Druckversion

Freddie Rokem: Performing History. Theatrical Representations of the Past in Contemporary Theatre. Studies in Theatre History and Culture.

Iowa: University of Iowa Press 2000. 242 S. ISBN 0-87745-737-5. Preis: € 53,24.

Rezensiert von: Johannes Penninger

Geschichte schafft die kollektiven Identitäten der Gegenwart, das ist der zentrale Ansatz des vorliegenden Bandes. Freddie Rokem, Professor am theaterwissenschaftlichen Institut der Universität Tel Aviv, Israel, und in Helsinki, unternimmt den Versuch, die Wechselwirkungen zwischen historischer und der theatraler Vergangenheit zu untersuchen. Er teilt das Thema in drei große Gruppen von Fallbeispielen, jeweils drei Inszenierungen werden präsentiert: "Refractions of the Shoah on Israeli Stages" (Yehoshua Sobol, Ghetto; Dudu Ma'ayan, Arbeit macht frei vom Toitland Europa; Hanoch Levin, The Boy Dreams), "Three European Productions about the French Revolution" (Peter Brook, Marat/Sade; Ariane Mnouchkine, 1789; Ingmar Bergman, Madame de Sade), "Three American Productions of Danton's Death".

 

Den drei exemplarischen Beispielen folgt das vierte, daraus resultierende Kapitel "Theatrical Energies". Für den modernen Staat Israel sind die Ereignisse in Deutschland zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, die Vertreibung und Ausrottung des jüdischen Volkes, der Holocaust oder die Schoah (hebräisch für Zerstörung) markante Meilensteine in der Geschichte. "Israeli culture and its public discourses resonate powerfully with stories and memories from the Shoah. They have been central for the creation of a collective Israeli identity." (S. 27) Dabei ist entscheidend, dass Israel von den Überlebenden der Schoah gegründet wurde und sich eine zweite Generation junger Israelis in der Gegenwart mit der Schoah und deren Auswirkungen auf die israelische Gesellschaft an den Theatern beschäftigt. "One of the questions (...) is how the sufferings of the Palestinians as a result of the foundation of the state of Israel are related to the extermination of six million Jews during the Second World War. Can all the actions carried out by the Israelis be justified on the basis of that tread, or should Israelis, on the basis of the 'Holocaust-experience', be more sensitive to the sufferings of others?" (S. 28)

Die erste Inszenierung, die Rokem vorstellt, ist Yehoshua Sobols Ghetto. Das Stück erzählt die Geschichte der Gründung eines Theaters im Ghetto von Vilnius. Die Sängerin Chaya bezirzt den Nazi-Offizier Kittel, der der Gründung zustimmt. Als Chaya flüchtet und sich den Partisanen anschließt, werden alle Mitglieder des Theaters getötet, mit Ausnahme von Strulik, der in Sobols Stück als Überlebender zum Zeugen wird.

Ghetto wurde 1984 in Haifa uraufgeführt und avancierte bald zum bekanntesten israelischen Stück der Gegenwart. Aufführungen in Europa folgten, so auch in Berlin 1984 unter der Regie von Peter Zadek. 1998 inszenierte Sobol das Stück selbst, wiederum in Haifa. Ghetto ist das erste Stück einer Trilogie über das Ghetto in Vilnius, Adam und In the Underground folgten. Entscheidend ist, laut Rokem, dass Ghetto über den rein historischen Hintergrund hinaus das menschliche Streben nach Überleben thematisiert, ein Stück, das die Vergangenheit zur Warnung für die Gegenwart werden lässt.

 

Das zweite israelische Gegenwartsstück ist die fünfstündige Performance Arbeit macht frei vom Toitland Europa von Dudu Ma'ayan, produziert vom Akko Theatre Centre. Ort der Performance ist das Shoah Museum in Akko. Die Performance benützt die Vergangenheit, um einen Brückenschlag zur Gegenwart zu schaffen. Eine Schauspielerin, gemischt unter die 20 Zuseher, wirft auf, ob dieser "puddle of blood" wiederholt werden könnte. "It is, however, the first time a connection between this specific past and the Israeli present is made. As the performance develops, this interrelation is repeatedly interwoven with other central themes like survival, bodily inscription, and possible liberation from the humiliations of the past." (S. 62) Die Aussage der Performance ist ebenso unerschütterlich wie grausam: Alles kann wieder geschehen und geschieht wieder, nur die Täter-Opfer-Rollen können sich ändern. (S. 67)

 

Das dritte von Rokem ausgesuchte Stück der israelischen Schoah-Inszenierungen ist Hanoch Levins The Boy Dreams, uraufgeführt im Habima Nationaltheater unter der Regie von Levin selbst.

 

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit drei europäischen Produktionen über die Französische Revolution. Den Anfang macht Peter Brooks Inszenierung von Marat/Sade, ein Stück, das zwei historische Ereignisse theatralisiert: die Ermordung von Marat 1793 und eine von Sade gestaltete Aufführung im Spital von Charenton 1808. Das zweite Stück ist Ariane Mnouchkines berühmte Produktion 1789, die 1970 uraufgeführt wurde. "The point of departure for the creators of this production, which was a collective work, was to dramatize events from the year 1789. But Mnouchkine and the actors wish to go beyond official histories about that year, while they also wanted to examine the crucial year of the French Revolution in the light of 1968." (S. 111) Beim dritten Stück handelt es sich um Ingmar Bergmans Inszenierung von Yukio Mishimas Madame de Sade, das im Royal Dramatic Theatre in Stockholm 1989 aufgeführt wurde und mehrere Saisonen am Spielplan stand. Das Stück erzählt die Geschichte der Ehe von Sade aus Sicht seiner Frau. Den roten Faden, der alle drei Stücke verbindet, formuliert Rokem wie folgt: "All three European productions examined in this chapter raise an issue which is never directly confronted in the productions themselves. The question is who becomes authorized to become a witness-historian and how this authorization is formulated and crystallized." (S. 133)

 

Das dritte Kapitel widmet sich drei amerikanischen Produktionen von Georg Büchners Dantons Tod, den Inszenierungen von Orson Welles in New York (1938), von Herbert Blau in New York (1965) und von Robert Wilson in Houston (1992). Rokem geht der Frage nach "why and in what sense these U.S. productions were unsucessful or even failures. What were the basic ideological assumptions of these productions in relation to Büchners classic play and in relation to the American context?" (S. 136) Anhand der Kapitel Büchner's Play and Its Beholders, The Production Qualities, The Individualized Crowd, und The Execution versucht Rokem zu klären, warum die von ihm geforderte Vergegenwärtigung, der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart gescheitert ist.

 

Das vierte Kapitel Theatrical Energies resümiert die neun behandelten Stücke anhand der Entwicklungsschritte Text, Text-Darstellung, Darstellung bis hin zum esoterisch anmutenden Kapitel Metaphysical Energies, in dem Rokem sehr knapp (auf nur einer Seite, S. 206) den gewagten Versuch einer Verbindung von "supernatural figures", "eavesdropper" und dem klassischen "deus ex machina", den er dem Barocktheater zuordnet, unternimmt.

 

Der Epilog "Ich habe noch einen Koffer in Berlin . . ." (dt. im Original) beendet den Band. Das Zitat nimmt Bezug auf die beiden Berlin-Filme von Wim Wenders. Rokem fasst zusammen: "The issue I have tried to confront in this book is how the flashes of memory from the past can become transformed into theatrical images on stage. Many questions are still unsolved." (S. 209)

 

Rokems Performing History behandelt neun subjektiv ausgewählte Stücke aus sehr persönlicher Sicht, nie aber ohne den Blick des Kenners. Hauptthese des Buches ist der spannende Ansatz, dass historische Darstellungen im gegenwärtigen Theater nur dann wirken können, wenn ihnen der Brückenschlag zur Gegenwart gelingt. Vergegenwärtigung ist der Hauptansatz von Rokem, dem ein lesenswerter Band gelungen ist. Auffallend, aber nicht unbedingt störend ist die Tatsache, dass Rokem sein Interesse hauptsächlich auf die Schoah-Inszenierungen legt und immer wieder von seinen persönlichen Besuchen spricht, während aber besonders die Kapitel über Brook und Mnouchkine sehr knapp gehalten sind.

 

Veröffentlicht am 06.05.2002 (Archiv)

>zurück>>>