Druckversion

Rolf Lindner: Die Stunde der Cultural Studies.

Wien: WUV 2000 (Edition Parabasen). 126 S. m. Abb. ISBN 3-85114-509-7. Preis: ATS 168,-/DM 23,-/sFr 22,- .

Rezensiert von: Beate Hochholdinger-Reiterer

Rolf Lindners Studie Die Stunde der Cultural Studies führt auf 126 kurzweiligen Seiten überzeugend vor, mit welcher Leichtigkeit fundierte Kulturanalysen vermittelt werden können. Wesentlich dafür ist - wie im vorliegenden Fall - verständlicherweise die geschickte Auswahl exemplarischer Schwerpunkte.

 

Die Abhandlung ist in der vom Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) Wien herausgegebenen Edition Parabasen erschienen, die sich "als Forum für aktuelle Debatten in Kultur und Kulturwissenschaften" versteht. Rolf Lindner, Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität Berlin, hatte als Visiting Fellow im Herbst/Winter 1998/99 am Wiener IFK "das Privileg, über die Geschichte der Cultural Studies nachdenken" (S. 7) zu dürfen. Statt einer weiteren Einführung in die Cultural Studies habe er eine "Zwischenbilanz" zu ziehen versucht, indem "der Weg nachgezeichnet wird, den die Cultural Studies von ihren Anfängen gegangen sind". Die Cultural Studies werden also dadurch, dass ihre Genese, weitere Entwicklung und ihre Einflussnahmen stets mit Blick auf die jeweils vorherrschenden kulturellen und wissenschaftlichen Tendenzen dargestellt werden, selbst zum "Gegenstand der Kulturanalyse" (S. 11) gemacht.

 

In vier knappen Kapiteln präsentiert Lindner chronologisch wesentliche Stationen der Cultural Studies: von den ersten einschlägigen Veröffentlichungen Ende der 50er Jahre über die folgenreichen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen bis hin zur wissenschaftlichen und kulturellen Etablierung. Lindner erzählt die Geschichte der Cultural Studies jedoch nicht einfach nur als Geschichte ihrer Publikationen, Diskurse und Konkurrenzen, er lenkt - wesentlich vor allem für die Anfangszeit - die Aufmerksamkeit auf Herkunft, Ausbildung und kulturelles Umfeld der jeweiligen Forscherpersönlichkeiten.

Mit dem Aufkommen der Cultural Studies in Großbritannien Ende der 50er Jahre vollzieht sich in den Kulturwissenschaften ein Paradigmenwechsel. Cultural Studies beschäftigen sich mit der Analyse der Beziehung zwischen Kultur und sozialem Wandel und sind selbst als Element eines Modernisierungsprozesses, als Ausdruck eines generellen kulturellen Umbruchs zu sehen. Culture is ordinary (Kultur ist etwas Alltägliches), dieser Essaytitel Raymond Williams' lässt sich gleichsam als Losung der Cultural Studies lesen. Denn gelebte Erfahrungen und Alltagshandeln werden als sozial bedeutsam und kulturell bedeutungsvoll thematisiert.

Zur Gründergeneration der Cultural Studies zählen die Literaturwissenschaftler Richard Hoggart und Raymond Williams, beide Angehörige der so genannten Scholarship-Boy-Generation, jener Gruppe von Arbeiterkindern, denen als Schulstipendiaten erstmals der Zugang zu den großen Bildungsinstitutionen ihres Landes ermöglicht worden ist. Hoggart und Williams verweisen auf die Bedeutung von Bildung, um Bildung kritisieren und die immanenten Grenzen von Hochkultur aufzeigen zu können. Für sie gibt es keine elitäre Kultur, sondern nur einen elitären Umgang mit Kultur.

Ihre Erfahrungen aus der Tätigkeit in der Erwachsenenbildung führten in der Folge zu einem Aufbrechen der konventionellen Grenzen akademischer Beschäftigung und damit zu einem Perspektivenwechsel im Literaturunterricht. Denn nirgendwo sonst war die Frage nach der Beziehung von Kultur, Bildung und alltäglicher Lebensführung vehementer gestellt worden. Die für die Cultural Studies zentrale Kategorie der Erfahrung ist ihrerseits aus der Erfahrung eines kulturellen Bruchs hervorgegangen. Die Generation der Scholarship-Boys musste sich der Tatsache stellen, am Reibungspunkt zweier Kulturen zu existieren - Cultural Studies als "das Produkt einer Generation, deren Angehörige gewissermaßen zwischen die Kulturen geraten sind." (S. 30)

1964 wurde auf Initiative von Richard Hoggart an der Universität Birmingham das Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS), ein Center für postgraduale Lehre und Forschung, eingerichtet. Die erste Arbeitsphase unter Hoggart widmete sich der Erweiterung und Neuorientierung des literaturwissenschaftlichen Kanons. Mit dem Übergang von der Hochkultur als Leitkultur zur Popularkultur als Industrie änderten sich verständlicherweise auch die Untersuchungsgegenstände und Zugangsweisen der Cultural Studies. So wurde am CCCS unter der Leitung von Stuart Hall beispielsweise die so genannte "Teenage Revolution" zum Forschungsgegenstand gemacht: Popkultur und Jugendkultur wurden als neue kulturindustrielle Phänomene begriffen und unter veränderter Perspektive ("from within") untersucht. "Erstmals in der Geschichte der Sozialwissenschaften muß das eigene Einbezogensein des Forschers nicht mehr akademisch (und d. h. in der Regel methodologisch) kaschiert werden, im Gegenteil, die Statusverbindung von Forscher und Mitglied der Untersuchungsgruppe in einer Person ist geradezu zum Markenzeichen derer geworden, die Cultural Studies betreiben. Es ist nicht zuletzt dieser Aspekt, der Cultural Studies für 'Absolute Beginners', für die Popkultur-Generation so attraktiv macht." (S. 64)

Während der 80er Jahre erreichten Interesse und Popularisierung der Cultural Studies in den USA einen enormen Aufschwung, damit einhergehend wurden ihre Forschungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs immer stärker als Bedrohung empfunden und dementsprechend heftig, meist in Verkennung und unter Verleugnung der transdisziplinären Ausrichtung, kritisiert. Herausforderung und Konkurrenz - vor allem für die amerikanische Cultural Anthropology - bestehen zum Großteil wohl darin, dass die Cultural Studies "eine zeitgenössische - 'postmoderne' - Alternative zur Analyse kultureller Formen anbieten" (S. 85). Denn im Gegensatz zur Anthropologie untersuchen Vertreter/innen der Cultural Studies vor allem "kulturelle Gruppen, Formen und Phänomene innerhalb der eigenen Gesellschaft" (S. 86). Die großen Themen der Cultural Studies lauten daher: Class, Race and Gender.

Cultural Studies sind "Subaltern Studies", zu deren konstitutiven Bestandteilen Selbstreferentialität und Insider-Perspektive zählen. Erklärtes Ziel sei demnach die Kritik und Relativierung dominanter Sichtweisen.

Mit der Bezeichnung CultStuds scheinen die Cultural Studies endgültig zum Kult-Fach avanciert zu sein, das gesellschaftliche Kulte analysiert. Vertreten werden die CultStuds häufig von einem neuen Typ des Intellektuellen, "der sich selbst zwischen Pop, Medienwelt und Akademia verortet" (S. 108) - ein sich betont anti-akademisch gebender Pop-Intellektueller also, dessen Vortragskultur den Ansprüchen einer multimedialen Performance zu genügen versucht.

Cultural Studies sind laut Lindner "mehr noch als andere Disziplinen ein Kind ihrer Zeit [...]. Erst heute wird mit aller Macht deutlich, wie sehr Cultural Studies, die auf kulturellen Wandel antworten, diesen zugleich vorantreiben." (S. 113)

Selbstverständlich ist Lindner mit seiner "Zwischenbilanz" auch eine (weitere) Einführung in die Forschungsfelder der Cultural Studies gelungen. Seine konzise Abhandlung wird durch ein ausführliches Literaturverzeichnis ergänzt, wodurch die Möglichkeit zu weitergehender Beschäftigung sehr vereinfacht wird. Dass dieses schmale Bändchen Interesse und Neugier zu wecken vermag, ist gewiss.

 

Veröffentlicht am 01.03.2001 (Archiv)

>zurück>>>