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Emil Walter-Busch, Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik.

Paderborn: Fink 2010. 262 S. ISBN 978-3-7705-4943-6. Preis: 19,90 Euro.

Rezensiert von: Florian Wagner

Kritische Theorie wirkt trotz beständiger Verdrängungs- und Entpolitisierungstendenzen bis heute als gesellschaftskritischer Stachel in den akademischen Betrieb hinein. Emil Walter-Busch versucht zu einer Relektüre anzuregen. Den Fokus legt er auf die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Schriften von Max Horkheimer, Friedrich Pollock, Franz Neumann, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse. Darüber hinaus bemüht er sich um eine Darstellung der Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) von der Institutsgründung bis 1970.

 

Im ersten Kapitel zeichnet Walter-Busch die politischen Umstände rund um die Gründung des IfS in den frühen 1920er Jahren nach. Er beschäftigt sich mit den Motiven der Familie Weil, einen Teil ihres Vermögens als Stiftungsvermögen zur Verfügung zu stellen und setzt sich mit der Direktion Horkheimers auseinander, der das IfS seit 1930 leitete. Es wird versucht die MitarbeiterInnen des Instituts für Sozialforschung im Zeitraum von 1930 bis 1949 in einen inneren und einen äußeren Kreis zu unterteilen. Horkheimer bildet in diesem Zeitraum für Walter-Busch das theoretische wie administrative Zentrum der Arbeit des IfS. Anhand einer detaillierten Aufstellung der Korrespondenzen Horkheimers, geordnet nach Anzahl und Dauer des jeweiligen Briefwechsels, sowie der Anzahl der publizierten Briefe, versucht der Autor seine Einteilung empirisch zu untermauern. Durch diese Methode gelingt es Walter-Busch auch Walter Benjamin zum innersten Kreis des Instituts zu rechnen. Denn obwohl Benjamin nie hauptamtlicher Mitarbeiter des IfS war, deuten die Korrespondenzen auf eine große Nähe zum Horkheimer-Kreis der 1930er Jahre hin.

 

Die durch die Machtübernahme der NSDAP erzwungene Emigration des Instituts wird vorerst im Kapitel zum inneren und äußeren Kreis der MitarbeiterInnen abgehandelt, so dass sich das nächste Unterkapitel direkt mit der Rückkehr des IfS nach Frankfurt am Main beschäftigen kann. An diesem Punkt wird zum ersten mal ein Defizit des Buches sichtbar, das sich auch durch die folgenden Kapitel zieht: Die Tragweite des Zivilisationsbruchs, den die Machtergreifung der Nazis und die von ihnen in die Wege geleitete industrielle Massenvernichtung der Jüdinnen und Juden darstellt und die seit der Dialektik der Aufklärung einen zentralen Untersuchungsgegenstand der Kritischen Theorie bildet, wird von Walter-Busch nur am Rande thematisiert. Mitunter sind es Anekdoten, wie etwa eine über die gebückte Körperhaltung Max Horkheimers bei der Eröffnung des neuen Institutsgebäudes im Jahr 1951 (Abbildung auf S. 33), mit denen auf die postnazistischen Verhältnissen in der Nachkriegs-BRD zwar indirekt hingewiesen, einer tiefgreifenderen Auseinandersetzung aber ausgewichen wird.

 

Das zweite Kapitel widmet sich zur Gänze Horkheimer und springt zeitlich wieder zurück in die späten 1910er Jahre. Zunächst wird versucht Horkheimers intellektuelle Entwicklung anhand seiner Frühschriften nachzuzeichnen. Walter-Buschs These lautet, dass die poetischen Versuche des jungen Horkheimer zentrale Motive seiner späteren Theorieentwürfe bereits vorwegnehmen. Die daran anschließenden Unterkapitel widmen sich seinem Forschungsprogramm als Institutsdirektor in den 1930er Jahren und dem Begriff 'Kritische Theorie' als gemeinsamen Nenner des IfS in den Jahren 1930-1940. Hier gelingt Walter-Busch, was man an vielen anderen Stellen seines Buches vergeblich sucht: Eine nachvollziehbare, gut gegliederte Einführung, in diesem Fall zu Fragen des Materialismus, dialektischem Denken, der Wissenschaftskritik sowie zum Verhältnis von Theorie und Praxis.

 

Der Titel des dritten Kapitels verspricht die Erläuterung der divergierenden Faschismusanalysen der Kritischen Theorie und zugleich eine Reflexion der Demokratieerfahrung, welche die emigrierten MitarbeiterInnen des IfS in den USA machten. Während Pollocks Staatskapitalismuskonzept noch durchaus nachvollziehbar und zugleich kritisch dargestellt wird, bleibt der Abschnitt zu Franz Neumanns Ansätzen theoretisch an der Oberfläche, verliert sich in biographischen Details und dringt über weite Strecken nicht zum Kern seiner Staatstheorie des nationalsozialistischen Deutschlands vor. Das darf insofern nicht verwundern, als das primäre Ziel Walter-Buschs die Darstellung Neumanns als Juristen am rechten Flügel der deutschen Sozialdemokratie zu sein scheint. In diesem Zusammenhang müht sich der Autor fernab seiner eigentlichen Fragestellung mit einer Aufschlüsselung diverser Positionen in der Verfassungsdebatte der Weimarer Republik ab. Der Erläuterung zentraler Begriffe in Neumanns Behemoth, wie etwa dem des Rackets, lässt Walter-Busch wenig Platz und vergibt damit zum Teil die Chance dem aufgrund seines frühen Todes bis heute oftmals als Randfigur wahrgenommen Neumann inhaltlich gerecht zu werden.

 

Ein besonders signifikantes Beispiel für mangelnde Stringenz sind Walter-Buschs Ausführungen zur Dialektik der Aufklärung, die mit der Feststellung abbrechen, dass nicht bekannt ist, wie Neumann selbige beurteilt hätte. Nach einem sowohl kurzen als auch spekulativen Absatz zu Neumanns Rezeption der Dialektik der Aufklärung, verliert sich Walter-Busch abermals in biographischen Details und zählt, unterbrochen von kurzen Theorie-Häppchen, diverse Arbeitgeber Neumanns und Marcuses während der Kriegsjahre und danach auf. Der größte Erkenntnisgewinn lässt sich dabei noch aus den wörtlichen Zitaten erzielen, in denen die prekären Exilerfahrungen linker Intellektueller am Übergang zwischen Zweitem Weltkrieg und beginnendem Kalten Krieg reflektiert werden. Das Kapitel über Demokratieerfahrung und Faschismusanalysen endet mit einer zusammenfassenden Vorstellung der empirischen Autoritarismus-Forschung des IfS, ergänzt um Versatzstücke aus der bis heute anhaltenden soziologischen Debatte um die in den Studien angewandten Methoden.

 

Im letzten Kapitel seines Buches geht es Walter-Busch um die Verzweigungen Kritischer Theorie im Zeitraum 1950 bis 1970. Hier bemüht er sich nicht um eine systematische Darstellung der durchaus breiten Wirkung, welche die Kritische Theorie während der genannten Zeitspanne in und außerhalb des akademischen Feldes entfaltete. Stattdessen entscheidet er sich neben Kapiteln zu Adorno, Marcuse und einem zu Neumanns Bemühungen um das Fach Politikwissenschaft in der frühen BRD, in schlechter akademischer Tradition dazu, Jürgen Habermas als den legitimen Erben darzustellen. Habermas, den Walter-Busch bereits zuvor als "den brillanten Assistenten Adornos" (S. 35) einführt, wird im letzten Kapitel zum Demokratisierer der Kritischen Theorie hochstilisiert. Dabei ist das von Walter-Busch zuvor behauptete Demokratiedefizit der Kritischen Theorie durchaus kritisch zu hinterfragen. Stellenweise scheint diese rhetorische Figur die Funktion zu haben ihrerseits über die Demokratiedefizite der jungen Bundesrepublik hinwegzutäuschen. Denn ganz allgemein fehlt Walter-Buschs Analyse ein begrifflicher Apparat, der im Stande ist die postnazistischen Verhältnisse in Deutschland angemessen zu erfassen. In der Projektion mangelnder Demokratiefähigkeit auf die Kritische Theorie sticht dieses Defizit einmal mehr ins Auge. Neben Habermas wird lediglich Ulrich Oevermanns 'objektiver Hermeneutik' die Ehre zu Teil, als Verzweigung der Kritischen Theorie ausführlicher besprochen zu werden. Erwähnung finden insbesondere seine Dramenanalysen zu Samuel Beckets Endspiel und Arthur Schnitzlers Professor Bernardi.

 

Gegen Ende des Buches wird der bereits zuvor spürbare male bias in Walter-Buschs Darstellung deutlich sichtbar. Auch wenn sich Walter-Busch die Mühe macht, vermeintliche Randfiguren vorkommen zu lassen, sind die von ihm porträtierten Personen ausschließlich männlich. Weder der intellektuelle Beitrag Gretel Adornos in Bezug auf die Entstehung und Edition zentraler Werke der Kritischen Theorie wird gebührend gewürdigt, noch die von Frauen bereits in den Gründungsjahren am IfS geleistete Arbeit angemessen und unvoreingenommen dargestellt. Die einseitige Glorifizierung von Habermas lässt keinen Platz um etwa auf die seit 1964 am IfS beschäftigte Regina Becker-Schmidt einzugehen, die von Walter-Busch lediglich als Erzählerin einer Anekdote erwähnt wird und über die er darüber hinaus gerade noch zu berichten weiß, dass sie "eine wissenschaftliche Mitarbeiterin Adornos" war, "die ihn sehr gut kannte" (S. 224).

 

Emil Walter-Busch versucht mit Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik sehr viel in ein Buch zu packen. Der Titel verspricht sowohl eine umfangreiche Darstellung der Geschichte der Frankfurter Schule als auch Erläuterungen zur Wechselwirkung politischer Verhältnisse und akademischer Theoriebildung. Zu beiden Themenkomplexe liegen bereits mehrere, zum Teil äußerst umfangreiche Publikationen vor. Die weitläufige Fragestellung zwingt Walter-Busch zur Komprimierung, die er allerdings nicht konsequent betreibt. Das mag an sich noch nichts Verwerfliches sein, führt jedoch im konkreten Fall zu vielen unerwarteten Sprüngen zwischen biographischen Details und kurzen Theorie-Einführungen, die oftmals unvermittelt enden. Nach der Lektüre bleibt unklar, welches Ziel Walter-Busch mit diesem Buch verfolgt. Als Einführung ist es zu spezifisch, als Beitrag zur Erforschung der Geschichte der 'Frankfurter Schule' beschränkt es sich zu sehr auf das Referieren der bereits existenten Fachliteratur. Über weite Strecken rettet sich Walter-Busch von einem Zitat zum nächsten, wobei zumindest die Auswahl und Montage der Zitate für das Buch spricht. Denn der Autor macht hier nicht den Fehler, bereits hinlänglich Bekanntes noch einmal zum Besten zu geben und schreibt auch nicht die Degradierung einiger der von ihm behandelten Theoretiker als akademische Zitat-Onkel fort. Die ausführliche Zitation von weniger rezipierten Texten ist im Stande, trotz der offensichtlichen Mängel, neue Blickwinkel zu eröffnen.

 

Veröffentlicht am 16.11.2010 (Ausgabe 2010/2)

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