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Sabine Föllinger, Aischylos. Meister der griechischen Tragödie.

München: C. H. Beck 2009. ISBN 978-3-406-59130-3. 224 S., mit fünf Stammtafeln und fünf Abbildungen im Text. Preis: € 25,60.

Rezensiert von: Katharina Dufek

Der griechische Dichter Aischylos (525/4 - 456/5 v. Chr.) war der erste antike Dramatiker, dessen Tragödien auch nach seinem Tod wiederaufgeführt werden durften – damals eine besondere Ehre. Bis heute stehen sie auf den Theaterspielplänen und erstaunen durch ihre Aktualität.

 

Nur sieben seiner Werke sind vollständig erhalten. Bisher wurden sie, sowohl von Wissenschaftlern als auch von Regisseuren wie beispielsweise Peter Stein, meist aus theologischer bzw. politischer Perspektive gelesen. Aus dem Tragiker wurde so ein Lehrer der attischen Demokratie, was nicht zuletzt auch auf seine Darstellung in den Fröschen des Komödiendichters Aristophanes zurückzuführen ist. Die klassische Philologin Sabine Föllinger hält diese Lesart für falsch und bietet einen neuen Interpretationsansatz: In ihrem als "Einführung" (S. 8) bezeichneten Werk legt sie ihr Hauptaugenmerk auf die auf mehreren Ebenen vorhandenen Konfliktstrukturen, die sie (auch) als Auswirkungen und bildhafte Darstellung der Umbrüche zur Lebenszeit des Aischylos versteht. Politik und Religion sieht sie dabei lediglich als "Parameter, innerhalb derer der Aischyleische Mensch handelt" (S. 52).

 

Was in Tragödien wie der Orestie und den Persern offensichtlich ist, arbeitet Föllinger auch in den Sieben gegen Theben, den Hiketiden und dem Gefesselten Prometheus heraus, den sie, obwohl die Autorschaft umstritten ist, ebenfalls in ihre Untersuchung mit einbezieht: Die Konflikte spielen sich in allen sieben Tragödien nicht nur auf interpersoneller Ebene zwischen den Protagonisten ab, sondern sind auf einer Metaebene auch als allgemeinere Generationenkonflikte zu verstehen, sowohl in der Welt der Menschen, als auch in überhöhter Form in der griechischen Götterwelt, in der die alten Götter, wie beispielsweise die Erinnyen in der Orestie, die Respektlosigkeit der neuen, olympischen Götter ihnen gegenüber beklagen. Gleichzeitig reflektiert Aischylos auf diese Art auch immer wieder den Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft, häufig repräsentiert durch den in der attischen Tragödie so wichtigen Chor, indem er, wie auch in der Poetik des Aristoteles geschildert, Menschen in Extremsituationen exemplarisch auf die Bühne bringt.

 

Gleichzeitig erhellt die Autorin die Innovativität des Dichters: Er führte nicht nur, wie bereits bekannt, den zweiten Schauspieler in die Tragödie ein, sondern legte mit seinen Frauenfiguren auch den Grundstein für die Darstellung von Frauen in den meist als moderner bezeichneten Tragödien des Euripides. Mit Rückgriffen auf antike Werke wie Hesiods Theogonie macht Föllinger deutlich, welche Transformationen Aischylos den griechischen Mythen angedeihen ließ. So wird auch klar, dass der Dichter keineswegs, wie bisher behauptet, die Vorstellung einer göttlichen Weltordnung durch einen gnädigen und alles harmonisierenden Gottes Zeus vertritt, sondern dass auch in seinen Tragödien Unsicherheit und Zweifel vorherrschen. Auch das Ende der Orestie, von Forschern wie Christian Meier als Sieg der neuen, demokratischen Ordnung interpretiert, wird in Föllingers Lesart zu einem schalen Kompromiss umgedeutet, der Aischylos’ Welt nicht mehr hell, sondern "grau" (S. 165) erscheinen lässt.

 

Den insgesamt fünf Kapiteln über die Tragödien – jedes davon gegliedert in eine kurze Zusammenfassung, eine Einführung in Forschungsstand und Problemstellungen und Föllingers Interpretation – die Orestie wird, da es sich hier um eine zusammenhängende Trilogie handelt, in einem Kapitel zusammengefasst – ist eine Einführung in die "Charakteristika der Aischyleischen Tragödie" (Kapitel 1) vorangestellt, in der u.a. der religiöse und politische Kontext sowie der Begriff der Tragödie selbst erläutert werden. Sehr kurz wird hier auch auf Fragen der Aufführungspraxis eingegangen. Zwei weitere Kapitel skizzieren die Wege der Überlieferung (Kapitel 2) und geben eine Bestandsaufnahme der bisherigen Forschung (Kapitel 3). Den Abschluss des Werkes bildet ein kurzer "Ausblick auf die Rezeption" der aischyleischen Tragödien bis ins zwanzigste Jahrhundert (Kapitel 11). Hoch anzurechnen ist der Autorin, dass sie auch die nur in Fragmenten erhaltenen Satyrspiele, wie auch die Tragödienfragmente nicht außer Acht lässt (Kapitel 9 und 10).

 

Dass die Autorin die Zitate aus den Dramentexten mit einigen Ausnahmen selbst übersetzt hat, ist in Anbetracht der Qualität und Aktualität der vorliegenden deutschen Ausgaben verständlich, auch erleichtert deren Einfachheit sowohl das Textverständnis als auch jenes der Psychologie und Handlungsmotivationen der Charakter. Aischylos' viel gerühmte "Sprachgewalt" (S. 9) muss hier allerdings der Praktikabilität weichen.

 

Für Neulinge auf dem Gebiet der aischyleischen Tragödie bietet Föllingers Werk tatsächlich eine angenehm zu lesende Einführung, wenn auch die – trotz Föllingers Kritik wichtigen – politischen und theologischen Lesarten der Tragödien nur kurz angerissen werden. Kenner des Dichters können v.a. in den Interpretationen der Tragödien neue Aspekte seines Œuvres entdecken.

 

Veröffentlicht am 01.06.2010 (Ausgabe 2010/1)

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