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Heinrich von Kleist. Brandenburger Ausgabe. I/7 Die Herrmannsschlacht. Ein Drama.

Hg. v. Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Peter Staengle. Frankfurt am Main, Basel: Stroemfeld 2001. 198 S. Brandenburger Kleist-Blätter 14. 911 S. ISBN 3-87877-342-0. Preis: € 119,--/sfr 201,--.

Rezensiert von: Monika Meister

Die Herrmannsschlacht von Heinrich von Kleist ist nach wie vor ein irritierendes, verstörendes, auch abstoßendes Drama, ein ob seiner gewalttätigen Rede des Protagonisten Herrmann verdächtiges Stück. In eindimensionaler Lektüre, die Selbstreflexion des Textes nicht zur Kenntnis nehmend, lässt sich Die Herrmannsschlacht nur allzu leicht missinterpretieren und einzig als der Ideologiegeschichte des deutschen Nationalismus zugehörig verstehen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Kleist zu einem "Eck- und Grundpfeiler" des Spielplans, Die Herrmannsschlacht öfter gespielt als alle anderen Schauspiele Kleists. Erst die berühmte Bochumer Inszenierung 1982 von Claus Peymann wird das Stück gegen seine Geschichte als Lehrstück über den Partisanen-Kampf und Ehedrama zugleich entdecken und damit Kleists " Die Herrmannsschlacht" als antipatriotisches Schauspiel lesbar machen (Gert Voss und Kirsten Dene als Herrmann und Thusnelda). Die Namensschreibung von Herrmann ist, wie jeder Buchstabe bei Kleist genau gesetzt, hier das Geschlecht, die Männlichkeit verdoppelnd: Herr und Mann. Und auch wenn in zumindest einer Kleist-Ausgabe und mancher Literatur zu Kleists Drama Herrmann mit nur einem "r" geschrieben steht, verweist das auf nichts anderes als einen zumindest ungenauen Umgang der Philologie mit Kleists Text.

 

Der Name also des blindwütig Rasenden und zugleich strategisch kalkulierend sich in den Kriegs"künsten" beweisenden Herrmann/Arminius ist Programm, ebenso wie die im Titel des Dramas angekündigte "Schlacht", konkret jene im Teutoburger Wald, zugleich jedwede Vernichtung des Feindes assoziieren lässt. Die Herrmann-Figur und der sie umhüllende Mythos sind zutiefst mit der deutschen Geschichte verbunden, was sich auch in den Herrmann-Dramen des 18. Jahrhunderts widerspiegelt (Justus Möser, Johann Elias Schlegel, Klopstock und Herder). Im Jahre neun nach Christus war es Arminius/Herrmann durch eine Koalition germanischer Stämme gelungen, die Weltmacht Rom unter ihrem Feldherrn Varus zu besiegen und damit die Kolonisierung Germaniens einzudämmen. Das ist auch in Kleists wohl umstrittenstem Drama das Thema, aber es zielt zugleich auf die politische Realität Mitteleuropas, will die Mobilisierung gegen die französische Okkupation antreiben.

Vermutlich entstand der Text im Jahre 1808, im Dezember 1808 war ein Manuskript mit dem Titel Die Herrmannsschlacht mit Sicherheit abgeschlossen. Kleist bittet den österreichischen Hofsekretär Heinrich Joseph von Collin um Vermittlung des Stücks ans Theater an der Wien, seines Erfolges ist der Autor auf Grund der aktuellen politischen Umstände sicher. Kleist drängt sodann weiter auf eine Aufführung des "einzig und allein auf diesen Augenblick" berechneten Stücks, das ihm, wie er schreibt, "am Herzen liegt". Aber es sollte nicht dazu kommen, Die Herrmannsschlacht wurde zu Kleists Lebenszeit weder gedruckt noch gespielt. (Die erste Aufführung - in einer Bearbeitung - fand 1860 in Breslau statt).

Die Herrmannsschlacht liegt nun in der viel beachteten und außerhalb der engen institutionalisierten Kleist-Forschung etablierten Brandenburger Ausgabe vor, in bekannt gediegener Ausstattung und auf höchstem philologischen Niveau. Weitgehend folgt der Text der Orthographie des Originaldrucks. Der Text wird so neu lesbar, gleichsam in seiner "gereinigten" Form erkennbar. Der Band I/7 versammelt zwei Texte, die nicht in einer Synopse, sondern jeder für sich dargeboten werden. Die vorliegende Edition von Die Herrmannsschlacht basiert auf dem in Heinrich von Kleists hinterlassenen Schriften von Ludwig Tieck im Jahre 1821 herausgegebenen und dem ersten vollständigen Druck des Dramas. Der zweite Text stellt die Wiedergabe eines Fragments, des Schlusses von Kleists Die Herrmannsschlacht dar, betitelt Marbod und Herrmann. Eine Scene aus der Herrmannsschlacht, einer Reliquie von Heinrich von Kleist. Das Fragment, die Schlussszene des Dramas, war in der Zeitschrift Zeitschwingen oder des deutschen Volkes fliegenden Blätter in zwei Lieferungen im April 1818 erschienen.

Das in diesem Drama entworfene "Vaterland", das es gegen die Römer - zeitgeschichtlich zugleich auf Napoleon gemünzt - zu verteidigen gilt, existiert nur als Idee. Die Freiheit, die Herrmann meint, ist ein Abstraktum, und wie Roland Reuß in seinem in den Brandenburger Kleist-Blättern 14 erschienenen Text zu denken gibt, ist Freiheit als Abstraktum austauschbar. Es geht um den absoluten Feind und die Vernichtung desselben, es geht um Hass und Selbsthass, unvergleichlich präzise der Frauenfigur, Herrmanns Gattin Thusnelda, in den Mund gelegt:

"Geh, geh, ich bitte Dich! Verhaßt ist alles, Die Welt mir, du mir, ich: laß mich allein!"

Am Ende des Schauspiels wird das Bild einer Verwüstung, eines Schauplatzes evoziert, das aktueller sich nicht denken lässt:

"Und nichts als eine schwarze Fahne Von seinem öden Trümmerhaufen weht!"

 

Die bereits erwähnten Brandenburger Kleist-Blätter 14 versammeln auch das von Roland Reuß und Peter Staengle in Zusammenarbeit mit Arno Pielenz und Renate Schneider erarbeitete Biographische Archiv II von L -Z, das Dokumente und Zeugnisse zu Leben und Werk Heinrich von Kleists umfasst (Der erste Teil ist in den BKB 13 veröffentlicht). Die überlieferten Quellen sind alphabetisch angeordnet und in ihrem historischen Kontext vorgestellt, was das Material aus einem neuen Blickwinkel erscheinen und so manch neue Entdeckung möglich werden lässt.

 

Diese Rezension ist auch erschienen in: Der Standard, Album, 18./19./20. Mai 2002.

 

Veröffentlicht am 29.05.2002 (Archiv)

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