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Butis Butis (Hg.), Stehende Gewässer. Medien der Stagnation.

Zürich/Berlin: diaphanes 2007. ISBN 978-03734-014-1. 320 S., Broschur, 55 Abbildungen. Preis: € 29,90.

Rezensiert von: Barbara Eichinger

Jeder Stillstand wird G/geschehen

 

Nehmen Sie den Sammelband Stehende Gewässer. Medien der Stagnation und stellen Sie sich vor, er sei ein Aquarium, platziert auf einem Biedermeiertischchen in Ihrem Wohnzimmer. Stellen Sie es vor sich auf den Tisch und betrachten Sie es aus verschiedenen Perspektiven. Was sehen Sie? Ärgern Sie sich über die kleine Felsengrotte in der Mitte des quaderförmigen Glasbehälters, die Ihnen die Sicht auf Ihr soeben erst erstandenes Seepferdchen verstellt? Sind Sie fasziniert vom Relief der Ablagerungen im Bodensatz des Behälters? Fragen Sie sich, was die Mikroorganismen dieses künstlichen Ökosystems so treiben? Befassen Sie sich mit Ihrem Spiegelbild auf der Wasseroberfläche und befragen es nach seiner Geschichte oder entdecken Sie in dem hermetischen Behälter das Organisationsprinzip des Universums?

 

Die Qualität des Bandes Stehende Gewässer. Medien der Stagnation der gleichnamigen Tagung des Graduiertenkollegs "Mediale Historiographien" (Weimar, Erfurt, Jena), die im April 2006 in Weimar stattfand, liegt eindeutig in der originellen Themenstellung und den interdisziplinären Beiträgen aus der Medien-, Kunst- und Literaturwissenschaft sowie der Philosophie und Limnologie. Weiters verleiht ihm die glückliche Wahl von Butis Butis als Stellvertreter für die HerausgeberInnen eine ironische Selbstreflexivität. Butis Butis, dt. der Grundel, leiht den Mitgliedern des Graduiertenkollegs nicht nur seinen Namen, sondern auch seinen Lebensraum: Stehende Gewässer. Die Beiträge sind so dynamisch wie innehaltend, so den Gesetzen der Limnologie verhaftet wie der Philosophie und Historiographie. Ihr Bindeglied ist die Beobachtung und Analyse der Wechselwirkungen zwischen Stagnation und Bewegung, die einander – so der Tenor des Bandes – bedingen: Ohne Stillstand kein Prozess, ohne Dynamik keine Unterbrechung. "Nicht-Einhalten der Disziplinen ist dabei Programm", so die HerausgeberInnen Jan Behnstedt, Thorsten Bothe, Christina Hünsche, Alexander Klose, Isabella Kranz, Helga Lutz und Nina Wiedemeyer in der Einleitung. Die relativ lose "schwebenden" Beiträge, auch bekannt unter dem Namen Plankton, lassen sich in den Netzen folgender inhaltlicher Schwerpunkte fangen: "Geschichtliche Einschnitte", "Literarische Stauungen", "Elektrizität und Polarisierung", "Limnologie und Philosophie", "Rhythmus und Musik", und "mikro- und makroskopische Betrachtungen im/des Universums".

 

"Die historische Welt ist gleich einem Ozean."[1] – Geschichtliche Einschnitte

 

In einem ersten einführenden Beitrag analysiert der Philosoph und Kulturwissenschaftler Friedrich Balke mit Bezug auf Fernand Braudel den Kampf zwischen Ereignis- und Strukturgeschichte, wie er in Frankreich Mitte des 20. Jahrhunderts in den Diskussionen um die Annales-Schule geführt wurde, und fragt abschließend nach gegenwärtigen Möglichkeiten der quantitativen und seriellen Geschichtsschreibung mit Hilfe digitaler Medien. Technische Störungen, so der Autor, könnten historische Quellen bis zur Unkenntlichkeit "entfremden" – das Ereignis verliere seinen Platz, es falle "aus seiner Zeit" oder werde als "Repräsentant des ewig Gleichen" vom Historiker instrumentalisiert. Eine ähnliche Problemstellung zeigt auch Gregor Kanitz in seinem Beitrag zu Stockungen und Verzögerungen in der Produktion geistigen Wissens am Beispiel der "Papierpolitik" des Methodologen der Geschichtswissenschaft des 18. Jahrhunderts, Wilhelm Dilthey. Laut Kanitz führten die Stockungen im Arbeitsprozess nicht nur zu großen Publikationsverzögerungen, sondern in weiterer Folge zu mythischen Überhöhungen der Quellen – als Repräsentanten einer überhöhten "Ewigkeit", die insbesondere von der katholischen Geschichtsschreibung als Wahrheits- und Gottesbeweis missbraucht worden wären. Mit dem Bruch der lang propagierten "Einheit von Geschichte und Gotteserkenntnis", wie ihn die Reformation verursacht hat, beschäftigt sich Marcus Sandl in seinem Beitrag. Die katholische Historiographie – also auch jene der Habsburger – sei in bewusstem Gegensatz zur protestantischen – jener Brandenburg-Preußens – getreten. Während die eine "Geschichte" sich in den Dienst "des Einen, wahren und geoffenbarten Gottes" stellte, sich also zu einem "ewig Gleichbleibenden" hinwendete, griff die andere in ihrer Affinität zur Schrift auf hermeneutische Verfahrensweisen zurück, so der Historiker.

 

"Schreiben der Stagnation"[2] – Literarische Stauungen

 

Dass insbesondere die Schrift als Medium und ihrer Abhängigkeit von Medien Prozesse der Geschichte bedingen, verstärken oder abschwächen kann, zeigen die Beiträge von Jörg Paulus und Jörn Etzold. Während Paulus die Schrift als Reservoir der Kulturgeschichte, eingebettet in soziologische und literaturwissenschaftliche Aspekte der kunstvollen Briefkultur des 18. Jahrhunderts – insbesondere jener Jean Pauls – nach Figuren der Stagnation untersucht, beschreibt Jörn Etzold das "Schreiben" als "Machtinstrument über Zeit und Raum" im Werk des südamerikanischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti.

 

Polarisierungen – "Ein Zickzack, wie der Blitz, ist jeder Körper in seinem Innern."[3]

 

Ausgehend vom "Stauen, Stocken, Denken" des "alten" Kontinents Europa, begibt sich Stephan Gregory im deutschen Idealismus (Fichte, Kant) auf die Suche nach jenem Moment, in dem die Philosophie die bis dahin vorherrschende Metapher für das Denken, das Wasser, um jene der elektrischen Kräfte erweitert hat. Die deutsche Romantik übertrage, so Gregory, die Elektrizität als polares, fließendes Phänomen auf die Natur und das Denken, was zu Phänomenen der Unterbrechung und Abstoßung führe. Anstatt in einem ruhigen Fluss mitzutreiben, sehe sich das Subjekt des elektrischen 19. Jahrhunderts hin- und hergeworfen zwischen Impulsen, was eine Unendlichkeit des Hin- und Her-Zuckens zwischen Position und Negation zur Folge habe. Anknüpfungspunkte hierzu finden sich in Marc Röllis Beitrag zum alltäglichen Erfahrungs- und Wiederholungszusammenhang "des Subjekts". Mit Verweis auf die von Husserl beschriebenen Wiederholungsphänomene[4] und Freuds Aufsatz "Jenseits des Lustprinzips" argumentiert Rölli für eine Differenzierung des Begriffs der Wiederholung in eine individuelle, unbewusste und eine "empirische"- kosmologische Wiederholung, wie sie beispielsweise von Nietzsche beschrieben wird.

 

"Die Mauer um den Sumpf" – Limnologie und Philosophie

 

Dass in der Problematik einer "Differenzierung" eine der wesentlichen Gemeinsamkeiten der Limnologie und Philosophie zu finden ist, zeigt Bettine Menke mit Blumenbergs Die Mauer um den Sumpf. In der komparativen Darstellung von Modellen Blumenbergs, Wittgensteins und Husserls diskutiert die Literaturwissenschaftlerin Möglich- und Unmöglichkeiten der Grenzziehung zwischen der Steinmauer und dem sumpfigen Morast als Metapher für die "unbestimmten Zonen" in der Philosophie. Der sumpfige Morast, den der Laie schlicht als "Schlamm" wahrnimmt, ist für den Limnologen, so der Ökologe Thomas Hübener, das Archiv zur Erforschung des Gewässers - sein "Gedächtnis".

Im Anschluss an Hübeners Beitrag verdeutlicht Thorsten Bothe das Wasser als gängige Metapher der Schrift wie auch des Gedächtnisses. Mit einem Auszug aus Thomas Harris' Hannibal zeichnet Bothe das menschliche Gedächtnis als Tableau, bestehend aus reliefartigen Verknüpfungen – etwa vergleichbar mit dem Querschnitt des Ozeans. Ein etwas "kleineres" Format, nämlich die wasserwirtschaftliche Stauanlage in Fließgewässern, zieht Ulfert Tschirner zur Analyse des Organisationsprinzips eines Museums heran und veranschaulicht u. a. die gegenseitige Bedingung von "Verstautem" und Sichtbarem der Museumslandschaft.

Der Erzeugung von wohlproportionierten Intervallen europäischer Musik durch wasserbetriebene Musikinstrumente des 17. und 18. Jahrhunderts widmen sich schließlich Thorsten Bothe und André Wendler in ihren Beiträgen.

 

"Orte der Unterbrechung"[5] – Momente im Universellen

 

Mit der "weißen und keimfreien Waschzelle", dem Badezimmer als "Ort der Unterbrechung", beginnt Alexander Klose seinen Beitrag. Am berühmten Gemälde Der Tod des Marat (1793) von Jacques-Louis David und jenem Foto des toten CDU-Politikers Uwe Barschel in der Badewanne, das im Oktober 1987 durch die Weltpresse ging, fächert Klose mögliche Erinnerungs- und damit einhergehende Konnotations- und Ethikdebatten über die "Visualisierung des Moments des Todes" auf. In Gegenüberstellung mit Thomas Demands[6] Fotografie Badezimmer (1997), das eine Nachahmung des Barschel-Bildes mit bewusster Auslassung der Leiche darstellt und auch als Cover des Sammelbandes dient, zeigt Klose künstlerische Methoden der Reduktion und Stilllegung. In einem kurzen zweiten Beitrag überträgt der Autor die dem Organisationsprinzip der hermetischen, autonomen Objekte[7] des Künstlers Hans Haacke inhärente allgemeine Systemtheorie auf politische, soziale und ökonomische Prozesse. Parallelen der Konservierung, der Stillstellung in Medizin und Kunst, widmet sich auch Nina Wiedemeyer im Œuvre von Damien Hirst. In den in hermetischen Glaskästen "festgehaltenen" präparierten Tierkörpern des Künstlers sieht Wiedemeyer die Unheimlichkeit der Indifferenz von Leben und Tod im Moment der Betrachtung. Weitere Formen von Zwischenstadien des Daseins zeigen Götz Grossklaus, Helga Lutz und Annika Reich in ihren Beiträgen. Mit Beispielen aus der Literatur am Vorabend der französischen Revolution, der Fotografien von Eugène Atget im späten 19. Jahrhundert in Paris und Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern wie Wim Wenders und Rolf Brinkmann entdeckt Grossklaus mediale Heterochronien, "Gegenorte" und "Entfremdungen" im Fluss der Geschichte. Der Daseinszustand der "Entfremdung" spielt auch eine wesentliche Rolle zur Beschreibung des Phänomens der Langeweile, das Helga Lutz und Annika Reich als das "ultimative Gefangensein in der eigenen Zeitlichkeit" bezeichnen.

 

Illusionen und "Paradiesische Zustände"[8]

 

In seinem kurzen historischen Abriss zur Temperatur eröffnet Sebastian Vehlken Prozesse der Nanotechnologie und Physik als Geschichte von sich gegenseitig bedingenden Dynamiken und "Stillständen" der Naturwissenschaften. Ausgehend von Kants Überlegungen zum Nachweis eines Äthers (um 1800) – einer Zirkulation von Philosophie und Physik im Äthermeer – verlässt Christina Vagt die Mikroskopie und beschäftigt sich mit einer "unifizierenden Physik", die als neue Kategorie der Wissenschaft medial zu definieren wäre.

Welche bedeutende Rolle die Kybernetik zur Entwicklung von Organisationsmodellen der Limnologie gespielt hat, veranschaulicht Claus Pias in seinem interdisziplinären Beitrag. Ausgehend von den Forschungsergebnissen zu natürlichen Ökosystemen des Limnologen und Kybernetikers G. Evelyn Hutchinson und nach einem Brückenschlag zur Geschichte der Raumfahrt und den "Weltraumkolonienutopien" von Kommunen aus den 1970ern, reflektiert der Autor über die Illusion autonomer, "künstlicher" Ökosysteme und ihren Missbrauch durch Interessensgruppen.

Mit einem seiner letzten Beiträge, verfasst von Isabel Kranz, kehrt der Band dem Universalen den Rücken und zurück zum Betrachter des Aquariums auf dem Biedermeiertischchen im gemütlichen Wohnzimmer: "Ganz so, wie er sich aus der großen, unüberschaubaren Welt in seinen kleinen Hohlraum, das Interieur, zurückgezogen hat, entkommen die Wassertiere nun seinem allmächtigen Blick. Betrachter und Betrachtete sind sich ähnlich – gerade dann, wenn der Betrachtete sich entzieht. In ihren jeweiligen Höhlen scheinen sie sicher." (S. 255)

 

Um "sich ereignen" zu können, brauchen Prozesse ein Medium. Mit dem vorliegenden Band ist es den 24 AutorInnen gelungen, ihre 32 Beiträge kaleidoskopartig im fruchtbaren Kehrwasser[9] unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen zu verorten. Diskussionen über "zu wenig Tiefe" oder "zu viel Oberfläche", wie sie insbesondere bei interdisziplinären Themenstellungen gepflegt werden, entkräftet dieser Band schon im Titel Stehende Gewässer. – Sie sind zu den Oberflächengewässern zu zählen, doch ist es wert, das Plankton zu entdecken.



[1] Jorge Luis Borges, zitiert nach Maurice Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt a. M. 1985, S. 72.

im Beitrag von Thorsten Bothe: "Fluss des Vergessens, See der Erinnerung. Das Gewässer der Memoria", S. 77-89.

[2] Jörn Etzold: "Schreiben der Stagnation. Juan Carlos Onetti und das neue Leben", S. 127-140.

[3] Aus dem Beitrag von Stephan Gregory: "Stauen, Stocken, Denken. Flussgestalten um 1800. Verstehende Gewässer", zitiert nach: Johann Wilhelm Ritter: Fragmente aus dem Nachlasse eines jungen Physikers. Ein Taschenbuch für Freunde der Natur. Leipzig/Weimar 1984 (1810), S. 247.

[4] Gewohnheit, Assoziation und inneres Zeitbewusstsein.

[5] Alexander Klose: "Tod in der Badewanne. Barschel/Marat/Demand", S.163-170.

[6] Der in München geborene Künstler baut Tatort- und Pressefotografien detailgetreu nach und fotografiert sie dann erneut.

[7] So z. B. der Kondensationswürfel (1963), ein Behälter aus Plexiglas, in dem eine geringe Menge Wasser eingeschlossen ist. So entsteht im Würfel ein meteorologisches Mikro-System, das ohne Einwirkung des Künstlers operiert.

[8] Titel von Claus Pias' Beitrag: "Paradiesische Zustände. Tümpel – Erde – Raumstation", S. 47-66.

[9] = Eingelagerte Zonen des Stillstands im Fließwasser, die als besonders fischhaltig gelten.

 

Veröffentlicht am 15.09.2008 (Ausgabe 2008/2)

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