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Andrea Amort und Mimi Wunderer-Gosch (Hg.): Österreich tanzt. Geschichte und Gegenwart.

Wien, Köln, Weimar: Böhlau Wien 2001. 344 S. m. Abb. ISBN 3-205-99226-1. Preis: ATS 548,--/DM 76,80/€ 39,80.

Rezensiert von: Monika Mittendorfer

Im übergroßen Schatten, den das Musikland Österreich wirft, blieb lange Zeit verborgen, daß auch der Tanz hierzulande einen hohen Stellenwert besitzt. Im 18. Jahrhundert etwa gingen neben Frankreich, England und Italien deutliche Impulse auch von Wien aus, wo Jean Georges Noverre und Gasparo Angiolini wirkten und das Handlungsballett das Licht der Welt erblickte. Am Beginn des 20. Jahrhunderts, als weltweit neue Ausdrucksformen bewußt gegen die Tradition des klassischen Balletts erprobt und entwickelt wurden, steuerte Österreich mit Grete Wiesenthal und Gertrud Bodenwieser zwei der wichtigsten Vertreterinnen des modernen Ausdruckstanzes bei. Und seit den frühen achtziger Jahren schließlich erlebt auch in Österreich die Tanzszene einen großen Aufschwung.

 

Das alles stärker ins Bewußtsein zu rufen und damit den Tanz von einer Fußnote in der Geschichte des Musiklandes Österreich zu einem großen eigenständigen Kapitel auszuweiten, haben sich die beiden Herausgeberinnen Andrea Amort und Mimi Wunderer-Gosch in ihrem im Böhlau-Verlag erschienenen Buch Österreich tanzt. Geschichte und Gegenwart zum Ziel gesetzt. In drei Teilen - Geschichte, Gegenwart und einem Lexikon der wichtigsten ChoreographInnen in Österreich seit 1980 - legen sie mit Hilfe namhafter AutorInnen eine umfassende, durch wertvolles Bildmaterial hervorragend ergänzte Bestandsaufnahme des Tanzes in Österreich in Geschichte und Gegenwart vor.

So beleuchtet Alfred Oberzaucher im ersten Beitrag des historischen Abschnitts den Stellenwert, den der Tanz in den prunkvollen Festen am Kaiserhof in Wien spielt, wo sich bereits 1557 eine Tanzausbildung belegen läßt. Sibylle Dahms zeigt die Bedeutung Wiens für die Ballettreform des 18. Jahrhunderts auf, mit der sich vor dem Hintergrund der Aufklärung der Tanz vom gesprochenen Wort emanzipierte und eine für die dramatische Darstellung fähige eigene Körpersprache entwickelte. Nicht Paris, sondern Stuttgart und vor allem Wien waren die Zentren dieser Reform, in der neben Noverre und Angiolini auch der Wiener Ballettmeister Franz Anton Hilverding eine bedeutende Rolle spielte. Die wechselhafte Geschichte der Wiener Ballettszene im 19. Jahrhundert zeichnet Gunhild Oberzaucher-Schüller nach. Ohne einer kontinuierlichen Linie zu folgen, reagierte das Ballett auf die großen gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit, war zum Teil fest in der Institution Oper verankert, verstand es aber dennoch, sich daneben auch Freiräume zu erkämpfen, die zur Basis der Tanzszene des 20. Jahrhunderts werden sollten. Den Anfängen dieser Szene "zwischen Eurythmie und Tanz" ist der Beitrag von Renate Kazda-Seelig gewidmet. Das Gastspiel Isadora Duncans im geschlossenen Zirkel der Secession 1902 wird darin ebenso behandelt wie die österreichischen Spielarten des freien Ausdruckstanzes, die von Duncan wesentlich beeinflußt worden sind. Die Schwestern Wiesenthal etwa erkoren den Wiener Walzer zum Vehikel ihrer Befreiung vom "klassischen Ballett", Gertrud Bodenwieser und Rosalia Chladek waren ganz dem Expressionismus verpflichtet. Sogar an der Wiener Staatsoper hielt der moderne Ausdruckstanz Einzug. Der "freie Tänzer" Sascha Leonthew kam 1927 als Ballettmeister ins Haus am Ring, ihm folgten als Gastchoreographinnen Grete Wiesenthal, Valeria Kartina, 1930 schließlich übernahm die Wigman-Schülerin Margarete Wallmann die Leitung des Ensembles. Allerdings wurde diese Entwicklung brutal abgewürgt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und die Moderne vertrieben. Andrea Amort beleuchtet in ihrem Beitrag unter anderem auch die verheerenden Folgen der nationalsozialistischen Kulturpolitik, die es noch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren neuen Tendenzen schwer machten, in Österreich Fuß zu fassen. Dennoch war das "Tanzvirus" in Österreich ein besonders hartnäckiges und "nicht auszurotten", wie Horst Koegler in seinem Beitrag über das Ballett in Wien zwischen 1942 und 1976 meint. Denn über alle Dürrezeiten hinweg blieb das Interesse am Tanz lebendig. Und es gab sogar einige Glanzlichter als "Trostpflaster": So brachte etwa Merce Cunningham 1964 erstmals einen seiner später berühmt gewordenen Events im Wiener Museum des 20. Jahrhunderts zur Aufführung. Und Freunde des klassischen Balletts durften sich an Rudolf Nurejew erfreuen, den Aurel von Milloss an die Wiener Staatsoper holte.

Im zweiten Abschnitt des Buches wird querschnittartig die Gegenwart der österreichischen Tanzszene beleuchtet. Andrea Amort berichtet vom Aufbruch des Neuen Tanzes in den siebziger Jahren, Ursula Kneiss von den Entwicklungen, die sich in Wien daran anschlossen und von wichtigen "Einzelkämpferinnen". Der keineswegs provinziellen Tanzszene in den Bundesländern spüren Ilse Retzek und Ursula Kneiss nach, auf die Spuren des ethnischen Tanzes begibt sich Gabriele Haselberger. Vier Kapitel sind herausragenden Persönlichkeiten des österreichischen Tanzes gewidmet: dem ehemaligen Ballettdirektor der Wiener Staatsoper Gerhard Brunner und seinem fruchtbaren Wirken für die Wiener Tanzszene (Andrea Amort), Liz Kings Heidelberger Jahren (Jochen Schmidt) sowie ihrem neu formierten Wiener Tanztheater (Ursula Kneiss), Renato Zanella (Silvia Kargl) und dem Österreicher Bernd R. Bienert, der als Ballettdirektor am Züricher Opernhaus für Aufsehen sorgte (Helmut Scheier). Dem Tanz im Musical ist ein Beitrag von Heidrun Hofstetter gewidmet, die sich auch mit der Professionellen Tanzausbildung gestern und heute beschäftigt. Abgerundet wird das Bild durch einen Blick auf Tanz in Österreich in Film und Video von Eva Stanzl, einen Bericht über die Derra de Moroda Dance Archives in Salzburg von Sibylle Dahms sowie über Tanz-Zeitschriften in Österreich von Edith M. Wolf Perez.

Es ist ein umfassendes, in gewissem Maße auch repräsentatives Buch über den Tanz in Österreich geworden. Die LeserInnen erhalten auf übersichtliche Art und Weise überblicksartig wichtige Informationen und genaue Literaturangaben, die es ihnen ermöglichen, sich in das eine oder andere Gebiet zusätzlich zu vertiefen. Die Klassifizierungen und Einordnungen, die die AutorInnen vornehmen, leisten darüber hinaus wichtige Orientierungshilfen, sich in der immer bunter werdenden Tanzszene mit ihren vielfältigen Stilen und Schulen zurechtzufinden.

Doch es gibt auch einige Schönheitsfehler, die den Wert des Buches zwar nicht ernsthaft mindern, bei einer Neuauflage aber dennoch korrigiert werden sollten. Da wäre zum ersten das Problem der Abgrenzung zu nennen. Denn behandelt wird ausschließlich der Bühnentanz in Österreich, ohne daß die Herausgeberinnen diese Beschränkung in irgendeiner Form begründen. Der Gesellschaftstanz, der in Österreich eine so wichtige Rolle spielt - man denke nur an den Siegeszug des Walzers -, bleibt ebenso unberücksichtigt wie die ländliche Volkstanzszene, die in Österreich weit verbreitet ist und oftmals fließende Grenzen zum Bühnentanz aufweist. Man denke etwa an Maibaum- und Bandltänze, die eher Schau- als Gesellschaftstänze zum Mitmachen sind. Das Ausklammern des österreichischen Volkstanzes fällt dabei umso mehr ins Gewicht, als die ethnische Tanzszene sehr wohl Berücksichtigung findet.

Neben der Abgrenzung ist auch die mangelnde Distanz einzelner Autorinnen und Autoren zu den von ihnen behandelten Gegenständen wissenschaftlich gesehen zumindest problematisch. So wirkt es etwas befremdlich, wenn etwa Sibylle Dahms ausführlich über sich und ihr Wirken im Bereich der Aufführungspraxis von historischem Tanzmaterial in der dritten Person schreibt, dabei aber entsprechende Aktivitäten an Institutionen außerhalb ihres Wirkungskreises unterschlägt. So erwähnt sie etwa mit keinem Wort, daß am Orff-Institut der Universität Mozarteum seit mehr als zwanzig Jahren Historischer Tanz unterrichtet wird. Lückenlosigkeit kann dem Buch also nicht durchwegs attestiert werden. Wohl aber wurde mit ihm eine wesentliche Lücke in der Literatur über den Tanz in Österreich geschlossen, das ChoreographInnen und TänzerInnen, WissenschafterInnen und dem interessierten Publikum eine Fülle an wichtigen Informationen bietet.

 

Veröffentlicht am 24.07.2001 (Archiv)

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