Inhalt der Ausgabe 2010/2

Corinna Kirschstein, Theater Wissenschaft Historiographie. Studien zu den Anfängen theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig.

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2009. (Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung 1). ISBN 978-3865831019. 225 S., Preis: € 24,90.

Rezensiert von Andreas Kotte

Der Eröffnungsband einer viel versprechenden Reihe 'Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung', initiiert von Gerda Baumbach, zielt einerseits auf einen wissenschaftshistorischen Beitrag zur Geschichte der Theaterwissenschaft überhaupt und andererseits auf eine spezielle Untersuchung der älteren Leipziger Theaterwissenschaft im Umfeld der Neugermanistik. Er setzt sich also für das erste Drittel des 20. Jahrhunderts unter dem Aspekt des Theaterbegriffs kritisch mit Fachgeschichte auseinander. Zu diesem Zweck wird eine Gliederung in drei Kapitel vorgenommen. Das erste untersucht das Verhältnis der Theaterwissenschaft zur Neugermanistik. Das zweite Kapitel widmet sich der Wirkung der bürgerlichen Theaterhistoriographie auf die Formierung der Theaterwissenschaft. Und im dritten stehen die Einflüsse praktischer Retheatralisierungsbewegungen der Jahrhundertwende auf die frühe Theaterwissenschaft im Zentrum.


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Ewald Mengel/Ludwig Schnauder/Rudolf Weiss (Hg.), Weltbühne Wien / World Stage Vienna. Vol. 1: Approaches to Cultural Transfer.

Trier: WVT Wissenschaftflicher Verlag Trier 2010. ISBN 978-3-86821-212-9. 252 S., brochiert. Preis: € 25,-.

Rezensiert von Caroline Herfert

Weltbühne Wien / World Stage Vienna ist ein Sammelband, dessen erster Teilband das Ergebnis einer Konferenz zum Thema Theater und kultureller Transfer beinhaltet, welche 2008 in Wien im Rahmen des gleichnamigen FWF-Projektes "Weltbühne Wien" abgehalten wurde.


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Peter Sprengel, Der Dichter stand auf hoher Küste. Gerhart Hauptmann im Dritten Reich.

Berlin: Propyläen 2009. ISBN: 978-3-549-07311-7. 382 S. Preis: € 24,90.

Rezensiert von Brigitte Dalinger

1892 war Gerhart Hauptmanns naturalistisches Drama Die Weber erschienen, 1912 hatte er den Nobelpreis für Literatur erhalten, 1922 wurde er von Thomas Mann als der "ungekrönte 'König der Republik'" (S. 10) bezeichnet. Sein 70. Geburtstag am 15. November 1932 wurde mit zahlreichen Feiern und Ehrungen in Berlin begangen. Den Machtwechsel in Deutschland im Frühjahr 1933 verfolgten Gerhart und seine Frau Margarethe Hauptmann vom Kurort Rapallo an der italienischen Riviera bzw. von Capri aus, wo sie sich bis Ende April 1933 aufhielten. Symptomatisch für Hauptmanns Verhalten während des 'Dritten Reichs' scheint die von Peter Sprengel geschilderte Szene zu sein: "Die Ergebnisse der Reichstagswahlen vom 5. März 1933, bei denen die NSDAP sensationell zulegt und 17 Millionen Stimmen erhält, vernehmen Hauptmann und seine Frau aus dem Radio, während sie mit seinem (jüdischen) Verleger Samuel Fischer und dessen Frau zusammen in der Hotelbar sitzen. Die Gefühle der Beteiligten werden kaum übereinstimmend gewesen sein, und selbst Hauptmanns persönliche Einschätzung bleibt in der Folgezeit schwankend. Entschlossen zeigt er sich nur in einem Punkt: sich zu keiner öffentlichen Reaktion hinreißen zu lassen, die als Protest gegen die Machthaber gewertet werden könnte" (S. 20).


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Laura Frahm, Jenseits des Raums, Zur filmischen Topologie des Urbanen.

Bielefeld: transcript 2010, ISBN 10-3837611213. 428 Seiten. Preis: € 33,80.

Rezensiert von Petra Löffler

Seit Michel Foucault in einem 1967 gehaltenen Vortrag eine 'Epoche des Raumes' ausrief, sind mehr als vierzig Jahre vergangen. Sein Ruf ist nicht ungehört verhallt – im Gegenteil: Er hat sein Echo in den Renaissancen des Raums vom 'spatial turn' der 1980er bis zum 'topographical turn' der letzten Jahre gefunden, die eine wahre Flut von Publikationen ausgelöst haben. Dass diese grundsätzliche Kategorie des Denkens trotzdem noch immer etwas Un(be)greifbares besitzt, hat sicher ebenso mit seiner hohen Anschließbarkeit an verschiedene Wissensgebiete und Disziplinen wie auch mit seiner Doppelnatur als empirisches und theoretisches Objekt zu tun. Zahlreiche Wortschöpfungen wie 'sozialer Raum', 'virtueller Raum' oder 'Erfahrungsraum' machen dies offensichtlich. Genau das macht den Raum nach wie vor für natur-, sozial- wie kulturwissenschaftliche Untersuchungen gleichermaßen attraktiv.


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Maren Möhring/Massimo Perinelli/Olaf Stieglitz (Hg.), Tiere im Film. Eine Menschheitsgeschichte der Moderne.

Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2009 (Kölner Historische Abhandlungen 47). ISBN 978-3-412-20341-2. 292 S. Preis: € 39,90 (D), € 41,- (A).

Rezensiert von Ulrich Meurer

Kein Disney, viel Deleuze: Tiere im Film proklamiert das 'Werden' -  In den sechzehn Beiträgen, die sich aus unterschiedlichsten Richtungen dem Tier im Film nähern, taucht der Name Walt Disney ganze fünf Mal auf, dabei stets in Randbemerkungen, Nebensätzen oder Fußnoten, und das hat seinen Grund: Mit dem Titel des Bandes mögen sich zwar spontan Disneys zutiefst anthropomorphe und ödipale Tierfiguren aufdrängen. Aber den hier versammelten Texten ist vor allem daran gelegen, im Film- und Fernsehbild ein Animalisches auszumachen, das – jenseits aller narzistischen Objektivierungen durch den Menschen – bestehendes Denken über das Tier abzulösen versteht. So ist denn auch der Gewährsmann der meisten Aufsätze Gilles Deleuze, dessen Konzept des Tier-Werdens darauf zielt, Wesensgrenzen in der sonst dichotomen Beziehung zwischen Mensch und Tier zu destabilisieren und das Subjekt mit 'minoritären', 'prozesshaften' Zügen anzustecken.


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Rainer Rother/Karin Herbst-Meßlinger (Hg.), Der Erste Weltkrieg im Film.

München: edition text + kritik 2009. ISBN 978-3-86916-030-6. 280 S. Zahlreiche s/w-Abbildungen. Preis: € 24,-.

Rezensiert von Eva Krivanec

Deutlich über eine reine Motivgeschichte hinausgehend behandeln die in dem Band Der Erste Weltkrieg im Film versammelten Beiträge eine Fülle von Aspekten, die das Verhältnis von Kinematographie und der Darstellung des Ersten Weltkriegs, von frühen, während des Krieges in Kinos ausgestrahlten 'Dokumentar'-Filmen bis zu Spielfilmen nach 1945 und Fernsehdokumentationen der Gegenwart, ausloten.


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Jörg Döring/Tristan Thielmann (Hg.), Mediengeographie. Theorie – Analyse – Diskussionen.

Bielefeld: transcript 2009. (Reihe Medienumbrüche, Nr. 26). ISBN: 978-3-8376-1022-2. 654 S. Preis: € 39,80,-.

Rezensiert von Jana Herwig

Schon aufgrund des Volumens kommt der Sammelband Mediengeographie. Theorie – Analyse – Diskussionen, herausgegeben von Jörg Döring und Tristan Thielmann, gewichtig daher: Auf über 600 Seiten wurden 24 Beiträge deutschsprachiger und internationaler AutorInnen – darunter Theorie- und Diskursstars wie Bruno Latour, Paul Virilio, Lev Manovich und Saskia Sassen – versammelt, die sich der "Remedialisierung der Geographie in Form von Mediengeographie" (Einleitung, S. 10) widmen möchten.


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Helmi Järviluoma/Meri Kytö/Barry Truax/Heikki Uimonen/Noora Vikman (Hg.), Acoustic Environments in Change. (Enthält auch die 1975 erstveröffentlichte Studie von R. Murray Schafer (Hg.), Five Villages Soundscapes, World Soundscape Project, The Music of the Environment Series No. 4.)

Tampere: TAMK (Tampereen Ammattikorkeakoulu) 2009, ISBN 978-952-5264-78-4. 430 S. Preis: € 55,-.

Diedrich Diederichsen/Constanze Ruhm (Hg.), Immediacy and Non-Simultaneity: Utopia of Sound.

Wien: Schlebrügge.Editor (Publications of the Academy of Fine Arts, Vienna, Volume 10) 2010, ISBN 978-3-85160-173-2. 264 S. Preis: € 24,00.

Rezensiert von Jochen Bonz

Die Auseinandersetzung mit der Sphäre des Klangs stellt für die geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen eine Herausforderung dar und eröffnet ihnen zugleich neue Möglichkeiten. Zwei aktuelle Sammelbände, im einen Fall aus einem kulturanthropologischen Forschungszusammenhang, im anderen Fall aus einem kunsttheoretischen, verdeutlichen dies auf unterschiedliche Weise.


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Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen.

München: Wilhelm Fink Verlag 2010. ISBN 978-3-7705-4987-0. 321 S. Preis: € 29,90.

Rezensiert von Gernot Rieder

"Als Automatismen bezeichnet man Abläufe, die sich einer bewussten Kontrolle weitgehend entziehen. […] Automatismen bringen – quasi im Rücken der Beteiligten – neue Strukturen hervor [...]" (S.9).


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Stefanie Freyer/Katrin Horn/Nicole Grochowina (Hg.), FrauenGestalten Weimar-Jena um 1800. Ein bio-bibliographisches Lexikon.

Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2. überarb. Aufl. 2009. (Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800. Ästhetische Forschungen 22). ISBN 978-3-8253-5656-9. 453 S., 74 Abb. Preis: € 58,--.

Rezensiert von Beate Hochholdinger-Reiterer

In Zeiten, in denen die Beschaffung von Informationen vermeintlich egalisiert und globalisiert ist, mutet es nahezu anachronistisch an, ein gedrucktes bio-bibliographisches Lexikon über Frauen zu veröffentlichen, die um 1800 in Weimar-Jena nachhaltig gewirkt haben. Vergessen scheint, dass das heute allgegenwärtige Verlinkungsprinzip einen genuinen Bestandteil lexikalischer Wissensaufbereitung darstellt und stets großen Anteil an der durch Lexika hervorgerufenen Leselust hat. Mit großem Vergnügen taucht man nun also, blätternd statt klickend, ein in die 95 Biographien der zum Großteil heute völlig unbekannten FrauenGestalten (erst die eigenwillige Typografie erschließt das Wortspiel).


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Sascha Kirchner/Vivian Liska/Karl Solibakke/Bernd Witte (Hg.): Walter Benjamin und das Wiener Judentum zwischen 1900 und 1938. Benjamin-Blätter Band 5.

Würzburg: Königshausen & Neumann. ISBN: 978-3-8260-4246-1. 160 S. Preis: € 24,80.

Rezensiert von Sara Vorwalder

Der mittlerweile fünfte Band der Benjamin-Blätter fasst Vorträge zusammen, die im Rahmen der Tagung 'Wien und die jüdische Erfahrung 1900-1938' im März 2007 in Wien gehalten wurden. Die Texte fragen nach dem jüdischen 'Beitrag' zur Wiener Kultur vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sowie nach Walter Benjamins Bezügen zu Wien. Diese Bezüge sind von einer Indirektheit geprägt. Bernd Witte verweist in den einführenden Worten des Bandes auf den Zionisten Leon Kellner, Benjamins Schwiegervater, der wohl einer der wenigen direkten Wien-Kontakte Benjamins war. Im Laufe der Zeit stellten sich jedoch in Benjamins Denken Bezüge zum 'Wiener Denken', etwa dem Sigmund Freuds und Karl Kraus', ein. Anja Lemke beschreibt in ihrem Text Benjamins Begegnungen mit Wien als metaphorische, zum Beispiel über Literatur, wo es zu einer "Verschiebung von der Topographie der Stadt in die Topographie der Schrift" (S. 42) kommt.


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Ben Lewis, Das komische Manifest. Kommunismus und Satire von 1917 bis 1989 (aus dem Engl. v. Anne Emmert).

München: Blessing 2010. ISBN 978-3896673930. Gebunden, 459 S. Preis: € 22,95.

Rezensiert von David Krych

Was ist Kommunismus? Algebra gibt Aufschluss: "Kommunismus = Sowjetmacht + Elektrifizierung" (S. 45). Ein mathematischer Leitsatz aus Lenins Zeiten, der womöglich  erhebliche Konsequenzen nach sich zog:  "Elektrifizierung = Kommunismus – Sowjetmacht" (S. 46). Diese Formelumkehrung suggeriert auch eine Umkehr der Wahrnehmung – von den Wahl- und Propaganda-Sprüchen zu anderen realen Gegebenheiten, vom Kommunistischen Manifest zum Komischen Manifest. Der ehemalige Kunstgeschichte-Student, Musiker und Dokumentarfilmer Ben Lewis versucht eine Geschichte "von dem politischen System, das einfach weggelacht wurde" (S. 13), zu erzählen, eine Geschichte mit zahlreichen Parallelgeschichten, eine Geschichte, die viele Fragen aufwirft und im zynischen Witz Antworten findet: "Was ist der Unterschied zwischen Roosevelt und Stalin? Roosevelt sammelt die Witze, die man über ihn erzählt, und Stalin sammelt die Leute, die Witze über ihn erzählen." (S. 120)


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Nina Trauth, Maske und Person. Orientalismus im Porträt des Barock.

Berlin/München: Deutscher Kunstverlag 2009. ISBN 978-422-06859-9. 494 S. Preis: € 69,-.

Rezensiert von Michael Hüttler

Der Markgraf in der Kleidung eines Osmanen, die Gräfin als Sklavin, Madame de Pompadour als des Sultans Favoritin, Madame Favart als Roxelane – im 17. Jahrhundert begannen Menschen in Europa sich mittels kulturfremder Kleidung im Porträt zu inszenieren. In den meisten Fällen handelte es sich dabei um orientalisierende Bildnisse, d.h. um die Repräsentation von Orient, transportiert über die Kleidung. Der Begriff Orient bezieht sich in diesem Fall hauptsächlich auf die Kultur des Osmanischen Reichs und nicht wie im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch üblich (auch) auf Ostasien.


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Emil Walter-Busch, Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik.

Paderborn: Fink 2010. 262 S. ISBN: 978-3770549436. Preis: 19,90 Euro.

Rezensiert von Florian Wagner

Kritische Theorie wirkt trotz beständiger Verdrängungs- und Entpolitisierungstendenzen bis heute als gesellschaftskritischer Stachel in den akademischen Betrieb hinein. Emil Walter-Busch versucht zu einer Relektüre anzuregen. Den Fokus legt er auf die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Schriften von Max Horkheimer, Friedrich Pollock, Franz Neumann, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse. Darüber hinaus bemüht er sich um eine Darstellung der Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) von der Institutsgründung bis 1970.


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