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Ulrike Bergermann/Isabell Otto/Gabriele Schabacher (Hg.): Das Planetarische. Kultur – Technik – Medien im postglobalen Zeitalter.

München: Fink 2010. (Medien und kulturelle Kommunikation 23). ISBN 978-3-7705-4838-5. 295 S. Preis: € 39,90.

Rezensiert von: Julia Binter

Das Planetarische: ein polyvalenter Begriff, der sowohl in der Philosophie als auch in den Cultural und Postcolonial Studies Verwendung findet, um Denkfiguren und Bilder analytisch zu fassen, in denen die 'ganze Erde' gleichsam von außen gesehen wird. Im vorliegenden Sammelband, der auf eine Konferenz des kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs Medien und kulturelle Kommunikation 2008 in Köln zurückgeht, nähert man sich diesem Begriff aus der Perspektive der transdisziplinären Medienwissenschaft, um die interdependenten Konzepte von Kultur, Medien und Technik in ihren historisch variierenden Konstellationen unter dem Primat des Globalen analysier- und vor allem auch kritisierbar zu machen.

 

Es geht den AutorInnen nicht nur um die Dekonstruktion der Verschränkung von Weltkonstruktion/Weltimagination und Weltbeherrschung/Weltregulierung in der Tradition der postkolonialen Kritik bzw. Diskurskritik, sondern auch um mögliche Alternativen zum zentralistischen, auf dichotomer Differenz basierenden Denken der Globalität und Globalisierung. "Das Wissen um die Verfugung des Hier mit dem Anderswo, [… die] Art, das Fremde, den Fremden und das Ferne anzunehmen […] und mit dem zu arbeiten, was gemeinhin als Gegensatz erscheint" (Mbembe, S. 25) – dieser Gedanke der Relativierung des eigenen Standpunktes, der eigenen Epistemologie zugunsten eines planetarisches Denkens, das (in Anlehnung an Deleuze) "umherirrend, wandernd", nomadisch verfährt, schwingt zwar implizit in vielen Beiträgen mit, ist aber – bis auf einige wenige Ausnahmen (insbesondere dem Kapitel "Komparative Perspektiven/The Planetary") – als Ausblick bzw. offene Fragestellung oft an den Rand der Diskussion verbannt.

 

Das ist unter anderem der dringend notwendigen medienwissenschaftlichen Aufarbeitung und Durchdringung des 'Vermessungsvermögens' (Arendt) des technischen, medial vermittelten Blicks auf die Welt als 'Ganzes' geschuldet. Nicht nur in Form von Landkarten, Bastelbögen und dreidimensionalen Modellen will man sich die Welt begreiflich und verfügbar machen, wie Gloria Meynen aus kartografischer Perspektive in ihrem Beitrag "Welt im Plural" demonstriert. Auch die Weltausstellungen des späten 19. Jahrhunderts hatten als Massenmedien den Anspruch, das 'Ganze' der Welt abzubilden bzw. nachzubauen. Dabei wurden sie, laut Alexander C. T. Geppert, nicht als Einzelphänomen, sondern als Bestandteil eines weltweiten Ausstellungsnetzes wahrgenommen, das nicht nur die gastgebenden Städte der konkurrierenden imperialistischen Reiche in den Rang von Weltstädten erhob, sondern auch zur Schaffung eines (eurozentrischen) Bewusstseins von Globalität beitrug. In einem bewundernswerten medialen Brückenschlag vollzieht Ilka Becker die Fortschreibung eines weiteren Versuchs, die Welt von außen her fass- und nutzbar zu machen, in der Figur des planetarischen Überlebenscontainers nach. Diese manifestiert sich in Wissenschaft, Architektur und Science-Fiction-Film in historisch und technologisch variierenden Ausformungen von den Glashäusern des 19. Jahrhunderts bis zum Biosphären-Projekt der 1990er Jahre. Die weiblich konnotierte Natur wird unter einem meist runden Schutzschirm räumlich organisiert und zum klassifizierbaren Objekt der Beobachtung eines weißen, männlichen Subjekts. Voraussetzung dafür ist ein körperlos-erdgebundener Blick auf ein neues imaginiertes Innen, was auch Konsequenzen für den Begriff des Lebens und das Innen und Außen von Natur nach sich zieht.

 

Wie an der historischen Tiefe dieser drei Beiträge ersichtlich wird, zielt die Verortung der Begriffstrias "Kultur – Technik – Medien im postglobalen Zeitalter" nicht auf ein zeitliches "Nach-der-Globalisierung" ab, sondern auf jene "metatheoretische Figur" (S. 9) des Planetarischen, die den europäischen Expansionismus und die Raum und Zeit verdichtenden Globalisierungsprozesse begleitet/e (und beeinflusst/e). Eine transdisziplinäre Herangehensweise ist dabei – wie dieser Sammelband eindrücklich vor Augen führt – für die kritisch-analytische Durchdringung des Planetarischen unerlässlich.

 

Eine Zäsur in der "neuzeitlichen planetarischen Blickordnung" stellte "die kopernikanische Wende im Fernsehen" (S. 139) mit dem Blick des Astronauten auf die Erde im Rahmen der US-amerikanischen Mondlandung dar. Lorenz Engell schlüsselt das komplexe Zusammenspiel der vielen technologischen Übersetzungsschritte mit den machtpolitischen und konzeptionellen Agenten auf, das ein neues Blickregime einführte, bei dem jedes Bild – per Übertragung – nicht mehr vom Planeten, sondern vom Trabanten (Mond, Raumschiff, Satelliten) aus gesehen wird. Bei diesem "Regime […] des Trabanten" (S. 154) ist das Medium Fernsehen nicht nur Zeuge, sondern Grundvoraussetzung. Das Fernsehbild als All-Sicht und Rück-Blick auf die Erde zeigt die Gesamtheit aller möglichen Blickpunkte und Bildrelationen und kreiert damit ein neues – ambivalentes – Selbstverständnis des Planeten, das in Metaphern wie dem 'Raumschiff Erde' (Buckminster Fuller 1968) und dem Bewusstsein der eigenen Grenzen des Wachstums (Dennis Meadows 1970) seinen Niederschlag findet.

 

Engells medienphilosophische Analyse stellt einen der vielen möglichen Ausgangspunkte dar, um die insgesamt 16 Beiträge des Sammelbandes über die sechs Kapitel hinweg verschränkt zu lesen. Die Vortragsperformance des Künstlerkollektivs Club der Autonomen Astronauten im gemeinsamen Kapitel "Fremde Welten auf unserer" stellt als bebildertes Skript einen performativen Kontrapunkt zu den militärischen, imperialistischen, zivilisationskritischen und technikapologetischen Phantasien dar, die die Raumfahrt im 20. Jahrhundert begleiteten, indem sie "das Planetarische als Wunschproduktion" (S. 119ff) bzw. die Raumfahrt als kollektive Angelegenheit im Sinne Latours und somit als Mittel im Erproben kollektiver Missionen neoistisch appropriiert. Aber auch die drei Beiträge zum Thema "Governance in weltumspannenden Medien" von Lisa Parks, Jeanette Hoffmann und Seán Ó Siochrú weisen ein subversives Moment auf und lassen sich mit Engells Analyse kurzschließen. Sie diskutieren die Regierung und Regierbarkeit weltumspannender Medien – insbesondere des Internets und der Satelliten – im Licht der ihnen zugrunde liegenden neoliberalen Machtstrukturen und suchen nach Möglichkeiten der Demokratisierung.

 

Ulrike Bergermanns Analyse der wie losgelöst manipulierbaren Bilder von Google Earth in der Einleitung des Bandes verbindet nicht nur die Medientechnologien von Internet und Satellit, sondern führt auch die unterschiedlichen Bedeutungsdimensionen des Planetarischen am überzeugendsten zusammen. "Der Anflug des [individualisierten] Blicks aus dem Weltall auf einen selbstgewählten Punkt auf der Erdoberfläche […] (kombiniert mit der Möglichkeit, Kommentare, eigene Bilder usw. zu einem Ort zu hinterlassen)" (S. 38) gehorcht nicht mehr der Unterwerfungslogik einer Blickzentrale. Es kommt zu "Verschiebungen im Verhältnis von Standpunkt, Subjekt und Bildtechnik, [bei denen] das Wir, von außen gesehen, namens 'Menschheit', […] abgelöst wird von zahllosen Ichs, die sich zu verschiedenen Wirs ins Verhältnis setzen können" (ebd.). Trotzdem ist gerade auch dieses situierte Wissen von der Welt in privatwirtschaftliche Machtstrukturen eingebettet.

 

Im Hinblick auf das Internet als social media verweist der hier erarbeitete Beitrag zur "Theoretisierung der transdisziplinären kulturwissenschaftlichen Medienwissenschaft" (S. 8) auf die vielen offenen Fragestellungen bezüglich der kommunikativen Qualitäten von (globalen/globalisierenden) Medien und die möglicherweise fruchtbaren Anknüpfungspunkte an sozialwissenschaftliche Disziplinen.

 

Obwohl die Herausgeberinnen den Fokus ihres Sammelbands nicht auf dem "Sozialen und Ökonomischen" (S. 17) sehen, zielt das von ihnen proklamierte kritische Potential der transdisziplinären Medientheorie/-analyse gerade auch auf die Dekonstruktion der semantischen Hegemonie des Globalismus (d. h. der neoliberalen Ideologie der Weltmarktherrschaft[1]) und seiner sozio-politischen Konsequenzen ab. Das trifft insbesondere auf das Kapitel "Weltverkehr, Raum und Ressourcen" zu. Während Elmar Altvater "die Verdoppelung der fossilen Energiekette in Kohlenstoff- und Verwertungszyklus" (S. 247ff.) aus politikwissenschaftlicher Perspektive analysiert, indem er die kapitalistische Nutzbarmachung umweltschädigender Folgelasten der auf Kohlenstoff basierenden Industrie im Verkauf und Handel von Emissionsrechten durchleuchtet, zeichnet Niels Werber anhand der unterschiedlichen Auslegungen des Begriffs 'Weltverkehr' den "Kampf" um die für unseren Planeten richtigen "Positionen und Begriffe" (S. 245) nach. 'Weltverkehr' bezeichnet, laut Werber, nicht nur ein Ensemble von Techniken, sondern konstituiert eine "Semantik des Globalen" (S. 237), die sowohl Castells und Hardt/Negri zur Imaginierung einer transnationalen Demokratie und Multitude dient, als auch zur Ausrufung eines 'Clash of Civilizations' (Huntington, Smith) herangezogen werden kann.

 

Dass bedeutungsmächtige Semantiken sich in der Politik und im weltgesellschaftlichen Handeln niederschlagen können/sollen, veranschaulichen Benjamin Drechsels konziser Streifzug durch die sich historisch und technologisch wandelnden Europa-Bilder (von der Jungfrau mit dem Stier über die kartografische Repräsentation Europas, die Euro-Münzen und die Europaflagge als Ausdruck von Corporate Identity bis hin zum Bild Europas als Festung oder gemeinsame Familie) sowie Antonio Negris Beitrag "Europa zwischen Atlantik und Ural". In gewohnt wort- und visionsgewaltiger Manier entwirft Negri ein Bild von der Aufgabe Europas im Rahmen der aktuellen weltgesellschaftlichen Krise als Modell einer freiheitlich-gerechten Weltregierung. Sein Aufruf zur "absoluten Demokratie" (S. 280) durch die Etablierung "globaler, postnationaler und postmoderner Institutionen" (S. 15) beschließt den Sammelband und unterstreicht – in Resonanz mit den anderen Beiträgen – nicht nur die wissenschaftliche, sondern vor allem auch die gesellschaftspolitische Relevanz der kritischen kulturwissenschaftlichen Medienwissenschaft im transdisziplinären Dialog.

 

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[1] Siehe Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? Frankfurt/Main: Suhrkamp 1997, S. 24ff.

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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