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Lars-Olav Beier und Georg Seeßlen (Hg.): Alfred Hitchcock.

Berlin: Bertz 1999 (film. 7). 480 S., m. Abb. ISBN 3-929470-76-4. Preis: ATS 321,--/DM 44,--/sfr 40,40/€23,20.--.

Rezensiert von: Johannes Penninger

Alfred Hitchcock war bereits zu Lebzeiten der berühmteste Regisseur der Filmgeschichte. Beim Massenpublikum ebenso bekannt wie von Cineasten geschätzt, wurden sein Name - und sein unverwechselbares Gesicht - zur Trademark. Keinem anderen Regisseur werden so viele Klassiker zugeschrieben wie Hitchcock. Doch halten die öffentlich verteilten Vorschusslorbeeren auch einer kritischen Überprüfung stand? Kein anderer Regisseur hat sich selbst so gekonnt stilisiert wie Hitchcock. Werbung für seine Filme war auch immer Werbung für seine Person. Seinen Namen wusste er geschickt auch für das Fernsehen (Alfred Hitchcock presents, The Alfred Hitchcock Hour) und unzählige unter seiner Schirmherrschaft entstandene Publikationen (Alfred Hitchcock Krimi-Knüller, Die drei Fragezeichen, Alfred Hitchcock präsentiert: Geschichten, die mir meine Mutter nicht erzählte, Alfred Hitchcock: Geschichten, bei denen es sogar mir graust etc.) zu nutzen.

 

Unbestreitbar ist Hitchcocks Einfluss auf die Populärkultur durch seine bekanntesten Filme. Der ästhetische und kommerzielle Höhepunkt seines umfangreichen Werkes sind die Filme seiner amerikanischen Jahre. Hitchcocks fruchtbarste Zeit dürfte während der Jahre 1950 bis 1963 gewesen sein, in die fast alle seine berühmtesten Filme fallen. Der Großmeister des Suspense greift in den Filmen dieser Zeit immer wieder und gerne in den Fundus seiner eigenen Schablonen: der Durchschnittsbürger aus der oberen Mittelschicht, der plötzlich und ohne eigenes Verschulden in einen konfusen Strudel der Ereignisse gezogen wird; die undurchsichtige und nie ganz unschuldige Blondine, eine Frau mit Vergangenheit und stets ungewisser Zukunft; die hoffnungslos überforderte und antiquiert wirkende Polizei; die Mutter als dominierende Figur im Leben eines Mannes und natürlich immer die Bedrohung der Existenz durch klassische Bösewichte, wildgewordene Tiere und Psychopathen.

Weniger bekannt sind die Filme seiner frühen englischen Jahre, die einige filmhistorische Perlen und Skurrilitäten bereithalten. Besonders der aus österreichischer Sicht interessante und von Hitchcock gehasste Waltzes from Vienna (1933) harrt einer Wiederentdeckung durch das österreichische Fernsehen. In Kennerkreisen gilt er generell als Hitchcocks schlechtester Film.

Beier und Seeßlen widmen den siebten Band der Filmbücher des Berliner Bertz-Verlages Alfred Hitchcock, einem unsterblichen Fixstern der Filmgeschichte, dessen 100. Geburtstag 1998 von Filmliebhabern begangen worden ist. "Der Name Hitchcock wird, diese Prognose sei gewagt, wohl immer Synonym für ein Kino sein, das auf höchstem Niveau unterhält", prophezeit Beier alles andere als gewagt in seinem Vorwort.

Der Band öffnet mit dem Interview "Hitchcock war ein guter Lehrer", das Ralph Eue und Karlheinz Wegmann mit der früheren Sekretärin Hitchcocks und späteren Produzentin aller Folgen von Alfred Hitchcocks presents und The Alfred Hitchcock Hour Joan Harrison 1982 in London geführt haben. Das nicht mehr taufrische Interview (leider ist keine Quelle angegeben, wo das Gespräch erstmalig erschienen ist) leitet zwar leicht und locker in das Thema ein, streift das Schaffen Hitchcocks aber nur peripher und zeitlich sehr limitiert. Harrison war bis 1939 Hitchcocks Privatsekretärin in England, dann in Amerika unabhängige Produzentin und erst ab 1955 wieder für Hitchcocks Fernsehserien tätig. Über die Entstehung seiner berühmtesten Filme weiß sie daher nicht allzu viel. Interessant aber ist allemal ihr Einblick in die Entstehung Hitchcock-typischer Drehbücher und den Prozess der Themenfindung. Der inhaltliche Aufbau ist unterteilt in Essays, die sich alle mit einem Spezialthema zu Fragen rund um Hitchcock beschäftigen, und in Die Filme, einem ausführlichen Teil, in dem alle Filme Hitchcocks vorgestellt werden. Die zehn Essays beschäftigen sich mit Spezialfragen über Hitchcock. Sein Hang zum Dandyismus wird dabei ebenso zum Thema wie sein Kampf mit der (und gegen die) Logik, seine Fernseharbeiten werden ebenso angerissen wie seine Filmmusiken. (Sein Hauskomponist Bernard Herrmann, Schöpfer der unvergleichlichen Streichermusik zu Psycho, hat sich diese Ehrung redlich verdient.) Abgerundet wird der Essay-Teil des Bandes von Seeßlens Fragestellung "Warum es keine wirkliche Nachfolge von Alfred Hitchcock gibt?", einer Verbeugung vor dem Regiealtmeister, programmatisch übertitelt mit "Mr. Hitchcock would have done it better". Amüsant (und sichtlich ironisch) unterteilt Seeßlen darin die Hitchcock-Fangemeinde in Hitchcockisten, Hitchcockologen, Hitchcockianern und Hitchcockoiden. Dem Gedankengang Seeßlens, welche Gruppierung nun was bedeutet, mag jeder selbst zu folgen suchen. Seeßlen geht auf Remakes und Sequels ebenso ein, wie auch er es nicht unterlassen kann, Brian De Palma als Hitchcock-Nachfolger zu präsentieren. Seeßlens Essay ist ein gelungener Streifzug durch die Filmgeschichte gesehen durch die Linse Hitchcock. Der Kniefall vor dem pummeligen Engländer geht nur manchmal etwas zu weit.

Danach werden 54 (!) Filme Hitchcocks von nahezu ebenso vielen Autoren vorgestellt und auf unterschiedliche Weise behandelt. Außergewöhnliche Werke, wie etwa die Kurzspielfilme für die alliierte Kriegspropaganda Bon Voyage und Aventure Malgache aus dem Jahr 1944, finden ebenso Erwähnung wie seine Klassiker. Über 50 Filmbeschreibungen auf gut 200 Seiten bei reichlicher Bebilderung sagen bereits das Wesentliche über den Filmteil des Bandes aus: Kein Werk Hitchcocks wurde ausgelassen, ein visuell erfrischender Streifzug durch sein Schaffen und ein gelungenes Nachschlagewerk einerseits, andererseits bleiben aber auch nicht mehr als zwei, drei Seitchen Text pro Film, wodurch eine wirklich tiefer gehende Auseinandersetzung nicht stattfinden kann.

Viele Fotos, eine sehr ausführliche Filmographie, Kurzbeschreibungen aller Filme, eine (leider schwer lesbare) Auswahlbibliographie, ein funktionierender Index und (qualitativ unterschiedliche) Essays: Lars-Olav Beier und Georg Seeßlen (der Vielschreiber unter den deutschen Cineasten) haben ganze Arbeit geleistet und einen unterhaltsamen Einführungs- und Nachschlageband über einen der großen Regisseure geschrieben. Dass das umfangreiche Thema dabei nicht zur unbewältigbaren Hypothek wird, wissen die beiden Profis zu umgehen, wenn Beier in seinem Vorwort meint: "Wer heute ein Buch über Hitchcock schreibt, tut dies im Wissen, daß es schon Hunderte von Publikationen über den Regisseur gibt, und im Bewußtsein, daß noch viele folgen werden. Eine Bestandsaufnahme seines Schaffens anläßlich seines 100. Geburtstages, eine umfang- und facettenreiche Festschrift, die Lust machen soll, sich mit Hitchcock erneut intensiv auseinanderzusetzen: dies zu erreichen wäre mehr als genug." [S. 10]

Dieser Ansatz wurde erreicht, das Buch macht Lust sich mit Hitchcock auseinander zu setzen. Wer sich dann aber intensiv mit Hitchcock beschäftigen will, ist auf weitere Fachliteratur angewiesen, in der auch speziellere (und oft genug menschlich wie politisch brisante) Themen behandelt werden. Das Gesamtwerk eines filmischen Vielarbeiters wie Alfred Hitchcock kann in einem einzelnen Band nicht mehr als angerissen werden. Wer aber den bunten Bilderband des Bertz-Verlages im Regal stehen hat, wird immer dann, wenn wieder ein Hitchcock-Film läuft, nach ihm greifen und einen Ausflug in eines der faszinierendsten cineastischen Oeuvres machen.

 

Veröffentlicht am 06.05.2002 (Archiv)

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