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Helmi Järviluoma/Meri Kytö/Barry Truax/Heikki Uimonen/Noora Vikman (Hg.), Acoustic Environments in Change. (Enthält auch die 1975 erstveröffentlichte Studie von R. Murray Schafer (Hg.), Five Villages Soundscapes, World Soundscape Project, The Music of the Environment Series No. 4.)

Tampere: TAMK (Tampereen Ammattikorkeakoulu) 2009, ISBN 978-952-5264-78-4. 430 S. Preis: € 55,-.

und

Diedrich Diederichsen/Constanze Ruhm (Hg.), Immediacy and Non-Simultaneity: Utopia of Sound.

Wien: Schlebrügge.Editor (Publications of the Academy of Fine Arts, Vienna, Volume 10) 2010, ISBN 978-3-85160-173-2. 264 S. Preis: € 24,00.

Rezensiert von: Jochen Bonz

Die Auseinandersetzung mit der Sphäre des Klangs stellt für die geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen eine Herausforderung dar und eröffnet ihnen zugleich neue Möglichkeiten. Zwei aktuelle Sammelbände, im einen Fall aus einem kulturanthropologischen Forschungszusammenhang, im anderen Fall aus einem kunsttheoretischen, verdeutlichen dies auf unterschiedliche Weise.

 

Acoustic Environments in Change versammelt zehn Fallstudien über die Beziehung zwischen Menschen, Orten und Geräuschen, die im Zeitraum zwischen 1998 und 2008 im Rahmen eines an den finnischen Universitäten in Turku, Tampere und Joensuu angesiedelten Forschungsprojektes entstanden. Die Anlage des von einem Team um die Kulturanthropologinnen Helmi Järviluoma und Noora Vikman durchgeführten und in beeindruckender Weise in internationale Kooperationen eingebundenen Projektes ist so einfach wie einleuchtend: "[W]hy not go 'back' to 'villages' studied by the World Soundscape Project in the mid-1970s, reported as Five Villages Soundscapes, and hear how the villagers are doing." (S. 11) Acoustic Environments in Change ist also die Wiederholungsstudie zu einem kanonischen Forschungsprojekt R. Murray Schaefers, dessen bekannteste Publikation The Soundscape – Our Sonic Environment and the Tuning of the World für die heutigen Sound Studies sogar einen noch zentraleren Stellenwert besitzt. Der kanadische Komponist hat als Initiator der Sound Studies zu gelten, zum einen, weil er sich der Klangsphäre als eines gesellschaftlichen und historischen Phänomens als erster dezidiert annahm, zum anderen, weil er zu ihrer Bestimmung eine Reihe bis heute gebräuchlicher Bezeichnungen einführte, wie etwa 'Soundscape', 'Soundmark' und 'Keynote'. Dankenswerterweise haben Järviluoma et. al. ihrer Studie den von Schaefer 1975 herausgegebenen Forschungsbericht beigefügt. Offiziell wird die Publikation sogar als zwei Bücher geführt, Acoustic Environments in Change und Five Villages Soundscapes. Praktischerweise befinden sie sich jedoch zwischen denselben Buchdeckeln in einer im Übrigen sehr ansprechenden, mit s/w-Fotografien und Grafiken illustrierten, katalogartigen, klaren Aufmachung.

 

Obwohl sie sich mit den fünf Ortschaften, dem norditalienischen Cembra, dem schwäbischen Bissingen, dem norwegischen Skruv, dem bretonischen Lesconil und dem schottischen Dolar ihre Untersuchungsorte teilen und beide den Konfigurationen nachspüren, die diese Orte mit ihren Bewohnern und Klängen bilden, sind die zwischen den beiden Forschungen liegenden 23 plus x Jahre deutlich bemerkbar. Schaefers an der Simon Fraser University in Vancouver angesiedeltes World Soundscape Project betreibt eine akustische Phänomenologie der Dörfer, die in ihrem Gestus an naturwissenschaftlichen Positivismus gemahnt. Dieser Gestus durchzieht den Text – ganz gleich, ob so etwas wie eine lokale sonische Identität in Begriffen von "acoustic definition" (S. 356ff.) und "community sound signals" (S. 357) formuliert wird, ob die Reichweite des Schalls und die Stärke des Schalldrucks der Bissinger Kirchturmglocken in einer geografischen Skizze festgehalten werden, die im Zusammenhang mit unterschiedlichen Materialitäten (Wasser und Stein) vorliegenden akustischen Differenzen thematisiert  werden oder skizziert wird, in welchem Maße der Rhythmus des Arbeitens der bretonischen Fischer und damit die gesamten "socio-economic rhythms" (S. 363) Lesconils vom "solar wind cycle" geprägt sind und in Klangereignissen Gestalt annehmen.

 

Der Wiederholungsstudie Acoustic Environments in Change liegt dagegen ganz offensichtlich das konstruktivistische, postfoundationale, reflektiert-relativistische Denken zugrunde, welches die Geisteswissenschaften seit den 90er Jahren maßgeblich ausmacht. Das Ergebnis sind interessante, lebendig ausgeführte Erörterungen diverser Themen: das Ineinanderwirken von zyklischen und linearen Zeitvorstellungen (am Beispiel von Vikmans Feldbeobachtungen in Cembra), die subjektzentrierende Funktion der Nostalgie (Järviluoma entfaltet dies anhand der Bemerkung eines Bauern über das Sensgeräusch beim Mähen taunasser Wiesen). 'Beobachtungen' an Klängen sowie Gespräche, die mit Subjekten des Untersuchungsfeldes über Klänge geführt wurden, dienen als Ausgangspunkte und als Datenmaterial, an dem sich Überlegungen festmachen lassen. Entsprechend entfernen sich die Texte streckenweise weit von den Sounds, um dann wieder an ihnen ganz konkret zu werden. Aber nicht nur die Handhabe des Klanglichen ist hier frei, auch die Umgangsweise der Autorinnen mit Konzeptionen und Überlegungen ist angenehm unverkrampft und spielerisch.

 

Diesen Gestus des behutsamen empirischen, denkerischen und sprachlichen Umgangs mit Konfigurationen von Menschen/Orten/Klängen halte ich für ebenso vorbildlich wie auch den Ansatz, die Beschäftigung mit Klängen als Ausgangspunkt für geistes- und sozialwissenschaftliche Fragestellungen und als Zugriffsmöglichkeiten auf gesellschaftliche Phänomene zu begreifen. Mit diesen Qualitäten der Studie geht zugleich aber auch ihr größter Makel einher: Wie gerade im Gegensatz zum Text der Untersuchung von 1975 deutlich wird, traut sie sich keine Begriffsbildung über das Sonische zu. So heißt es bei Vikmann zum Beispiel zwar: "From the point of view of soundscape studies, sounds are not just the inevitable by-products of the collective life style. They also affect, preserve and change the ways we hear, listen and, in the end, act in the physical environment." (S. 91) Aber über das 'Wie' werden keine Begriffe gebildet; man muss es sich aus dem Text heraus lesen.

 

Im Gegensatz hierzu ist die von den an der Akademie der Künste in Wien lehrenden KunsttheoretikerInnen Constanze Ruhm und Diedrich Diederichsen herausgegebene Publikation Utopia of Sound sehr an der Begriffsbildung interessiert und pflegt auch insofern einen anderen Umgang mit dem Thema Sound, als sie diesen als Medium künstlerischer Ästhetiken und Strategien auffasst. Hervorgegangen aus einer im Mai 2008 an der Akademie der Künste in Wien stattgefundenen Tagung (was im Buch seltsamerweise keine Erwähnung findet), versammelt die Edition dreizehn Textbeiträge, unter anderem von der Komponistin (und Murray Schafer-Schülerin) Hildegard Westerkamp, dem Sound-Künstler und -Forscher Brandon LaBelle, dessen Großessay Acoustic Territories And Everyday Life (New York und London: Continuum) ebenfalls dieses Jahr erschienen ist, und dem vor allem für seine David Lynch-Monografie bekannten französischen Filmwissenschaftler Michel Chion. Ergänzt werden die Texte durch zwei von den HerausgeberInnen geführte Gespräche, mit dem Regisseur Christian Petzold (Die innere Sicherheit (Deutschland: 2000), Gespenster (Deutschland 2005), Yella (Deutschland: 2007) u.a.) und dem Klanganthropologen Holger Schulze, Gründer des Sound Studies-Studiengangs an der Universität der Künste in Berlin. Zwei kluge und unterhaltsame Interviews, in denen die Lust am Nachdenken über Sound sehr greifbar wird und man, im Falle des Gesprächs mit Petzold, viel über die Intentionen, Überzeugungen und die Arbeitsweise eines Filmemachers erfährt, der um die Grenzen der Sprache der Bilder weiß und diesen mit den Qualitäten des Akustischen zu begegnen sucht.

 

Die Ausrichtung am Utopischen des Sounds überführen Ruhm und Diederichsen in zwei Konzeptionen – "immediacy" und "non-simultaneity", Unmittelbarkeit und Ungleichzeitigkeit. Beides Begrifflichkeiten, die aufgrund ihrer Plakativität leicht blenden könnten, hier aber eher aufgefächert werden zu Räumen, Feldern, als extrem offene Konzeptionen fungieren. So definiert Ruhm in ihrem einleitenden Textbeitrag die Unmittelbarkeit des Klanglichen zum Beispiel sowohl über die körperliche Erfahrbarkeit der Materialität des Sounds ("The voice of the speaking subject is always already heard from within...", S. 16), als auch über die Klangereignissen inhärente Konventionalität: die mit der Referenzialität der Klänge als Bedeutungsträger verbundene Verständlichkeit, ihre "indexical relationship with their sources" (S.17). Letztere Bestimmung von Unmittelbarkeit führt Diederichsen in seinem Textbeitrag in eine pointierte Zuspitzung, wenn er am Beispiel einer Szene aus The Sopranos darlegt, wie "not so much the feelings of a person in a given situation, but rather the inner logic, the subjective plan [that] has been shaped a long time ago" (S. 123) mit den Popmusikerfahrungen der Subjekte zusammenhängt und im Film entsprechend auch über den Einsatz von Popmusik angezeigt werden können. (Tonys bösartiges Verhalten gegenüber seiner Schwester wird hier mit I'm Not Like Everybody Else von den Kinks begleitet, einem Song aus der Zeit Tonys fiktiver Kindheit.)

 

Allerdings: Entweder habe ich beim Lesen die beiden utopischen Konzepte aus den Augen verloren oder es verhält sich hier so, wie es bei Tagungen und den aus ihnen hervorgehenden Publikationen häufig der Fall ist: der rote Faden verflüchtigt sich ins Nebeneinander verschiedenster Überlegungen und – und dies trifft hier mit Sicherheit zu! – weit auseinander liegender Gegenstände (Filme, Klangkunst, Utopie- und Klangtheorien etc.). Und in dieser Fluchtbewegung verschwinden dann leider auch leicht die Begriffe. Sehr auffällig ist dies in Bezug auf Chions Konzept der Synchresis, das die Gleichzeitigkeit eines sichtbaren Filmereignisses mit einem Klangereignis bezeichnet und als Effekt dieser Gleichzeitigkeit deren wechselseitige Durchdringung. Chion stellt dies in seinem Beitrag dar. Als Diederichsen und Ruhm im Gespräch mit Petzold jedoch auf eine synchretische Szene in Yella zu sprechen kommen (Yellas Ex-Mann wird, kurz bevor er sie tötet, unvermittelt mit einem Überschallknall konnotiert), tun sie dies zwar, wie gesagt, interessant, aber ohne Bezugnahme auf Chions Konzept. Beinahe schon poetisch formuliert Diederichsen zu Beginn des Gesprächs mit Petzold dafür, was er mit auditiver Ungleichzeitigkeit in Bezug auf Film meint: "You can see an image and see something else. Something more is there. The world grows larger. That is truly utopian. [...] Someone's coming. Someone's coming from over there. That is already a promise."(S. 220)

 

Beide Sammelbände, Acoustic Environments in Change wie auch Utopia of Sound, zeigen an, dass über die Konfiguration von Klängen und Menschen nicht erst seit gestern nachgedacht wird. Aber ebenso: Dass die Auseinandersetzung mit der Sphäre des Klangs derzeit mit hoher Intensität betrieben wird.

 

In der Gegenüberstellung beider Publikationen zeichnet sich auch die Notwendigkeit ab,  die komparative Untersuchung der bestehenden Forschungsansätze als ein Desiderat der Sound Studies ernst zu nehmen. Die Sound Studies selbst, als inter- und post-disziplinärer Forschungskontext, würde eine systematische Darstellung ihrer Konzeptionen ordnen und festigen. Profitieren könnten aber auch die etablierten geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die derzeit so fasziniert wie hilflos vor dem 'acoustic turn' stehen: Ihre jeweiligen Beiträge und die sich für sie ergebenden Möglichkeiten würden sich in einer systematischen Darstellung bestehender Untersuchungsgegenstände, Fragestellungen und Sound-Konzeptionen, erkennbar abzeichnen.

 

Veröffentlicht am 16.11.2010 (Ausgabe 2010/2)

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