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Annelie Ramsbrock: Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne.

Göttingen: Wallstein 2011. ISBN 978-3-8353-0833-6. 309 S. Preis: € 30,80.

Rezensiert von: Heiner Stahl

Annelie Ramsbrocks bei Wallstein erschienene Dissertation Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne zeichnet sich durch einen wirklich griffigen Titel aus. Nicht nur das, die Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Körperpolitik im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert.

 

Die Kapitel tragen Überschriften wie "Körper und künstliche Schönheit im 18. Jahrhundert" (S. 31–62), "Regulierte Körper" (S. 63–101), "Renovierte Körper" (S. 102–159) und "Simulierte Körper" (S. 160–228). Der letzte Abschnitt der Dissertation widmet sich – insbesondere mit Blick auf einzelne Ärzte wie Jacques Joseph, Julius Moses oder Martin Gumpert – der 'sozialen Kosmetik' in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus (S. 229–262).

 

Die Titel der Unterkapitel wie "Pockennarben", "Sommersprossen", "Falten", "Schminken", "Röntgenstrahlen", "Künstliche Höhensonne" oder "Medizin oder Konsum? Kosmetiker im Schönheitssalon" sind prägnant, einprägsam und führen behände durch das Buch. Schroffer formuliert, und diese Bemerkung lässt sich durchaus als Kritik an Ramsbrock verstehen, veranschaulicht dieses Werk die Biopolitik der Oberfläche. Leider verharrt diese Arbeit allzu häufig eben auch an dieser.

 

Der Begriff "Normalität" postuliere – Ramsbrock übernimmt hier voll und ganz Jürgen Links Position – "geregeltes Verhalten als Wert an sich". Das notwendige Wissen, so Link, müsse erworben werden, um die Übergänge zum "nicht tolerablen Verhalten" zu kennen und "Handlungen anhand symbolischer Kurven auf ihrem inneren Bildschirm selbst kontrollieren" zu können (S. 100). Dieser Blickwinkel ermöglicht es der Autorin, Normalitäts-Zonen zu markieren. Sie bemüht sich nach Kräften, diese Normalitäts-Zonen von in Zeitschriften kommunizierten Verhaltensanleitungen zu trennen. Kosmetik, so stellt die Autorin heraus, hatte "zwar das Moment der Individualität im Blick, doch bedeutete das nicht, dass sie modernen Konzepten von Einzigartigkeit folgte", oder gar die "Ausbildung von Persönlichkeit forcierte" (S. 101).

 

Ramsbrock unterscheidet also eine medizinische Wissenstradierung von einer gestaltenden Schönheitschirurgie. Das ästhetische Empfinden des Einzelnen spielte im kosmetischen Diskurs des 19. Jahrhunderts demnach keine Rolle. Der korrigierte Körper wird zur Option und Disposition von Körperpolitik, in die "individuelle Vorstellungen von Normalität und Gesundheit" Eingang finden (S. 101).

 

"Schönheitsideale sind Repräsentationen von wissenschaftlichen und sozialen Ordnungsmodellen" und seien deshalb auch eine "Spielart gesellschaftlicher Selbstbeschreibung" (S. 263). Sätze wie dieser oder die Anmerkung, dass Hygiene eine Wissensordnung sei, "die in der Kosmetik eine konkrete Anwendung fand" (S. 266), dienen der Autorin als Verklammerungen und Begrenzungslinien, um den allzu beweglichen und geradezu opaken, durchlässigen Untersuchungsgegenstand fixieren zu können. Dies gelingt ihr aber nicht durchgängig.

 

'Korrigierte Körper' seien als Problemfeld auch verwissenschaftlicht worden, führt die Verfasserin an. Allerdings vollziehe sich dies innerhalb eines "ausdifferenzierten Feld[es] medizinischer Fachdisziplinen und einer professionalisierten Ärzteschaft" (S. 267), namentlich der in Erscheinung tretenden Schönheits-Chirurgenschaft. Ramsbrock schneidet in diesem Zusammenhang die in Berlin Ende der 1920er Jahre eingerichtete Beratungsstelle für Entstellungskranke an. Sie ordnet diese in die Diskurslinien der Sozialmedizin ein, aber fragt nicht nach der Bedeutung von Gesundheit, wenn die visuelle Erscheinung des Körpers normalisiert wird.

 

Die Studie verbindet unterschiedliche Quellenformen. Mittels Fachartikeln, Selbstzeugnissen von Ärzten, Berichten in der Tagespresse sowie anhand von Werbeanzeigen zeichnet Ramsbrock die Begründungsmuster von Kosmetik, Körperregulierung und -korrigierung nach. Das leistet sie zum einen am Beispiel der Zeitschrift des Verbandes Pflege des Äussern (1929), welche drei Jahre später in Kosmetische Zeitschrift. Organ des Reichsverbandes der Kosmetischen Berufe umbenannt wurde (S. 223), und zum anderen an Wochenzeitschriften wie Das Magazin, Die Dame, Koralle oder Deutsche Familienillustrierte. In diesem Zusammenhang hätte der Rezensent gerne etwas über Tätowierungen gelesen. Aber solche Gegenentwürfe zu Normal-Schönheits-Idealen bilden nicht den Kern der vorliegenden Untersuchung.

 

Die Autorin modelliert ihre Bezugnahmen auf Körperpolitik und Schönheitskonzepte aus unterschiedlichen Zutaten, eben verstreuten Beispielen aus verschiedenen Zeitabschnitten. Sie hat einen solchen Versuch gewagt und zu Ende geführt. Das ist uneingeschränkt zu loben. Und das gerade, weil die 'Tiefenbohrungen' der Normen- und Wissensordnungen von Schönheit in diesem Buch eher verstreut liegen und nur mit Aufgeschlossenheit als kohärent und 'zwangsläufig' einzuordnen sind. Insbesondere Ramsbrocks Absteckungsversuche von rhetorischen und körperlichen Räumen des Ausdrucks und der Selbst-Darstellung verdienen positive Erwähnung. An diesen Stellen kratzt die Autorin nicht nur an der glänzenden Oberfläche dieses ambivalenten Gegenstandes, sondern legt unterschiedliche Musterungen von Körperbestimmungen frei. Leider verzichtet sie aber konsequent darauf, daraus neue Fragestellungen zu entwickeln. So hinterlässt Korrigierte Körper einen zwiespältigen Eindruck, denn vollständig begeistert hat das Buch den Rezensenten nicht.

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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