Stephan Kurz/Michael Rohrwasser (Hg.): "A. ist manchmal wie ein kleines Kind". Clara Katharina Pollaczek und Arthur Schnitzler gehen ins Kino.

Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2012. (Manu Scripta 2). ISBN 978-3-205-78746-4. 399 S. Preis: € 39,-

Rezensiert von Julia Ilgner

Die Wiederkehr seines 150. Geburtstags gab verschiedentlich Anlass für neue Perspektiven auf Leben und Werk des Wiener Schriftstellers und Arztes Arthur Schnitzler. Unter den editorischen Publikationen ist – neben den sukzessiven Veröffentlichungen im Rahmen der historisch-kritischen Ausgabe und Peter Michael Braunwarths Traumtagebuch – das von dem Wiener Neugermanisten Michael Rohrwasser in Zusammenarbeit mit Stephan Kurz kuratierte Projekt um die gemeinsame Kinoerfahrung des Paares Arthur Schnitzler (1862–1931) und Clara Katharina Pollaczek (1875–1951) in den letzten Lebensjahren des Dichters hervorzuheben.


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Adelheid Heftberger: Kollision der Kader. Dziga Vertovs Filme, die Visualisierung ihrer Strukturen und die Digital Humanities.

München: Edition Text + Kritik im Richard Boorberg Verlag 2016. (Band 2 Film-Erbe. Hg. v. Chris Wahl) ISBN 978-3-86916-463-2. 517 Seiten, 196 Abbildungen, kartoniert. Preis 49,00 €

Rezensiert von Sabine Prokop

Dziga Vertov (1896–1954) gilt als einer der bedeutendsten Filmemacher der Sowjetunion. Adelheid Heftberger legt nun eine sehr detaillierte Untersuchung seines Schaffens vor, die historische Quellen mit quantitativer Filmanalyse und russischem Formalismus verbindet. Informatik und Informationsvisualisierung werden eingesetzt, um die Analyse von Vertovs Filmen auf eine neue Grundlage zu stellen. Damit bietet das Buch nicht nur neue Einblicke in das komplexe Schaffen des Regisseurs, sondern greift auch aktuelle Entwicklungen in den Digital Humanities auf.


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Eva Hohenberger/Katrin Mundt (Hg.): Ortsbestimmungen. Das Dokumentarische zwischen Kino und Kunst.

Berlin: Vorwerk 8 2016. (Reihe: Texte zum Dokumentarfilm 18). ISBN: 978-3-940384-80-5. 240 S. Preis: € 24,00

Rezensiert von Cornelia Lund

In der Folge des sogenannten documentary turn haben seit den 1990er Jahren dokumentarische Praktiken verstärkt Einzug gehalten in den Kunstkontext. Dokumentarische Arbeiten in verschiedenen Medien und künstlerischen Praktiken wie Fotografie, Bewegtbild, Performance oder Installation sind im zeitgenössischen Ausstellungsbetrieb nahezu omnipräsent, wobei es durchaus Grenzgänger und Brückenschläge zwischen diesem neuen Feld dokumentarischer Praktiken und dem traditionellen Dokumentarfilm gibt. Dass dieser Austausch auch diskursiv nicht unproblematisch und häufig von Missverständnissen geprägt ist, hat Eva Hohenberger und Katrin Mundt unter anderem dazu veranlasst, mit einem Sammelband die neue Verortung des Dokumentarischen zwischen Kino und Kunst für beide Diskurswelten zugänglicher zu machen.


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Christine Gledhill/Julia Knight (Hg.): Doing Women’s Film History: Reframing Cinemas, Past and Future.

Urbana/Chicago/Springfield: University of Illinois Press 2015. ISBN 978-0-252-08118-7. Preis: € 27,99.

Rezensiert von Sarah-Mai Dang

Seit den 1990er Jahren ist unter feministischen Theoretikerinnen in Westeuropa und den USA von einem selbstverschuldeten Ausschluss von Frauen aus der Filmgeschichte die Rede. Mit dem Fokus auf die Repräsentation von Frauen im Film und im Kino, also auf Schauspielerinnen und Zuschauerinnen, habe die feministische Theorie der 1970er und 1980er Jahre den Einfluss von Frauen in der Filmindustrie ausgeblendet und die Konzeption des Kinos als durch und durch männliche Kunstform ungewollt fortgeschrieben. Die patriarchalen Filmbilder von Frauen als passive Objekte verweigerten nämlich, so die weit verbreitete Auffassung zu den Anfängen der feministischen Filmtheorie vor vierzig Jahren, einem weiblichen Publikum jegliche Schaulust und damit eine Subjektposition im kinematographischen Repräsentationssystem, das als symptomatisch für die Gesellschaft gesehen wurde.


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Scott Loren, Jörg Metelmann (Hg.): Melodrama After the Tears. New Perspectives on the Politics of Victimhood.

Amsterdam: Amsterdam University Press 2016, ISBN 978 90 8964 673 6, 360 Seiten, 99 Euro.

Rezensiert von Claus Tieber

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Melodrama setzte erst relativ spät ein. Christine Gledhills Sammelband Home is Where the Heart Is (1987) war der gelungene Versuch, das Thema auf die filmwissenschaftliche Karte zu setzen. Der Einfluss von Peter Brooks' Studie zum Melodrama in der Literatur (The Melodramatic Imagination, 1976) einerseits und ein feministischer Ansatz, der den Fokus auf die Rezeption der als "women's films" und "weepies" verschrienen Filme legte, prägten die Forschung. Linda Williams schließlich hat den Begriff des Melodramas neu interpretiert und nicht mehr nur als Genre, sondern als Erzählweise bzw. kulturelle Praxis definiert.


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Laura Mulvey/Anna Backman Rogers (Hg.): Feminisms. Diversity, Difference, and Mulitplicity in Contemporary Film Cultures.

Amsterdam: Amsterdam University Press 2015. (The Key Debates. Mutations and Appropriations in European Film Studies). ISBN 978-90-8964-676-7, 276 S. Preis: € 39,95.

Rezensiert von Sarah-Mai Dang

Was bedeutet feministische Filmtheorie heute und wie hat sie sich verändert? In einer Zeit, in der der Begriff 'Feministin' ein Schimpfwort sein kann und bezweifelt wird, dass es des Feminismus überhaupt noch bedarf, haben Laura Mulvey und Anna Backman Rogers mit Feminisms. Diversity, Difference, and Multiplicity einen facettenreichen Sammelband herausgebracht, der die Entwicklungen feministischer Filmtheorie nachzeichnet und gegenwärtige Ansätze vorstellt. Das Buch (samt allgemeiner Bibliographie am Ende) bietet einen guten Einblick in die Vielfalt feministischer Theorien, Gegenstände und Methoden und zeigt, dass sich Feminismus nur in seiner Mehrdeutigkeit verstehen lässt.


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Margrit Tröhler/Jörg Schweinitz (Hg.): Die Zeit des Bildes ist angebrochen! Französische Intellektuelle, Künstler und Filmkritiker über das Kino. Eine historische Anthologie 1906-1929.

Berlin: Alexander Verlag 2016. ISBN 978-3-89581-409-9. 768 S., mit zahlreichen Abbildungen. Preis: € 34,90.

Rezensiert von Hanno Berger

Einen Überblick über die frühe französische Filmtheorie bis zum Beginn des Tonfilms gibt dieser Band, der unter anderem Texte von Louis Feuillade, Abel Gance, Jean Epstein, Marcel L'Herbier, Germaine Dulac, Henri Bergson, Ricciotto Canudo, Jean Cocteau, Louis Aragon, Élie Faure, René Clair und Louis Delluc beinhaltet. Ziel des Bandes ist es, so die Worte der Herausgeber, "einen Einblick in die gedankliche Vielfalt und in die seit 1906 anhaltende Dynamik der französischen Diskurse zum Kino" (S. 25) zu geben. Und schnell wird deutlich, dass es sich bei dem 768 Seiten schweren Buch um ein neues Standardwerk für die Forschung zum frühen Nachdenken über das Medium Film in Frankreich handelt.


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Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biographie.

Frankfurt/Main: Suhrkamp 2016. ISBN: 978-3-518-42572-5; 743 Seiten, zahlr. Abb.; Preis: € 41,10

Johannes von Moltke: The Curious Humanist. Siegfried Kracauer in America.

Oakland: Univ. of California Press 2016. ISBN: 9780520290945; 336 Seiten; zahlr. Abb.; Preis ab € 29,95

Rezensiert von Bernhard Groß

Die Komplexität der ästhetischen Theorie Siegfried Kracauers scheint 50 Jahre nach seinem Tod endlich angemessen (d.h. auch in ihrer transatlantischen Spanne) entfaltet zu werden.

Dies ist das Verdienst zweier ganz unterschiedlicher aktueller Publikationen. Jörg Später legt die erste (!) Biographie Kracauers vor (was ebenso unglaublich ist, wie die Tatsache, dass es nach wie vor keine kritische Werkausgabe der Schriften Hannah Arendts gibt); Johannes von Moltke schließt mit The Curious Humanist ein umfassendes Projekt zu Kracauers essayistischen Filmschriften im US-amerikanischen Exil ab, das aus einer Edition dieser Schriften (Siegfried Kracauers American Writings, Berkeley 2012), einem Band zur aktuellen Rezeption und Bedeutung Kracauers (Culture in the Anteroom: The Legacies of Kracauer, Ann Arbor 2012) und eben zuletzt aus einer Monographie von Moltkes besteht, die die transatlantische Bedeutung Kracauers herausarbeitet.


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