Friedrich Balke/Hanna Engelmeier: Mimesis und Figura. Mit einer Neuausgabe des 'Figura'-Aufsatzes von Erich Auerbach.

Paderborn: Wilhelm Fink 2016. (Reihe: Medien und Mimesis, Bd. 1). ISBN: 978-3-7705-6096-7. 192 S., Preis: € 19,90.

Rezensiert von Valerie Dirk

"Etwas wie eine Geschichte des europäischen Realismus hätte ich niemals schreiben können", stellt der Romanist und Philologe Erich Auerbach am Ende seines literaturwissenschaftlichen Grundlagenwerks Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur fest, welches er in den 1940er Jahren im Istanbuler Exil verfasste. Dieses programmatische Zitat bildet einen der Dreh- und Angelpunkte für Friedrich Balkes und Hanna Engelmeiers Nachvollziehen der zentralen Auerbach'schen Begrifflichkeiten: Mimesis, Wirklichkeit und – untrennbar davon – Geschichte. Zur Hand nimmt das Autor_innenduo dabei den kurz nach Auerbachs Emigration entstandenen Text "Figura" (1938), den sie – möchte man sagen – als ,Vorausdeutung' auf Mimesis lesen und so genau nach der Methode der Figuraldeutung verfahren, die Auerbach in "Figura" entwirft. Diese Re- und Querlektüren werfen neue Schlaglichter auf Auerbachs Begriffe und Methoden und deren Nachwirken und Anschlussfähigkeit für die Geschichts-, Literatur- und Filmwissenschaft.


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Stefanie Mathilde Frank: Wiedersehen im Wirtschaftswunder. Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik 1949-1963.

Göttingen: V&R unipress 2017. (Reihe: Cadrage., Bd. 004). ISBN 978-3-8471-0743-9; 451 S., 32 Abb., 1 CD, Preis: € 65,00.

Rezensiert von Bernhard Groß

Die These von der "reaktionären Moderne", die der Historiker Jeffrey Herf für die (Kultur-)Politik des Nationalsozialismus aufgestellt hat, wurde in Bezug auf den Film zuletzt eindrucksvoll in Laura Heins 2013 erschienener Studie Nazi Film Melodrama nachgewiesen: Heins stellt unter anderem heraus, dass NS-Melodramen das seinerzeit liberalste Scheidungsrecht in Europa propagandistisch flankierten und dies zugleich mit Darwin'scher 'Zuchtauswahl' verquickten. Johannes von Moltke hat 2005 mit seiner bahnbrechenden Studie No Place Like Home. Locations of Heimat in German Cinema in Anlehnung an Herf für den Heimatfilmdiskurs der 1950er Jahre, dessen Bezüge er über das NS- und das Weimarer Kino bis ins 19. Jahrhundert zurück und in die Gegenwart des Anti-Heimatfilms des Neuen Deutschen Films verfolgt, den Begriff der "nostalgischen Modernisierung" geprägt. Verbunden sind in diesem Begriff die Widersprüchlichkeit eines gleichzeitig konservativen bzw. revisionistischen Erzählens und Inszenierens auf der einen und eines Modernisierungsdiskurses auf der anderen Seite. Dies kennzeichne, so Moltke, den Heimatfilm der 1950er Jahre.


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Martin Seel: "Hollywood" ignorieren. Vom Kino.

Frankfurt am Main: S. Fischer 2017. ISBN 978-3-10-397224-5. 288 S., Preis: € 24,00.

Rezensiert von Vrääth Öhner

"Hollywood" ignorieren: Unter diesem im Vergleich zum Vorgänger geradezu riskanten Titel hat Martin Seel 2017 eine Sammlung von großteils bereits publizierten Aufsätzen vorgelegt, die seine in Die Künste des Kinos 2013 entwickelten Thesen aufnehmen, variieren und erweitern sowie deren Erklärungskraft an ausgewählten Beispielen vorführen. An der Grundkonstellation seiner Philosophie des Kinos hat sich damit freilich nichts geändert. Für Seel gehört das Kino zu den Künsten, weil es nicht nur in einem spannungsreichen Verhältnis zu den anderen Künsten und ihren Verfahren steht, sondern mit seinen eigenen Mitteln eine ästhetische Erfahrung erzeugt, die jener der anderen Künste zugleich ähnlich und dennoch hinreichend eigenständig ist. Wie die anderen Künste auch setzt das Kino sein Publikum der Spannung zwischen Aktivität und Passivität, zwischen "phänomenaler Bewegung und leiblich-seelischer Bewegtheit" (S. 34) aus, radikalisiert diese Spannung aber insofern, als "alle Aktivität des Verstehens […] im Kino in einer gesteigerten Passivität fundiert ist" (S. 39f.). Gesteigert ist diese Passivität deshalb, weil im Kino mehr als anderswo den Zusehenden "die Regie über die Zeit und die Richtung ihres Vernehmens […] abgenommen" (S. 40) wird. Seel zufolge führt das zu einer Intensivierung jener der ästhetischen Erfahrung eigenen Befreiung von zweckbestimmten Vollzügen, welche die übrigen, außerkünstlerischen Praktiken der Menschen beherrschen: "Indem die Zuschauer [dem] visuellen wie akustischen Diktat [des Films] unterliegen, kommen sie einer Erfüllung des Begehrens näher als irgendwo sonst, ihre Lage einmal nicht bestimmen zu müssen, sondern sich von ihr bestimmen lassen zu können" (S. 39).


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