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Heide Hollmer und Albert Meier (Hg.): Dramenlexikon des 18. Jahrhunderts.

Unter Mitarbeit von Lars Korten und Thorsten Kruse. München: C. H. Beck 2001. 380 S. Leinen. ISBN 3-406-47451-9. Preis: ATS 500,--/DM 68,50/sfr 60,80/€ 34,80.

Rezensiert von: Beate Hochholdinger-Reiterer

Mit dem von Heide Hollmer und Albert Meier unter Mitarbeit von Lars Korten und Thorsten Kruse herausgegebenen Dramenlexikon des 18. Jahrhunderts soll die "Lücke zwischen dem engen literaturgeschichtlichen Kanon und der weitaus differenzierteren Bühnenkultur der Zeit" geschlossen werden - ein hoher, großes Interesse erweckender Anspruch. Das Dramenlexikon enthält Inhaltsangaben und kurze Interpretationen von Theatertexten, die das kolportierte Wissen um die am deutschsprachigen Theater des 18. Jahrhunderts aufgeführten Stücke wesentlich erweitern wollen. Dass nur Werke des Sprechtheaters, "sofern sie im Druck überliefert und damit heute noch zugänglich sind", aufgenommen wurden oder werden konnten, ist verständlich, reduziert aber aus theaterwissenschaftlicher Sicht den Blick auf die erwähnte "Bühnenkultur" des 18. Jahrhunderts somit schon von vornherein.

 

Insgesamt 111 Autorinnen und Autoren wurden für das Lexikon ausgewählt. Dass den "Fixstartern" Lessing, Goethe, Schiller auch in diesem Lexikon breitester Raum geboten wird, zeigt die - bei bestem Willen zum Aufbrechen des literaturwissenschaftlichen Kanons - Abhängigkeit von der tradierten Geschichtsschreibung.

Auch wenn niemand ernsthaft einen "systematisierten Überblick über das gesamte Spektrum" der deutschsprachigen Dramatik des 18. Jahrhunderts einfordern würde, stellt sich - wie bei jedem lexikalischen Unternehmen - dennoch die Frage nach den Auswahlkriterien. Die im Vorwort angegebene "Repräsentativität des Werkes: entweder des zeitgenössischen Erfolgs wegen oder als Beleg für ein seinerzeit beliebtes Genre bzw. ein originelles Formexperiment" erscheint mir denn doch zu "allumfassend" bei gleichzeitiger Beschränkung auf die tradierten wissenschaftlichen Bewertungen dessen, was als repräsentativ zu gelten hat. Dem Befund: "was tatsächlich gespielt wurde, hat wenig mit dem zu tun, was im literaturgeschichtlichen Rückblick heute als entscheidend gilt", ist vorbehaltlos zuzustimmen, aber genügt es, einfach die tradierten (literatur)wissenschaftlichen Messlatten an die aus der Mottenkiste der Dramenliteratur hervorgeholten Theatertexte anzulegen, wenn man eine "Lücke" zu schließen gewillt ist?

Wo "die Repräsentativität des Werkes" als "vorrangiges Kriterium der Auswahl" gilt, schaffen es eben gerade mal sieben (!) weibliche Autorinnen, in die engere Wahl zu kommen - und das, wo feministische Forscherinnen längst Umfang und Bedeutung weiblicher Dramatikerinnen für das Theaterleben des 18. Jahrhunderts nachgewiesen haben. Auch unter weiblichen Autorinnen gibt es "Fixstarterinnen": die Neuberin, die Gottschedin und Charlotte von Stein. Nicht von ungefähr galten diese drei Frauen als "erinnernswert" oder "repräsentativ" (?) - wurden sie doch vornehmlich in ihren Funktionen für und Beziehungen zu Gottsched und Goethe rezipiert. Dass diese klischierte Wahrnehmung im vorliegenden Band von den Einzelbeiträger/inne/n nicht mehr unreflektiert übernommen wird, sei dankenswerterweise hervorgehoben. So erwähnt Tobias Witt in seiner Deutung von Charlotte von Stein-Kochbergs Trauerspiel Dido, dass diese lange Zeit "ausschließlich als Schlüsseldrama und persönliche Abrechnung mit Goethe betrachtete Tragödie [...] sich auch als Kommentar zur Thematik des politischen Umsturzes lesen" lässt. Am Gesamtbefund ändert das freilich wenig. Gerade bei der Auswahl der Dramatikerinnen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob - abgesehen von der genannten populären Trias und der (aus anderen Gründen) populären russischen Zarin Katharina II. - vor allem diejenigen zum Zug gekommen wären, deren Texte (in Neudrucken) leicht zugänglich waren. Von der ebenfalls aufgenommenen Caroline von Wolzogen ist bisher nur ein einziges Drama bekannt, sie wird allerdings als "Schiller-Biografin" erinnert. Die Entscheidung über die Repräsentativität von Werken scheint auch in diesem neuen Dramenlexikon traditioneller Geschlechtsspezifik verhaftet.

Zur leichteren Orientierung innerhalb des Dramenlexikons wurde alphabetisch nach Autor/inn/ennamen gereiht. Den Dramentiteln samt bibliografischen Angaben (viele der Texte sind selbstverständlich in Sammlungen erschienen) wurde der Erstdruck zugrunde gelegt, sofern eruierbar wurde das Uraufführungsdatum inklusive geografischem Ort, leider nicht die Uraufführungsstätte, angegeben.

Jeder Einzeleintrag enthält ein, zwei weiterführende Literaturhinweise, großteils neueren und neuesten Datums. Dass bei manchen Autoren nicht einmal mehr die Lebensdaten bekannt sind, verweist auf die durch das vorliegende Lexikon evident gewordenen Forschungslücken. Auch insofern könnte der Band neuere Untersuchungsgegenstände initiieren.

Das Register der Werktitel mit Verweisen auf Autor/Autorin ist leider etwas unübersichtlich geraten, da bestimmte und unbestimmte Artikel in der alphabetischen Reihung zwar ignoriert, aber dennoch an den Anfang jedes Titels gestellt wurden. Der schnellen Orientierung ist eine Reihung wie folgt wenig förderlich:

  • Der Freygeist
  • Friederich von Tokenburg
  • Galora von Venedig
  • Die geistliche Braut als weltliche Hochzeiterinn
  • Die Geistlichen auf dem Lande
  • Das gerettete Helvetien oder Orgetorix
  • Der geschäfftige Müßiggänger
  • Der gestiefelte Kater
  • Gianetta Montaldi

Im Vorwort wird darauf verwiesen, dass von den im 18. Jahrhundert gespielten Stücken deutscher Sprache nur noch ein marginaler Ausschnitt präsent sei, "obwohl ein Gutteil der Textvorlagen zugänglich wäre". Und da die meisten der präsentierten Dramentexte "selbst den Literaturhistorikern bestenfalls vom Hörensagen bekannt" sein dürften, wäre es von großem Wert gewesen, wenn abgesehen von den bibliografischen Angaben zu den Erstdrucken auch Hinweise auf die "Lagerstätten" derselben gegeben worden wären.

Als Abbildung für den Umschlag wurde ein Gemälde Angelika Kauffmanns gewählt, das Lady Hamilton als Komische Muse zeigt. Die Engländerin Lady Hamilton gilt als eine der ersten Protagonistinnen der so genannten Attitüdenkunst, die sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts als populäre, überwiegend von Frauen ausgeübte Kunstform etabliert hat. Die Besonderheit der Kunst der Attitüden bestand im stummen Spiel einer einzelnen Darstellerin oder eines einzelnen Darstellers, die dargestellten Posen und Stellungen zitierten zumeist Motive aus der griechischen oder römischen Antike. Für das Publikum erläutert wurden die Attitüden der Lady Hamilton vom Kunst- und Altertumsforscher Lord Hamilton. Attitüden gelten und galten als semitheatrale Ereignisse, mit Dramatik haben sie - soweit bisher bekannt - nichts zu tun.

 

Veröffentlicht am 06.08.2001 (Archiv)

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