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Theaterkunst & Heilkunst. Studien zu Theater und Anthropologie.

Hg. v. Gerda Baumbach unter Mitarbeit von Martina Hädge. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2002. XV, 461 S. mit Abb. ISBN 3-412-08801-3. Preis: € 64,80/sFr 110,--.

Rezensiert von: Birgit Peter

Dieser Sammelband zu dem jungen Forschungsbereich Theateranthropologie kann als Zeugnis der geglückten Zusammenwirkung von inter- bzw. transdisziplinärer Forschung und Lehre gesehen werden. Basierend auf einem mehrsemestrigen Forschungsseminar am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig und in der Folge in Zusammenarbeit mit den theaterwissenschaftlichen Instituten von Bern und Wien sowie dem Wiener Universitätsinstitut für Geschichte der Medizin versammelt die Herausgeberin Gerda Baumbach WissenschafterInnen aus den Bereichen Theaterwissenschaft, Medizingeschichte, Ethnologie und Musikwissenschaft. Das Anliegen dieses Bandes besteht zum einen darin, den (theater-)anthropologischen Diskurs um das Zusammenspiel von Theaterkunst und Heilkunst zu eröffnen und zu bereichern, zum anderen sollen aber auch wesentliche Quellen und Dokumente - die ausführlich dargestellt werden - zusammengetragen und zugänglich gemacht werden. Der zeitliche Rahmen der Forschungsgegenstände spannt sich hauptsächlich zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert.

 

Gerda Baumbachs Beitrag Vom Verschwinden und von der Beharrlichkeit der Comödie sowie Rudolf Münzs gewichtiger Aufsatz Sind "die großen Erzählungen" im Theater zu Ende? sollen als theaterhistoriographische Markierungen der versammelten Studien verstanden werden. Ausgangspunkt dieser stellt der Übergangsbereich, die differenzierte Zwischenwelt von und zu Theater dar. Allerdings ist hier wenig vom Theater hochkultureller Prägung die Rede, sondern von den vielfältigen grenzgängerischen theatralen Bereichen, die sich gerade im hier behandelten historischen Rahmen herkömmlicher Begrifflichkeit entziehen. Dieser methodischen Schwierigkeit versucht Baumbach mit der Unterscheidung von Kunst-Theater und Theater-Kunst entgegenzuwirken - stets im Bewußtsein um das schwer faßbare Material, das sich der "Strategie der Theoretisierung" verweigert. Denn Studienobjekte sind jene "vortheatralen" Phänomene, die bisher zumeist als stereotyp abqualifiziert wurden.

 

Es geht um die Theater-Kunst, die sich sowohl "mit sozial-symbolisch-ostentativem Gebaren in der Lebenswelt als auch mit einem Kunst-Theater nach den Prinzipien der Repräsentation auseinandersetzt". Der Sammelband ist in zwei große Teile, Comoedianten und dergleichen sowie Instrumente - Wunderländer - Reisende, gegliedert. Der erste Abschnitt stellt eine konzentrierte, vorwiegend theaterhistorische Darstellung verschiedenster komischer/lustiger Personen und deren enge Verknüpfung zu Heilkünstlern dar. Martina Hädges Beitrag "Meß-Ärtzte" in Leipzig im 17. und 18. Jahrhundert geht dem 1676 erlassenen Verbot der Stadt Leipzig nach, wonach "hinfort die Aertzte keine Pickelheringe zu agiren mehr sollten auftreten lassen / weil dies offters grobe Zoten und denen Christen nicht geziemende Narrentheidungen von sich hatten hören lassen". Ihre Schlußfolgerungen betreffen einmal die Popularität der Kombination von Lachen/Vergnügen und Heilen, und bieten zudem neue Erkenntnisse über die daraus ersichtliche große Konkurrenzierung der Schauspieltruppen wie der der Neuberin. Drei Fallstudien bieten Einblick in die spielerische Bandbreite von Wunderärzten. Eröffnet werden diese von Stefan Hulfelds Beitrag Das Theatrum des Herrn Mary. Überlegungen zur theaterhistorischen Erforschung eines Jahrmarktmediziners, der den Band neben der schweizspezifischen Forschung um die Bedeutung des selbstinszenatorischen Aspekts eines Wanderarztes bereichert. Martin Frolowitz geht den biographischen Spuren des Venezianers Sebastian di Scio, Komödiant, Medikamentenverkäufer, Puppenspieler und Seiltänzer nach, wobei das Hauptaugenmerk auf seinem Gebrauch von komischen Masken der jeweiligen Region seiner Auftritte (Hamburg, Stockholm, Kopenhagen, Berlin, Leipzig, Prag, Wien um nur einige zu nennen) liegt. Dem berühmteste(n) Piemontese(n) genannte Tabarino. Quacksalber am Wiener Allerheiligenmarkt und Komödiant am Kaiserhof widmet Otto G. Schindler seinen Beitrag. Neben dem Geheimnis um die Person des Joannes Danese Tabarino wird auch ein Stück Wiener Hof- und Alltagsgeschichte des späten 17. Jahrhunderts sichtbar gemacht. Abgeschlossen wird der erste Abschnitt durch Katrin Jopkes Studie zu Tabarin - die Maske eines Wundarztes, die sich mit dessen Popularität in den Metropolen der frühen Neuzeit wie zum Beispiel Paris und der Nachwirkung/Nachahmung der erfolgversprechenden Maske sogenannter Scharlatane beschäftigt.

 

Den 2. Teil des Sammelbandes eröffnet der Beitrag Zur musikalischen Seite von Quacksalbern, in dem sich Maren Goltz einem neuen musikwissenschaftlichen Forschungsfeld widmet. So wird der Einsatz von Musik/Musikinstrumenten/Stücken aus Quellenmaterial erschlossen und darüber hinaus das Zusammenwirken von Theaterkunst und Heilkunst um die Rolle der Musik bereichert. Als aufschlußreicher Exkurs erweist sich Armin Prinz' Bericht über die Heilpraxis von Schamanen als Clown-Doctors am Beispiel der Azande in Zentralafrika der 1970er Jahre. Marco Süss deckt in Der Medizinmann als "Jongleur" und "Charlatan" auffallende Parallelitäten zwischen europäischen Heilkünstlern der frühen Neuzeit und magischen Heilritualen verschiedener Schamanen der "neuen Welt" auf. Gerda Baumbachs Studie zum Instrument und Mittler Pferd in der grenzgängerischen Kultur der Gesticulatio, Narr zu Pferde. Versuch über das Hobby-Horse, beschließt den 2. Teil.

 

Der großzügig illustrierte Band präsentiert wesentliche ikonographische Quellen der vorliegenden Forschungen, und die schönen Farbtafeln laden neben der Textlektüre zu lustvoller Schau ein.

 

Veröffentlicht am 12.12.2002 (Archiv)

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