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Armin Loacker: Anschluß im ¾-Takt. Filmproduktion und Filmpolitik in Österreich 1930-1938.

Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, 1999 (= Filmgeschichte International, Bd. 5), 321 Seiten, ISBN 3-88476-312-1. DM 48,-

Rezensiert von: Guntram Geser

Zu den stark unterbelichteten Bereichen der filmhistorischen Forschung gehören die ökonomischen Bedingungen der Produktion und Verwertung von Filmen. Gründe dafür gibt es viele: So gehören diese Bedingungen nicht zur dominanten Hierarchie der Forschungsgegenstände und -stile, mit denen unter FilmhistorikerInnen gepunktet werden kann, das Know-how dafür fehlt vielfach und die erforderliche Archivarbeit ist keine geringe. Daher werden am laufenden Band Filmwerke behandelt, ohne daß eine Berücksichtigung - geschweige denn Analyse - der ökonomischen Rahmenbedingungen ihrer Entstehung und Vermarktung erfolgt.

 

Weil es an fast allem fehlt, seien es handfeste ökonomische Grunddaten, Analysen von Segmenten der Filmwirtschaft (Ateliers, Filmproduzenten, Verleih und Vertrieb, Kinos) oder Detailstudien zur Entwicklung einzelner Unternehmen. Wer angesichts dieser Situation punktuell oder im großen Stil Abhilfe bringt, hat sich eine gebührende Aufmerksamkeit von vornherein verdient.

 

Mit Anschluß im ¾-Takt hat Armin Loacker eine fundierte und vielschichtige Untersuchung der österreichischen Filmproduktion und -auswertung der Jahre 1930-1938 in ihrer Verschränkung mit den politisch-institutionellen Determinanten erarbeitet. Die historische Darstellung und Interpretation stützt sich fast ausschließlich auf Primärquellen wie die Aktenbestände des Bundesministeriums für Handel und Verkehr im Archiv der Republik, der Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie in Wien sowie Handelsregisteraufzeichnungen. Auch Fachblätter der Zeit, wie Der Wiener Film, Der gute Film oder die Österreichische Film-Zeitung, wurden gewinnbringend ausgewertet. Einzelne Filmwerke werden nur als filmökonomische Beispielfälle oder bei der Beschreibung von politischen Winkelzügen behandelt, es geht um den Blick hinter die Kulissen der Filmwelt.

 

Zur Heranführung skizziert Loacker die Entwicklung von der Stummfilmära bis zum Tonfilm und dem raschen Aufstieg des sogenannten "Wiener Films", allerdings gänzlich abseits der üblichen Anekdoten. Vielmehr geben neben der generellen Beschreibung Aufstellungen zu den Filmhandelsbilanzen, den Filmangeboten bei Kurz- und Langfilmen, der Kinodichte sowie den Lizenzerlösen und –aufwendungen ein Bild der filmwirtschaftlichen Entwicklung.

 

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen dann zum einen die Auswirkungen der Maßnahmen des österreichischen Ständestaates auf die Filmwirtschaft, zum anderen deren schrittweise Anpassung an die Vorgaben Nazi-Deutschlands. Zu den ständestaatlichen Maßnahmen gehören die Gleichschaltung der filmwirtschaftlichen Interessensverbände, die zwangsverordnete Produktion von Kurzfilmen, die Wiedereinführung der Zensur und die Bewertungstätigkeit des Bundesministeriums für Unterricht. Weiters wird auf die Stellung der katholischen Kirche und des halbamtlichen "Instituts für Filmkultur" eingegangen.

 

Besonders hervorzuheben ist die auf intensiven Archivrecherchen basierende Darstellung der Mechanismen der Filmkontingentierung, die sich nach ihrer Einführung 1926 über die Jahre hinweg als ein immer weniger effektives Förderungsinstrument darstellt. Wer gräbt, der findet: Loacker bietet hierzu auch wertvolle Aufstellungen zur Kostenentwicklung in der Spielfilmproduktion und entsprechende Kalkulationsbeispiele. Diese Daten vertiefen Überblicke über Filmproduzenten (Produktionsdichte, Gesellschaftsformen und Kapitalausstattung) und Atelierfirmen, bei denen sich in den 30er Jahren die Tobis-Sascha Filmindustrie AG und die Selenophon Licht- und Tonbild-GmbH den österreichischen Markt aufteilten.

 

Die weiteren Kapitel konzentrieren sich auf die Auswirkungen der nationalsozialistischen Filmpolitik auf das Filmschaffen in Österreich. Entlang der verfügbaren Quellen (Verhandlungsschriften, Korrespondenz u.a.) beschreibt Loacker, wie die zwischenstaatlichen Filmverkehrsabkommen rasch zu einer "Arisierung" der österreichischen Filmproduktion führten. In Nazi-Deutschland unerwünschte Filmschaffende konnten nicht mehr in Filmen mitwirken, die auf den reichsdeutschen Markt gelangen sollten. Daher versuchten ambitionierte jüdische Filmschaffende in Österreich eine sogenannte "unabhängige Filmproduktion" zu etablieren. Trotz der Versuche der NS-Stellen, diese zu unterbinden, konnte sie einige Erfolge erzielen. Den Schlußstrich markierte dann die Verdrängung der jüdischen Pilzer-Gruppe aus der Tobis-Sascha zu Beginn des Jahres 1937.

 

Auch die am reichsdeutschen Markt orientierte Filmproduktion war aufgrund der Filmzensur nicht vor Einflußnahmen sicher. Loacker beleuchtet hierzu anhand von Fallbeispielen personelle und inhaltliche Eingriffe der NS-Stellen und die Bestrebungen der österreichischen Filmindustrie, sich mittels einer eigenen "Ariernachweisstelle" und einer Vorzensur vor ruinösen Aufführungsverboten zu schützen. Erst als 1937 ein Stopp des Transfers der Lizenzerlöse aus Reichsdeutschland zu einem Produktionsstillstand führte, setzte in der österreichischen Filmbranche eine intensivere Diskussion über eine mögliche Neuorientierung ein. Staatliche Maßnahmen wurden gefordert und die Voraussetzungen einer permanenten "unabhängigen Produktion" geprüft. Diese Bestrebungen blieben allerdings folgenlos.

 

Den Schlußpunkt des Buches bildet eine Auseinandersetzung mit der in der bisherigen Literatur dominanten These von der Abhängigkeit der österreichischen Filmwirtschaft vom reichsdeutschen Markt. Wie Loacker aufzeigt, ist diese Abhängigkeit zu relativieren und auch nicht als eine einseitige zu sehen. Die österreichische Filmwirtschaft hatte durchaus andere Optionen. Diese wurden jedoch nicht wahrgenommen, da die Branche es vorzog, aufwendige Filme zu produzieren und steigende Lizenzerlöse aus Reichsdeutschland zu lukrieren. Gegen eine Nutzung dieser Optionen wirkten zudem die vom Ständestaat gesetzten wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und - nicht zu einem geringen Teil - auch die vorherrschenden kultur-ideologischen Orientierungen.

 

Veröffentlicht am 19.04.2001 (Archiv)

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