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Heidi Eisenhut/Anett Lütteken/Carsten Zelle (Hg.): Heilkunst und schöne Künste. Wechselwirkungen von Medizin, Literatur und bildender Kunst im 18. Jahrhundert.

Göttingen: Wallstein 2011. ISBN 978-3-8353-0839-8. 320 S. Preis: € 29,90.

Rezensiert von: Stefanie Schmitt

Es muss ein einsamer Gott sein, der im 18. Jahrhundert auf die Welt hinunter schaut. Im irdischen Panorama des um Aufklärung ringenden Menschen ist für ihn kaum Platz. An seiner statt kursieren Kausalitätsprinzipien, empirische, durch Experimental-Wissenschaft nunmehr 'beweisbare' Erklärungsmodelle und das Ideal des sapere aude, bestimme dich aus dir selbst. Neue optische Instrumentarien ermöglichen ungeahnte Erkenntnisse auf dem Weg des Sehens; Mikroskop und Fernglas erlauben den Blick auf bislang verborgene Details bei gleichzeitiger Erweiterung des Horizonts. Wachsende Kenntnis von Elektrizität und Magnetismus enttarnt das unerklärliche Wirken der letzten Gespenster und verbannt deren Erscheinungen auf den Jahrmarkt und in das Reich der Phantasie. Nur auf der 'anderen' Seite der Aufklärung blüht der Zweifel. So sucht der tätige Geist des 18. Jahrhunderts auch am dunklen Seelengrund wissenschaftliche Ordnung zu schaffen.

 

Unter dem Leitstern der Anthropologie formiert sich ab 1772 in Anlehnung an Ernst Platners Anthropologie für Aerzte und Weltweise die disziplinenübergreifende Auseinandersetzung mit dem 'wahren' Wesen des 'ganzen' Menschen. Das zweite Trogener Bibliotheksgespräch, das im Juni 2007 in Trogen, Appenzell, stattfand und seit März 2011 in verschriftlichter Form vorliegt, widmet sich der Erforschung (natur)wissenschaftlicher Welterklärungsmodelle unter Zuhilfenahme der schönen Künste.

 

Für die Drucklegung erfuhr die ursprüngliche Aufteilung in die jeweils separat voneinander gedachten Blöcke – Medizin und Wissenschaft, Medizin und schöne Künste, Medizin und schöne Literatur – eine Revision. Dem wechselseitigen Einfluss der Disziplinen und Gegenstände gemäß gliedert sich der Band nun in vier ressortübergreifende "Überblicke" und elf "Beispielanalysen" unter der Überschrift "Wechselwirkungen von Medizin, Literatur und bildender Kunst". Interessant und hier durchaus bereichernd ist die Entscheidung, einige Beiträge im Vortragsgestus zu belassen bzw. sie gar durch konkrete Bezugnahmen auf anschließende Diskussionen zu kontextualisieren. Die buchinterne Navigation erleichtert ein Namensregister.

 

Eine Transformation erlebte nicht nur die Struktur der Tagung, sondern auch die Wahl der Begriffe: Anstelle von "Medizin" ist in der Publikation vorwiegend von "Heilkunst" die Rede.  Mit der Beobachtung, der Begriff der Kunst komme in der heutigen Medizin allenfalls im Verbund mit dem "Fehler" (vgl. S. 17) vor und werde eher als Indikator von Künstlichkeit denn als Fertigkeit verstanden, eröffnet Heinz Schott die "Überblicke". Auf wenigen Seiten ermöglicht er den Nachvollzug naturwissenschaftlich-künstlerischer Wechselwirkungen: von anatomischer Zergliederungskunst über die Inszenierung 'gesammelter Natur' in Kabinetten und Wunderkammern hin zur Widerspiegelung medizinischer Gelehrsamkeit in den bildenden und darstellenden Künsten.

 

Nach Schotts detailkundigem "Aufriss" widmet sich Gernot Gruber der heilenden Kraft und "Zauberwirkung" (S. 38) der Musik, deren therapeutische Strahlkraft hernach insbesondere in den Artikeln von Christina Urchueguía und Benedikt Jessing thematisiert wird. Die Begründung der akustischen Heilkräfte im 18. Jahrhundert orientiert sich an dem physiologischen Konzept der 'Sympathie': Töne vermögen 'ähnliche Saiten' im Menschen zum Klingen zu bringen und so Körper und Seele gleichermaßen zu irritieren wie zu heilen.

 

Seiner Untersuchung einer anderen 'Heilkraft', namentlich der Literatur, stellt Klaus Manger die Beobachtung voran, dass Traktate üblicherweise nicht aus dem Nichts entstehen, sondern als Reaktion auf bestimmte Diskurse verfasst werden. "Worauf antwortet Wieland?" lautet seine Ausgangsfrage. Um deren Auflösung bemüht er sich anhand einer wissenschaftsgeschichtlichen Skizze der "Filiationen von Medizin, Philosophie, Literatur" (S. 51) rund um Christoph Wilhelm Hufeland, Schiller und Goethe.

 

Den Brückenschlag von der 'allgemeinen' zur 'exemplarischen' Sektion unternimmt Anett Lütteken, die sich den Kur-Vorstellungen des an universaler 'Reinigung' interessierten Zeitalters widmet. Im Sinne des 'commerciums' zielt der Vollzug bisweilen eigenwilliger Kur-Praktiken gleichermaßen auf die Heilung von Physis und Psyche ab. Diesem umfassenden Wirkungsanspruch entsprechend zieht sich der Kur-Gedanke leitmotivisch durch das Gros der Beiträge. In genauer Kenntnis der Bestände liest beispielsweise Heidi Eisenhut, die Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell, die Briefwechsel Laurenz Zellwegers u. a. mit Johann Jakob Bodmer in Hinblick auf das Vokabular rund um die Appenzeller Molke-Kur. Der unter Gelehrten populäre Kuraufenthalt inspiriert im 18. Jahrhundert auch die literarische Produktion: Die aufmerksame Beobachtung von Kur-Kosmos und -Klientel liefert Stoff für eine Vielzahl von Genres und spezifischen Sujets und provoziert alsbald zu kunstvollen Parodien.

 

Die komischen Komponenten ärztlicher Therapiemethoden finden in künstlerischen Abbildeverfahren – vgl. auch Schotts Analyse karrikaturesker Kupferstiche – ebenso wie in der 'schönen Literatur' lebhaften Niederschlag. Die Geschichte der Ärztesatire verfolgt Tanja van Hoorn von Molières Komödien über die essayistischen Texte der Halleschen Mediziner bis hin zu Christlob Mylius' dramatischer Ärzteparodie und Theodor Johann Quistorps Typenkomödie. Im Zentrum steht – nach dem Vorbild des Eingebildeten Kranken – der Hypochonder. Aufgrund des unkontrollierten Wirkens seiner Einbildungskraft bzw. der Diskrepanz von Selbst- und Fremdwahrnehmung bietet dieser Typus idealen Anlass, leibseelische Zusammenhänge zu verhandeln. Um den Patienten herum wimmelt eine Schar meist humoral oder mechanistisch orientierter Ärzte, deren überkommene Praktiken allenfalls den kranken Körper therapieren könnten, die im Falle mentaler Fehldispositionen aber machtlos sind.

 

Im Singspiel Lila, besprochen von Benedikt Jessing, schreibt Goethe diese Rollenklischees fort, um sie nicht nur unterhaltend vorzuführen, sondern zugleich Licht ins Dunkel obskurer Kurkonzepte zu bringen. Die Patientin ist hier vermeintlichem Wahnsinn verfallen, der – wie Goethe im Herbst 1818 an Karl Friedrich Graf von Brühl schreibt – nur auf dem Wege einer "psychischen Kur" (S. 243) durch Wahnsinn kuriert werden kann (vgl. auch Markus Winklers "Thesen zur Heilung des Orest").

 

Analog zu den Figuren sollen auch die Zuschauenden vermittels der affizierenden Kraft des Schauspiels eine künstlich hervorgerufene Krise und kathartische 'Kur' durchlaufen und nähere Kenntnis des 'menschlichen Herzens' erlangen. In diesem Sinne führt der Werdegang der 'philosophischen Ärzte' vom anatomischen Theater nicht selten unmittelbar zur Schaubühne (vgl. S. 261). Einen Einblick in von der Forschung gern beschrittenes theatrales Terrain gewährt Gilles Darass' rasanter Querschnitt durch das Frühwerk des Mediziners Friedrich Schiller, wobei Darass nie lange bei einem Text verweilt, sondern ein aspektorientiertes Interpretationsgeflecht herstellt.

 

Gerade weil im 18. Jahrhundert alles nach Verbindung strebt, die Prosa 'spricht', der Dichter 'malt', das Gemälde Bewegung inkorporiert und der Maler sucht, die Dialoge seiner Figuren 'hörbar' zu machen (vgl. Lichtenbergs 'Abhören' der Hogarthischen Kupferstiche), bietet die Bühne als Kulminationspunkt aller Künste einen außergewöhnlichen Ort zur Herstellung 'lebendiger' Affekte durch den idealen 'Menschenmaler'.

 

Die Verbindungen von Kunstgeschichte und medizinischem Wissen erörtert Elisabeth Décultot anhand Johann Joachim Wickelmanns 'handgeschriebener Bibliothek'. Die hier auf Basis medizinischer Exzerpte praktizierte Gepflogenheit des Sammelns entspricht ebenso dem Geist des 18. Jahrhunderts wie Winckelmanns Antike-Affinität.

 

Zahlreiche Kunst- und Literatur-Traktate markieren anatomisches Wissen als oberste Voraussetzung zur getreuen Darstellung des 'ganzen' Menschen. Der menschlichen Physiognomie und den hieraus abgeleiteten Ausdruckslehren widmen sich die Artikel zu Georg Christoph Lichtenberg, Johann Heinrich Lavater und Franz Xaver Messerschmidt. Als 'Zutat' zu ihren ausgesprochen gewinnenden Analysen lassen sich die Beiträger bisweilen gar zu Ausdeutungen der dichterischen Psyche hinreißen:

 

Lichtenbergs 'Geschichte eines elenden Körpers' stellt Urs Meyer in den Vordergrund der Physiognomik-Pathognomik-Debatte, – wiewohl die Schriften des Experimentalphysikers diesen vielmehr als differenzierten Kritiker ausweisen denn als radikalen Antagonisten der vom Züricher 'Orakel' Johann Caspar Lavater postulierten Gleichung 'je moralisch schlechter, desto hässlicher'.

 

Auf den Umstand, dass es sich bei dessen Vater um eben diesen selbsternannten Silhouettendeuter handelte, führt Edgar Bierende die dramaturgische Entscheidung des jungen Lavater zurück, die beschreibenden Passagen seines anatomischen Leitfadens für bildende Künstler nur an jenen Stellen durch ausklappbare Kupferstiche zu veranschaulichen, die sich mit Proportionen, Knochen und Muskeln befassen. Die Ausführungen zu Affekten und Leidenschaften werden von Johann Heinrich Lavater hingegen dezidiert nicht bebildert.

 

Als selbsttherapeutische Absicht im Zuge biographisch bedingter Frustrationen wird auch das Entstehen der Messerschmidt'schen Köpfe interpretiert, deren unsystematische Reihung der Forschung bis heute Rätsel aufgibt. Ulrich Pfarr erklärt das Atelier des zum Selbststudium vor dem Spiegel grimassierenden Bildhauers zu einem 'Labor' der Affekte, in dem auch der Betrachter durch die affizierende Wirkung der Köpfe nicht unberührt bleibt.

 

Erfreuend klar treten in diesen Aufsätzen unterschiedliche künstlerische Nutzbarmachungen aufklärerischer Leib-Seele-Modelle und -Dualismen zutage. Am schönsten ausdifferenziert werden deren Charakteristiken von Carsten Zelle anhand Lichtenbergs als 'Übersetzung' getarnter Satire über "eine kleine mit unbeschreiblicher Kunst gearbeitete Maschine, das concubinium (soll wohl heißen connubium oder commercium) animae et corporis zu erklären" (S. 92). Die 'Anmerkung des Übersetzers' liest Zelle als Hinweis Lichtenbergs, das "Konkubinat" (S. 94) der 'beiden Naturen' ironisch zu betrachten. Zelle vermutet hinter dieser dichterischen Darstellung der diskutierten Commercium-Modelle eine Transformation des 65. "Traumes" (1745) von Johann Gottlob Krüger. Dort nimmt in vier 'erträumten' Mensch-Maschinen ein Hund jeweils stellvertretend den Platz der Seele ein, mit oder ohne dessen Zutun die Bewegungen der Maschinen erfolgen.

 

Poetische Nutzbarmachung medizinischen Wissens und vice versa künstlerische Versuchsanordnung zur medizinischen 'Beobachtung' sind die Grundannahmen anthropologischer Forschung. Der vorliegende Tagungsband vereint gewinnende Untersuchungen bislang wenig beachteten Materials mit neuen Blicken auf bereits Besprochenes. Die wechselseitigen Einflüsse von Naturbeobachtung, literarischem Laboratorium, daraus abgeleiteter Erkenntnis, Ausdruckspoetiken und Leseanleitungen werden hier auf sympathische Weise an konkreten Gegenständen nachgewiesen.

 

Veröffentlicht am 15.06.2011 (Ausgabe 2011/1)

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