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Ulrike Häußer/Marcus Merkel (Hg.), Vergnügen in der DDR.

Berlin: Panama 2009. ISBN: 978-3938714041. 464 S. Preis: € 24,80.

Rezensiert von: Henning Wrage

Bereits ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis dieses Buchs verrät, dass man es hier nicht mit einem der lange Zeit üblichen Texte über die DDR zu tun hat, die sich entweder zu einem Verriss oder zur Apologie hin polarisierten: Die Einteilung in die Kapitel "feiern", "amüsieren", "unterhalten" und "entspannen" samt "Anmerkungen zum sozialistischen Gelächter", "Sex und Saufen" oder zur Freikörperkultur scheint statt dem Leben in einer, je nach Forschungslage, totalitären oder (gefälligkeits-)diktatorischen Gesellschaft eher das Programm einer AIDA-Kreuzfahrt abzubilden - und in der Tat: Auch ein Artikel über die DDR-Traumschiffe findet sich im Band.

 

Gleichwohl geht es bei Vergnügen in der DDR nicht um die bloße Rekonstruktion von Idyllen, nicht nur um, wie das Magazin des Westfälischen Anzeigers in seiner Besprechung des Bandes kalauerte, "schnäpseln und schnackseln": Schon das Vorwort von Stefan Zahlmann macht deutlich, dass die Beiträge dieses Bandes das Spannungsfeld von "Alltagsleben und Totalitarismuserfahrung" ausmessen und antreten, das Vergnügen zur "spektakuläre[n] Kategorie [der] Gesellschaftsanalyse" (S. 11) zu machen. Das Vorwort verweigert sich auch dem nahe liegenden Argument des Eskapismus und damit dem Verdacht, dass das Vergnügen in der DDR den totalitären Eingriff in das Leben des Individuums lediglich kompensiert hätte: "Vergnügen in der DDR ist auch das Vergnügen in und an einer Diktatur" (S. 9), nicht per se Subversion oder Opposition. Ein bedenkenswerter Ansatz, der durch bewusst vielfältige Annäherungen an das Thema realisiert wird: Wissenschaftliche Texte stehen neben essayistischen und literarischen Beiträgen und einem Fotoessay.

 

Das nimmt freilich in Kauf, dass die einzelnen Beiträge zwar allesamt auf das allgemeine Thema Vergnügen rekurrieren, sich aber nur selten aufeinander beziehen oder sich im Blick auf ein konkretes Forschungsinteresse operationalisieren lassen: Das Spektrum reicht vom Witz bis zum Hooligan, von der Freikörperkultur bis zum Zirkus, vom Camping bis zum privaten Glücksspiel und bildet eher ein lose geknüpftes Makramee (eine auch in der DDR zeitweilig florierende Knüpftechnik, auf die Harald Hauswald in seiner biographischen Topographie der Kneipenszene im Prenzlauer Berg hinweist) als ein über einzelne Beiträge hinausgehendes wissenschaftliches Narrativ. Das ist nicht notwendigerweise ein Problem, hätte aber durch die Herausgeber in der Einleitung vielleicht ausführlicher gewürdigt werden können – gerade was die verschiedenen methodischen Zugänge betrifft, die die einzelnen Autoren für ihre Annäherung an das Thema wählen.

 

Davon abgesehen ist Vergnügen in der DDR eine oft vergnügliche und sehr erhellende Lektüre. Im ersten Text des Abschnitts "feiern" beschreibt Michael Hoffmann die "Selbstmobilisierungen des politisch-administrativen Systems durch Organisation von Massenevents und Massenfesten" (S. 22) mit dem Begriff der "Festivalisierung" und macht auf die eigentümlich antidionysische Qualität der offiziellen Festkultur aufmerksam, auf den rationalen Kern und die klare Zielvorstellung der Vielzahl ritualisierter Großveranstaltungen, die Massen ideologisch zu mobilisieren. Die komplizierte Frage, wie über die öffentliche Festkultur ein Zugang, eine Teilhabe am gesellschaftlichen System geschaffen werden kann, findet hier letztlich eine kurze Antwort: "Wer mitfeiert, stimmt zu." (S. 28). Ute Mohrmanns "Lust auf Feste" wählt einen eher historisch deskriptiven Zugang. Sie verweist auf die schiere Menge von 5000 Festen im Jahr, die der offizielle Volksfestkalender zum Ende der DDR ausweist, differenziert sie entlang ihrer unterschiedlichen Traditionslinien (rites de passage, traditionelle Feste wie Weihnachten und Ostern, Revitalisierung und Wandel von Erntebräuchen und Heimatfesten usw.) und beschreibt ihre Entwicklung entlang der einzelnen Jahrzehnte der DDR-Entwicklung, wobei der Übergang der Ulbricht- zur Honecker-Ära hier wie in anderen Beiträgen als Zäsur mit anschließender Aufwertung von Heimat und Regionalität gilt. Die Beiträge von Hans Schubert ("Altes Vergnügen im neuen Gewand") und Jeannette Madarász ("Vergnügen in der Kleinstadt") berichten über Karnevalsclubs und die Büttenrede als Kristallisationspunkt des kompensatorischen Witzes bzw. über Premnitz, das Chemiefaserwerk und seine Feste anhand der biographischen Notizen eines Hubert B., während Eckart Schörle die undankbare Aufgabe auf sich nimmt, den DDR-Witz zu erklären (was, wie man weiß, Witzen einiges von ihrem Witz nimmt) und auf die Parameter seiner Genese im östlichen Deutschland eingeht.

 

Hervorzuheben ist im Kapitel "amüsieren"  Marcus Merkels Beitrag über "Glücksspiel in der DDR", der, strenger wissenschaftlich als andere Texte im Band, kenntnisreich das offiziell sanktionierte Glücksspiel im Spannungsfeld von staatlicher Geldakquise und ideologischer Bedenken schildert und auf die Gesetzeslücke aufmerksam macht, mit der im Zuge der Strafrechtsreform 1968 das Verbot des privaten Glücksspiels de facto abgeschafft wird. Dem folgen mal essayistische, mal quasi-literarische Texte und ein bemerkenswerter Fotoessay von Harald Hauswald und Frank Willmann, sowie "Party totalitär" von Katharina Gajdukowa und Dirk Moldt. Dieser Text über "Punksein in der DDR" wirft - theoretisch mit dem Begriff der Zwischenöffentlichkeit operierend - ein Schlaglicht auf die Jugend am Ende der DDR, auf eine Generation, in der die verlorene Spannkraft der staatseigenen Ideologie zu einer "radikal distanzierte[n] Haltung gegenüber dem politischen System" (S. 186) führt.

 

Den Abschnitt "unterhalten" führt Gerd Dietrichs theoriegeschichtlicher Aufriss von Vergnügen/Unterhaltung in der DDR an. Er unterscheidet drei Grundpositionen. Differenziert werden erstens traditionelle Positionen aus der Arbeiterbewegung, die vor allem die ersten beiden Jahrzehnte der DDR beherrschen und die die modernen Massenvergnügungen insgesamt eher ablehnten (und die im folgenden Beitrag Cornelia Kühns weiter aufgefächert werden). Diesen werden zweitens in den Jahren seit der Machtübernahme Honeckers Konzepte gegenübergestellt, "die die Unterhaltungs- und Massenkultur als konstitutives und legitimes Element der Lebensweise im Sozialismus ansahen." (S. 232) Dies wird drittens ergänzt um die wenngleich nie dominanten Positionen der reformkommunistischen Theoretiker Rudolf Bahro und Lothar Kühne. 

 

Die folgenden Beiträge - Michael Meyen zur Rezeptionsgeschichte des Fernsehens, Hanno Hochmuth über den Diskurs über das Westfernsehen an den DDR-Schulen und Ulrike Häußer zur Fernsehshow "Treff mit O.F." - widmen sich kenntnisreich dem "Medienvergnügen" in der DDR, wobei man sich über die Abwesenheit eines Beitrags über die Unterhaltung an fiktionalen Formen (sei es über das Leseland DDR, seien es Spielfilme in Kino oder im Fernsehen) wundert. Bemerkenswert in diesem Abschnitt ist auch der Beitrag Sylvia Klötzers über einen institutionalisierten Raum des subversiven Diskurses in der DDR – das Kabarett, das hier am Beispiel der DEFA-Kurzfilmserie Das Stacheltier und der Dresdner Ensembles und Kabaretttheaters Herkuleskeule besprochen wird. Schon anhand des Stacheltiers (eine deutliche Anspielung auf das erfolgreiche Westberliner Kabarett Die Stachelschweine) wird die prekäre Situation der Satire in der DDR deutlich: Als Vorfilme vor allem in den Kinos Ostberlins und Leipzigs nutzten sie den Spielraum, der durch "physische Erreichbarkeit von Alternativen zur SED-dominierten Öffentlichkeit" (S. 325) entstand. Sie waren eine kompensatorisch politische Notwendigkeit, die mit der Grenzziehung 1961 verschwand – und mit ihr 1963 das Stacheltier. Da das Fernsehen in der DDR ohne satirische Formate im engeren Sinn blieb, verlagerte sich das Kabarett, vor allem seit Honeckers Machtantritt, auf Berufsensembles in fast allen Bezirksstädten, die jedoch, wie Klötzer deutlich macht, insgesamt "lediglich kleine Öffentlichkeiten" (S. 327) erreichten. Abgerundet wird das Kapitel von Thomas Irmers Text ("Sozialistischer Boulevard") über das Theater Rudi Strahls und Edward Larkeys Beitrag über populäre Musik, ihre Institutionen in den DDR-Medien und die – im Rahmen eines einheitlichen Konzepts von Öffentlichkeit verständlichen – Schwierigkeiten bei der Herausbildung distinkter Fankulturen, die wiederum Symbol von Identitätsfindung und jugendkultureller Auseinandersetzung waren.

 

Der letzte Abschnitt liefert Einsichten über das "Entspannen" in der Mangelgesellschaft, über "Laubenpiepervergnügen" (Isolde Dietrich), die Kleingärtner und ihre eigenartig privilegierte Situation angesichts der schwierigen Versorgungssituation, über die DDR als eine der führenden Campingnationen (Gerlinde Irmscher) und über einen bewussten Verzicht, nämlich den an der Badebekleidung (Lutz Thormann über die "Freikörperkultur" und die schwierige Durchsetzung des für die DDR als so typisch geltenden Vergnügens in den ersten sieben Jahren ihres Bestehens). Andreas Stirn berichtet, gestützt auf Zeitzeugenaussagen und eine extensive Archivrecherche, über eine Art der Entspannung, in deren Genuss nur die wenigsten DDR-Bürger gelangten – eine Fahrt auf einem der drei Kreuzfahrtschiffe Völkerfreundschaft, Fritz Heckert oder Arkona. Heike Wolters "DDR-Bürger auf Reisen" beschließt den Band mit einem Überblick über mögliche und unmögliche Reisen in einem abgeschlossenen Land und die gesellschaftliche Sprengkraft des Wunsches nach freier Bewegung.

 

Insgesamt also bietet Vergnügen in der DDR die Zusammenschau eines bislang nicht eben zentralen Themas der DDR-Forschung, das in so vielen Zugängen präsentiert wird, wie es Facetten hat – das Ergebnis ist kein durchweg kohärenter Themenband, viel eher ein Sammelband, der es mit der Wissenschaft nicht immer so ernst nimmt, aber: ein guter.

 

Veröffentlicht am 01.06.2010 (Ausgabe 2010/1)

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