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Michael Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik.

Aus dem Englischen übersetzt von Holger Fliessbach. München: C. H. Beck 2000. 316 S., 17 Abb., Leinen. ISBN 3-406-46121-2. Preis: ATS 496,--/DM 68,--/sfr 60,30.

Rezensiert von: Brigitte Dalinger

Am Beginn seines Buches beschreibt Michael Brenner das geläufige Bild der Juden in der Weimarer Republik: das Bild von "Juden ohne Judentum", von Juden, die einerseits die Kultur der Weimarer Zeit entscheidend mitprägten, andererseits keine Bindung zu ihrem Judentum und dessen Kultur hatten. Im Buch wird dieses Bild revidiert.

 

Im ersten Teil, betitelt - Auf der Suche nach Gemeinschaft - beschreibt der Autor die Änderungen im Leben der Juden im 19. Jahrhundert, die Befreiung aus der Enge der Ghetti, die zunehmende Rezeption von weltlichem Wissen und deutscher Literatur, die dazu führten, daß das Judentum mehr und mehr auf eine Konfession reduziert wurde. Der jüdische Alltag wurde immer weniger von den Geboten der jüdischen Gesetze geprägt, die Zuordnung zum Judentum war auf den Synagogenbesuch beschränkt. Brenner: "Einhergehend mit diesem Prozeß der Konfessionalisierung schufen deutsche Juden säkulare Kulturformen, um ihre jüdische Eigentümlichkeit auszudrücken. [...] Die deutschen Juden wählten bestimmte Aspekte des reichen jüdischen Erbes aus und integrierten sie in die moderne europäische Kultur, wie sie sich in Wissenschaft, Kunst und Literatur artikulierte. Das Ergebnis war die Bildung einer neuen Tradition, die bleibenden Einfluß auf die jüdische Existenz in der modernen Welt ausübte." (S. 22)

Die Entwicklung säkularer jüdischer Kultur in Deutschland wird in drei Phasen beschrieben. Die erste setzt der Autor von 1819 (Gründung des "Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden" in Berlin) bis in die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts an. In dieser Phase entwickelte sich die Wissenschaft vom Judentum, die eine der beliebtesten Mittel zur Selbsterforschung im 19. Jahrhundert war; eine Vielzahl von Erzählungen, Romanen und Theaterstücken mit jüdischen Themen entstand; und Moritz Oppenheim, der erste professionelle jüdische Maler in Deutschland, schuf seine populären "Bilder aus dem altjüdischen Familienleben".

Die zweite Phase wurde, so Brenner, durch die Gründung neuer Organisationen und die Herausbildung neuer politischer Parteien möglich und nötig. 1893 wurde der "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (= CV) zur Abwehr des Antisemitismus und zur Förderung jüdischer Kultur gegründet; 1897 fand der 1. Zionistenkongreß in Basel statt, bei dem Theodor Herzl seine Forderung nach einem jüdischen Staat vertrat. Demgegenüber betonten die Kultur-Zionisten eher die spirituellen Bedürfnisse des jüdischen Volkes. Man suchte nach einer nationalen jüdischen Kultur in deutscher Sprache - Martin Buber konnte die Grundlagen für eine solche Aufgabe legen, er wurde in den nächsten Jahren ein aktiver Proponent der jüdischen Kultur in Deutschland, wo er etwa 1902 den Jüdischen Verlag gründete und ab 1916 die Zeitschrift Der Jude herausgab. Buber und seinen Mitstreitern war es vor allem wichtig, nicht nur die Vergangenheit zu erforschen, sondern auch eine moderne und überwiegend säkulare jüdische Kunst zu schaffen. Dabei ist zu betonen, daß diese Bestrebungen nur von einem kleinen Teil der Juden in Deutschland ausgingen, ein weit größerer stand ihnen eher gleichgültig gegenüber. Diese Situation änderte sich im Verlauf des Ersten Weltkriegs, als viele Juden erfahren mußten, daß sie keineswegs als "Deutsche" akzeptiert waren; Antisemitismus herrschte in den Schützengräben, 1916 gab es eine eigene "Judenzählung" in der Armee. Desillusionierung und die Begegnung mit dem Ostjudentum in den besetzen Gebieten brachten junge, assimilierte Juden dazu, sich mit den Grundlagen des Judentums auseinanderzusetzen, und die dritte Phase der Herausbildung einer säkularen jüdischen Kultur in Deutschland begann.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Juden zwar einerseits wieder stärker in die deutsche Gesellschaft integriert, andererseits wuchs das Bewußtsein ihrer Eigentümlichkeit. Wie in der deutschen Gesellschaft im allgemeinen entwickelte sich auch innerhalb der jüdischen Gemeinde ein Bedürfnis nach Gemeinschaft. Geistig und spirituell flossen vor allem mystische Denkweisen, die Kabbala und der Chassidismus in die jüdische Renaissance ein - man denke nur an die euphorische Rezeption von Bubers Ostjüdischen Legenden. Nicht nur das Bedürfnis nach "Irrationalismen und Heilslehren" aller Art teilten die deutschen Juden mit ihrer nichtjüdischen Umwelt, sondern auch die Entstehung der jüdischen Jugendbewegung, die schon vor dem Ersten Weltkrieg eingesetzt hatte und in der "das neue Gemeinschaftsgefühl unter deutschen Juden erstmals institutionellen Ausdruck" gefunden hatte. (S. 61)

Auch innerhalb der jüdischen Gemeinden änderte sich vieles, mit dem Erstarken des Zionismus konnte die Frage "liberal oder konservativ" nicht mehr als einziger großer Konflikt der Gemeinden gelten. Die neuen jüdischen Parteien gingen von politischen Entwicklungen aus, 1926 stand erstmals ein Zionist an der Spitze der jüdischen Gemeinde in Berlin. Nicht nur aufgrund der neuen Parteien änderten sich die jüdischen Gemeinschaften, der Trend ging viel mehr allgemein "von der Kultusgemeinde zur Kulturgemeinde" (S. 66). Um ihre Mitglieder zu erreichen, gaben die jüdischen Gemeinden vermehrt Zeitungen und Zeitschriften heraus, Bibliotheken und jüdische Schulen entstanden und wurden genutzt. Auch assimilierte jüdische Familien schickten ihre Kinder an jüdische Schulen, da sie hier die jüdischen Feiertage sowie den Sabbath einhalten konnten und zudem vor antisemitischen Beschimpfungen geschützt waren.

Die Wiederaneignung jüdischen Wissens, wie der zweite Teil des vorliegenden Buches heißt, beschäftigt sich mit der Erwachsenenbildung, der Wissenschaft des Judentums und ihrer Popularisierung.

Im Zentrum der Erwachsenenbildung stand das Freie Jüdische Lehrhaus Frankfurt, das 1920 von Ranz Rosenzweig gegründet wurde und in dem großteils nach dem von ihm vertretenen Konzept des "Lernens in umgekehrter Richtung" gearbeitet wurde. Doch nicht nur dieses gut erforschte Frankfurter Institut wird hier beschrieben, sondern auch die weniger bekannte Freie Jüdische Hochschule Berlin, die ab 1919 interessierte Juden und Nichtjuden über jüdische Themen und Belange mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössischen Fragen informierte. Im Zentrum des Lehrhauses Stuttgart stand ein ganz anderer Ansatz, nämlich eine Annäherung zwischen Juden- und Christentum, die durch Diskussionen zwischen Martin Buber und christlichen Intellektuellen gefördert werden sollte; ein Anspruch, der auch innerhalb dieser Debatten nicht erfüllt werden konnte.

Eine weitere Grundlage für die "Wiederaneignung jüdischen Wissens" legten anspruchsvolle Übersetzungen der Bibel und des Talmuds. Ein interessantes Detail gibt es in Zusammenhang mit der Entwicklung der jüdischen Wissenschaft in der Weimarer Zeit: Erstmals beschäftigten sich auch jüdische Frauen damit, etwa Rachel Wischnitzer, die über jüdische Kunst schrieb, und Bertha Pappenheim, die die (jiddischen) Erinnerungen der Glückel von Hameln sowie die (ebenfalls jiddische) Frauenbibel Zeena u-reena ins Deutsche übersetzte. Einen Beitrag zur Verbreitung jüdischen Wissens leistete ferner die Herausgabe von Lexika: das Jüdische Lexikon, das 1927 bis 1930 in vier Bänden (in fünf gebunden) erschien, und die Encyclopaedia Judaica, von der zwischen 1928 und 1934 zehn Bände herausgegeben wurden. Innerhalb der Geschichtsschreibung versuchte man nun nicht nur, Vergangenes zu bewahren, sondern auch das lebendige Judentum zu fördern und sich mit aktuellen Tendenzen auseinandersetzen.

Im dritten Teil des Buches stellt Brenner das Ringen um Authentizität der jüdischen Künstler dar, ihre Suche nach Vorbildern und Idealen im Bereich der Literatur, Kunst und Musik.

In vielen Romanen, Theaterstücken und Erzählungen, die in der Weimarer Republik erschienen, wurden die assimilierten deutschen Juden als "unjüdische" Juden gezeichnet; ihnen wird das Bild eines scheinbar "authentischen" Juden gegenübergestellt. Dieser "authentische" Jude hatte seine Vorbilder im "orientalischen" Juden und im Ostjuden, in beiden glaubte man ein "echtes Judentum" zu erkennen. Gestalten aus der Bibel wurden Gestalten der deutsch-jüdischen Literatur der Weimarer Zeit, etwa in Else Lasker-Schülers Werken und in Moritz Heimanns Drama Das Weib des Akiba (1922); auch berühmte Häretiker wie Sabbatai Zwi, Spinoza und Uriel da Costa avancierten zu beliebten Roman- und Bühnenfiguren.

 

Musiker und bildende Künstler verwendeten "moderne Kunststile - Jugendstil, Expressionismus und Neue Sachlichkeit, Lehrkantate -, um der jüdischen Kultur in der Weimarer Republik eine neue Gestalt zu geben." (S. 172) Als Grundlage ihrer eigenen kulturellen Identität diente ihnen - wie den Schriftstellern - die angeblich authentische jüdische Welt orientalischer und osteuropäischer Juden.

 

Traditionelle jüdische Kunst und modernes Design neben- und miteinander zu zeigen, war der Anspruch des Jüdischen Museums Berlin, das am 24. Jänner 1933 eröffnet wurde. Die Sammlung war in den Jahren vor der Eröffnung des Museums gewachsen, Kultgegenstände in modernem Design waren dafür gestaltet worden. Auch jüdische Buchillustration und der Synagogenbau waren von der Kombination aus Modernismus und dem Streben nach Authentizität geprägt.

Die deutsch-jüdischen Schriftsteller strebten nach einem "authentischen" Judentum - die hebräischen und jiddischen Künstler, die sich zumindest vorübergehend in Deutschland aufhielten, boten dieses, hatten aber geringen Einfluß auf die Entwicklung einer säkularen jüdischen Kultur.

Die Begegnungen mit jiddischer Kultur mehrten sich im und nach dem Ersten Weltkrieg. Während der Besetzung Polens sahen deutsche Juden die sogenannten Ostjuden in ihrer Umgebung, sie hörten Jiddisch und begannen, das Jiddische als Sprache zu akzeptieren. Nach Deutschland gebracht wurde die jiddische Sprache und Kultur durch Flüchtlinge während des Krieges und durch Gastspiele jiddischer Ensembles in den 20er Jahren. Diese Gastspiele verliefen zwar erfolgreich, ein beständiges jiddisches Ensemble konnte sich aber in Berlin - im Gegensatz etwa zu Wien - nicht etablieren.

Zur jiddischen Sprache gab es - durch die Nähe zum Deutschen? - oftmals eine weit größere Distanz als zum modernen Hebräisch. Hebräischkurse wurden ganz gut besucht, und, was für die Entwicklung der jüdischen Kultur wichtiger war, hebräische Schriftsteller lebten und publizierten auch in Deutschland, von 1920 bis 1924 galt Berlin als das Zentrum der hebräischen Kultur, 1909 und 1931 gab es eine Konferenz über hebräische Kultur in Berlin.

Den "Epilog" des Buches sowie der Geschichte der jüdischen Kultur in Deutschland bildet die Geschichte des Kulturbundes Deutscher Juden (ab 1935 Jüdischer Kulturbund). Die Organisation und Inhalte des Kulturbundes basierten auf dem kulturellen Leben der Juden in der Weimarer Republik, standen aber unter vollkommen anderen Vorzeichen, nämlich der Hinausdrängung der Juden aus allen Bereichen des Lebens in Deutschland.

Brenner weist in diesem Buch nach, daß es entgegen einer weitverbreiteten Ansicht vor 1933 sehr wohl jüdische Kultur in Deutschland gegeben hat. Sehr interessant wird gezeigt, wie Intellektuelle und Künstler, die einerseits von der deutschen Kultur geprägt waren, sich dessen bewußt waren und zu ihr standen, nun versuchten, eine jüdische Kultur zu schaffen. Ein wichtiger Aspekt des Buches ist auch, daß nicht nur die Entwicklung der jüdischen Kultur beschrieben wird, sondern auch die geistigen und künstlerischen Voraussetzungen und Tendenzen der nichtjüdischen Umwelt miteinbezogen werden.

In der Weimarer Republik schufen jüdische Schriftsteller, Künstler, Musiker und Architekten - unter Einbeziehung traditioneller jüdischer Kunst und mit bezug auf "authentische" jüdische Lebensformen - eine moderne, säkulare jüdische Kultur, und diese wurde, zumindest von einem Teil der Juden, auch interessiert angenommen. Michael Brenner zeigt in diesem Buch ein bisher vergessenes, aber wichtiges und interessantes Kapitel der Geschichte der Juden in Deutschland; ein Kapitel, dessen Aufarbeitung auch in Österreich höchst wünschenswert wäre.

 

Veröffentlicht am 18.09.2001 (Archiv)

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