung und die Simulationstechnologien führen zu Strategien der Authentifizierung, die den Rezipienten der Wirklichkeit versichern sollen.

 

Blacks Studie ist eine umfassende Analyse der gegenwärtigen Bildstrategien in Kino und Fernsehen. Der Autor setzt mit Reality Effect den Trend der Dekonstruktion der Genregrenzen fort und zeigt überzeugend das Wechselspiel zwischen Realität und Fiktion auf. Damit bearbeitet Black ein zentrales Problem der gegenwärtigen Medienkultur. Wer nicht kulturpessimistisch im Sinne eines Neil Postman oder Günther Anders ist, hat bei der Lektüre auch noch viel Spaß.

 

Veröffentlicht am 02.10.2002 (Archiv)

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