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Kathrin Ackermann/Christopher F. Laferl (Hg.): Transpositionen des Televisiven. Fernsehen in Literatur und Film.

Bielefeld: transcript 2009. 268 S. ISBN 978-3-89942-938-1. Preis: € 27,80.

Rezensiert von: Henning Wrage

Dieser Band, der Autoren aus Deutschland, Österreich und Italien versammelt, widmet sich einer klassischen intermedialen Frage mit einem innovativen Twist: der Transponierbarkeit eines Mediums in ein anderes, hier – der Übertragung und Übertragbarkeit des Fernsehens in die Literatur, den Film und ins Theater.

 

Ein interessanter Fokus, der die seit den 1970er Jahren klassisch gewordene Fragestellung nach der Literatur in den audiovisuellen Medien (vgl. Irmela Schneider: Der verwandelte Text. Wege zu einer Theorie der Literaturverfilmung. Tübingen 1981; Helmut Schanze (Hg.): Fernsehgeschichte der Literatur. München 1996) gewissermaßen umkehrt. Wenn auch beide Konzeptualisierungen die McLuhan'sche These implizieren, dass der Inhalt eines Mediums immer ein anderes Medium ist: Hier geht es nicht mehr um die Präsenz alter in neuen Medien zum Zweck der kulturellen Nobilitierung, sondern um die Aufnahme von Elementen neuer Medien in die 'alten'.

 

Das Vorwort stellt – nach einem rhetorischen Schlenker, der mit kritischer Geste daran erinnert, dass das "Sprechen über das Fernsehen noch immer im Zeichen der Verallgemeinerung" steht (S. 7) (welcher, zumal wissenschaftliche, Diskurs täte das auch nicht) – zu Recht fest, dass "das TV 'bashing' nach wie vor einen Gemeinplatz" (ebd.) des intellektuellen Diskurses darstellt. Demgegenüber soll es in diesem Band darum gehen, in Einzelstudien die ästhetischen Auseinandersetzungen mit der Television im Film und in der Literatur auszuloten. Das Feld wird überzeugend mediengenerationell weiter differenziert: Nur als Kontrast werden die Furcht- und Faszinationsgeschichten thematisiert, die im Umfeld der Gründung des Fernsehens entstehen. Im Fokus befinden sich demgegenüber die Auseinandersetzungen mit dem Fernsehen durch jene Generationen, "die schon als Kind […] mit dem Fernseher aufgewachsen" (S. 9) sind.

 

Der erste Aufsatz des Bands, Volker Roloffs exzellenter Überblick über "Theatralität und Intermedialität im Fernsehen", liefert ein theoretisches Komplement zum Vorwort: Er skizziert das Fernsehen als Ort neuer Formen von Theatralität, als Dispositiv sowohl ihrer Erweiterung als auch ihrer Auflösung. Im Spannungsfeld von Spannungsproduktion einerseits und der Indifferenz des 'flow' andererseits wird es zur Schaubühne und mehr noch, zum Medium des Imaginären der Gesellschaft. Jenes wiederum wird, im Unterschied zu Freud, gedeutet als "Strom von Vorstellungen, Affekten, Wünschen, Begehren, der […] immer nur als Prozess, als Differenz und als Aufschub denkbar ist" (S. 18). Mit anderen Worten: Fernsehen remobilisiert und rekonzeptionalisiert zentrale gesellschaftsrelevante Kategorien wie Schaulust, Redelust, Inszenierung und Rollenspiel, die es der Bühne abgewinnt und mit neuen Verkehrsformen und Spielregeln versieht. Dies wird zum Modellfall, mit dessen Hilfe Roloff – zuweilen assoziativ, aber stets luzide – zur Diskussion fundamentaler Fragen wie der Differenz von Realem und Repräsentation oder der Hybridisierung der Medienlandschaft heute gelangt.

 

Christian von Tschilkes Beitrag über die "Literarische Fernsehbeobachtung in Frankreich" diskutiert die Reflexion des Fernsehens als Funktion und Aufgabe der Literatur in Frankreich in den 1990er Jahren, den spezifischen Niederschlag einer fernsehgeprägten Mediensozialisation in einem spezifisch literarischen Wissen. Während Roloffs Text von den Texten Raymond Williams' inspiriert ist, entlehnt von Tschilke seinen Beobachtungsbegriff der Systemtheorie. Die im Vorwort eingeführte generationelle Differenz in der Mediensozialisation wird hier am Beispiel von Milan Kunderas La lenteur und Jean-Philippe Tousaints La television durchgeführt, die als je spezifische Formen von moderner und postmoderner Fernsehbeobachtung gelten (vgl. S. 35 ff). Zugleich teilen beide Romane Beobachterpositionen, die von der Observation des Fernsehens zu einer (Neu-)Bestimmung des Literarischen gelangen.

 

Kathrin Ackermanns Beitrag über fernsehreflexive Schreibweisen bei Andrea de Carlo und Mauro Covacich, zwei Autoren der prä- und post-'letteratura cannibale', nimmt die von Volker Roloff eingeführte Polarität von Entdramatisierung und Spannungsproduktion auf und appliziert sie in die Analyse ihrer Autoren: Während bei de Carlo das Fernsehen als "Welt der Indifferenz, Kontingenz, Belanglosigkeit und Austauschbarkeit" (S. 85) dargestellt werde, kennzeichne Covacich die 'Television' als Raum permanenter Grenzüberschreitung, der die Trennung von Innen und Außen, von Realität und Imagination zunehmend zum Verschwinden bringt.

 

Dagmar Schmelzers Beitrag widmet sich der spanischen 'Generation X' den 'Kindern des Fernsehens' (S. 89), die zwischen 1960 und 1980 geboren sind. Sie gilt Schmelzer als die erste genuin postmoderne Generation, für die die moderne Mediengesellschaft keine Gedankenfigur, sondern gelebte Wirklichkeit ist (vgl. S. 89f.). Von den offiziellen Literaturgeschichten bislang zu wenig wahrgenommen, artikulierten die in dieser Generation entstehenden Romane einen – so die Genrebezeichnung – 'schmutzigen Realismus', der ebenso das Lebensgefühl wie Gesellschaftskritik zum Ausdruck bringt. Teil dessen sei eine postmoderne Position innerhalb des Diskurses über das Fernsehen; das wiederum sei eminenter Bestandteil der als omnipräsenter Hintergrund vorgeführten Konsumkultur. Schmelzers Ausgangsthese ist dabei, dass die junge spanische Literatur nicht nur das Fernsehen, sondern auch die fernsehkritischen Diskurse in den Blick nimmt.

 

Eine Reihe weiterer Beiträge geht stärker ins Konkrete: Jörg Türschmann widmet sich in einer Einzelstudie Didier Daeninckx' Zapping, einem Roman, der, wie der Autor vermerkt, den polemisierenden Fernsehbetrieb und die Beschränktheit seiner Sichtweisen in einer Weise kritisiert, die – unfreiwillig – selbst die Inszenierungsformen des bloßgestellten Mediums bedient (Zapping ist darin Bölls Katharina Blum wohl nicht unähnlich). Klaus Peter Walter sichtet in seinem Beitrag die, zumindest in dieser Auswahl, durchweg kritischen Inszenierungen der Spielshow im Film, Sandra Strigl die Reflexion des Fernsehens in Fernando Meirelles' Domésticas. Birgit Wagner untersucht die Zitate auf Fernsehserien in einigen Beispielen des Autorenkinos, die, zumindest im Fall von Lynchs Twin Peaks, deutlich positiv konnotiert sind. Christoph Laferls Beitrag schließlich beleuchtet die vielfältigen Fernsehzitate im Schaffen Pedro Almodovars, die nicht nur Produktion, Rezeption und Reflexion über das Fernsehen umfassen (vgl. etwa S. 210), sondern, bei aller Ambivalenz in der Bewertung, die Struktur seiner Filme selbst grundsätzlich prägen.

 

Erst im letzten Beitrag des Bandes referiert Arturo Larcati die – lange – Tradition der Fernsehkritik in Deutschland, hier pointiert in den Blick gerückt am Beispiel von Botho Strauß: wie man sich erinnert, einer Fundamentalkritik an der durch die Kulturindustrie im Allgemeinen und im Besonderen durch das Fernsehen amplifizierten 'Totalherrschaft der Gegenwart' nach Mustern von Adorno über Postman bis Virilio. In diesem Diskurs verortet der Autor auch die Stücke und Texte von Thomas Enzinger und Luca Doninelli, wobei Doninelli die 'tödlichen Effekte' der Talkshow mit der Logik des Nationalsozialismus zu vergleichen müssen glaubt – und damit wiederum das vermeintlich tendenziös Übersteigerte des kritisierten Mediums auf den Modus der Kritik selbst überträgt. Larcati zeigt am Beispiel Enzensbergers jedoch ebenso die allmählich differenzierteren Diskurse über das Fernsehen seit den 1980er Jahren auf.

 

Insgesamt hätte man sich bei einem so interdisziplinären Thema vielleicht zusätzlich einen explizit mediengeschichtlichen oder medienphilosophischen Beitrag gewünscht, und vielleicht hätte das Vorwort den Band theoretisch und wissenschaftsgeschichtlich noch mehr einordnen können. Dennoch erweist sich dieses Buch bei aller Differenz in der Methodik und der Herangehensweise der einzelnen Autoren – oder: gerade deswegen – als höchst lesenswert.

 

Veröffentlicht am 14.12.2011 (Ausgabe 2011/2)

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