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Heinz Thomas: Jeanne d' Arc. Jungfrau und Tochter Gottes.

Berlin: Alexander Fest Verlag 2000. 512 S. ISBN 3-8286-0065-4. Preis: € 35,--/sfr 56,40.

Rezensiert von: Monika Meister

Die Geschichte der Jeanne d' Arc aus dem Blickwinkel eines Historikers

 

Eine historische Studie über das Leben der Jeanne d'Arc läßt von vorneherein großes Interesse erwarten, ist doch diese Frau seit Jahrhunderten Projektionsfläche höchst widersprüchlicher Zuordnungen, disparater religiöser, politischer, gesellschaftlicher und emotionaler Diskurse. Die "Gottgesandte" führte die französische Armee zum Sieg, nahm an der Krönung Karls VII. zum König teil, wurde von den Engländern festgenommen und von einem Kirchengericht als Ketzerin zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Die Legendenbildung um das bei ihrem "Opfertod" im Mai 1431 wenig mehr als zwanzig Jahre alte Mädchen setzte schon zu ihren Lebzeiten ein und erhielt sich über die Jahrhunderte lebendig, einer "Arbeit am Mythos" gleich. Die ihr zugeschriebenen Attribute werden manchmal auch mißbräuchlich umdefiniert, so etwa, wenn heute der französische Nationalistenführer Le Pen die Jungfrau als Kampfsymbol für die sogenannte "Einheit der Nation" auserkoren hat.

 

Heinz Thomas, Bonner Historiker und ausgewiesener Spätmittelalterkenner, wendet sich in seiner Darstellung der aus Quellenmaterialien rekonstruierbaren Lebens- und Leidensgeschichte dieser "Tochter Gottes", wie sie auch genannt wurde, zu und verankert die Biographie im politischen Kontext des 100jährigen Krieges zwischen Frankreich und England. Ein spannend zu lesendes Buch, wenn man sich auch die literarischen und filmischen Verarbeitungen des Stoffes selbst ergänzen muß. Aus theater- und filmwissenschaftlicher Perspektive wünschte man sich selbstredend eine Betrachtung der Texte und Bildkonstrukte, die Jeanne d' Arc in immer neuen Facetten zeigen und die sowohl untrennbar mit der konkreten Historie als auch der Legendenbildung um diese Person verbunden sind: so beispielsweise Voltaires Epos La Pucelle d' Orléans (1762), Schillers Die Jungfrau von Orleans (1801), Shaws Saint Joan (1923), Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe (1932) oder der berühmte Film La passion de Jeanne d'Arc von Carl Th. Dreyer aus dem Jahre 1928 mit seinen revolutionären Großaufnahmen des Gesichtes der Protagonistin.

 

Wer sich aber über die Grundlagen der Geschichte der aus Domremy stammenden Heiligen (1920 ist Jeanne d' Arc heiliggesprochen worden) informieren will, dem wird die Studie äußerst hilfreich sein.

 

Ausgehend von Jeanne d' Arcs Kindheit und Jugend, ihrer selbstbewußten Weigerung, sich zu verehelichen, der frühen Heiligenerscheinung im Sommer 1423, ihren Visionen und Stimmen über das Anlegen der Männerkleidung bis zur Ausführung der göttlichen Mission rollt der Autor einen Bilderbogen aus. Zahlreiche am Material dargelegte Details sowie die heute besonders interessierende Diskussion um Diagnosen wie Schizophrenie und Anorexia nervosa, die Einordnung von Jungfräulichkeit, Asexualität, Essensverweigerung zeichnen ein differenziertes Bild des Mädchens, wenn auch ohne Selbstreflexion auf den genderspezifischen Blick des Verfassers. Es versteht sich von selbst, daß sich hier ein faszinierendes Forschungsfeld auftut, wo die Strukturen der Überschneidung religiöser Phantasmen mit Körper- und Wahrnehmungsdiskursen in historischer Perspektive weiter zu erforschen wären.

 

Der Autor zeigt, wie die von stringenter Logik geprägte Geschichte La Pucelles mit ihrer Gefangennahme, dem Prozeß und dem Tod auch als Analogie zur Gottesmutter und zu Jesus, als Imitatio Christi, interpretiert wurde. Die Zeichen und Wunder sind hier diskutiert im Kontext der Zeit und trotz mancher Relativierung bleibt die Faszination der Passionsgeschichte Jeanne d' Arcs unangetastet. Ja, sie wird einem erst wieder neu bewußt. Und zugleich ist deutlich gemacht, wie sehr Realität und Fiktion einer Figur wie Jeanne d' Arc vom jeweiligen geschichtlichen Blick abhängen. Die Geschichte dieser Magd und begnadeten Heiligen ist nicht zu Ende geschrieben.

 

Hinzuweisen bleibt auf die im Anhang angeführten, wissenschaftlich auf letzten Stand gebrachten und zum Weiterlesen äußerst hilfreichen Quellensammlungen, die auch den Prozeß von Rouen umfassen, auf die Bibliographie und ein Personenregister.

 

Veröffentlicht am 15.07.2002 (Archiv)

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