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Christian Kiening, Mediale Gegenwärtigkeit.

Zürich: Chronos 2007. ISBN 978-3-0340-0873-0. 329 S. Preis: € 25,50.

Rezensiert von: Florian Sprenger

Medien können die Funktion haben, Abwesendes anwesend zu machen. Um den Status dieser Anwesenheit ist in den letzten Jahren eine Debatte entbrannt, die sich um Begriffe wie Präsenz, Unmittelbarkeit und Gegenwärtigkeit formiert und die manchmal lange aus theoretischen Gründen zurückgehaltene Bedürfnisse zu artikulieren scheint. Neben den wichtigen Standpunktnahmen von Hans Ulrich Gumbrecht und Dieter Mersch ist hierbei etwa an Albrecht Koschorkes große Studie Körperströme und Schriftverkehr, Martin Andrées Archäologie der Medienwirkung oder an die Affektforschungen Marie-Luise Angerers und Brian Massumis zu denken.

 

Diese Diskussion um konstitutive Merkmale von Kultur wird nur auf der Negativfolie von Poststrukturalismus und daran anschließender Medientheorie verständlich. Genau hier setzt der vorliegende, aus einer Tagung im Juni 2006 und als erster Beitrag des NFS (Nationaler Forschungsschwerpunkt) "Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen" der Universität Zürich entstandene Band ein. Er orientiert sich an dieser "neue[n] Epoche des Präsenz-Denkens" (S. 15) und versammelt sowohl theoretische Beiträge als auch gegenstandsorientierte Arbeiten. Die Diskussion soll von den Raum- hin auf die Zeitverhältnisse 'unmittelbarer' Konstellationen verschoben werden, die andere theoretische Probleme aufrufen: Zeit verschwindet, egal in welcher Konzeption, immer schon. Zeitliche Gegenwart ist, wie bereits Augustinus erkannte, dann vergangen, wenn ich über sie spreche, sie also medial umforme. Die Beiträge sollen jedoch nicht nur 'medial hergestellte', also durch Sprechen oder Darstellen erzeugte Gegenwart thematisieren, sondern auch eine 'sich einstellende Gegenwart': "Sie lässt sich zwar als Effekt des Medialen begreifen, entzieht sich aber dessen Kategorien und verweist auf etwas, das seinerseits den Effekten des Medialen als deren Grund innewohnt. Sie wäre die Bedingung der Möglichkeit jener Gegenwärtigkeiten, die immer Gegenwärtigkeit von etwas sind, nicht aber in diesem Etwas aufgehen, vielmehr dieses gleichzeitig hervorbringen und entziehen." (S. 18) Somit wird eine Beschäftigung mit den Verschränkungen von Medialität und Zeitlichkeit in Aussicht gestellt, die die Effekte der Aufbereitung von Vergangenheit wie der Vorausschau auf die Zukunft in Bezug auf Gegenwärtigkeit thematisieren soll. Die Diskussion soll sich nicht damit bescheiden, zu konstatieren, dass etwas anwesend ist, sondern die Konstellationen und soziale, technische, historische oder phänomenologische Gefüge beleuchten, die diese Anwesenheit ermöglichen und hervorbringen. Die immer wieder auftauchende, aber letztlich wohl nur durch eine Setzung lösbare Problematik besteht in der Frage, ob diese Gegenwärtigkeit konstruiert oder originär ist.

Die sehr umfangreiche, aber auch etwas überfrachtete Einleitung des Mediävisten Christian Kiening gewinnt vor allem dort an Prägnanz, wo es um das Mittelalter als Präsenzkultur geht. Kiening stattet so den Traum der medialen Gegenwärtigkeit und der Selbstüberschreitung der Medien mit einem historischen Index aus. Ziel ist eine Differenzierung des Präsenz-Begriffs in theologische, ontologische und epistemologische Aspekte. Das Mittelalter stelle bisher wenig beachtete Möglichkeiten in den Vordergrund, Gegenwärtigkeit zu denken. Kiening schließt seine Überlegungen mit der These, dass Konstellationen von Erscheinen, Übertragen und Darstellen eine Dynamik erzeugen, die performativ Gegenwärtigkeit entstehen lässt: "Im medial gegenwärtig Werdenden kommt der Akt oder Prozess des Gegenwärtigmachens mit zum Vorschein, der sich unter je konkreten Bedingungen vollzieht." (S. 55) Diese Gegenwärtigkeit sei jedoch gegenwärtig und nicht abgeleitet.

Hans Ulrich Gumbrecht erläutert die Verhältnisse, die die Präsenzdebatte notwendig gemacht haben. Er begreift den Skeptizismus, also die Ablehnung jeglichen Präsenzdenkens, als Symptom einer Unzufriedenheit, um nicht zu sagen einer Krankheit. Diese Unzufriedenheit sei durch den Linguistic Turn und seine Betonung einer allgemeinen Vermitteltheit und Mediatisiertheit eines jeden Weltzugangs, also eines grundlegenden Konstruktivismus, hervorgerufen worden. Um dies zu therapieren, indiziert Gumbrecht drei Auslöser: erstens eine kulturkritische Auseinandersetzung mit dem Subjekt-Objekt-Schema; zweitens seit 1800 das Aufkommen eines selbstreflexiven, skeptischen Beobachters, der als Beobachter zweiter Ordnung auch sich selbst beobachtet und die Differenz von Geistes- und Naturwissenschaften mitproduziert; sowie drittens den Historizismus. Letztere Option sei jedoch durch die postmoderne Kritik Hayden Whites und Jean-François Lyotards verunmöglicht worden. Damit gerate zugleich eine mit dem Historizismus einhergehende Auszeichnung der jeweiligen Gegenwart in Schieflage, von der jede Beschäftigung mit der Vergangenheit und der Zukunft ausgehen sollte. So erklären sich die zunehmenden Fragen nach der Bedeutung des Gedächtnisses für die Kultur, die zeigen, dass die Gegenwärtigkeit – die Gegenwart der historischen Gegenwart und die des momentan Gegenwärtigen – schwierig geworden ist. Genau hier setzt, in Opposition zum 'Konstruktivistisch-Werden', Gumbrechts Therapie und Forderung einer "re-somatization of self-reference and a re-materialization of world-reference" (S. 77) an. Erst durch diese Opposition zu einer konstruktivistischen Welt kommen die Verständigungsprobleme über Begriffe wie 'authentische Präsenz' oder 'Gegenwärtigkeit' ans Licht: ohne die Intervention ihres Gegenparts wäre keiner je in Gefahr. Gumbrechts Hoffnung ist, dass sich die erläuterten Positionen zwar nicht auflösen – schließlich ermöglichten sie auch erst seine eigene Position –, wohl aber in eine andere Richtung manövriert werden können. Und genau deswegen kommen hier, in Erwartung weiterer Forschungen, die Medien ins Spiel, die, wie das Handy oder das Internet, eine Oszillation von Erreichbarkeit und Unerreichbarkeit, von Vermittlung und Unmittelbarkeit erzeugen – wir möchten überall und zu jeder Zeit erreichbar sein, aber oft genug nicht da, wo wir gegenwärtig sind.

Dieter Merschs Aufsatz beschäftigt sich mit dem hauchdünnen Unterschied zwischen abwesender Präsenz und Präsenz der Abwesenheit: "Es handelt sich zugleich um einen Übergang vom Primat des Medialen oder der Medialität als einem Apriori zu dem, was diese Medialität selbst in ihrer Anwesenheit bringt und erfahrbar macht." (S. 81) Entsprechend der von Mersch andernorts ausgearbeiteten negativen Medientheorie geht es ihm um die – trotz aller Präsenzkritik – unabdingbare Präsenz, die aber immer nur im Zeigen-Als von etwas fassbar ist – denn irgendetwas Gegenwärtiges muss ja zeigen und Medium sein. Wenn jede Gegenwart als Gegenwart produziert wird, so Merschs "postderridasches Präsenzdenken" (S. 82), und damit nicht unbedingt gegenwärtig sein kann, dann lässt sich dennoch das 'Als' der Produktion, die Materialität ihres Erscheinens ins Auge fassen. Diese entzieht sich aber ständig und ist deshalb nur im Zusammenbrechen, in Paradoxien und Störungen, vor allem aber in Reflexionen sichtbar.

Pierces Zeichentheorie mit Benjamins dialektischem Bild und dessen Gegenwart eines 'Jetzt der Erkennbarkeit' zusammenzubringen, ist ein Kunststück, das Uwe Wirths Aufsatz über "Die Interferenz von Performativität und Indexikalität bei der Erzeugung von Aufmerksamkeit" gelingt. So macht Wirth deutlich, dass für die Bestimmung von Bildlichkeit der Index, also ein Zeichen, das in direkter Verbindung zum Gezeigten steht (Rauch für Feuer) und etwas von ihm gegenwärtig macht, allein weder ausreicht noch von Pierce so verstanden wurde: Bilder haben immer auch symbolische oder ikonische Dimension. Gerade dieses Zusammenspiel erlaubt es, die vermeintlich außersprachliche Ebene einer 'ikonischen Differenz' (Gottfried Boehm) einzuholen, wenn man den Index nicht als unmittelbare, sondern als historisch gewordene Relation versteht. Die 'ikonische Wende' stellt sich dabei als indexikalische heraus, weil sie auf eine Wirklichkeitsübertragung rekurriert und nicht auf eine (ikonische) Ähnlichkeit. Die Übertragung auf die Ikonologie hätte allerdings ein paar erläuternde Worte mehr verdient.

Angelika Linke widmet sich aus einer ganz anderen Perspektive und sehr inspirierend der Face-to-face-Kommunikation, in der zwei Kommunizierende einander körperlich gegenwärtig sein müssen. Am Beispiel des Blicks in die Augen, an dem ein Dritter nicht teilnehmen und der nur sehr schwer erkennbar ist (der etwa fotografisch kaum abgebildet werden kann), zeigt sie eine Irreduziblität der dyadischen Gegenwärtigkeit auf. Diese könne zugleich ein Muster für soziale Interaktion abgeben. (Aber auch für philosophische Debatten, möchte man in Hinblick auf die Dekonstruktion ergänzen. So könnte man auch argumentieren, dass jede Kommunikation die Trennung, die sie zu tilgen vorgibt, immer schon voraussetzt und 'absolute Gegenwart' ein platonistisches Phantasma ist.)

"Die mediale Präsenz des Bildes" wird von Adrian Stähli nicht, wie in der Bildwissenschaft etwa bei Gottfried Boehm, in die Materialität und die ästhetische Erfahrung der Anwesenheit der Bilder verlegt, sondern, gemäß einer Bildpragmatik und -semantik, als konventionalisierte verstanden. Das Augenmerk gilt der Frage, inwieweit bestimmte Arten von Repräsentationen, in diesem Fall griechische Kultbilder, Präsenzwirkungen hervorrufen. Stähli kommt zu dem Schluss, dass die Wirkung von Präsenz Bedeutung oder Sinn nicht negiere, sondern in eine umfassende Interaktion mit Bildern eingebettet sei.

Was geschieht, wenn eine Maus eine Hostie oder einen sakralen Gegenstand verspeist? Wenn Christus in der Hostie präsent ist, dann besteht immer die Gefahr, dass diese Präsenz zerstört wird. Aber kann die Gegenwärtigkeit Christi überhaupt zerstört werden? Oder, so könnte man weiterspinnen, gäbe es nicht gar die Gefahr einer Wirklichkeitsübertragung von der Hostie auf die Maus, die daraufhin anzubeten sei? Marc-Aeilko Aris beschreibt sehr differenziert die verschiedenen, zwischen der Affirmation der Substanzontologie und dem Einschub einer Zeichenrelation schwankenden theologischen Positionen und Argumente des Mittelalters, die versuchen, diese Probleme einem gläubigen Empfinden gemäß zu bearbeiten. Dabei wird eine zunehmende Vermitteltheit der Präsenz deutlich, die nicht mehr unmittelbar gegenwärtig sein muss, sondern durchaus medial produziert (durch Wissen oder durch Rituale) gedacht wird. Dies erst ermögliche auch die Wirksamkeit gegenwärtiger medialer Aufbereitung von sakramentalen Praktiken, etwa in Fernsehaufnahmen von päpstlichen Messen.

Daran anschließend und in Rückgriff auf Gumbrechts Unterscheidung in Sinn- und Präsenzkultur beschäftigt sich Burkhard Hasebrink mit der Bedeutung der Eucharistie bei dem mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhard. Zwar sei auch für Eckhard die Präsenz Gottes in der Meditation und der religiösen Praxis produziert, doch indem er die Gegenwärtigkeit in den Gläubigen und dessen eingehendes Verständnis verlegt, unterlaufe Eckhard das Diesseits und das Jenseits - auch in hermeneutischer Perspektive.

Die fünf literaturwissenschaftlichen Aufsätze nehmen unterschiedliche Positionen ein, was Unmittelbarkeit und Präsenz angeht. Dabei wird der wichtige Ebenenwechsel zwischen Darstellung und Rezeption nicht immer so deutlich wie in Susanne Reichlins Aufsatz über Jörg Wickrams Mitte des 16. Jahrhunderts erschienenen Roman Goldtfaden. Reichlin bezieht sich dabei auf Martin Andrées Archäologie der Medienwirkung und arbeitet heraus, dass Unmittelbarkeit in diesem Roman durch ständige Umcodierung und nicht durch setzende Zuschreibung erzeugt wird. Die Aufsätze Alexandra Kleinhues über die Darstellung von Präsenz in Siegfried Lenz', Uwe Johnsons und Alan Sillitoes Erzählungen über große Sportereignisse, Sabine Schneiders über das Gegenwärtig-Machen der Dinge im poetischen Realismus, insbesondere bei Adalbert Stifter, sowie Barbara Straumanns über die Stimme in Germaine de Staëls Corinne ou l'Italie behandeln zwar interessante Themen, tragen aber wenig zur Diskussion von Gegenwärtigkeit bei. Ganz anders Ulrich Johannes Beils vielschichtiges Close Reading von Sophokles Antigone, das verdeutlicht, wie sehr Sprache auch als Moment der Vergegenwärtigung innerhalb der Fiktion dienen kann.

Lothar van Laak kritisiert Gumbrechts Unterscheidung von Sinn- und Präsenzkultur, da Sinn, um erfahrbar zu sein, an ästhetische Darstellungsweisen gebunden werden müsse. Stattdessen beschreibt er am Beispiel von Karl Philipp Moritz' Ästhetik eine konkrete historische Konstellation, in der Gegenwärtigkeit (theoretisch) gestaltet wird. Sehr differenziert wird beschrieben, wie Moritz den Begriff der Aemulatio, zwischen Repräsentation und Präsenz angesiedelt, in seinen ästhetischen Überlegungen ausbreitet.

"Die sinnliche Präsenz der Dinge oder: die skeptische Versöhnung mit der Moderne durch den Film" ist das Thema von Margit Tröhlers Überlegungen, bedauernswerterweise dem einzigen Aufsatz des Bandes, der sich mit anderen Einzelmedien als der Literatur beschäftigt. Die Filmtheorien der 20er Jahre, und dabei vor allem Jean Epstein, stehen im Mittelpunkt der Diskussion von Film als Präsenzform. Im Tenor der 20er Jahre tritt der Film in das Dazwischen von Objekt und  Betrachter und gewinnt so seinen Status als Medium abseits der Zeichen- oder Sinnparadigmen, die gerade dieser Differenz unterliegen. Sie könne, so Epstein, durch die Medienspezifik des Films, seine Bewegtheit, seine Montage und vor allem die Großaufnahme aufgelöst werden, um so zum Medium der Moderne zu werden. Auch Epsteins praktische Arbeit als Regisseur verwirklicht den Film als "transkartesisches Denksystem" (S. 284), das seine eigene ästhetische Konfiguration zu finden vermag – die aber zugleich eine epistemische ist. Tröhler arbeitet hierbei die Nähe Epsteins zu dem Wissenschaftshistoriker und Philosophen Gaston Bachelard heraus, indem sie die mediale Materialität und die plastische Präsenz der Dinge im Film im theoretischen wie praktischen Werk Epsteins und im Denken Bachelards zusammentreffen lässt.

Ein Fazit lässt sich, nimmt man all dies zusammen, kaum ziehen, zu unterschiedlich sind die Positionen der einzelnen Aufsätze, vor allem ihr Rückgriff auf verschiedene Positionen zwischen Poststrukturalismus, Konstruktivismus und Präsenzdenken. Aber gerade darin liegt die Stärke des besprochenen Bandes: die Diskussion nicht mit einer abschließenden These in eine bestimmte Richtung zu rücken, sondern, ganz im Gegenteil, zu zeigen, wie unterschiedliche Herangehensweisen miteinander ins Gespräch kommen können. Denn gerade weil die theoretischen Vorannahmen immer wieder neu verhandelt werden, ist es möglich, Positionen zu vergleichen und zu diskutieren. Zwar kann die Gefahr des Verlustes einer gemeinsamen Basis dabei nicht gebannt werden, aber das Phänomen Gegenwärtigkeit kann davon nur profitieren, denn es wird nun noch intensiver diskutiert werden müssen.

 

Veröffentlicht am 03.04.2009 (Ausgabe 2008/1)

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