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Judith Butler: Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung.

Gender Studies. Aus dem Amerikanischen von Reiner Ansén. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001 (es 1744). 260 S. ISBN 3-518-11744-0. Preis: € 10,30/sfr 18,70.-

Rezensiert von: Michael Csulich

"Als Form der Macht ist die Subjektivation paradox." Diese grundlegende Beobachtung, thesenhaft an den Beginn ihres jetzt auch in deutscher Übersetzung greifbaren Buches The Psychic Life of Power. Theories in Subjection von 1997 gestellt, umreißt für Judith Butler nicht alleine die Janusköpfigkeit von Macht(-strukturen), wie sie die Autorin versteht, sondern ebenso, als dessen Produkt, das individuelle Subjekt als zwitterhaftes Geschöpf aus Unterwerfung und Emanzipation. Damit setzt Judith Butler einerseits jenen erhellenden Diskurs fort, der sie spätestens seit 1991, dem Erscheinungsjahr ihrer Gender Trouble international einem breiten Publikum bekannt gemacht hat und das Wechselspiel zwischen normativen Machtverhältnissen und heterosexueller Gesellschaftsordnung fokussiert.

 

Andererseits richtet die Autorin ihr Augenmerk hier nun dezidiert auf die Bedingungen und (ungeplanten) Konsequenzen jener psychischen Prozesse der subjektkonstituierenden Verinnerlichung disziplinärer Praktiken. Die unterschiedlichen Fragen nach dem jeweiligen Subjekt beziehungsweise Objekt der herrschenden Machtverhältnisse erklärt Judith Butler für obsolet. Beide Positionen seien vielmehr untrennbar miteinander verknüpft und generierten die ambivalente Doppelstruktur des modernen Individuums, das auf der Basis der finalen Unterwerfung seine gesellschaftliche Existenz erwirbt. Denn erst, so Judith Butler, deren Iterierung durch das Individuum selber würde den Akt der (Selbst-) Unterwerfung vollenden, ein Schritt, der nicht ohne weitreichende Gewalt dem psychischen Selbst gegenüber möglich ist.

Gezwängt in eine traditionell heterosexuelle Matrix durchläuft es einen folgenschweren Verdrängungsprozeß, doch gerade dieses Moment, dem Gesetz der Performativität gehorchend, berge auch den Angelpunkt zum Widerstand, da "eine unauflösliche Zweideutigkeit entsteht, wenn man zu unterscheiden sucht zwischen der Macht, die (transitiv) das Subjekt inszeniert, es handelnd hervorbringt, und der vom Subjekt selbst inszenierten, handelnd hervorgebrachten Macht".

 

So entfaltet Judith Butler eine kritische Neulektüre einiger Schlüsselwerke des modernen Denkens, etwa Hegels Phänomenologie des Geistes, Nietzsches Genealogie der Moral, Freuds Das Ich und das Es oder Foucaults Überwachen und Strafen beziehungsweise Sexualität und Wahrheit. Mit ihm, den sich die Autorin zum (zeitweiligen) Bundesgenossen erwählt, argumentiert sie vor allem gegen Jacques Lacan und sein Modell der menschlichen Psyche, die durch das unveränderliche Gesetz der symbolischen Ordnung determiniert scheint. Bezeichnet das Foucaultsche "assujettissement" das Werden des Subjekts und seine Unterwerfung, so überführt Judith Butler dieses Element schrittweise, aber konsequent in den Kontext einer psychoanalytischen Interpretation, der gegenüber sich Michel Foucault bekanntermaßen stets distanziert gezeigt hat.

 

Die von ihm in Sexualität und Wahrheit erörterten Möglichkeiten der Rebellion und des Widerstands innerhalb des Konstituierungsrahmens des Gesetzes liest die Autorin als Formen eines psychischen Widerstands, der jedoch konträr zu Lacan von Judith Butler nicht im Bereich des Imaginären verortet wird, sondern dem Symbolischen angehört.

 

Ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion um die von Hegel aufgeworfene Herr-Knecht Problematik evident wird, ist Rolle und Funktion des Begehrens, verkörpern beide Positionen für die Autorin doch keineswegs einen radikalen Antagonismus, denn "jede der zwei macht auf eine Weise die Erfahrung des Objektverlustes und mit diesem Verlust auch die Erfahrung einer angsterfüllten Vergänglichkeit". Judith Butler sieht eine tragische Verbindung zwischen den Zwängen einer heterosexuellen Normativität und der Trias von Begehren/Gewissen/Verdrängung, die sich für das Subjekt in einer "melancholischen Geschlechtszugehörigkeit" finalisiert. Die Unmöglichkeit einer vollständigen Verdrängung jedoch, bei Hegel mit der Erkenntnis um die Unentrinnbarkeit des Körpers jenes "unglückliche Bewußtsein" konstituierend, findet seine Resonanz daher sowohl in Friedrich Nietzsches Beschreibung des "Willens" wie auch im Begriff des "Instinkts" bei Sigmund Freud.

Eine wirkliche Lösung aus dem Kreislauf der permanenten Selbstentfremdung vermag Judith Butlers Diagnose, so überzeugend sie auch in jedem Kapitel entfaltet ist, in der Summe allerdings nicht zu geben. Wertvoller könnte sich daher jener Fingerzeig der Autorin erweisen, der die individuelle Mobilisierung des hierdurch in der Psyche ruhenden Aggressionspotentials als Möglichkeit einer analytischen Neudefinition der Subjektkonstituierung anmahnt. Zweifellos ein streitbarer Ansatz, zu dessen kritischer Hinterfragung sich die Rezipient(-inn)en dieses Werks eingeladen fühlen dürften.

 

Veröffentlicht am 23.01.2002 (Archiv)

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