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Alexandra Pfeil-Schneider: Schlager im DDR-Fernsehen. Eine Analyse der non-fiktionalen Unterhaltungssendungen Schlager aus Berlin, Schlager einer kleinen Stadt und Schlager einer großen Stadt.

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2011. (Programmgeschichte des DDR-Fernsehens 35). ISBN 978-3-86583-558-1. 182 S. Preis: € 22,–.

Rezensiert von: Heiner Stahl

Schlagersendungen gehören zu einer hochgradig ambivalenten Gattung von Fernsehformaten. Sie treten in den 1960er Jahren neben die an Varieténummernprogramme angelehnten Unterhaltungshows (Breitenborn 2003), ohne diese jedoch vollständig abzulösen. Alexandra Pfeil-Schneider nimmt in ihrer als Buch im Leipziger Universitätsverlag erschienenen Magisterarbeit Schlager im DDR-Fernsehen Lesende mit auf eine Zeitreise in das aufbausozialistische Biedermeier des Bitterfelder Weges (1959/64).

 

Pfeil-Schneider verzeichnet recht beiläufig, wie viele auf Entertainment abzielende Sendungen des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in die Rubrik 'Musikshows' einzuordnen waren. Entstanden im Teilprojekt 4 des Sonderforschungsbereiches "Programmgeschichte des DDR-Fernsehens" an den Universitäten Halle und Leipzig ist dies eine empirisch tiefgehende, genrebezogen argumentierende und dennoch vorsichtig sezierende Arbeit. Im Mittelpunkt stehen die Sendungen Schlager aus Berlin (sechs Sendungen, 1962), Schlager einer kleinen Stadt (zehn Sendungen, 1964–67) und Schlager einer großen Stadt (neun Sendungen, 1968–71). Es handelte sich um "Musiksendungen mit Reportageelementen, die Besonderheiten verschiedener Orte zeigten" (S. 17). Alle drei Sendungen füllten die "im Schlagerbegriff liegende positive Doppeldeutigkeit" (S. 17) aus und markierten unterschiedliche Referenzräume.

 

Natürlich geht es dabei um Berlin als Hauptstadt der DDR, aber auch um Kleinstädte wie Sohland (Lausitz) oder Barth (Vorpommern) als Erlebnisorte, an denen etwas geschaffen wird. Und es werden Großstädte der DDR und der sozialistischen Bruderstaaten im Schlagersound entdeckt, die sich in den mentalen Landkarten einprägen sollten. Pfeil-Schneider rechnet aus (S. 17), dass von den 5.113 Unterhaltungssendungen des Deutschen Fernsehfunks im Zeitraum zwischen 1952 und 1990 etwa 3.029 Musikshows waren. Das ist ein Anteil von bis zu 60 Prozent, was einen durchaus überraschenden Befund darstellt. Die Vorstellung von der Entertainment-Fähigkeit des Deutschen Fernsehfunks wird gemeinhin als limitiert angenommen und ist insbesondere durch die Rahmungen politischer Sendungen vorgeprägt.

 

Den medienwissenschaftlichen Methodenwerkzeugkasten wendet Pfeil-Schneider überzeugend an; sie fokussiert in der Inhaltsanalyse auf die Repräsentationen von Orten und Musik, von Reportageelementen und Interviewstrecken. Sie unterteilt den Programmfluss und macht dessen Konstruiertheit verständlich. Hierbei können Zeithistoriker, die sich mit Medien beschäftigen, noch einiges lernen, was sich konstruktiv in die eigenen Herangehensweisen einarbeiten ließe.

 

Anstrengend und mühsam an der Lektüre von Schlager im DDR-Fernsehen ist, dass die detailgenaue Beschreibung der Sendeabläufe oftmals in Versessenheit umschlägt. Die übergreifende Fragestellung geht dabei verloren bzw. wird bis zur Unkenntlichkeit in Deskription aufgelöst. Da wäre zum Beispiel die Frage, wie Stadt und Gemeinschaft im DFF audio-visuell inszeniert werden und wieviel Entertainment die positive Propaganda von Aufbauerfolgen verträgt. Ferner wird nur leidlich geklärt, was sozialistischer Schlager eigentlich sei. Und durch die schiere Fokussierung auf die Produktionsebene passiert es mitunter, dass die Anleitungs- und Einspruchskontroversen, die es zweifellos zwischen der Agitations- und Propagandaabteilung des Zentralkomitees der SED und dem DDR-Fernsehen gegeben hat, aus dem Blickfeld geraten.

 

Durch Pfeil-Schneiders Buch wird deutlich, welche Fähigkeiten das DDR-Fernsehen ausbildete, um Inszenierungen von Gemeinschaft, Heimat, Aufbau und Ereignissen in den Farben des Sozialismus weichzuzeichnen. Die Lektüre von Pfeil-Schneiders Arbeit liefert auch eine stichhaltige Erklärung dafür, warum der Mitteldeutsche Rundfunk ein so erfolgreiches, massentaugliches Zielgruppenprogramm innerhalb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Bundesrepublik Deutschland machen konnte. Schließlich hat dessen früherer – inzwischen unehrenhaft entlassener – Chef der Unterhaltungsabteilung, Udo Foht, beim DFF in den späten 1970er Jahren sein Handwerk gelernt und die Kontinuität der antrainierten Sehroutinen schonungslos weiter bedient. Für die ostdeutsche Zielgruppe hat sich in dieser Hinsicht, mit Blick auf die Entertainmentleistung durch Fernsehen, nicht viel verändert. Dann läge die Frage aber nahe, warum sich das Unterhaltungsprogramm des DDR-Fernsehen möglicherweise deutlich weniger stark vom Programmschaffen privater Fernsehanbieter in den 1980er Jahren unterscheidet. Das hat Hans-Jörg Stiehler kürzlich in einem Interview in der Frankfurter Rundschau noch einmal verdeutlicht.[1]

 

Leider wagt Pfeil-Schneider solche Ausblicke nicht, sondern verweilt in einer selbstreferentiellen Analyse. Diese ist absolut gelungen, verzichtet aber konsequent auf weitere Einbettungen. Es bleibt eine geteilte Freude über diese Problematisierung von Schlagersendundgen im DDR-Fernsehen.

 

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[1] URL: http://www.fr-online.de/fr-fernsehkritik/mitteldeutscher-rundfunk--mit-quote-und-gefuehl-,1473344,10900066.html [Zugriff am 30.09.2011]

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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