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Karin Falkenberg: Radiohören. Zu einer Bewußtseinsgeschichte 1933 bis 1950.

Haßfurt, Nürnberg: Hans Falkenberg/Institut für Alltagskultur, 2005. ISBN 3-927332-07-0. 368 S. Preis: € 39,80.

Rezensiert von: Christine Ehardt

Karin Falkenberg versucht in ihrem Buch, den Bedeutungen des Radiohörens in den Jahren 1933 bis 1950 in Deutschland auf die Spur zu kommen. Innerhalb von 368 Seiten zeichnet sie die wechselvolle Rundfunkgeschichte zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Wiederaufbau nach und verknüpft diese mit den Alltags- und Lebenswelten von RadiohörerInnen der dreißiger bis fünfziger Jahre.

 

Für dieses ambitionierte Vorhaben greift sie nicht auf altbekanntes und bereits viel zitiertes Material zurück, sondern erschließt neue Forschungsquellen. Anhand von literarischen und autobiographischen Texten von Schriftstellern, Expertenbefragungen und Hörerbriefen geht sie der Frage nach, welche gesellschaftspolitischen und alltagsgeschichtlichen Bedeutungen das Radiohören hatte. Den größten Teil der Forschungsergebnisse bezieht die Arbeit aber aus Interviews mit Zeitzeugen. 62 "Ohrenzeugen" der Geburtsjahrgänge 1903 bis 1945 wurden in Gesprächen zu ihren Erinnerungen an Radio- und Rundfunkgeschichte(n) befragt. Dabei "diente die von den Zeitzeugen erzählte eigene Lebensgeschichte als Hilfslinie für ihren Erzählfluß, andererseits wurde die jeweilige Biographie bei der Befragung mit einem Leitfaden zur Radio- und Hörfunknutzung verzahnt" (S. 25).

Nach diesen methodischen Erläuterungen zum Forschungsdesign und einer kurzen diskursgeschichtlichen Bestimmung und Definition von Begriffen wie "Radiohören", "zuhören", "Radio", "Rundfunk" und "Hörfunk", unterteilt Falkenberg die Arbeit in drei Zeitperioden. In der ersten Phase von 1933 bis 1939, die als "Friedensjahre des Nationalsozialismus" definiert wird, etabliert sich der Rundfunk als Massen- und Propagandamedium. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 und die darauf folgenden Kriegsjahre bis 1945 bilden die zweite Phase. Das Ende des Krieges und die ersten Wiederaufbaujahre bis 1950, die von den Befragten als "Wendepunkt" dargestellt werden, finalisieren den Untersuchungszeitraum. Entlang dieser Zeitlinie zeigt die Autorin Brüche und Kontinuitäten im Stellenwert des Radiohörens auf.

"Aus dem Lautsprecher rasten Reden wie ein Gewitter" (Irmgard Keun: Nach Mitternacht, zitiert nach Falkenberg S. 62).
Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten und der Eingliederung der Sendeanstalten in eine zentrale Reichsrundfunkgesellschaft waren es vor allem die Radioübertragungen der Propagandareden Adolf Hitlers und Joseph Goebbels sowie das ständige Ertönen des Horst Wessel Liedes aus dem VE 301, welche in den Erinnerungen der Zeitzeugen die stärksten Spuren hinterlassen hatten.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Volksempfänger VE 301 und das kleinere Modell, der Deutsche Kleinempfänger DKE, in diesen Erinnerungen untrennbar mit dem Nationalsozialismus verbunden sind. Doch obwohl der Volksempfänger in vielen deutschen Haushalten Einzug hielt, machte der Umsatz dieser Radiogeräte nie mehr als die Hälfte des gesamten Radioverkaufs aus. Wer es sich leisten konnte, wählte weiterhin ein leistungsfähigeres und luxuriöseres Radiomodell. Nichtsdestotrotz wurde der Volksempfänger "retrospektiv zum Symbol für Radiohören im Dritten Reich" (S. 73).

"Lili Marleen ist ein richtiger Ohrwurm. Wenn ich das heute wieder höre ..., das geht mir immer nicht mehr aus dem Kopf" (Zeitzeugin Lisa Burghof, S. 102).
Die Bedeutung des Radiohörens erfährt in den Kriegsjahren eine neue Dimension. Der Auftrag der Programmverantwortlichen lautete, das Rundfunkprogramm zu einem identitätsstiftenden Gemeinschaftserlebnis zu machen und so zum Durchhalten zu ermuntern. Durch Wunschkonzerte, Ringsendungen und dem Verlesen von Briefen von Frontsoldaten und deren Angehörigen sollte vor allem emotionale Einigkeit und Verbundenheit geschaffen werden. Besondere Breitenwirksamkeit erreichte dabei der Soldatensender "Radio Belgrad" und dessen viel gespieltes Lied Lili Marleen, gesungen von Lale Andersen. In den Berichten der Zeitzeugen nahm aber auch das Abhören der so genannten "Feindsender" einen wichtigen Stellenwert ein. Allerdings darf dieser Umstand, wie Falkenberg herausarbeitet, nicht als Ausdruck von Widerstand missverstanden werden. Vielmehr machte sich eine allgemeine Skepsis gegenüber den gehörten Meldungen breit, man misstraute nicht nur den nationalsozialistischen Jubelmeldungen, sondern auch den Informationen der ausländischen Radiosender.
Im weiteren Kriegsverlauf kam dem Rundfunk eine zusätzliche Aufgabe zu, Radiohören wurde zur Überlebensfrage. Um sich über mögliche Luftangriffe informieren zu können wurden "die Ohren (…) nicht zugehalten, das Radiogerät nicht mehr abgeschaltet" (S. 142).

"Ray ging nach Hause, wo Vesta auf dem Sofa schlief und schnarchte. Ihr nagelneuer Rivard-Empfänger stand auf einem Beistelltisch und gab knisternde Geräusche von sich. Er stellte ihn ab und sie wachte auf" (Garrison Keillor: Radio Romance, zitiert nach Falkenberg S. 212).
Radiohören wurde in der Nachkriegszeit "wieder eine private Angelegenheit" (S. 243) und erfüllte vor allem eine ausgeprägte Bildungs- und Unterhaltungsfunktion. Dabei wurde die Radionutzung nicht nur zum Ausdruck einer neu erstarkten bürgerlichen Wohn- und Lebenskultur, sondern spiegelte auch das Freiheitsgefühl der Jugend, dank Jazzmusik und dem amerikanischen Militärsender "AFN" (American Forces Network), wider.

Die vorliegende kultur- und mediengeschichtliche Untersuchung der Radioalltagswelt erweist sich vor allem durch die Einbeziehung von literarischen und lebensgeschichtlichen Texten als Bereicherung. Die zahlreichen Abbildungen von privaten Photos der Befragten, Werbeplakaten und Karikaturen aus Zeitschriften und Broschüren unterstreichen die alltagsgeschichtliche Bedeutung des Radiohörens; allerdings werden diese Abbildungen nur selten in die Analyse miteinbezogen und bleiben leider oftmals unkommentiert.
Dennoch: Karin Falkenbergs Buch bringt durch die Verknüpfung von "selbsterhobenen qualitativen Quellen" und "literarischen Zeugnissen" (vgl. S. 19) neue Aspekte in die inderdisziplinäre Radioforschung ein. Nicht die Frage nach dem "Was wurde gehört?", sondern vielmehr danach, in welchen alltags- und lebensgeschichtlichen Zusammenhängen Radio gehört wurde, schafft ein präzises Bild der historischen Radionutzung.
Die Arbeit zeigt, dass Radiohören mit Bedeutung aufgeladen ist und die Erinnerung daran vor allem ein "wieder erinnern" ist; ein "wieder erinnern" weniger an genaue Sendeinhalte, sondern vielmehr an die vielgestaltige Art und Weise des Hörens.

 

Veröffentlicht am 18.12.2006 (Archiv)

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