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Christian Hißnauer und Thomas Klein (Hg): Männer Machos Memmen. Männlichkeit im Film.

Mainz: Bender 2002. ISBN 3-9806528-9-0. 293 S. m. Abb. Preis: € 15,90.

Rezensiert von: Beate Hofstadler

Vorweg einige Begriffsklärungen, wie sie der Etymologie-Duden vorschlägt: "Macho" entspricht einer übersteigerten Männlichkeit. "Memme" wird seit dem 16. Jahrhundert als Schimpfwort für Müttersöhnchen oder Feigling verwendet. Bedenkt man, dass "memme, mamme" Ableitungen der "Mutterbrust und Mutter" sind, finden sich hier sprachliche Nachweise für die häufig zu beobachtende Angst vieler Männer vor Weiblichkeit. Macho und Memme bilden gewissermaßen ein Zwillingspaar. Vielleicht finden wir hier Wurzeln zu dem in diesem Band abgedruckten Aufsatz Grutesers über Männerpaare im Film, denen, so schreibt er, immer etwas Komisches anhaftet. Dieses Komische lässt sich leicht als Attribut von Weiblichkeit ausmachen. Auf die Tabuisierung der Homoerotik dieser Paare kommt er nicht zu sprechen.

 

Der Sammelband Männer Machos Memmen. Männlichkeit im Film beschreibt in dreizehn Aufsätzen verschiedene Männlichkeitsrepräsentationen. Dieser Band ist auch als Reaktion auf die bereits seit den siebziger Jahren lebhaft geführten Debatten um feministische Filmtheorie bzw. Frauenforschung und feministische Forschung zu verstehen. Frauen begannen zeitlich früher über geschlechtsspezifische Eigenheiten des Films nachzudenken. Zu Beginn eher auf Ebene der Story. Mit der Zeit wurden die Theorien differenzierter und bezogen auch semiotische Blickwinkel und den Einsatz filmsprachlicher Mittel mit ein. Das Thema "Mann und Männlichkeit" zählt zweifelsohne zu den gegenwärtig boomenden Themen. Dieses Buch erhebt den Anspruch, "Vielschichtigkeit von Männlichkeit stärker ins Zentrum zu rücken." (S. 10) Mit dem Band wird beabsichtigt, "Widersprüchlichkeiten von Männlichkeitsbildern im Film" darzustellen. So beziehen sich die AutorInnen in ihrer jeweiligen Darstellung von Männlichkeit auf unterschiedliche Konzepte, Untersuchungsgegenstände und Ausgangspunke. Nehmen die einen Regisseure (Kubrick, Araki) in den Blick, gehen andere Genres (Western, Sciencefiction) oder Schauspielern (Götz George, Richard Gere) nach. Hißnauer und Klein etwa nehmen in ihrem Artikel Visualität des Männlichen Bezug auf die Cultural Studies und die Männerforschung. Insbesondere Connells Standardwerk Der gemachte Mann, der Männlichkeiten als hegemoniales Prinzip unserer Kultur beschreibt, liefert theoretische Grundlagen. Männer - so Connell - haben nicht das Gefühl, vom angeblichen Geschlechterbonus zu profitieren. Die angenommene Teilhabe an der patriarchalen Dividende wird von Männern sehr brüchig wahrgenommen, so die zentralen Aussagen des häufig rezipierten Werks. Die Autoren des Aufsatzes meinen, mit ihrem theoretischen Zugang die "engen Grenzen der psychoanalytischen Geschlechterforschung" zu umgehen, ohne sich auf entsprechende Konzepte zu beziehen. Schade. Sie untersuchen Männlichkeit im Film unter den Blickwinkeln von Produktionsprozessen und Rezeption.

Auch Andreas Blum geht von theoretischen Grundlagen hegemonialer Männlichkeit und den ebenfalls boomenden Cultural Studies aus. Er beschäftigt sich mit Produktionsprozessen von Videofilmen, die von männlichen Jugendlichen hergestellt wurden.

 

Thomas Morsch untersucht Actionfilme der achtziger Jahre, die sich insbesondere durch den übermaskulinisierten Körper auszeichnen. Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger sind Warenträger dieses Genres. Norbert Grob befasst sich mit den Männlichkeitsrepräsentationen am Beispiel des maskulinen Götz George.

 

Walter Erhart nimmt das Westerngenre unter die Lupe, genauer: die Vielfältigkeit von Westernhelden. Andreas Rauscher schreibt über die Weltraumcowboys, die uns in diversen Star Trek-Serien seit den sechziger Jahren beehren. Er ortet eine zunehmende Auflösung der einst traditionellen Geschlechterrollen im Popuniversum.

 

Auch Stefanie Weinheimer spricht in ihrem Aufsatz von einer "Desorientierung der Geschlechter", die sie an Frauenfiguren aus Roadmovies wie etwa Thelma und Louise und Baise-moi nachzeichnet. Weinheimer spricht von Aneignung männlicher Verhaltensweisen der Protagonistinnen auf ihrem Weg zur Freiheit und Selbstbestimmung. Unterwerfungsrituale wie Schläge, Waffeneinsatz oder sexuelle Gewalt werden nun umgedreht, indem die Protagonistinnen selber zu "phallischen Frauen" verwandelt werden. Doch ist es wirklich dasselbe, wenn zwei das Gleiche tun? Oder wird in diesen Umkehrungen nicht auch die Frau als angsterregend, als Gefahr inszeniert? Und muss die "Identifikationssuche der Protagonistinnen" deshalb "ins Leere laufen".

 

Marcus Stiglegger geht sadomasochistischem Verhalten in schwulen Filmen nach. Er beschreibt die Verbindung von Schwulsein, Unterwerfung, Faschismus und libidinöser Besetzung von Uniformen. Eine andere Rezeption möglicher schwuler Lebenskultur entwirft Marc Oberländer anhand von Gregg Arakis Filmen. Er beschreibt den "sad young men" und spricht von der "Auflösung tradierter Geschlechterrollen".

 

Persönlich gefällt mir die Auswahl der Filme sehr gut. Die Beschreibungen der Männlichkeitsrepräsentationen erfolgen auf sehr unterschiedlichen Ebenen, was den Umgang mit Theorie und Rezeptionshaltungen anbelangt. Bisweilen schimmern Verwechslungen von Mann und Männlichkeit durch, zweitere ist ja Männern nicht angeboren, sondern spiegelt die sozial konstruierte Geschlechtlichkeit (gender) wider. Sie ist gewissermaßen Abbild der kulturellen Normierungen des soziokulturellen Geschlechts, das an manchen Orten noch immer mit dem biologischen Geschlecht (sex) verwechselt und somit verargumentiert wird. Butlers Frage, ob so etwas wie ein "sozial entleerter Raum" überhaupt sprachlich fassbar ist, also etwas wie reale biologische Männer und Frauen, soll nicht außer Acht gelassen werden. Mit Lacan gesprochen ist das "Reale" nicht mehr benennbar, nicht mehr in den "symbolischen Raum" zu heben. Das "Ding" Mann und Frau ist seiner Repräsentationen und Zuschreibungen nicht zu entledigen. Dass die Kategorie "Geschlecht" überhaupt so eine zentrale Bedeutung in der hier besprochenen Kultur besitzt, ist selbst als Konstruktion zu betrachten, schreibt Hagemann-Withe bereits in den achtziger Jahren. Vielleicht schadet ein Rückgriff auf Irigarays Ansatz von "Gleichheit und Differenz" ja auch nicht.

Die Artikel nehmen, wie erwähnt, unterschiedliche Gegenstände der Darstellung von Männlichkeit auf. Die Frage bleibt auch offen, warum von "Widersprüchlichkeit" die Rede ist. Beschrieben wird vielmehr die Vielfältigkeit unterschiedlichster Männlichkeitsvorstellungen, seien sie am Körper oder im Habitus der Protagonisten eingeschrieben. Allen Aufsätzen des Bandes ist gemeinsam, dass sie Normierungen gesellschaftlicher Vorstellungen darstellen. Erfüllt Mann diese Überfrachtung an Zuschreibungen oder treibt Mann diese auf die Spitze durch übersteigerte Männlichkeit (Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger)? Oder kommt es zur Umkehr, zur Lächerlichkeit? In Ganz oder Gar nicht sehen wir männliche Durchschnittskörper. Sie bedienen sich, laut Autoren, weiblichen Verhaltens, indem sie ihre Haut zu Markte tragen und stehen in Konkurrenz zu den Großen dieses Metiers, den Chippendales. Und - dafür werden sie geliebt.

 

Die Beschreibungen beziehen sich durchgängig auf die Story, semiotische Perspektiven, also Blicke auf den Einsatz filmsprachlicher Mittel, die stark geschlechtsspezifisch eingesetzt werden, bleiben leider ausgespart. Rezeptionen werden ohne jeglichen reflexiven Zusammenhang zum eigenen Blick beschrieben. Vielleicht scheitern nicht "die Männer", sondern die Zuschreibungen von Männlichkeit an den real existierenden Männern?

 

Dennoch bieten diese Aufsätze interessante und anregende Gesichtspunkte über unterschiedliche Männlichkeitsrepräsentationen. Auch die zunehmende Transdisziplinarität in den filmtheoretischen Aufsätzen ist zu begrüßen.

 

Veröffentlicht am 01.04.2003 (Archiv)

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