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Thomas Kuchenbuch: Filmanalyse. Theorien. Methoden. Kritik.

Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2005. 2. wesentl. überarb. Auflage. (UTB) ISBN 3-8252-2648-4. 472 S. Preis: € 25,60 [A], 24,90 [D].

Rezensiert von: Beate Hofstadler

Bereits 1978 legte Thomas Kuchenbuch eine Filmanalyse vor. Nun ist eine aktualisierte, überarbeitete Auflage erschienen. Neben Knuth Hickethiers Film- und Fernsehanalyse (1996) und James Monacos Film verstehen, Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der neuen Medien (2000) reiht sich diese Publikation als weiteres Grundlagenwerk ein. Thomas Kuchenbuch lehrte von 1981 bis 2005 im Studiengang Audiovisuelle Medien an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart.

 

Kuchenbuch richtet dieses Werk an "StudentInnen der Filmphilologie wie an künftige FilmemacherInnen, eigentlich an alle, die sich mit Fragen zum Film beschäftigen." (S. 13) "Eine kritische Sichtung und Zusammenfassung der bisher tragfähigsten Methoden der Filmanalyse mit Analysebeispielen aus dem alltäglichen Fernsehjournalismus, der Werbebranche, des Unterhaltungskinos und des Avantgardefilms. Anhand methodengeschichtlicher Zusammenhänge sollen dem Leser theoretische Orientierungshilfen sowie konkrete Arbeitsmittel an die Hand gegeben werden." (Klappentext)

Der Aufbau der Arbeit bietet unterschiedliche Zugänge zum Filmverstehen an. Der Einstieg kann mittels theoretischer Grundlagen wie durch direktes Nachschlagen zu bestimmten Genres beziehungsweise Filmen (Modellanalysen) erfolgen. Eingegangen wird auch auf das Verhältnis von Filmtheorie und Filmanalyse. Thomas Kuchenbuch ist zudem daran gelegen, "zu Grenzgängen zwischen produktionsorientierten und forschungsorientierten Positionen" zu verleiten (S. 13).
Das Buch ist in sechs Teile gegliedert: 1) Analyse- und Filmtheorie, 2) Spielfilme, 3) Ein Exkurs zur Drehbuchliteratur, 4) Dokumentarische/ journalistische Filme, 5) Werbespots und 6) Avantgarde-Film. Jeder Teil ist mit eigenem spezifischem Literatur- und Linkverzeichnis versehen. Ein ausführlicher Anhang mit Literaturliste, Personenregister, Film- und Sachregister trägt zur praktischen Anwendung der filmanalytischen Lektüre bei. Dort liegt unter anderem auch der Handbuchcharakter dieser Arbeit. Doch Kuchenbuchs Filmanalyse ist mehr als ein Handbuch. Es bietet Auseinandersetzungen mit Filmtheorien und Analysemodellen an. Trübungen erfährt die Praktikabilität durch das uneinheitliche Zitieren verwendeter Filmbeispiele: Für ein filmanalytisches Werk wäre die durchgängige Angabe der Originaltitel anstatt der bisweilen deutschen Titel von großer Nützlichkeit. Etwa wenn man den zitierten Film in der International Movie Database (IMDb) sucht. Manche Filme bleiben überhaupt ohne weitere Angaben etwa von Jahr, Land, Regie.

Die zweite Auflage hat auch zwischenzeitlich produzierte Theorien aufgenommen, beispielsweise Ansätze zur Filmsprache. Die Emanzipation der Filmsprache von der Sprache als System wird mittlerweile als gegeben vorausgesetzt. Die FilmsemiotikerInnen der 60er Jahre waren noch auf der Suche nach sprachlich analogem Formenbau der Filmsprache. "Die Neuauflage des Standardwerks berücksichtigt die immense bisherige Entwicklung auf dem Gebiet der Filmtheorie und Filmforschung und gibt Anlass und Möglichkeit zu differenzierter Korrektur oder Bestätigung. Hinzugefügt ist eine Auseinandersetzung mit den Modellen der Drehbuchliteratur und ihrer dramentheoretischen und textwissenschaftlichen Tradition." (Klappentext)

Thomas Kuchenbuch geht in der Filmanalyse von Kommunikationsmodellen aus. Jedes Kunstwerk ist ein "Kommunikat" (Kuchenbuch 2005, 24), das ein Gegenüber (Publikum) voraussetzt. Die Analyse bezieht sich vor allem auf "intersubjektive Voraussetzungen […], denn sie bilden das verlässliche Fundament der Kommunikation" (S. 24). Was also, so fragt Kuchenbuch, lässt sich aus der Eigenart eines Kommunikats herauslesen? Die Analysemodelle heben sich von Tabellen durch ihre anschauliche optische Darstellung positiv ab. Die Veranschaulichung der Filmgrundlagen (Einstellungen, Kameraoperationen) wird plastisch vermittelt. Dennoch ähneln diese Modelle zur Filmanalyse teilweise akribischen, quantitativen Sezieranleitungen. Für meinen Geschmack lesen sich diese Analysemodelle wie eine Buchhaltung der Einstellungen. Beispielsweise, wenn jede Einstellung eines Films nach den Merkmalen Dauer, Größe, Länge (in Sekunden à 0,5 mm) auf der x-Achse vermerkt sind (vgl. S. 51). Jedoch, wenn es um das technische Zerlegen eines Filmes geht, bieten diese Modellanalysen eine hilfreiche Anleitung mit Zeitlichkeit, Montage, Einstellungen und Codes zu verfahren.

Das Westerngenre bildet die Hauptreferenz für die Betrachtung von Spielfilmen. Diese Wahl nahm Kuchenbuch vor, um "die klassische Hollywood-Erzählweise" zum Zeitpunkt des überschrittenen Zenits paradigmatisch zu veranschaulichen (vgl. S. 137). Kuchenbuch findet High Noon (USA 1952, Regie Fred Zinnemann) unter anderem deshalb hervorhebenswert, weil der Film bereits mit einer "raffinierten Rücknahme der damaligen technischen Möglichkeiten spielt, gleichzeitig eine fast selbst reflektierende Betonung der Stilmittel und eine deutliche Zunahme an dramaturgischem Raffinement erkennen lässt." (S. 137) Entlang des Films High Noon wird eine umfassende "grundlegende Lektion" zum Spielfilmverstehen erteilt.

Die Charakteristik dieser Filmanalyse sehe ich darin, dass die einzelnen Teile interessant, korrekt und sehr praktikabel gearbeitet sind. Gleichzeitig hinterlässt das Werk ein Unbehagen, weil es sich im herrschaftlichen, tradierten Rahmen bewegt. Thomas Kuchenbuch schreibt: "Das Buch nimmt Bezug auf die Tradition des Fachs und auf unterschiedliche Positionen." (S. 13) Diese Positionen bleiben bedauernswerter Weise im konservativen geschlechtsneutralen Rahmen. Auch in der Neuauflage von Filmanalyse finden etwa feministische filmtheoretische Ansätze keinen Eingang. Geschlechtsspezifische Rezeptionsweisen zu thematisieren bleibt weiterhin Aufgabe feministischer Film- und KulturtheoretikerInnen wie Kaja Silverman, Tania Modleski, Christine Noll-Brinkmann, Gertrud Koch oder Deidre Pribram und vielen weiteren. Hier geschieht eine große Ausblendung in Kuchenbuchs Werk: Feministische (Film)Theoretikerinnen haben sich beispielsweise im Zusammenhang mit Subjektkonstituierung mit dem Blickdispositiv und Geschlechterverhältnis beschäftigt (vgl. Laura Mulvey 1975, Kaja Silverman 1984 oder Tania Modleski 1985). Weitere Auslassungen wären etwa die Thematisierung des Verhältnisses von Körper und Stimme (Noll-Brinkman 1997, Silverman 1984). Die Frage der geschlechtsspezifischen Erzählautorität der Leinwandfiguren bleibt in den rezipierten Theorien ebenso ausgespart. Kuchenbuch bleibt auch innerhalb seiner Kapitel traditionell: So ist die Aufnahme des Avantgarde-Films etwa sehr begrüßenswert. Aber auch hier bekommen wir nur Einblick in die mittlerweile etablierte (männliche) Avantgarde (und deren Rezeption) der Surrealisten Luis Buñuel oder Salvador Dalí. Auf 19 Seiten wird der Klassiker Un chien andalou (1928) und mit ihm die Avantgarde abgehandelt. Viele Strömungen der Avantgarde bleiben unberücksichtigt. So etwa neuere Ansätze innerhalb der Filmavantgarde, die sich an der Schnittstelle von Film und bildender Kunst bilden. Sie versuchen narrative Zugänge zu überschreiten (Philippe Dubois, Gabriele Jutz, Eric de Bruyn). Solche Neuzugänge stellen auch die Frage nach dem (analogen) Filmkörper und seiner indexikalischen Dimension.
In der Auswahl seiner Filmbeispiele spiegelt sich die Reproduktion geschlechtsblinder androzentrischer Zugangsweisen am Deutlichsten. Der Western, ‚Männergenre' par excellence, bildet das Paradigma für den Spielfilm. Das Filmregister (S. 446f.) beinhaltet circa 90 Spiel- und Dokumentarfilmbeispiele, wovon nur ein Beispiel einer Filmemacherin Erwähnung gefunden hat. La coquille et le clergyman von Germaine Dulce (F 1928, Buch Antonin Artaud).

Als Gegenbeispiel für ein innovativeres Filmbuch sei The Cinema Book (1999) von Pam Cook & Mieke Bernink, London erwähnt.Sie beziehen im theoretischen Rahmen auch feministische Filmtheorie mit ein. Sie führen den Western exemplarisch an, jedoch im Kontext anderer Genres wie dem Melodram oder Science Fiction Film. Nur durch die Auswahl der Filmbeispiele und Genres liest sich dieses Buch weit anregender.

Suchen LeserInnen nach neueren Strömungen wird sie das Handbuch nicht zufrieden stellen. Es bleibt doch mehr vom Selben. Weiterentwicklungen geschlechtsspezifischer Analysemodelle, einem New Queer Cinema, neuen Strömungen der Avantgarde bleibt das Buch verschlossen. Dort hätte sich die Arbeit von den anderen umfassenden Handbüchern zur Film- und Fernsehanalyse innovativ abheben können.

Anlässlich seiner Emeritierung gibt es unter der Adresse www.hdm-stuttgart.de/festschrift eine Online-Festschrift über Thomas Kuchenbuch nachzulesen.

 

Veröffentlicht am 12.12.2006 (Archiv)

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