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Siegfried Zielinski: Archäologie der Medien. Zur Tiefenzeit des technischen Hörens und Sehens.

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2002. ISBN 3-499-55649-9. 400 Seiten. Preis: € 17,90/sfr 29,--

Mit seinem neuen Buch legt Siegfried Zielinski nicht nur ein spannendes Stück Mediengeschichte vor, sondern auch ein Plädoyer für unkonventionelles und experimentelles wissenschaftliches Arbeiten. Nachdem Zielinski bereits mit seinen Audiovisionen von einer linearen (Medien-)Geschichtsschreibung abgewichen ist und es gekonnt verstanden hat, ein breites Bild audiovisueller Experimente und Medienformen vorzustellen, geht er in seinem neuen Buch einen Schritt weiter und spürt hier den frühen Konzepten technischen Hörens und Sehens nach. Das reicht zurück bis Empedokles, der als Heuristiker der Schnittstelle betrachtet wird, und führt bis zu Gastev, jenem russischen Künstler und Ingenieur, der sich der Rationalisierung der Arbeitswelt verschrieben hatte. Zielinskis Sympathie gehört den experimentierfreudigen und risikobereiten Pionieren, die er in einer historischen Konstellation zeigt, in der die zukünftige technische Entwicklung eben noch nicht klar war und sich eine Vielzahl möglicher Lösungen anbot.

 

 

Bewegung in der Mediengeschichte

In sechs Kapiteln präsentiert Zielinski Protagonisten und Statisten der Mediengeschichte. Jedes Kapitel ist einer herausragenden Persönlichkeit gewidmet, die im sozialen und politischen Beziehungsgeflecht ihrer Zeit dargestellt wird. Die Bedeutung dieses Kontextes für die Entwickung oder das Scheitern von Konzepten des technischen Hörens und Sehens wird dadurch besonders anschaulich und liest sich über weite Strecken wie ein spannender Roman. Gleichzeitig ist Zielinskis Buch ein Reisebericht, denn der Autor, der die Bewegung durch die Zeit (historisch) und die von Ort zu Ort als Teil seiner Methode definiert, hat die Stätten, an denen seine Helden gearbeitet haben, zwecks Indiziensammlung aufgesucht.

 

Medien und Macht

Die ideologischen Grundlagen einer Illusionen erzeugenden Medientechnik macht Zielinski - wie übrigens auch Kittler - im Bilderkrieg der Gegenreformation aus. Die enge Verflechtung (macht)politischer Interessen mit der Entwicklung von Medien sieht Zielinski aber nicht in dieser linearen Perspektive wie das sein Berliner Kollege tut. Dafür wird den Sackgassen und den gescheiterten Experimenten oder den zum Teil reichlich naiven Fehlkonstruktionen zuviel Beachtung geschenkt. Aber genau diese sind es, die zu einem komplexen Medienverständnis beitragen und die den Hype um Medien relativieren. Mediengeschichte ist auch eine Geschichte der permanenten Addition von Medienschrott, von Umwegen, Irrwegen, auch Kuriositäten, mutigen Experimenten, die keinen durchschlagenden Erfolg hatten, aber viel über den Umgang und den Diskurs audiovisueller Technologien erzählen.

 

Unkonventionelle Methode

Zielinskis Medienarchäologie ist ein Streifzug durch die historischen Zentren der Wissensgenerierung und ihrer Archive, deren Chronologie er seine Fundstücke zu entreißen sucht, um sie in Beziehung zu anderen Fundstücken zu setzen. "Medienwelten sind Erscheinungen des Relationalen. Das Eine oder das Andere mag aus den Betrachtungsweisen der Gegenstände, um die es jeweils geht, genauso schlüssig definierbar sein wie die zwischen ihnen gebauten Brücken und Grenzen." (S. 48) Zielinski bricht mit der Kontinuität herkömmlicher Genealogien und lässt sich keinesfalls auf den Kurzschluss einer Rückkopplung gegenwärtiger Medientechnologie zu ihren historischen Vorläufern ein. Statt dessen sucht Zielinski neue Bezüge zur Gegenwart im Kuriositätenkabinett der Mediengeschichte.

 

Natürlich könnte man Zielinski vorwerfen, dass dies alles doch sehr subjektiv sei, aber das machen nur akademische Spießer, die ein seltsames Objektivitätspostulat (trotz Postmoderne) noch immer wie einen Stock verschluckt haben. Zielinski hingegen bewegt sich elegant suchend und abenteuerlich findend durch ein weites Feld kurioser Konzepte, um im Schlusskapitel seines Buches die Vergangenheit an die Zukunft anzuschließen. Mit seinen Thesen für eine "Kartographie der An-Archäologie der Medien" werden Strategien vorgeschlagen, um linearen Entwicklungen und Zentralisierungen zu entgehen, damit die Medienwelten möglichst offen und veränderbar bleiben können.

 

Veröffentlicht am 01.04.2003 (Archiv)

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