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Georg Seeßlen/Markus Metz: Blödmaschinen. Die Fabrikation von Stupidität.

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2011. ISBN: 978-3-518-12609-7. 782 S. Preis: € 25,–.

Rezensiert von: Herbert Schwaab

"Jeder ist in seiner Welt, doch meine ist die richtige." (Die Lassie Singers)

 

Keine Rezension dieses Bandes wird vermeiden können, auf die vielen Seiten zu verweisen, die Georg Seeßlen und Markus Metz mit ihrer Kritik an unserer Medienkultur gefüllt haben. Auf Seite 772 endet das Buch mit einer halbironischen Bemerkung, dass "schwerkritische Bücher wie dieses" in der Regel damit endeten, aufzuzeigen, wie es besser gemacht und die Verhältnisse geändert werden könnten. Aber es folgt als Nachwort zu diesem voluminösen Werk nur ein halbseitiger Abschnitt mit dem tröstenden Hinweis, dass alles, was gedacht, auch verändert werden könne.

 

Dies zeigt, dass Blödmaschinen nicht nur ein langes, sondern auch ein eigenwilliges und vor allem sperriges Buch ist, das seine Energien gegen eine, wie die Autoren meinen, von Dummheit bestimmte Kultur richtet. Diese vor allem durch Medien produzierte Dummheit ziele darauf ab – wie beispielsweise in einer von unzähligen in diesem Buch zu findenden Definitionen der Blödmaschine deutlich wird – jede Form von Kritik oder auch politischer Intervention zu verhindern: "Eine klassische Definition der Blödmaschine wäre demnach die Maschine, die Bewusstsein, Wahrnehmung und Kommunikation so verändert, dass der Mensch, der in sie gerät (und zum Teil: der sie bedient) weder seinen eigenen sozialen Ort scharf erkennen noch ein gemeinsames Interesse mit anderen suchen kann" (S. 739). Eine Frage, die sich für diese Rezension stellt, ist, ob Seeßlen und Metz mit ihrer Kritik dazu beitragen, uns die Konturen unserer Welt besser erkennen zu lassen und uns zum Handeln und Verändern zu animieren. Eine andere Frage lautet, ob diese Arbeit, die so sehr betont, dem Denken verpflichtet zu sein und in der Verhinderung von Denken durch die Blödmaschinen eine große Bedrohung sieht, selbst tatsächlich immer so gut denkt, wie es der Emphase, mit der diese Kritik formuliert wird, entsprechen würde.

 

Um den Begriff der Blödmaschine konturiert sich eine umfassende Kulturkritik, die, einfach ausgedrückt, eine Strategie der Erzeugung von Dummheit identifiziert, mit der der neoliberale Umbau in eine entpolitisierte, "postdemokratische" (S. 55) Gesellschaft einhergeht und dank dessen sich von verblödeten Subjekten unbeobachtet genau jene entfesselte Ökonomie entfalten kann, die der Menschheit gerade so viele Probleme bereitet. Blödmaschinen können so unterschiedliche Dinge wie Sport, Lidl, Bild-Zeitung, Mobiltelefone, Soziale Netzwerke, die FDP und vieles mehr sein; ein wichtiger Akzent wird hier aber auf die Blödmaschinen Fernsehen und Unterhaltung gelegt. Die Blödmaschine entzieht uns die Welt und die Möglichkeit sie zu beurteilen – beispielsweise durch die Ersetzung der Welt durch ihr medialisiertes Pendant, aber auch durch das Schaffen von neuen Tatsachen und Unterschieden, was sich über die 700 Seiten verteilt in einer Vielfalt von zum Teil sehr einleuchtenden Symptomen offenbart. So erzeuge zum Beispiel ein Discounter wie Lidl durch seine aggressive Preis- und Lohnpolitik erst die Schicht von Käufern, deren Bedürfnisse sie zu befriedigen vorgebe.

 

Sehr interessant ist in der Beschreibung der Symptome auch eine ausführliche Auseinandersetzung mit Unterhaltungskultur und die Entstehung einer US-amerikanischen populistischen Hochkulturkritik. Bemerkt wird, wie die Universitäten sich Effizienzkriterien unterwerfen und von einem Denkort zu einem Versuchsfeld von Produktentwicklung verkommen. Sehr fundiert ist die Kritik an Yellow Press und Bild-Zeitung und deren Formen der Zurichtung der Welt, die zugleich das Begehren befriedigen und das Bestrafen mitliefern. Aber vor allem bezieht sich die Auseinandersetzung auf das Fernsehen, auf Formate des Reality-TV und der Casting-Shows, und legt offen, wie diese das sich selbst führende moderne Subjekt einer neoliberalen Gesellschaft hervorbringen oder mit Soap Opera und anderen Formaten dem Überwachungsideal einer calvinistischen Kleinstadt entsprechen.

 

Seeßlen und Metz versuchen nicht nur Symptome aneinanderzureihen, sondern auch eine Funktion der Dummheit zu erfassen, indem sie den Ursprungsmythos des Entstehens von Dummheit mit der Geschichte der Lalen, einem deutschen Volksmärchen (aus dem die Schildbürger hervorgegangen sind) erzählen. Dummheit wird als eine Abschottung gegenüber der Komplexität der Welt begriffen, die von den Komplexitätsreduktionsmaschinen des Fernsehens und anderen Medien fortgesetzt wird. Daran schließt sich auch eine philosophische Diagnose eines überhand nehmenden Narzissmus an, der vor allem durch die neuen Medien unterstützt wird: "Der Mensch, der in der Welt nichts mehr verloren hat, ist sich selbst Welt geworden" (S. 175). Damit lassen sich sehr gut die Symptome der Nutzung von Mobiltelefonen und Sozialen Netzwerken erfassen, das Einrichten in einer Simulation sozialer Aktivität, bei der es kein Außen mehr gibt und die ebenso Kommunikation ermöglicht wie auch zerstört. Dies belegen Seeßlen und Metz überzeugend und detailliert damit, wie in Internetforen jeder Ansatz einer produktiven Diskussion durch diverse Störelemente verhindert und immer wieder von Rassisten und anderen problematischen Figuren gekapert wird.

 

Blödmaschinen ist (vielleicht) ein wichtiges Buch, das eine Perspektive einzunehmen versucht, die sowohl die makropolitischen Zusammenhänge – wie den Neoliberalismus und die Unterhaltungsindustrie unserer Welt – entmythologisiert und unsere Kultur zerstört, als auch die Details dieser Zerstörung in klassisch ideologiekritischen Analysen ihrer Symptome und Funktionsformen erfasst. Das alles wird in eine einigermaßen überzeugende, aber auch sehr ermüdende Argumentation eingebunden, die sich explizit außerhalb einer akademischen Kritik und Analyse verortet. Denn Blödmaschinen kritisiert nicht nur die Universität, sondern richtet sich, etwas zu jovial, in seiner Kritik an den Medienwissenschaften direkt an den Leser: "Haben sie in jüngster Zeit einmal beobachtet, wer was in den einschlägigen 'Wissenschaften' lehrt? Medienwissenschaft ist zum rationalistisch verbrämten kommunikativen Beschweiger der Medienrealität verkommen" (S. 637).

 

Auch wenn viele Medienwissenschaftler häufig selbst stört, wie gleichmütig die Medienrealität hingenommen oder wie schematisch Medienkritik betrieben wird, der Vorwurf von Seeßlen und Metz fordert uns dennoch heraus. Die Kritik erscheint auch aus dem Grund wenig überzeugend, weil Blödmaschinen (und vieles, was Seeßlen sonst noch schreibt), doch sehr theorieresistent ist, abgestandene Thesen und Theorien wieder aufkocht: ein wenig Simulationskritik im Stile Baudrillards, rudimentäre Verweise auf Luhmanns Systemtheorie und dessen Beschreibung der Realität der Massenmedien, etwas mehr von Foucault und dessen Beschreibung der Machtmechanismen einer neoliberalen Gesellschaft, eine Massenkulturkritik, die trotz der Identifikation neuerer Symptome, doch sehr an Horkheimer und Adorno erinnert, und sehr viel semiotische Ideologiekritik im Stile von Roland Barthes' Mythen des Alltags. Das ist nicht unbedingt das aktuellste Theorierepertoire und was Blödmaschinen nicht zu kennen scheint – oder vielleicht auch zu 'blöd' findet, um sich damit zu beschäftigen – sind Ansätze, welche ein etwas anderes, weniger negativ bestimmtes Verständnis der Populärkultur haben. Seeßlen und Metz versuchen zwar immer wieder auch den Eindruck zu vermeiden, dass es sich um eine naive, konservative Kritik am Fernsehen und an der Populärkultur handelt; sie gestehen ein, dass mit dem Kampfbegriff des Unterschichtenfernsehens sich eher der Versuch einer Ideologie der Mitte verbindet, sich "Karikaturen" der Schuldigen zu schaffen und von der eigenen Verstrickung in diverse Blödmaschinen abzulenken (S. 43); sie erkennen an, dass es auch viel Großartiges in der Unterhaltungskultur gibt. Dennoch scheint Unterhaltungskultur weitestgehend im klassischen Sinne als Zerstreuung definiert, der noch immer eine 'anstrengende' Hochkultur gegenübersteht.

 

Seeßlen und Metz bieten eine scheinbar radikale, philosophisch bedingungslose Kritik unserer Kultur und der Mechanismen einer Abschottung von der Welt durch Medialisierung an. Aber von einem philosophischen Standpunkt aus ist es auch eine sehr banale Kritik, wenn man mit Wittgenstein darauf hinweist, dass die Grenzen unserer Welt die Grenzen unserer Sprache sind und man daran anschließend die diversen alten und neuen Medien nur als eine weitere Verschiebung dieser Grenzen betrachtet. Doch wenn es um unsere Beziehung zur Welt und die Mechanismen geht, die sie uns entziehen, wäre es interessant, genau die Bedingungen der Wahrnehmung der Medien zu betrachten und etwa der Frage nachzugehen, ob nicht gerade die Sehanordnung des Fernsehens und der Flow der Bilder die Voraussetzungen dafür bieten, dass sich auch intensive, verblüffende und überraschende Momente ereignen können, dass sich so etwas wie 'Welt' zeigen kann. Im Reality-TV-Format wäre das zum Beispiel nicht nur der Blick auf die Zurichtung von Menschen, den die Sendungen zweifellos bieten, sondern der Blick in ein Wohnzimmer und dessen ebenso banale wie überraschende Alltäglichkeit – als eines von vielen, gar nicht so einfach zu erfassenden Motiven der Zuschauer des Fernsehens.

 

Die von Seeßlen und Metz ignorierten Cultural Studies, aber auch viele der in den von ihnen verdammten Medienwissenschaften entwickelten Theorien hätten dazu etwas Besseres zu sagen als das, was sich in Blödmaschinen an altbackener Kulturkritik finden lässt. Sie hätten beispielsweise ein Vokabular dafür geliefert, das eine wichtige Differenzierung zwischen der 'Blödmaschine' Fernsehen (und deren statischem Subjekt) und der auf individuelle Wünsche der Nutzenden bezogenen 'Blödmaschine' Neue Medien (und ihrem mobilen Subjekt), die das Fernsehen zunehmend anachronistisch erscheinen lassen, erlaubt hätte.

 

Am meisten stört allerdings an Blödmaschinen nicht diese doch wieder recht eindeutige Positionierung gegenüber der Unterhaltungskultur, die man von einer klassischen Kulturkritik kennt, auch nicht, wie Seeßlen und Metz einen Autor wie Bachtin, dessen Beschreibung des Karnevals sich eigentlich für eine positive Deutung der Volks- und Populärkultur eignet, durch Verkürzung für eine Kritik an den 'Blödmaschinen' reklamieren, sondern wie die Autoren sich selbst in eine Kritik hineinsteigern und in eine Rage reden, die nicht nur alle Erscheinungen der Welt zu Symptomen der von ihnen beschriebenen Produktion von Dummheit macht, sondern auch ungelenke und naive Formulierungen wie etwa die Folgende hervorbringt: "Wer an einem Fahrkartenautomaten der DB versagt, mag sich danach sehnen, sich am Abend von den Spatzelkastner Zillerberglern etwas vom Bankerl am Jägersteig und der alten Dampf-Sch-Sch-Dampfeisenbahn vorsingen zu lassen" (S. 88). Das soll wohl komisch sein, aber es ist nicht komisch. Vielmehr erzeugen und erzwingen Formulierungen wie diese einen Konsens (die unausgesprochene und bequeme Gleichsetzung von Faschismus und Volksmusik, die für Seeßlen so typisch ist) und suggerieren einen Zusammenhang, der einer Kulturkritik, die im Namen des Denkens operiert, unangemessen ist.

 

Blödmaschinen liest sich als Materialsammlung einer zum Teil hellsichtigen Kulturkritik sehr gut, aber es verstört – zumindest mich als Leser – durch seine Neigung, zu einer 'Schreibmaschine' zu werden, die selbst eine Neigung dazu hat, sich von der Welt abzuschotten und eine Kritik zu formulieren, die eigentlich auch zu dieser Welt und vor allem zu den anvisierten Lesern dieses Buches passt, aber letztendlich nicht schlau genug ist, um neue Türen zu öffnen und Perspektiven auf die Welt anzubieten.

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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