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Peter Reichel (Hg.): Studien zur Dramaturgie. Kontexte - Implikationen - Berufspraxis. (Schriftenreihe: Forum modernes Theater 27).

Tübingen: Gunter Narr 2000. ISBN 3-8233-5227-X . 596 S. Preis: € 65,80/sfr 108,--.

Rezensiert von: Gerald Maria Bauer

Studien zur Dramaturgie. Kontexte – Implikationen - Berufspraxis lautet ein von Peter Reichel herausgegebener Sammelband, der die Schriftenreihe "Forum Modernes Theater" um einen Band bereichert und unter dem "Signum der Vorläufigkeit" – wie in der Vorbemerkung explizit betont wird – einen Endbericht über ein Forschungsprojekt der Gründungsfachrichtung Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig präsentiert.

 

Ebenso vielseitig wie der Titel es suggeriert, sind die Themen der Beiträge, die - nach Arbeitsgruppen - in zwei Teile eingeteilt wurden: "Implizite oder versteckte Dramaturgie" nennt sich ein Forschungsbereich, der im weitesten Sinne werkanalytische Fragestellungen behandelt. Letzten Endes kreisen die Untersuchungen dabei um das Phänomen Rhythmus eines literarischen Werkes, eines Films oder einer Aufführung und den daraus ableitbaren inhaltlichen Implikationen. Ausgehend von metrischen Fragen in den Dramen Goethes (Rolf Rohmer) über "musikalische Implikationen" in Strindbergs Gespenstersonate (Ingala Fortagne/Rolf Rohmer) widmet sich ein Aufsatz den "Versteckten Dramaturgien im amerikanischen Bühnenentertainment" (Annegret Gertz/Rolf Rohmer) und verlässt somit erfrischenderweise das strenge Terrain der literarisch etablierten Hochkultur.

Mit dem zweiten Teil der Studie, welcher sich mit "Berufsbild und Berufspraxis des Dramaturgen" auseinander setzt und dessen Hauptbeitrag von Ilsedore Rheinsberg stammt, wird ein umfassendes und höchst anregendes und empirisch fundiertes Kompendium zur Arbeitssituation des Berufsstandes "Dramaturg/Dramaturgin" vorgelegt. Dabei gelangt die Autorin - um die Endpointe vorwegzunehmen - zu einem anderen Fazit als der Herausgeber uns in seiner Einleitung hatte wissen lassen. "Heutige Dramaturgenausbildung braucht verlässliche Auskünfte zu den Anforderungen der dramaturgischen Berufspraxis", war da am Beginn des Sammelbandes zu lesen.

Auf Grund ihrer Recherche (der Befragung von zwölf DramaturgInnen zu deren Berufserfahrungen) gelangt Rheinsberg zu dem Resultat, zu einem auch nur annähernd verbindlichen Leitfaden einer solchen Berufsausbildung wenig beitragen zu können.

Vielmehr existieren etwa so viele Definitionen des Berufes wie es Dramaturgen gibt. Die Selbstdefinition, wirksam innerhalb eines Theaterbetriebes zu arbeiten, lässt sich längst nicht mehr durch einen normativen Kanon beschreiben; zu disparat sind die Anforderungsprofile an das Berufsbild "Dramaturgin/Dramaturg" in Anbetracht wirtschaftlicher und personeller Rationalisierungsmaßnahmen, ebenso der individuellen, vom Standort der Häuser abhängigen Anforderungen an den Beruf.

Diese Selbstdefinition der Aufgabenstellung könnte auch die Chance des Berufes für die durch unhinterfragte Routineabläufe gefährdeten Betriebe sein, die sich in nichts von anderen marktorientierten Industriebetrieben mittlerer Größe unterscheiden.

Hinter dieser Chance verbirgt sich natürlich in Zeiten des Sparstiftes auch die Gefährdung. Denn wie lassen sich Leistung und Effizienz eines Berufes messen, wenn er aufgefordert ist, sich innerhalb eines Theaters selbst zu definieren?

Rheinsberg benennt klar die Symptome: Erwartet wird vom Dramaturgen ein flexibler, universell funktionierender Mitarbeiter, der da einspringt, wo die personellen Kapazitäten bereits weggespart wurden. Insofern gelangt sie zu einer Erweiterung des Berufsprofils aus folgenden – keinesfalls nach Gruppen sortierten - Tätigkeitsbereichen: "Berater des Intendanten, Theaterwissenschaftler, Philosoph, Kultur- und Kunstwissenschaftler, Philologe, Musikwissenschaftler, Kommunikationswissenschaftler, Psychologe, Drucker, Grafiker, Pfarrer, Pädagoge, Jurist, PC-Experte, Werbemanager, PR-Manager, Betriebswirtschaftler, Betriebsmanager, Literaturwissenschaftler, Mediziner, Historiker, Pförtner, Sekretär, Referent, Journalist, Autor, Bote und – längst zum Beruf avanciert – Prügelknabe". Diese imposante Auflistung, die keinen Wert auf Vollständigkeit legen dürfte, veranschaulicht sehr plastisch die These, die Tätigkeit des Dramaturgen sei die am meisten entfremdete Arbeit im Theater.

Sich auf diese "Hydra"-Funktion einzulassen, birgt allerdings die Gefahr, jene einmal übernommenen Tätigkeiten auch weiterhin betreiben zu müssen oder sich – im Falle der Verweigerung – sofort und unmittelbar der Delegitimierung auszusetzen. Das durch den Alltag bedingte Konfliktpotenzial wird gesteigert durch die – höchst unterschiedlich gestalteten – Theaterhierarchien und dem (Abhängigkeits-)Verhältnis zum Intendanten.

Als ebenso aufschlussreich erweist sich die Lektüre der "Marginalien zur Geschichte des Dramaturgenberufs". Betrachtet man jene Aufgabenbereiche, die Lessing in seiner Hamburgischen Dramaturgie - explizit oder unausgesprochen - benannte, so verstärkt sich die Behauptung, dass die Zuständigkeiten des Dramaturgen in der heutigen Theaterlandschaft historisch einmalig expandieren. Definitionsversuche, die sich auf Repertoirebildung, Stückentwicklung, Inszenierungsanalyse, Spielplangestaltung, Publikumsorientierung und Besetzung beschränken, greifen – wie wohl sie bis heute mit den originärsten Tätigkeiten des Dramaturgenjobs assoziiert werden – zu kurz. Ähnlich verhält es sich mit den Definitionsversuchen des 19. Jahrhunderts, die im Dramaturgen ausschließlich den theoretisch fundierten "Anwalt des (literarischen) Textes" gegenüber den Theaterpraktikern sehen wollen.

Der Dramaturg als politisch infiltrierter Kunstzensor ist eine neue Spielart, die das zwanzigste Jahrhundert dem Berufsstand zumutet. Denn sowohl für den Nationalsozialismus als auch für die Parteileitung der DDR galt der Dramaturg (viel mehr als der Intendant) als relevanter Ansprechpartner, der die ideologische Umstrukturierung der Betriebe garantieren sollte. "Reichsdramaturgie" und "Spielplanbegründung" sind die Schlagworte, die den Dramaturgen zum ideologisch- infiltrierten "Thinktank" der Theaterbetriebe mutieren ließen und welchen allerhöchstens durch die Entwicklung eines subversiven Sprachkodex zu entkommen war.

In einem Ausblick kennzeichnet die Autorin das zwangsläufig durch den Arbeitsalltag geforderte Dilettieren in anderen Berufen als äußerst problematisch. Das Entwerfen von Marketingstrategien oder die Übernahme grafischer Gestaltung - all dies natürlich auf Kosten des originär dramaturgischen Tätigkeitsbereiches - wird ein Dilettieren bleiben und könnte findige Betriebsberater auf die Idee bringen, diese Aufgabenbereiche in professionelle Hände zu legen – mit jenem Geld, das der Dramaturg ohnehin nicht mehr bringt. Dieser von Rheinsberg beschriebene Circulus vitiosus wirkt plausibel und findet in den anonym gehaltenen Interviews mit DramaturgInnen aus unterschiedlichsten Theaterbetriebsstrukturen seine Bestätigung.

Im "Gewand verschiedener Berufsbezeichnungen und Arbeitsfelder" sieht Markus Moninger in einem weiteren Kurzbeitrag auch den "Mediendramaturgen" verschwinden. Allerdings führt er diesen Umstand vielmehr auf neue Sprachregelungen der Medien zurück als auf die Tatsache, dass die "klassischen" dramaturgischen Tätigkeiten in den nicht theaterbezogenen Medien obsolet geworden wären. Von der Bezeichnung Redakteur bis hin zum Producer reicht die Palette der Berufsbezeichnungen je nach Produktionsfirmen. Der bereits von Rheinsberg diagnostizierten Disparatheit der Kompetenzen und Aufgaben weiß der Autor nichts hinzuzufügen; ebenso wenig vermag er darüber Auskunft zu geben, wie eine heutige berufsorientierte Dramaturgenausbildung auszusehen habe.

Mit dem über 250 Seiten starken zweiten Teil der Arbeitsgruppe "Dramaturgie in der Praxis" liegt eine empirisch gestützte Bestandsaufnahme zum momentanen Zustand des Berufsbild "Dramaturg/Dramaturgin" vor. In Anbetracht der wenig greifbaren Literatur zu diesem Thema, ebenso in Anbetracht der nicht enden wollenden Diskussionen um adäquate und berufsorientierte Ausbildungsmöglichkeiten darf der Forschungsbericht unter der Federführung von Ilsedore Rheinsberg als äußerst geglückt und inspirierend bezeichnet werden, natürlich - und das haben Themen zur zeitgenössischen Theatersituation so an sich – unter dem "Signum der Vorläufigkeit".

 

Veröffentlicht am 20.02.2005 (Archiv)

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