Druckversion

Ralf Kurtze: Das jiddische Theater in Berlin um die Jahrhundertwende.

Köln: Teiresias Verlag 2001 (Theaterwissenschaft. 8). ISBN 3-934305-23-7. 174 S. Preis: € 22,50.

Rezensiert von: Brigitte Dalinger

Laut Angaben des Autors Ralf Kurtze verfolgte das vorliegende Buch drei Ziele: die Darstellung des Lebens und Wirkens des Schauspielers Jizchak Löwy, der aufgrund seiner Freundschaft mit Franz Kafka und dessen Beschreibungen seiner Schauspielkunst zumindest Kafka-Kennern ein Begriff ist; weiters die Darstellung des polizeilichen Zensurwesens in Preußen um die Jahrhundertwende und den Vergleich zwischen den Original- und Zensurfassungen zweier ausgewählter jiddischer Theaterstücke, Sulamith von Abraham Goldfaden und Die Sedernacht von Joseph Lateiner.

 

Die Ausführungen Kurtzes zum jiddischen und (deutschsprachigen) jüdischen Theater in Berlin um die Jahrhundertwende folgen weitgehend den Büchern von Peter Sprengel (Scheunenviertel-Theater, erschienen 1995 in Berlin, und Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1933, erschienen 1997 ebendort). Neues über diese jüdischen Theateraktivitäten ist nicht auszumachen.

 

Zu Löwys Biographie zitiert Kurtze vor allem aus den Löwy gewidmeten Artikeln in Zalmen Zylbercweigs Leksikon fun yidishn teater (6 Bde, erschienen 1931-1969), was aufgrund der schlechten Erreichbarkeit dieses grundlegenden (wenn auch im einzelnen manchmal problematischen) Lexikons im deutschsprachigen Raum mehr als berechtigt ist. Leider enthalten die Angaben zu Löwys Leben und Auftritten auch einige unklare Darstellungen. Kurtze schreibt etwa über die jiddischen Theatervorstellungen in Prag: "Als ein sehr bedeutender Aspekt ist festzuhalten, daß die Stücke in ostjiddischer Sprache aufgeführt wurden. Somit erreichte die Truppe einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung Prags." (S. 69) Tatsächlich sprachen die Prager Juden Deutsch und Tschechisch (wie eben auch Kafka), Jiddisch aber sprachen und verstanden sie kaum, wie auch aus zeitgenössischen Kritiken (die Kurzte nicht einbezieht) hervorgeht.

 

Die Geschichte der Theaterzensur in Preußen, von 1850 bis nach dem Ersten Weltkrieg, ist im vorliegenden Buch in kurzer und übersichtlicher Form nachzulesen. Sie bildet die Grundlage für den letzten Abschnitt, in dem gedruckte Originalfassungen der jiddischen Theaterstücke Sulamith von Abraham Goldfaden, entstanden 1883 bzw. 1886, und Die Sedernacht von Joseph Lateiner, entstanden 1908, mit in Berlin eingereichten Zensurfassungen verglichen werden. Wie Kurtze feststellt, mußten jiddisch spielende Ensembles deutsche Textfassungen einreichen, was zu bemerkenswerten Diskrepanzen zwischen den Originalen und den Zensurfassungen führte, vor allem zu Kürzungen und zur Streichung einzelner Personen. Dieser Vorgang ist den Wiener Gepflogenheiten übrigens sehr ähnlich, auch hier finden sich Zensurtexte, die nur den Inhalt mancher Szenen wiedergeben, die Dialoge aber oft nur andeuten oder ganz weglassen.

 

Leider ist in vielen Abschnitten des Buches eine gewisse Unverständigkeit gegenüber der spezifischen Geschichte und den Problemen des jiddischen Theaters zu bemerken. So schreibt Kurtze etwa, daß die Truppe, die in Prag auftrat, ihre Theaterstücke vermutlich ohne gedruckte Spieltexte inszenierte; diese Vorgangsweise war dem frühen jiddischen Theater nicht fremd, wie etwa in Nahma Sandrows Standardwerk über jiddisches Theater (Vagabond Stars. A World History of the Yiddish Theater. New York 1977) nachzulesen ist. Schade ist auch, daß das vorliegende Buch nicht oder nur sehr oberflächlich lektoriert wurde, da sich sehr viele offensichtliche Tipp- aber auch regelrechte Rechtschreibfehler darin finden.

 

Veröffentlicht am 06.02.2003 (Archiv)

>zurück>>>