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Georg Seeßlen: David Lynch und seine Filme. (Arte Edition).

Marburg: Schüren 2003. ISBN 3-89472-345-9. 256 S., ca. 350 Abb. Preis: € 20,40/sfr 34,40.

Rezensiert von: Beate Hofstadler

Georg Seeßlen setzt sich mit den Filmen David Lynchs auseinander. Man darf gespannt sein, denn der Autor schrieb sich bereits mit vielen Grundlagentexten zum populären Kino in die Filmlandschaften ein.

 

David Lynch, einer der irritierendsten Filmemacher New Hollywoods, kam über die Malerei und Fotografie zum Film. Er arbeitete ebenso für Werbung und Fernsehen. Manchen Filmen wie dem Road Movie Wild At Heart ist diese Referenz zur Werbeästhetik auch anzumerken. Das Spiel mit unterschiedlichen Genres, das unbeschwerte Zitieren oder der eigene Bezug zu Gewaltdarstellungen sind nicht nur Lynch, sondern dem Kino der 90er Jahre zu Eigen. Etwa wenn Lynch in Wild At Heart Gewalt skandalisiert, indem er ihr Komik beimischt. Lynch wurde immer wieder ins postmoderne Eck gerückt. Seeßlen - nicht der Falter - holt ihn da wieder raus. Erneuern und Kaputtmachen von Konventionen sei bei Lynch kein Projekt mehr, schreibt Seeßlen (206). "Nennen wir es die verzweifelte Postmoderne, die erkennen muss, dass auch im Kino die Veränderung, die Zerstörung der Dinge keine Garantie für das Neue ist. Das Neue kann nicht geboren werden, und das Alte kann nicht sterben. So liegt die Revolte darin, auf der Fremdheit zu bestehen, Einstellungen und Montage nicht zur falschen Versöhnung, sondern dazu zu benutzen, diese Fremdheit hervorzuholen." (207)

Lynch gehört zu den vielen, die versucht haben, gegen die diegetische Geschlossenheit filmischer Storys anzudrehen. Kontraste dienen unter anderem dazu. "'Die Dinge', sagt Lynch, 'funktionieren durch den Kontrast'. Für Lynch aber ist der Kontrast der Faktor der Bewegung schlechthin." (225) Musik, Sprechen oder Kamera etwa werden nicht zum Support der Handlung bzw. der gewohnten Sehweise eingesetzt. Lynch setzt auch den Ton bzw. das Geräusch als dem Bild gleichwertigen Ausdruck ein. Zudem stört seine nichtlineare Erzählweise die Wahrnehmung einer chronologisch, (psycho)logisch nachvollziehbaren Handlung. Damit sind nicht bloß Vor- und Rückblenden gemeint, sondern die Fähigkeit, eine Schallplatte rückwärts abzuspielen und dabei Musik zu erzeugen. Vergangenes wird gleichsam zu Zukünftigem. Seeßlen wagt den Vergleich zur Poesie. Lynch erzeugt Filme, die an "Geschehen randvoll" sind (32), Filme, denen wir uns schwer entziehen können. Insofern könnten seine Filme auch als Attacken auf das Ich gesehen werden.

Lynchs Figuren entziehen sich dem gewohnten Wechsel "zwischen Innen und Außen, zwischen Ich und Welt, zwischen Privatem und Öffentlichem", schreibt Seeßlen. (227) So finden wir bei Lynch keine Figuren, die sich aus der ursprünglichen Symbiose zu einem autonomen Wesen entwickeln, sondern die sich immer tiefer in ihre symbiotischen Beziehungen verstricken. Auch das irritiert die gewohnte Lesbarkeit von Filmhandlungen.

Georg Seeßlen gibt einen guten Über- und Einblick in David Lynchs Filmschaffen. In 14 Essays werden einzelne Filme plastisch beschrieben. Einerseits werden mögliche Erzählweisen der speziellen Filme vorgestellt - die immer auch subjektive Sichtweisen und Rezeptionshaltungen des Autors spiegeln. Andererseits verfolgt Seeßlen die filmtechnischen und filmsprachlichen Mittel, deren sich Lynch bedient. Seeßlen versucht auch, der speziellen Wirksamkeit dieser Lynchfilme auf den Grund zu gehen, "die gestandene Kritiker aus dem Kinosaal jagte" (105). Seeßlen verweist - wie Lynch in seinen Filmen - auf unzählige assoziativ verknüpfte filmische Referenzen.

Folgende Filme werden ausführlich beschrieben: The Alphabet (1968), ein Kurzfilm, The Grandmother (1970), Eraserhead (1977), The Elephant ManDune (1984), Blue Velvet (1986), Twin Peaks (1989 - 1991), The Cowboy and the Frenchman (1989), Wild At Heart (1990), Industrial Symphony No. 1 - The Dream of the Brokenhearted (1990), On the AirHotel Room (1992), Lost Highway (1996), The Straight StoryMulholland Drive (2001). Sie werden chronologisch dargestellt, aber auch referenziell aufeinander bezogen, etwa bei den ständig wiederkehrenden Themen wie Inzest(andeutungen) oder Geburt. (1980), (1992), (1999),

So vergleicht Seeßlen Wild At Heart mit Jean-Luc Godards Nouvelle Vague (1990) im Umgang mit dem Widerspruch (des Marx'schen "Kleinbürgers"). Godard persiflierte den klassischen europäischen Weg, dem Widerspruch mit dialektischem Denken zu begegnen. (Ein Weg, von dem Europa jedoch auch abgekommen zu sein scheint.) Lynch parodierte den US-amerikanischen Weg: "den mythischen Weg, die Reise, den Showdown und das Happy End." (102) "Mit Jean-Luc Godard teilt Lynch die Vision von einem Kino, das zugleich seine eigene Erklärung und seine eigene Kritik, seine eigene Theorie und seine eigene Aufhebung ist, ein Kino also, das aus Widersprüchen, nicht aus der Komplizenschaft der einzelnen Elemente besteht." (109)

Der Kreis von Zeugung, Geburt und Tod zieht sich durch alle Lynchfilme. So etwa in Eraserhead, "der nicht zu Ende geborene Sohn und der Vater ohne Autonomie waren ein und dieselbe Gestalt geworden, der nun nichts anderes übrig blieb, als in der Welt, wie sie ist, umherzuwandern." (40) Wie aber leben? Diese Frage taucht in Elephant Man (1980), "Lynchs freundlichster Film" (40), und Dune (1984) erneut auf.

Eine Systematisierung von Lynchs Methoden (beinahe ein Widerspruch) macht dessen Filme verständlicher. Seeßlen bezieht sich ausschließlich auf Lynchs Filme und erspart uns Klatschgeschichten aus Lynchs Leben, wenngleich er Einblick in seinen künstlerischen Werdegang gibt und Bezug zu einigen seiner WegbegleiterInnen (z. B. Mel Brooks) herstellt. Auch dieser Fokus zeichnet das Buch aus. Ein beinahe unbeschwerter Umgang des Autors mit psychoanalytischen Erklärungen und Ansätzen durchzieht die Filmbeschreibungen, wenn er sich auf Storyebene bewegt.

Zusätzlich finden sich in dieser Arbeit ca. 350 Abbildungen sowie eine ausführliche Filmographie, die von Six Figures (1967) bis Mulholland Drivewww.mikedunn.com, www.lynchnet.com, www.davidlynch.de. Ein spannendes und lesenswertes Buch. (2001) die wichtigsten Filmdaten dokumentiert. Eine Bibliographie im Anhang des Buches zeigt, wieviel über David Lynch bereits geschrieben worden ist. Weiteres zur Person David Lynch findet sich im Internet:

 

Veröffentlicht am 19.04.2004 (Archiv)

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