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Andrea Antonsen-Resch: Von Gnathon zu Saturio. Die Parasitenfigur und das Verhältnis der römischen Komödie zur Griechischen.

(Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte Bd. 74) Walter de Gruyter: Berlin-New York, 2004. ISBN 3-11-018167-3. 262 S. Preis: € 88,00.

Rezensiert von: Matthias Johannes Pernerstorfer

Von Gnathon zu Saturio wurde 2003 als Dissertation bei Heinz-Günther Nesselrath eingereicht und von Heinz-Günther Nesselrath, Otto Zwierlein und Gustaf-Adolf Lehmann in die Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte aufgenommen. Das Buch ist gegliedert in Vorwort, Einleitung, Kapitel zum Begriff des Parasiten, zur Gestalt des Parasiten in der griechischen Komödie und zur Parasitenrolle in der römischen Komödie, ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie zwei Indices: Namen und Sachen und Index locorum. Das Hauptaugenmerk der Studie liegt auf den Stückinterpretationen, die um zwei Unterkapitel zu den dramaturgischen Funktionen des Parasiten und den Möglichkeiten der Unterscheidung des plautinischen und des terenzischen Komödienparasiten ergänzt sind.

 

Anhand der lateinischen Stücke, in welchen Parasiten auftreten, legt Antonsen-Resch eine kritische Reflexion der Originalitätsdebatte vor. Dabei trägt sie weniger eigene Thesen vor, als dass sie vor allem in der deutschsprachigen Philologie vertretene Positionen - vielfach in Form von ausführlichen Zitaten - gegen einander stellt und mit klarem Blick beurteilt. In erster Linie dekonstruiert Antonsen-Resch die Position, die der Freiburger Sonderforschungsbereich um Eckhard Lefèvre im Bemühen um den Nachweis der Eigenständigkeit des Plautus gegenüber seinen Vorlagen in den letzten Jahrzehnten entwickelt und in einer Flut von Publikationen vertreten hat. Otto Zwierleins Ansatz, zwei spätere Bearbeiter seien Schuld an etwaigen Unstimmigkeiten in den Komödien des Plautus, und dieser habe sich im Großen und Ganzen an seine Vorlagen gehalten, wird in seiner vollen Radikalität nicht zur Diskussion gestellt - obwohl Antonsen-Resch zurecht Plautus deutlich mehr künstlerische Freiheit zugesteht als Zwierlein.

In den Kapiteln zu den einzelnen Stücken wird dem Titel entsprechend sowohl auf den jeweiligen Parasiten als auch auf die Originalitätsdiskussion eingegangen. Der Umfang hängt demnach davon ab, wie groß die Rolle des Parasiten ist und wie ausführlich und kontrovers ein Stück bislang diskutiert wurde. Bei den Bacchides des Plautus führt dieser zweifache Focus dazu, dass es auf den fast dreißig Seiten (S. 30-58) viel über das "Schlüsselstück für die neuere Plautuskritik" (Zwierlein, zitiert S. 31), kaum jedoch etwas über den namenlosen, nur kurz auftretenden Parasiten zu sagen gibt. Das schmälert den Wert der Studie keineswegs, doch wäre eine klarere Struktur der Kapitel für ein schnelleres Zurechtfinden im Text von Vorteil gewesen.

Beginnend mit den Ausführungen zum Persa des Plautus, gehe ich exemplarisch auf zwei Kapitel ein: Einleitend skizziert Antonsen-Resch die Problematik um dieses Stück, das sehr unterschiedlich beurteilt wurde - nicht zuletzt aufgrund des ungewöhnlichen Personals, denn immerhin tritt ein Sklave als adulescens amans (verliebter Jüngling) auf und hat ein Parasit eine Tochter. Im Zentrum der Diskussion steht für Antonsen-Resch jedoch die Frage nach dem Wesen des Parasiten Saturio und deren Bedeutung für die Originalitätsdiskussion. Der Parasit hält in den Versen 62-76 einen umfangreichen Eingangsmonolog, in dem er sich von Quadruplatoren (also Denunzianten, die einen Teil der Klagssumme selbst kassierten) distanziert und Vorschläge macht, wie man dieses gesellschaftliche Übel beseitigen könne. In einem bislang zu unrecht weitgehend vernachlässigten Artikel weist Georg Danek,1 auf den sich Antonsen-Resch mit Gewinn bezieht, nach, dass diese Rede in den wesentlichen Punkten auf eine griechische Vorlage zurückgehen kann. Ein griechischer Sykophant dürfte demnach der Vorläufer des römischen Quadruplators gewesen sein, was zur Konsequenz hat, dass der Persa durchaus eine griechische Vorlage haben kann. Damit ist für die Einschätzung dieser Komödie und ihres Verhältnisses zum Original viel gewonnen.

Kritik erscheint jedoch an einem Punkt angebracht: Antonsen-Resch übernimmt Daneks falsche Ansicht, "der Parasit gehört [sc. für das Bewusstsein des römischen Zuschauers] ausschließlich zur fiktiven Welt der Bühne, der Quadruplator ausschließlich zum realen römischen Alltag" (Danek, zitiert S. 134), und die darauf aufbauende Interpretation von Saturios Eingangsmonolog. Beide Autoren folgen der (vor allem im deutschen Sprachraum vorherrschenden) communis opinio, die eine Existenz von "Parasiten" im plautinischen Rom bestreitet. Diese Vorstellung ist durch Arbeiten wie Cynthia Damons The Mask of the Parasite. A Pathology of Roman Patronage fragwürdig geworden,2 denn auch zur Zeit des Plautus funktionierte das Patronagesystem in Rom nicht so gut, dass es keine Menschen gegeben hätte, die als "Parasiten" zu bezeichnen und vom Publikum als solche zu erkennen gewesen wären.3

Nun zum Eunuchus des Terenz: Nach Einleitung, Inhaltsangabe und einem Überblick über die "zweiteilige Disposition der Handlung" (S. 158), kommt Antonsen-Resch zu jener Stelle im Prolog des Eunuchus, an der Terenz von der Übernahme des miles gloriosus und des parasitus colax aus Menanders Kolax in seine Hauptvorlage, den Eunuchos des Menander, spricht. Der Eunuchus des Terenz basiert also auf zwei Vorlagen. Mit der Einführung des neuen Figurenpaares steht zur Diskussion, ob Terenz "auch Partien von dramatischer Bedeutung aus dem Kolax übernommen hat, und ob somit sich für seinen Eunuchus ein vom Menandreischen Eunuchos wesentlich verschiedener Handlungsverlauf ergeben habe" (Ulrich Knoche, zitiert S. 159). In einem knappen "Forschungsbericht" diskutiert Antonsen-Resch die repräsentativen Einschätzungen dieser Frage.

Im Anschluss daran werden einzeln jene Szenen im Eunuchus behandelt, in welchen Gnatho, in dem die Autorin "nachweislich eine Schöpfung Menanders" (S. 167) sieht, und Thraso auftreten. Nach den Szenen II 2 und III 1 geht sie, ohne sich in dieser Angelegenheit zu entscheiden, auf die kontroversiell diskutierte Frage nach der Zahl der Parasiten in Menanders Kolax ein.4 Sie legt sich, da keine eindeutigen Argumente vorliegen, auch nicht fest, ob die Hausbelagerung in IV 7 aus dem Eunuchos des Menander stammt oder nicht, "wenn auch deren Entlehnung aus dem Kolax insgesamt grössere Plausibilität beanspruchen dürfte" (S. 176). Zum Finale, zu dem offen ist, ob die Idee dazu auf den Eunuchos oder den Kolax des Menander oder auf Terenz zurückzuführen ist, sieht sie "ein leichtes Übergewicht zugunsten der terenzischen Umgestaltung" (S. 178).

Antonsen-Resch gibt einen knappen, guten Einblick in die Originalitätsdebatte, wobei sie auf relevante Szenen, in welchen weder Gnatho noch Thraso auftreten, nur verweist (S. 161, Anm. 695). Die Vorsicht, mit der die Autorin vorgeht, macht ihr Buch sympathisch, doch hätte sie ohne weiters selbstbewusster argumentieren können.

Ähnlich wie zu Terenzens Eunuchus gelangt Antonsen-Resch zu guten Einschätzungen der Problemlage, auch wenn sie mehrfach unhinterfragt problematische Grundannahmen der communis opinio übernimmt.5 Jedenfalls leistet sie aufgrund ihrer kritischen Haltung gegenüber allzu einseitigen Positionen anhand des Parasiten einen willkommenen Beitrag zur Originalitätsdebatte, und erreicht damit das Ziel, das sie sich gesteckt hat.

Zur Figur des Parasiten auf der griechischen Komödienbühne wird man jedoch, da sich Antonsen-Resch dazu äußerst knapp hält, auch in Zukunft bei Heinz-Günther Nesselrath,6 und zur gesellschaftlichen Bedeutung dieses Phänomens, auf die sie nicht eingeht, bei Cynthia Damon und Elizabeth Ivory Tylawsky7 nachschlagen.


1G. Danek: Parasit, Sykophant, Quadruplator. Zu Plautus, Persa 62-76, WS 101, 1988, 223-241.
2
C. Damon: The Mask of the Parasite. A Pathology of Roman Patronage, Ann Arbor 1997, vgl. auch P. Desideri, Parassitismo e clientela nel teatro di Plauto, in L. Agostiniani u. P. Desideri (Hg.), Plauto testimone della società del suo tempo, (Università degli Studi di Perugia 4) Neapel 2002, 55-66.
3
Die Frage nach den Realitätsebenen verhält sich vielleicht genau umgekehrt: In den im Original oder in lateinischer Bearbeitung erhaltenen Reden griechischer Komödienparasiten distanzieren sich diese mehrfach von Schmeichlern bzw. schmeichelnden Parasiten (vgl. Diodoros von Sinope Fr. 2 K.-A., der Parasit im Eunuchus des Terenz dreht den Spieß um und schiebt die Schuld dafür, dass er schmeichelt, auf die Gastherren, denn diese seien nicht so großzügig wie früher, dafür dumm und eitel) oder Sykophanten (wie im Persa). Damit distanzieren sie sich von jenen Verhaltensweisen, ohne die jemand aus der sozialen Gruppe, aus der sich die realen Vorbilder der Komödienparasiten rekrutierten, im Alltag kaum überleben konnte, und zeichnen so ein Bild vom "reinen", d.h. positiven Parasiten (vgl. Lukians Parasitendialog). Wenn Saturio im Persa kurz nach seinem Eingangsmonolog gezwungen wird, als Sykophant zu agieren, um sein Leben als Parasit weiterhin führen zu können, wird - in der griechischen Vorlage - deutlich, dass es den "reinen" Parasiten in der realen Welt nicht gibt. In der römischen Komödie spielen solche Differenzierungen aufgrund einer stärkeren Typisierung des Figurenkabinetts kaum eine Rolle, auch wenn sie, wie im Persa, noch zu erkennen - und für die Interpretation der griechischen Vorlagen auszuwerten - sind.
4
SieheM. J. Pernerstorfer: Zu Menanders Kolax, Wiener Studien 119 (2006), 41-52.
5
So kritisiert Antonsen-Resch einerseits zu recht die Freiburger Position bzgl. einer "allzu starren Auffassung des komischen Rollenrepertoires" (S. 103, 198), operiert jedoch andererseits aufgrund der Vorstellung eines "Strebens nach einer Variation gängiger Rollen- und Handlungsschemata" (S. 197f.) erst ab der späten Neuen Komödie (die bei Menander beginnt?) selbst mit einem zu engen Rollenverständnis für die Zeit der Mittleren Komödie. In diesem Zusammenhang soll nicht bestritten werden, dass Variation (als etwas, bei dem etwas schon zuvor Existierendes variiert wird) ein sekundäres Phänomen ist. Doch zur Frage, ab wann Parasiten als Intriganten in Erscheinung treten und damit nach traditioneller Interpretation eine Funktion übernehmen, die ursprünglich von Sklaven übernommen worden ist, sei auf Alexis' Parasitos hingewiesen (vor 350 v. Chr.). Hier wird vom Titelhelden gesagt, er sei für seine Freunde ein Sturm (Fr. 183, 7 K.-A.), was sicherlich so aufzufassen ist, dass er als Helfer in den Liebesangelegenheiten seiner reichen Freunde gesehen wurde (vgl. Antiphanes Fr. 193 K.-A.). Weiters setzt die hierarchisierende Doppelung der potentiellen Intriganten in Menanders Dyskolos (316 v. Chr.) als Selbstverständlichkeit voraus, dass nicht ein Sklave (Phyrrias), sondern ein Parasit (Chaireas) für Liebesdinge zuständig ist. Es handelt sich nicht bloß um eine "[g]ewisse Vorstufe des Trägers einer Intrige" (S. 206, Anm. 882), sondern ein Komödienparasit konnte von Anfang an die Funktion des Intriganten übernehmen, ohne dass aufgrund einer Variation eines traditionellen Rollenverhaltens eine "Typenmischung" vorgelegen wäre.
6
H.-G. Nesselrath: Lukians Parasitendialog. Untersuchungen und Kommentar, Berlin-New York 1985 und ders., Die attische Mittlere Komödie. Ihre Stellung in der antiken Literaturkritik und Literaturgeschichte, Berlin-New York 1990.
7
E. I. Tylawsky: Saturio's Inheritance. The Greek Ancestry of the Roman Comic Parasite, New York u.a. 2002, vgl. dazu die Rezension auf dieser Homepage.

 

Veröffentlicht am 28.12.2007 (Archiv)

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