Gerda Baumbach: Schauspieler. Historische Anthropologie des Akteurs. Bd. 1. Schauspielstile.

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2012. ISBN 978-3-86583-611-3. 295 S. Preis: € 29,90.

Rezensiert von Stefanie Schmitt

"SCHAUSPIELEN – WAS IST DAS?" Gerda Baumbach eröffnet den Lektüregang mit einer Frage. In dieser schlichten, eingängigen Manier wird sie in weiterer Folge viele stellen. Dabei wird schon im Vorwort, in dem die Autorin die Suche "nach einem spezifisch 'Schauspielerischen'" (S. 15) als eine persönliche deklariert, klar, dass hier eine Wissende spricht. Die Frage-Antwort-Rhetorik lädt den Leser ein, Baumbach bei der folgenden Entnahme der "Stichproben" über die Schulter zu schauen. Ihren Boden – das zur Prüfung herangezogene "scheinbar bekannte[] Gelände" (ebd.) – findet die Untersuchung zunächst im 18. Jahrhundert: Dessen Dichter und Denker, Schauspieler und andere Theatermacher dienen als Referenzpunkte, wenn es gilt, eine "historische Anthropologie des Akteurs" auszuloten.


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Stefanie Diekmann/Christopher Wild/Gabriele Brandstetter (Hg.): Theaterfeindlichkeit.

München: Fink 2012. ISBN 978-3-7705-5158-3. 209 S. Preis: € 29,90.

Rezensiert von Katharina Dufek

Theaterfeindlichkeit als "unterschätzte[s] Phänomen" (S. 7) zu bezeichnen ist, was den deutschsprachigen Raum anbelangt, mit Sicherheit keine Übertreibung. Mit Ausnahme weniger AutorInnen, die natürlich in diesem Band vertreten sind (Doris Kolesch, Martin Puchner, Christopher Wild), hat die Theaterwissenschaft die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Theatrophobie und Theatromanie bisher weitgehend außer Acht gelassen. Auch wenn der vorliegende Band, wie die HerausgeberInnen im Vorwort anmerken, keine erschöpfende Betrachtung antitheatraler Impulse liefern kann, bietet er doch unterschiedliche Perspektiven, die allesamt theaterfeindliche Ideen und Handlungen "nicht als repressive, sondern als produktive Kräfte" (S. 8) betrachten und deren kulturgeschichtliche Bedeutung erkennen.


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Miriam Drewes: Theater als Ort der Utopie. Zur Ästhetik von Ereignis und Präsenz.

Bielefeld: transcript 2010. ISBN 978-3-8376-1206-6. 456 S. Preis: € 33,80.

Rezensiert von Klaus Illmayer

Auch wenn der Titel es nicht unbedingt nahelegen würde, legt Miriam Drewes mit der Veröffentlichung ihrer gekürzten Dissertation (2008 approbiert) eine detailreiche Auseinandersetzung mit einigen Grundpfeilern der modernen Theaterwissenschaft vor. Insbesondere geht es ihr darum, die 'ständigen Erweiterungen' des Faches über das Konzept der Theatralität hinaus hin zu einer 'Kulturwissenschaft' zu analysieren. Dabei zeigt sie Widersprüche, Kurzschlüsse und Denkfehler dieser Entwicklung auf und wirft einen kritischen Blick auf die gegenwärtige, sich dem postdramatischen Theater widmende Theaterwissenschaft.


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Pia Janke/Teresa Kovacs (Hg.): Der Gesamtkünstler Christoph Schlingensief.

Wien: Praesens 2011. ISBN 978-3-7069-0667-8. 492 S. Preis: € 41,80.

Rezensiert von Christoph Scheurle

Als Christoph Schlingensief am 21. August 2010 mit 50 Jahren starb, ging – wie Elfriede Jelinek feststellte – das Leben eines "der größten Künstler, die je gelebt haben" zu Ende. Nicht nur sein Tod wurde von der Öffentlichkeit wahrgenommen und betrauert, auch an seinem Sterben ließ der Filmemacher, Theater- und Opernregisseur und nicht zuletzt bildende Künstler die Öffentlichkeit teilnehmen: Die Inszenierung Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir (Oberhausen 2008) oder sein Buch So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung (Köln 2009), geben tiefen Einblick in die Welt und Denkweise des Christoph Schlingensief, getreu dem Motto: Wer seine Wunde zeigt, der wird geheilt werden. Mit dieser Haltung stellte er sich nicht nur in eine Linie mit dem von ihm hochgeschätzten Joseph Beuys, der eine wichtige Rolle in Schlingensiefs Werk spielt, sondern führte dessen Maxime, nicht zwischen dem Leben und der Kunst zu unterscheiden, konsequent weiter.


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August Klingemann: Theaterschriften.

Hrsg. v. Alexander Košenina. Hannover: Wehrhahn 2012. (Theatertexte 34). ISBN 978-3-86525-273-9. 180 S. Preis: € 20,–.

Rezensiert von Stefanie Schmitt

'Klagen, nichts als Klagen', könnte man angesichts der klingemannschen Theaterreformierungs-Bestrebungen ausrufen. Der Autor ist mit der Gesamtsituation unzufrieden: "Unsere Bühne wie sie ist, hat bisher im Ganzen den Namen einer Bühne noch nicht verdient" (S. 72). Und über den weithin postulierten Anspruch an eine neue Schauspielkunst, namentlich die 'Menschenmalerei', schreibt er noch 1816: "Mit der Malerei glaubt der gewöhnliche Schauspieler weiter nichts zu thun zu haben, als dass er sich das Gesicht male" (S. 96). So nimmt es nicht wunder, dass der Autor das vielzitierte Lamento Lessings neuerlich bekräftigt und ein halbes Jahrhundert nach dessen 'Hamburgischer Diagnose' vom 19. April 1768 noch immer einen Mangel an Schauspielkunst konstatiert. Schon zu Anfang seiner Beschäftigung mit dem Theater, nämlich 1802, kreisen Klingemanns Gedanken schriftlich um die Erfordernisse der Stückauswahl, die erst knapp zwei Jahrzehnte später in Form praktischer Probleme auf ihn zukommen, als er die Theaterleitung in seiner Geburtsstadt Braunschweig antritt.


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Peter W. Marx (Hg.): Handbuch Drama. Theorie, Analyse, Geschichte.

Stuttgart: Metzler 2012. ISBN 978-3-476-02348-3. 348 S. Preis: € 69,95.

Rezensiert von Fabian Lempa

Das von Peter W. Marx jüngst herausgegebene Handbuch Drama wählt einen Ansatz, der auf ein ahistorisch-transkulturelles, evolutionäres und traditionelles Verständnis der dramatischen Gattung verzichtet. Vielmehr trägt der Band der Besonderheit Rechnung, "dass das Drama keine in sich ruhende Form darstellt, sondern per definitionem eine Schnittstelle zur szenischen Darstellung bereit hält" (S. VII). In den Blickpunkt rücken somit der liminale Charakter des Dramas, dessen inhärente Offenheit für das Theater sowie seine Verortetheit innerhalb des Spannungsfeldes von Textualität und Performativität, deren historisierende Exemplifizierung das erklärte Ziel dieser Publikation darstellt.


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Myrna-Alice Prinz-Kiesbüye/Yvonne Schmidt/Pia Strickler (Hg.): Theater und Öffentlichkeit. Theatervermittlung als Problem.

Zürich: Chronos 2012. (ITW: 11). ISBN 978-3-0340-1120-4. 256 S. Preis: € 39,50.

Rezensiert von Sara Tiefenbacher

"Theatervermittlung ist kein einheitlich definierter Begriff […] und die Grenzen zu Pädagogik, Marketing oder Kunsttheater sind uneindeutig", erklären Myrna-Alice Prinz-Kiesbüye und Yvonne Schmidt in ihrem 2010 erschienenen Beitrag Theater für alle, aber nicht von allen?. Das aktuelle Forschungsfeld der Theatervermittlung konstituiert – durch die spezifischen Funktionen und die unterschiedlichen Vermittlungspraktiken und Zielgruppen, die begreiflicherweise in dieses Gebiet eingewoben sind – ein breites (Wissenschafts-)Spektrum. Dabei tritt immer häufiger der wissenschaftliche Diskurs in den Vordergrund.


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Katy Schlegel: Comica – Donna Attrice – Innamorata. Frühe Berufsschauspielerinnen und ihre Kunst.

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2011. (Leipziger Beiträge zur Theaterwissenschaft: 3). ISBN 978-3-86583-430-0. 316 S. Preis: € 40,–.

Rezensiert von Laurette Burgholzer

Es ist "eher zu billigen […], einem Basilisken beim Pfeifen zuzuhören als einer Frau beim Singen, weil der Basilisk mit seinem Blick den Körper tötet, während die Frau mit ihren lasziven Gesängen jedoch die Seele tötet, indem sie in ihr sündhafte Wünsche hervorruft" (S. 78). Als sirenenhaft gefährlich beschreibt hier Francisco Arias (1533–1605), ein 'Mann der Kirche', die Wirkungsweise weiblichen Gesangs. Das 16. und 17. Jahrhundert in Europa begegnen der öffentlich auftretenden Frau in der Tat meist radikal. Der Verdammung jener singenden, sprechenden, springenden, spielenden Akteurinnen als Geschöpfe des Lasters steht jedoch diametral die Idealisierung der rhetorisch begnadeten, graziösen Schauspielerin gegenüber. Die Wahrnehmung der italienischen Comica oszilliert zwischen den Extremen von teuflischer Obszönität und göttlicher Anmut. Katy Schlegel folgt den Pfaden dieser widersprüchlichen Beschreibungen und Darstellungen früher Berufsschauspielerinnen "außerhalb der offiziell geltenden Kartographie künstlerischer, moralischer oder intellektueller Bezugsgrößen" (S. 18).


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Ruth Barton: Hedy Lamarr. The Most Beautiful Woman in Film.

Lexington: University Press of Kentucky 2010. ISBN 978-0-8131-2604-3. 281 S. Preis: € 29,95.

Rezensiert von Christian Cargnelli

Hedy Lamarr zählt sicherlich nicht zu jenen Schauspielerinnen, an die man sich wegen hervorragender darstellerischer Leistungen erinnert. In der New Yorker Exilzeitung Aufbau (15. 09. 1939) rezensierte Manfred George das MGM-Melodram Lady of the Tropics (1939) und erwähnte darin Lamarr, "die da ist und schön aussieht, aber sonst nicht sehr viel zu geben hat".


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Joseph Garncarz: Maßlose Unterhaltung. Zur Etablierung des Films in Deutschland 1896–1914.

Basel/Frankfurt a. M.: Stroemfeld 2010. (Nexus. Die kulturwissenschaftliche Bibliothek: 89). ISBN 978-3-87877-802-8. 251 S. Preis: € 29,–.

Rezensiert von Thomas Ochs

"Noch immer gehen die Menschen ins Kino, unabhängig von den Distinktionen, die sie im Zuge ihres sozialen Lebens erworben haben. Noch immer wird weithin die Ansicht vertreten, dass das gemeinsame, öffentliche Filmerleben von Menschen, die einander tendenziell unbekannt und unähnlich sind, nicht ersetzt werden kann (und gar nicht ersetzt werden 'will') durch den privatisierten Filmgenuss, alleine oder familiär vor dem Schirm."[1] Mit diesen Worten beginnt Alexander Horwath im Programmheft des Österreichischen Filmmuseums von Mai/Juni 2011 sein Vorwort. Kino ist dieser Beobachtung nach noch immer ein lebendiger Ort in der Öffentlichkeit. Die Wortkombination 'noch immer' impliziert ein Faktum, das sich bis dato nicht geändert hat. Doch zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Prämissen hat sich das Kino zu diesem Ort entwickelt, den Herr Horwath in der digitalen Heimkinokultur als unersetzbar für öffentliches Filmerleben bestimmt? Genau dieser Frage widmet sich Joseph Garncarz in seiner Monographie Maßlose Unterhaltung. Zur Etablierung des Films in Deutschland 1896–1914 und betreibt damit Grundlagenforschung im besten, wissenschaftshistorischen Sinn. Er deckt die Herausbildung des ortsfesten Kinos als einem Ort der Massenunterhaltung auf und beschreibt zugleich ein Zeitbild der Jahrhundertwende. Dabei ist es sein dezidiertes Anliegen, "die Filmaufführung in den Mittelpunkt der Untersuchung" (S. 10) zu stellen.


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Gertrud Koch/Volker Pantenburg/Simon Rothöhler (Hg.): Screen Dynamics. Mapping the Borders of Cinema.

Wien: Synema 2012. (FilmmuseumSynemaPublikationen: 15). ISBN 978-3-901644-39-9. 184 S. Preis: € 20,–.

Rezensiert von Angelika (Aki) Beckmann

Als André Bazin nach dem Wesen des Kinos fragte, war dieses noch gleichbedeutend mit dem des Films, – heute, ziemlich genau 50 Jahre später, ist Kino längst nicht mehr der einzige Ort, an dem Film rezipiert wird. Vielmehr reiht sich die Kinoleinwand in eine Vielzahl von Medien ein, auf denen und durch die bewegte Bilder zirkulieren und konsumiert werden: von der riesigen IMAX Leinwand bis zum winzigen touch screen, vom elitären Ausstellungsraum zu egalitäreren Plattformen wie YouTube bis hin zu den einstigen Rivalen des Kinos, dem Theater und dem Fernsehen.


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Sulgi Lie: Die Außenseite des Films. Zur politischen Filmästhetik.

Zürich: diaphanes 2012. ISBN 978-3-03734-196-4. 304 S. Preis: € 29,90.

Rezensiert von Lena Stölzl

Die Spuren einer Außenseite des Films führen Sulgi Lie in der gleichnamigen, seiner Dissertation folgenden Publikation auf eine Expedition in die Geschichte der Filmtheorie. Dabei geht es ihm darum, das politische Potential des Films in der Relation zwischen dem Feld des Sichtbaren und jenem des Unsichtbaren zu denken. Was dem Bild unsichtbar eigen ist, kommt aus der Abwesenheit seiner Blickursache: Wer oder was bringt hervor, was zu sehen ist? Hier macht Lie von Anfang an klar, dass er diese Frage für unbeantwortbar hält.


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Philipp Stiasny: Das Kino und der Krieg. Deutschland 1914–1929.

München: edition text + kritik 2009. ISBN 978-3-86916-007-8. 443 S. Preis: € 38,–.

Rezensiert von Eva Krivanec

"Die Forschungen zu den Filmen über den Ersten Weltkrieg einerseits und zum Kino der Kaiserzeit und dem Weimarer Kino andererseits berühren sich nur wenig" (S. 14). Das schreibt Philipp Stiasny als Diagnose zur Forschungslage in der Einleitung zu seinem Buch Das Kino und der Krieg, einer gekürzten und überarbeiteten Fassung seiner Dissertation am Institut für deutsche Literatur der HU Berlin. Mit seiner detailreichen und präzisen Studie zu den manifesten und latenten Spuren des Ersten Weltkriegs in populären Spielfilmen der Stummfilmära beteiligt sich Stiasny an der Schließung der klaffenden Lücke zwischen der Forschung, die sich für den Krieg als Sujet interessiert – und dies zu oft, wie der Autor beklagt, am Genre Kriegsfilm festmacht – und jener, die sich mit der Geschichte des populären Kinos in der Zeit der Weltkriege beschäftigt, zumindest für Deutschland.


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