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Joan Kristin Bleicher: Internet.

Konstanz: Verlagsgesellschaft UVK 2010. ISBN 978-3-8252-3425-6. Preis: € 9,90.

und

Martin Warnke: Theorien des Internet zur Einführung.

Hamburg: Junius 2011. ISBN: 978-3-88506-679-8. Preis: € 13,90.

Rezensiert von: Ramón Reichert

Mit dem rasanten Aufstieg des neuen Kommunikationsmediums Internet hat sich innerhalb der Medienwissenschaften eine dynamische Bedeutungsproduktion entwickelt, welche die grundlegenden kulturellen, sozialen und politischen Veränderungen, die das Internet als Medium, Technologie und Praxis konstituiert, zu thematisieren versucht.

 

Entlang dieser genuin fachübergreifenden Frage- und Problemstellungen innerhalb der digitalen Informations- und Kommunikationskultur haben zahlreiche Wissenschafter_innen unterschiedlichster Fachdisziplinen die Entwicklung und Durchsetzung des Internet nicht nur transdisziplinär, sondern auch zusehends wissenschaftskritisch und machttheoretisch begleitet. Mit der digitalen Medienkultur im Netz ist damit auch eine neue gesellschaftsdiagnostische Medientheorie entstanden, die ihre basalen Fragestellungen nicht mehr im engeren Feld der eigenen Fachgrenzen verortet, sondern darüber hinausgehend den Versuch unternimmt, aus der Geschichte, der Praxis und der Theorie unterschiedlicher Disziplinen hervorgehend die Frage des Stellenwerts der neuen Medien auf ihre politischen, sozialen und ökonomischen Machtformationen und -konzentrationen in grundlegender Weise zu beziehen.

 

Im Rahmen dieser prinzipiellen Perspektivierung der geschichtlichen, ökonomischen und sozialen Dimension von medialisiertem Wissen durch das Internet haben die an der Universität Hamburg lehrende Professorin für Medienwissenschaft, Joan Kristin Bleicher und der Informatiker und Physiker Martin Warnke, Professor für Kultur und Ästhetik digitaler Medien der Leuphana Universität Lüneburg, zwei einführende Grundlagentexte zum Phänomen Internet veröffentlicht, die hier besprochen werden sollen.

 

Der 2010 bei der Verlagsgesellschaft UVK in der Reihe UTB Profile publizierte Einführungsband der Hamburger Medienprofessorin Bleicher trägt den schlichten Titel Internet. Auch die Binnenstruktur des Buches ist einfach und übersichtlich gegliedert. Nach einem kurz gefassten Statement zum "Grundproblem der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Internet" (S. 7) erörtert die Autorin in sechs Kapiteln zentrale Aspekte des Internet. Zu Beginn untersucht sie die Rahmenbedingungen und Funktionsweisen des Internet und geht dabei auf seine unterschiedlichen Angebots-, Kommunikations- und Nutzungsformen ein, die sie auf gesellschaftliche Entwicklungen hin befragt. Sie erläutert in diesem Zusammenhang technologische Voraussetzungen und medienökonomische Eigentumsverhältnisse in der Angebotsentwicklung und setzt diese in ein politisches Spannungsverhältnis zu den netzspezifischen Anwendungsschichten, die als sichtbares Interface den Nutzer_innen zur Verfügung stehen und damit Interaktion und Interaktivität auf eine bestimmte Art und Weise formieren, regulieren und beschränken.

 

In ihrer Analyse der geschichtlichen Entwicklung des Internet, die Bleicher im zweiten Kapitel vorlegt, fasst sie die gängigen und maßgeblichen Diskursstränge der Mediengeschichte zusammen, ohne diese jedoch vertiefend in Frage zu stellen. Damit reproduziert der Einführungsband die bekannten medienhistorischen Einschreibungen vom Internet in die Netzwerkentwicklungen. Ohne weitergehende historische Kontextualisierung verortet er die diskursiven Ursprünge der frühen Internetentwicklung im Memexmodell von Vannevar Bush (1945) und in den Einrichtungen des militärischen Netzes durch das US-amerikanische Militär (ARPA-Net). Diese "Konzept- und Erprobungsphase" (S. 28) verknüpft die Verfasserin ideengeschichtlich mit der "Durchsetzungsphase" (S. 22) und mit der "Etablierungsphase" (S. 24).

 

Die Auseinandersetzung mit diesen unterschiedlichen Periodisierungen des Internet erschließt sich Bleicher ausschließlich aus der Erarbeitung einschlägiger Sekundärliteratur, die sie in ihren Grundthesen zusammenfasst und in sogenannte "Merksätzen" überführt. Die 'Merksätze' sind didaktisch orientierte 'Fenster' im Text, die den Studierenden als den Adressat_innen dieser Textsorte zur memnotechnischen Unterstützung bei der Lektüre dienlich sein sollen. Damit geriert sich Bleichers Einführungsband als universitäres Lehrbuch. Problematisch an dieser Art von wissenschaftlicher Didaktik sind jedoch weniger  Layout und Textaufbau, sondern die Reproduktion eines wissenschaftlichen Kanons, der stillschweigend und unhinterfragt fortgeschrieben wird. Diese Kanonbildung exemplifiziert Bleicher u. a. an der militärhistorischen Kontextualisierung des Internet. Diese Dimension der frühen Netzwerkentwicklung firmiert jedoch keineswegs als ein unumstrittenes Alleinstellungsmerkmal, wenn man in Betracht zieht, dass Netzwerke elektronischer Datenkommunikation u. a. auch in den zivilen Flugbuchungssystemen und in der Börsenkommunikation der 1950er Jahre Verwendung fanden.

 

Dennoch bezeugt dieser Einführungsband eine fundierte Quellenkenntnis, die Bleicher in den folgenden Kapiteln zu den historischen Wurzeln der Internetästhetik (S. 29–42) und den Ordnungsmodellen des Internet (S. 43–56) unter Beweis stellt.  In diesem Sinne eignet sich der Band durchaus als brauchbare Erstorientierung für Studierende der Kultur- und Medienwissenschaften, da er durchgehend eine kulturhistorische Perspektivierung der Internetkultur vornimmt und dabei immer auch die kulturelle Semantik der diskursiven Beschreibungsverfahren des Internet offen legt. Unterkapitel wie "Raummodell: Cyberspace, Portal, Plattform" (S. 46f.) oder "Digitale Kultur" (S. 81) historisieren den alltäglichen Sprachgebrauch und können daher als wertvolles Erkenntnisinstrument in der reflexiven Durchdringung des Internetphänomens eingesetzt werden.

 

Joan Kristin Bleichers Internet und Martin Warnkes Theorien des Internet weisen einen gemeinsamen Ansatzpunkt auf, der in beiden Einführungstexten jeweils zu Beginn explizit gemacht wird: Beide Bücher machen in ihrer Präambel auf die strukturelle Halbwertszeit der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Internet aufmerksam. Dessen dynamische Entwicklung und fluide Veränderlichkeit lassen seine Erforschung rasch veralten. Um das Internet in seiner Beständigkeit des flüchtigen Wandels fassbar zu machen, eröffnet Martin Warnke seine Einführungsdarstellung der Theorien des Internet mit einem historischen Rückblick. Von dieser historischen Perspektive erwartet sich der Autor keine "Geschichtstheorie des Internet" (S. 11) im Sinne einer teleologischen Beschreibbarkeit, sondern er zielt darauf ab, die diskursive Wirkmächtigkeit des Internet nachvollziehbar zu machen.

 

Demzufolge beschäftigt sich Warnke in seinem Kapitel zur "Geschichte des Internet" mit einem historischen Vergleich von dessen Entwicklung in den USA und in Europa und beleuchtet dabei die "Interessenskämpfe um die Standards" (S. 46–49) und die "massenhafte Durchsetzung des Internet im WWW" (S. 50ff.). Diese historische Perspektivierung des Internet vertieft Warnke in den Case Studies des fünften Kapitels (S. 142–157) und setzt sich im Close Reading mit kanonischen Texten der Netzpioniere auseinander (Vannevar Bush, Doug Engelbart, Ted Nelson).

 

Im zweiten Kapitel wird die technische Dimension des Internet erörtert. Seine differenzierte Sichtweise auf die diskursiven Kämpfe um Deutungshoheit verortet Warnke im industriellen Produktionsfeld der neuen Kommunikationstechnologie und sensibilisiert für die ökonomische Einbettung des Internet. Die technologische Konstitution der Netzmedien verhandelt er nicht im Gestus einer grundlagenorientierten Techniktheorie, sondern in einer "Auswahl technischer Sachverhalte, die das Gewebe des Internet als Großphänomen ausmachen" (S. 12). Damit löst er sich vom möglichen Anspruch, eine eigenständige Techniktheorie des Internet zu behaupten und versucht demgegenüber, die Konjunktur der Wissenssemantik von netzförmigen Organisationen erklärbar zu machen. In diesem Zusammenhang untersucht der Autor im dritten Kapitel (S. 99–118) den kulturellen Aufstieg und die infrastrukturelle Wirkmächtigkeit der Episteme des Netzes, die er anhand der Charakteristiken "Komplexität", "Omnipräsenz", "Skalenfreiheit", "Stabilität", "Wachstum" und "Emergenz" verhandelbar macht.

 

Diese breitere Einbettung seines Gegenstandsfeldes ermöglicht Warnke, das Internet von einer großflächiger angelegten Medienkultur her zu entwickeln, die sich im Hinblick auf soziale Bedeutungsproduktionen und kulturelle Transformationsprozesse öffnet und damit verdeutlicht, dass das Internet als medienkulturelles Phänomen kein feststehendes Mediengefüge sein kann, sondern sich aus den kollektiven Ausverhandlungsprozessen hervorgehend offen und unabgeschlossen entwickelt. Das vierte Kapitel widmet sich dem Internet als einem globalen Geschäftsfeld und beleuchtet das ökonomische Gebrauchswertversprechen der Erlösmodellierung des Internet-Commerce (S. 119–141).

 

Im Unterschied zum Lehrbuch von Bleicher, das nicht auf die theoretische Behauptung einer eigenständigen Forschungsperspektive abzielt, wirft Warnke in seinem Schlusskapitel die Frage auf, ob Alan Turings Gründungstext der Informatik die "informatorischen Grundfragen der heutigen Informationsgesellschaft noch zureichend" (S. 158) beschreiben könne. In einer kritischen Absetzbewegung beansprucht Warnke, dass eine informatische Theorie des Internet den Turing'schen Ansatz wesentlich zu erweitern habe. In einer gründlichen Relektüre von Turings Grundlagentext (S. 158–169) besteht für ihn "der entscheidende Schritt nun darin, dass […] nicht mehr nur ein Mensch mit einem Computer interagiert, sondern viele Menschen und viele Automaten miteinander verschalten werden, wie wir es weltumspannend im Internet vorfinden" (S. 169). Ausgehend von dieser Beobachtung macht der Verfasser darauf aufmerksam, dass die Bedienoberflächen nicht die unbedingte Macht der Ingenieure gegenüber den ihnen ohnmächtig ausgelieferten User_innen repräsentieren, da sie es nicht mehr schaffen würden, "Kontrolle vorzugaukeln" (S. 169): "Die Phänomene 'emergieren' und lassen sich nicht aus der Beschaffenheit der vernetzten Konstituenten ableiten, wenngleich unverdrossene Modellierer das noch immer versuchen" (S. 171).

 

Mit der widerständigen Denkfigur der Emergenz (und den von ihm aufgerufenen Kronzeugen wie etwas Howard Rheingold u. a.) versucht Warnke in seinen das Buch abschließenden Betrachtungen, eine emanzipatorische Theorieperspektive auf das Internet darzulegen. Auf den wenigen Seiten seiner Schlussbetrachtung – vorgetragen in einem sondierenden Gestus der Befragung, des Versuchs und der Annäherung – gelingt es ihm, die Leser_innen neugierig und inspiriert zurückzulassen.

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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