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Andrea Amort: Hanna Berger. Spuren einer Tänzerin im Widerstand.

Wien/München: Brandstätter 2010. ISBN 978-3-85033-188-3. 160 S. Preis: € 29,90.

Rezensiert von: Genia Enzelberger

Nach jahrelanger gründlicher Recherche ist es der Tanzkritikerin und Tanzhistorikerin Andrea Amort Ende 2010 gelungen, ihr Buch über die Tänzerin, Choreographin, Regisseurin und Pädagogin Hanna Berger fertig zu stellen. Es handelt sich bei dieser Publikation nicht um eine Biographie im klassischen Sinne, sondern vielmehr um ein facettenreiches Portrait dieser außergewöhnlichen Frau und Künstlerin, die mit ihren Ideen und Visionen ihrer Zeit weit voraus war.

 

Hanna Berger wurde 1910 in Wien geboren. Bereits in den 1930er Jahren machte sie sich einen Namen als Ausdruckstänzerin. Sie ging auf Tournee mit dem Ensemble von Mary Wigman und tanzte bei Trudi Schoop. In der NS-Zeit blieb sie zwar in Deutschland, lehnte jedoch zahlreiche Angebote ab, da sie überzeugte Kommunistin war. Mit ihrem damaligen Lebensgefährten, dem bildenden Künstler Fritz Cremer, engagierte sie sich für den Widerstand gegen das NS-Regime. 1937 brachte sie eines ihrer bekanntesten Stücke, das Solo Krieger zur Uraufführung, in dem sie den Krieg nicht glorifizierte, sondern kritisierte. So beschreibt der Kritiker Dietrich Dibelius seine Eindrücke in der Frankfurter Zeitung am 18.10.1937 (Nr. 531) unter dem Titel Kritik zum Debüt-Abend von Hanna Berger anlässlich einer Aufführung des Tanzsolos Krieger op. 13 wie folgt:

 

Die Tänzerin trug einen feldgrauen Mantel, Soldatenmütze und Stiefel. Die Geräuschmusik, die ihr Begleiter Ulrich Keßler zu diesem Tanz geschrieben hatte, bestand aus einem marschmäßig paukenden Motiv, dem der Soldat mit stampfenden Schritten gehorchte, und ab und zu einem hell-nachklingenden metallischen Klingen, das ihn veranlaßte, den Kopf einen Augenblick zu ducken, das Kinn in den Uniformkragen zu pressen, wie um der Bedrohung durch ein in der Nähe einschlagendes Geschoß zu begegnen; gleich darauf wieder der alte trotzige Rhythmus. Schließlich wird der Soldat getroffen – ein jähes Innehalten – aber er fällt erst, als er, immer im Banne des Marschrhythmus, im weiten Schwung dem Gegner geantwortet hat. Der Krieg wird hier im Bilde eines ausharrenden, schweigenden Heroismus dargestellt.

(zit. n. S. 35)

 

1942 wurde Berger in ihrer Berliner Wohnung von der Gestapo verhaftet. Nach acht Monaten Haft konnte jedoch durch eine äußerst geschickte Verteidigung und Fürsprache zahlreicher prominenter Freunde ein Freispruch erwirkt werden.

 

Nach dem Krieg gründete Hanna Berger 1945 das Wiener Kindertheater in dem sie auch als Pädagogin Regie führte. Sie holte so die Kinder von den Trümmern auf der Straße weg, wie sich noch einige ZeitzeugInnen in Amorts Buch erinnern. Ihre Lehrtätigkeit an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst dauerte trotz großer Beliebtheit bei den Studierenden nur von 1945 bis 1952. Auch hier stieß die Kommunistin Berger auf Grund ihrer politischen Einstellung immer wieder auf Schwierigkeiten. Hanna Berger starb 1962 in Ost-Berlin im Alter von 52 Jahren fast mittellos an den Folgen einer Gehirntumor-Operation. Wie es so oft bei österreichischen KünstlerInnen der Fall ist, werden sie zwar zu Lebzeiten nicht oder nur kaum finanziell gefördert, dafür erhalten sie aber danach ein Ehrengrab der Stadt Wien. So auch Hanna Berger. Sie liegt an einem derartig ruhmvollen Ort am Meidlinger Friedhof begraben.

 

Bereits 2006 kuratierte Andrea Amort das Festival Hanna Berger: Retouchings, für das sie zahlreiche in Österreich tätige ChoreographInnen wie Nikolaus Adler, Manfred Aichinger, Bernd R. Bienert, Rose Breuss und Willi Dorner gewinnen konnte. Zu sehen war ebenso die ehemalige Tänzerin Otthilie Mitterhuber, die über ihre Arbeit mit Hanna Berger sprach. Mit ihrer Hilfe konnte auch eines der bekanntesten Soli von Hanna Berger, Die Unbekannte aus der Seine, rekonstruiert werden.

 

Andrea Amort ist es gelungen, viel verloren geglaubtes Material und zahlreiche Dokumente wiederzufinden und literarisch spannend aufzubereiten. Besonderes Augenmerk sollte man auch auf das umfassende Bildmaterial legen, das einerseits einen guten Einblick in das Schaffen der Künstlerin Hanna Berger gibt, andererseits aber auf Grund seines hohen ästhetischen Anspruchs – viele der Aufnahmen stammen von bekannten PhotographInnen – wichtige Zeitdokumente für den freien Tanz bietet. Hanna Berger gehört zweifellos in den Kanon der wichtigen Wiener Tänzerinnen wie Grete Wiesenthal oder Rosalia Chladek.

 

In ihrem Buch ist es Andrea Amort gelungen, dies deutlich zu machen und eine herausragende Vertreterin des modernen freien Tanzes der Vergessenheit zu entreißen.

 

Veröffentlicht am 15.06.2011 (Ausgabe 2011/1)

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