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Manfred Mittermayer/Martin Huber (Hg.), "Österreich selbst ist nichts als eine Bühne" – Thomas Bernhard und das Theater.

Wien: Österreichisches Theatermuseum und Christian Brandstätter Verlag 2009. ISBN 978-3-85033-324-9. Abbildungen. 192 S. Preis: € 36,-.

Rezensiert von: Gini Müller

"Österreich selbst ist nichts als eine Bühne" – Thomas Bernhard und das Theater heißt das zur gleichnamigen Ausstellung im österreichischen Theatermuseum erschienene Begleitbuch, das die Kuratoren Manfred Mittermayer und Martin Huber (Leiter des Bernhard-Archivs) in Zusammenarbeit mit dem Christian Brandstätter Verlag anlässlich des 20. Todesjahrs von Thomas Bernhard 2009 herausgegeben haben.

 

Der Band versammelt in drei Abschnitten verschiedene thematische Zugänge zum gesamten dramatischen Werk, vorwiegend literaturwissenschaftliche Essays, Interviews und Kommentare von einer Auswahl von ProtagonistInnen und BeobachterInnen der Bernhardschen Theaterwelt, Stückrezensionen und eine illustrierte und ausführliche Dokumentation sämtlicher Premieren. Wie in der Ausstellung sind auch im Begleitbuch im wissenschaftlichen Teil neue Erkenntnisse des Thomas-Bernhard-Archivs Gmunden eingeflossen. Mit der Unterstützung der Präsidentin der Thomas-Bernhard-Stiftung, der Dramaturgin und Regisseurin Vera Sturm, wurde der Dokumentationsteil inklusive Stückchronologie anschaulich gestaltet, der die vehementen Kontroversen rund um die Aufführungen darstellt. In ihren Kommentaren zu Beginn des Buches erörtern die Herausgeber und Kuratoren die Schwerpunktsetzungen und Referenzen der Ausstellung auf die wichtigen Bezugsorte, bzw. Schau- und Kampfplätze des Dramatikers Bernhards: Salzburg und die Festspiele bzw. Wien und das Burgtheater.

 

Sowohl Salzburg als auch Wien gegenüber hatte Bernhard bekanntermaßen ein äußerst gespaltenes Verhältnis: "Rom, Kirche, deutsch, Nazi – alles. Eine wunderbare Mischung" (S. 9). In Salzburg, das Bernhard einmal in dem Roman Die Ursache seine "Heimatstadt" (S. 10) nannte, ging er in Kriegszeiten in die Schule und danach ins klösterliche Internat, das er als schlimme im "katholisch-nationalsozialistischen Ungeist" stehende "Züchtigungs- und Verletzungstortur" empfand (S. 59). In der Stadt W.A. Mozarts studierte er Gesang und Schauspiel und absolvierte ebenso die "Eignung zur Regieführung" (S. 13). Bernhard, 'Theatermensch' schlechthin, fand in Österreich also seine "totale Volkskomödie" (S. 60) und war in den Augen Heiner Müllers, wie der Dramaturg Hermann Beil in seinem Text über den Dichter der Weltkomödie Österreich bemerkt, "auch nur ein Beamter" (S. 87), weil seine Beschimpfungen gegen Österreich ebenfalls eine gewisse staatstragende Funktion bekamen.

 

Dass Bernhards Großvater, der erfolglose und verkannte Heimatschriftsteller Johannes Freumbichler aus der Flachau, gewisse schriftstellerische und figurative Inspiration für Theaterstücke gab, konnte erst in den letzen Jahren durch Forschungen in den Archiven verstärkt nachgewiesen werden. Als Schriftsteller und Dramatiker führte Thomas Bernhard, wie viele Reden, Briefe, Interviews und Kommentare in dem Buch ausführlich unterstreichen, einen zunehmend leidenschaftlicheren Kulturkampf gegen den "Requisitenstaat" Österreich, seine Institutionen und seine "sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige, die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien" (S. 60). Die Ereignisse um legendäre Festspielskandale, wie die Abschaltung des Notlichts bei der Premiere von Der Ignorant und der Wahnsinnige 1972 werden in dem Band ebenso beschrieben wie die Vorkommnisse rund um den größten Theaterskandal der 2. Republik im Burgtheater: Heldenplatz 1988. Eine ähnliche 'Hassliebe' zu Salzburg und den Festspielen bestimmte auch sein Verhältnis zu Wien und dem Burgtheater, der "theatralischen Bruchbude auf dem Ring" (Martin Huber, S. 31-46), für dessen Direktion er sich Mitte der 1970er Jahre erfolglos bewarb, um mit Unterstützung des Regisseurs und Burgtheaterdirektors Claus Peymann in den 80-Jahren seine größten Erfolge als Dramatiker und Enfant Terrible der Nation zu feiern.

 

Auch der Abschnitt mit literaturwissenschaftlichen Essays beleuchtet verschiedene interessante und wichtige Teilaspekte im dramatischen Werk Thomas Bernhards. Der Bernhard-Forscher Herbert Gamper hebt etwa in seinem aufschlussreichen Aufsatz den rhythmisch, musikalischen Gehalt der Texte hervor, der die Bernhardschen Theatermenschen und Tyrannen in ihren Künstlerdramen und 'Weltkomödien' charakterisiert. Österreich und seine StaatsbürgerInnen als Theater stellten für den Dramatiker Bernhard den Stoff für sein "TheaterTheater" (S. 50) dar, das in sprachlich-musikalisch durchkomponierter Übertreibungskunst erbarmungslose Kritik an verlogenen klerikal-faschistischen Machtmechanismen übt (Herbert Gamper, S. 28-52). Bernhards unerbittliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und der spezifisch österreichischen "Nazisuppe" (Der deutsche Mittagstisch 1988) wird auch in dem Aufsatz von Bernhard Judex und seinen Anmerkungen zur Politik in Thomas Bernhards Theaterstücken (S. 58-61) näher erörtert. Die Figuren in zahlreichen Bernhardstücken zeichnen präzise die 'Banalität des Bösen' im Menschen, die Hanna Arendt bereits im Eichmann-Prozess erkannt hatte. Bernhards ProtagonistInnen, ob gescheiterte KünstlerInnen oder alternde, gebrechliche Herren, genauso wie Frauen, die ihren häuslichen Patriarchen dienen oder auch die stummen Rollen fristen ihr Dasein in einer durchwegs tragischen "Menschheitskomödie" (Theatermacher). Das "TheaterTheater" reproduziert mit Bernhards tragisch-komischen Wortpartituren das "Existenztheater" und ist daher doppeltes "Lügentheater" (S. 50). Die monomanisch sprechenden ProtagonistInnen zeugen dabei genauso wie die "furchtbaren stummen Rollen" (S. 62) von einer stückimmanenten Dramaturgie des Redens und Schweigens und dem darin enthaltenen offenen Wechselspiel zwischen Macht und Ohnmacht (Stefan Krammer, S. 62-65).

 

Auch dem kongenialen Bernhard-Schauspieler Bernhard Minetti wird in dem Band angemessener Platz zu Teil, u.a. in den Ausführungen Hans Hollers über "Alte Männer auf der Bühne" (S. 63-57), der sich der Bernhardschen Thematik zu Tod und körperlichen Verfall des Kunstgenies widmet. Minetti sagt als alter Schauspieler in Einfach kompliziert (1986) zu sich und dem Publikum: "Die theatralische Kunst perfektioniert, und mit dieser Perfektion krank geworden" und spricht damit auch über Bernhards obsessive dramatische Phänomenologie alte und kranke Ichs auf der Bühne zu zeigen.

 

Aber auch Thomas Bernhards vertracktes Beziehungs- und Geschlechterverhältnis, das in vielen Figuren zum Ausdruck kommt, wird in einigen Texten genauer thematisiert. Sie sind "verstrickt und erstickt" (S. 66), wie Renate Langer in ihrer Analyse über Bernhards Stücke herausarbeitet und zeigen hellsichtige Mikrostrukturen von Machtverhältnissen. An Leidensdruck scheint es den Bernhardschen ProtagonistInnen jedenfalls nicht zu mangeln, zur Psychotherapie würden sie jedoch nie gehen. Sie spielen im Sprechen ihre Schuldzuweisungen, aber auch die Angst vor dem Verlassen werden auf fast schon sado-masochistische Art und Weise aus und wissen, dass sie als "Liebes und Hassobjekte" (S. 67) gebraucht werden. Der Theatermacher und andere Figuren martern ihre Familie und Umwelt, leiden an Größenwahn und zeigen ihre Widersprüche als selbsternannte Genies und "Geistesmenschen" (S. 71). Obwohl es auffällt, dass Bernhard in vielen seiner Stücke die provokante Opposition männlicher 'Geistesmensch' gegen das weibliche 'schwache Geschlecht' immer wieder genüsslich strapaziert, macht die Literaturwissenschaftlerin Mireille Tabah in ihrem Text "Zur Parodie der Geschlechterrollen in Thomas Bernhards Theater" (S. 71-74) gerade und verstärkt auf das subversive Genderspiel in der sprachlichen Überdeterminierung aufmerksam, das 'naturgemäße' Geschlechternormen und Oppositionen zum kippen bringt. Der männliche "Geistesmensch" ist bei Bernhard fast ausnahmslos krank, dem Wahnsinn nah und tritt in all seiner Lächerlichkeit als tragisch-komische Marionette auf (S. 74).

 

Aufschlussreiche Einblicke in die schwierige, aber inspirierende Zusammenarbeit mit dem "System Bernhard" (Heiner Müller, S. 90) geben spannende Interviews mit Claus Peymann und den wichtigsten Bernhard SchauspielerInnen wie Marianne Hoppe, Bernhard Minetti, Gerd Voss, Traugott Buhre, Martin Schwab u.a.

 

Ein Buch, das nicht nur einen guten Einstieg in die Bernhardsche Theaterwelt und (vor allem) literaturwissenschaftliche Forschung darüber gewährt (leider kamen spezifische theaterwissenschaftliche Auseinandersetzungen zu kurz), sondern auch zahlreiche Zeugnisse, Fotos und eine übersichtliche Chronologie des gesamten dramatischen Werks Thomas Bernhards und seiner Rezeption beinhaltet.

 

Veröffentlicht am 01.06.2010 (Ausgabe 2010/1)

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