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Monika Fick; Lessing-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung.

Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2000. 517 S. ISBN 3-476-01685-4. Preis: ATS 569,-/DM 78,-/sFr 71,-.

Rezensiert von: Monika Meister

Gotthold Ephraim Lessing ist einer der faszinierendsten Intellektuellen deutscher Sprache, ein unbeugsamer kritischer Geist, der, so könnte man sagen, die von euphorischem Optimismus beflügelte Zeit der Aufklärung durch den Ton einer von Skepsis getragenen pessimistischen Grundhaltung seltsam gebrochen erscheinen läßt. Für jeden und jede an dem großen Denker, Dramatiker, Literaten, Kritiker und Theoretiker Lessing (und der deutschen Aufklärung) Interessierte(n), aber auch für den fachlich gebildeten Leser/die Leserin, stellt diese Publikation ein grundlegendes, vielfach verwendbares Nachschlagewerk dar, das trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs und einer im besten Sinn gelehrten Verfasserin allgemein verständlich bleibt und ohne jede populärwissenschaftliche Verkürzung auch ein breiteres Publikum anzusprechen vermag. Hilfreich dabei ist ein ausgezeichneter Anhang mit Zeittafel, ausführlicher und übersichtlicher Bibliographie, wo unter anderem Forschungsstellen, Dokumentationen zu Leben und Werk, Bildbände, Sammlungen und Reihen sowie Quellen und Sekundärliteratur versammelt sind. Ein Namen- und Sachregister schließt das dennoch nicht überdimensionierte Handbuch ab.

 

Mit dieser Studie liegt nunmehr eine schon längst fällige, auf neuester Forschung basierende Gesamtschau (die wissenschaftliche Revision der Aufklärung in den letzten Jahrzehnten ist Voraussetzung) der Werke Lessings vor. Besonders hervorhebenswert erscheint, daß für den Leser/die Leserin nicht allein Entstehung, Struktur und Wirkung der Texte, sondern auch deren diskurstheoretische Einordnung leicht nachvollziehbar ist. Selbstredend wurde trotz möglichst umfassender Werkaufnahme keine Vollständigkeit angestrebt (so fehlen etwa die meisten Jugend-Komödien und mit Ausnahme von Sophokles und Diderot die Übersetzungen), überdies ist das Thema "Lessing auf dem Theater" bewußt ausgeklammert, weil es den Umfang gesprengt hätte. Die Autorin verweist in ihrer Einleitung auf ein auch in ihrer Studie bestehenbleibendes Forschungsdesiderat, nämlich auf "die systematische Auswertung der in Wolfenbüttel gesammelten Materialien zur zeitgenössischen Rezeption". Und schließlich fehlt ebenso bewußt eine Darstellung der Editionsgeschichte der Werke Lessings. Soweit bereits vorhanden wird auch in diesem Kontext auf die renommierte, seit 1985 erscheinende 12-bändige von Wilfried Barner herausgegebene Lessing-Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag verwiesen.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Die Biographie Lessings im Kontext des 18. Jahrhunderts und auf der Basis neuester Interpretationen (auch des anthropologischen Ansatzes), die unterschiedlichen, im Lauf der Zeit entstandenen Lessing-Bilder (vom Nachruf 1781 über die nationalsozialistische Lessing-Inanspruchnahme bis zu neuen Perspektiven Ende des 20. Jahrhunderts) und die geistesgeschichtlichen Entwicklungslinien der "Aufklärung" (von der Wolffschen Schulphilosophie bis zu den Modellen der Synthese von Sinnlichkeit und Vernunft) bilden die Schwerpunkte des ersten Teils der Studie. Daß die Verfasserin dabei auf wunde Punkte des von der Forschung propagierten und korrekturbedürftigen Lessing-Bildes hinweist, wie etwa die noch in den Achtzigerjahren stattgehabte dubiose und vielsprechende Einordnung des Aufklärers als betont "männlichen Dichter", spricht für sich und wirft zugleich Licht auf das Selbstverständnis so manchen Forschers.

Der zweite Abschnitt des Buches setzt sich mit dem im wahrsten Sinn des Wortes vielfältigen Werk Lessings auseinander, wobei die rundum konzise Darstellung der Autorin prinzipiell der Werk-Chronologie Lessings folgt. Die Analyse der Texte Lessings (jedes Kapitel ist auch für sich lesbar) orientiert sich an einem Schema, das kurz erläutert werden soll, weil damit die Struktur der Darstellung transparent und der Informationswert offensichtlich wird. Im 1. Teil jeder Eintragung sind Erstdruck und ein Abriß der Editionsgeschichte des zur Diskussion stehenden Textes dokumentiert; im 2. Abschnitt sind Entstehungsgeschichte, Kontext und die Quellen aufgeschlüsselt. Vor den Werkinterpretationen findet sich ein Forschungsbericht (3), in welchem divergierende Ansätze ihren Ort haben, immer aus der eingeschlagenen Perspektive betrachtet und als Voraussetzung für die Analyse gedacht (4). In dieser sind sodann zentrale Diskurs-Felder der Texte dargelegt, die von der formalen Organisation über die "Auffächerung des Kontexts" bis zur Erörterung der konstituierenden Begriffe der "Anschauung" und "Erkenntnis" reichen. Schließlich werden die Werk-Interpretationen durch eine Darstellung der zeitgenössischen Rezeption (zumeist bis Goethe) abgeschlossen.

Daß im Sachregister Eintragungen wie etwa Schauspielkunst oder Schauspieler fehlen, ist freilich anzumerken, denn damit wird sogleich ein grundsätzliches Problem literaturwissenschaftlicher Methodik in bezug auf theatergeschichtliche Quellen transparent, das die Autorin in der Vorbemerkung zum Kapitel Bühnenpraxis und Schauspielkunst selbst thematisiert: die Differenz der Geschichte des Theater und des Schauspiels zu jener der Schauspieltheorien und die damit verbundene Schwierigkeit, "die Entwicklung der Schauspielkunst in ihrer Eigengesetzlichkeit zu fassen". Der Schwerpunkt der Darstellung jener Bereiche, die erst auf der Basis theatergeschichtlicher Quellen adäquat zu erfassen wären, liegt also auf der "Geschichte der Konzeptionen".

Dieser Abschnitt sucht in seinem analytischen Teil Lessings Auseinandersetzung mit dem Theater in bezug auf die Gottschedsche Theaterreform zu erfassen und stellt Lessings "intime Kenntnis der zeitgenössischen Bühne" als Voraussetzung für die theoretischen Abhandlungen dar. So wird augenscheinlich, daß die produktive Differenz zwischen beiden Formationen als Antriebskraft von Lessings Bemühen um ein deutsches Nationaltheater (verstärkt auch durch seine publizistische Tätigkeit) zu verstehen ist. Dies fokussiert die Verfasserin in zwei Punkten, in die Lessings Versuche münden würden: "die Schaffung eines neuen Spielplans und die Entwicklung eines neuen Darstellungsstils". Letzteres expliziert die Autorin an Lessings fragmentarischer Skizze Der Schauspieler und den zuständigen Ausführungen in der Hamburgischen Dramaturgie. Wenn auch in diesen Abschnitten großteils bereits bekannte theatergeschichtliche Fakten zusammengefaßt und referiert werden, ist doch die Darstellung jüngster Forschungsgeschichte von großem Interesse, die sich durch klare und komprimierte Information auszeichnet. Die neuere Lessing-Forschung ist nicht allein durch anthropologische Interpretationsansätze gekennzeichnet, welche auch im gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Diskurs brisante Aspekte der Schauspielkunst des 18. Jahrhunderts zu entdecken vermag, sondern sie zeigt überdies auf, wie vielsprechend und von verschiedenen Blickpunkten aus das Quellen-Material in ästhetischer und sozialhistorischer Dimension erneut erfahrbar wird.

Die Lektüre der einzelnen Eintragungen ermöglicht gewinnbringende Verknüpfungen zwischen bestimmenden Theoremen in den Texten Lessings (z. B. der Begriff von Darstellung im Laokoon läßt etwa sich zu Ausführungen in der Hamburgischen Dramaturgie in Bezug setzen) und dies im Kontext neuester Forschungsergebnisse.

Die für den Zusammenhang mit dem Theater besonders interessanten Abschnitte sind selbstredend die Dramenanalysen - auch die Faust-Fragmente sind aufgenommen - und die bereits erwähnten Sophokles- und Diderot-Übersetzungen. Auch hierbei gilt die Darstellung gegenwärtiger Interpretationen als besonders erwähnenswert, auch weil sie zum weiteren Studium anregt. So sind etwa in der Abhandlung über das immer neu Kontroversen auslösende Trauerspiel Emilia Galotti die Ergebnisse soziologischer, werkimmanenter, psychologischer, psychoanalytischer und feministischer Perspektive aufgeschlüsselt, um vor diesem Hintergrund die "Tragödie der Leidenschaften" dramenanalytisch auszubreiten.

 

Der Briefwechsel über das Trauerspiel, die Briefe, die neueste Literatur betreffend, die programmatische Schrift Laokoon: oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (mit der Diskussion des Begriffes der Nachahmung) und die Hamburgische Dramaturgie zeigen Lessing auf der höchsten Stufe theoretischer Kompetenz. So wundert es nicht, daß einzelne Begriffsfelder des Mediums Theater auch für die Wirkungsgeschichte von überragender Bedeutung waren, wie beispielsweise seine Deutung der aristotelischen Katharsis, von Furcht und Mitleid, die noch Friedrich Nietzsche heftig abzulehnen sich berufen fühlte.

Insgesamt läßt sich an dieser groß angelegten Studie Monika Ficks abermals Lessings unbestechliches kritisches Potential nachvollziehen und stellenweise fühlt man sich verführt von dem Glanz seiner poetischen Geistesgegenwart.

Es ist gewiß ein Verdienst der Autorin in ihren immer nach ausgewiesenen Perspektiven gearbeiteten Analysen, Lessings Leben und Werk in seiner Geschichtlichkeit erfaßt und zugleich die andauernde Lust wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Dichter und Denker aufgezeigt zu haben.

 

Veröffentlicht am 02.03.2001 (Archiv)

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