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Vittorio Hösle: Woody Allen: Versuch über das Komische.

München: C. H. Beck 2001. 130 S. m. Abb. ISBN 3-406-47265-6. Preis: ATS 204,--/DM 28;--/sfr 26,--.

Rezensiert von: Günter Krenn

 

"Ich habe Kurse für Schnelllesen belegt, es ist mir gelungen, den ganzen Roman Krieg und Frieden in zwanzig Minuten zu lesen. Es handelt von Russland..." - An diesen Ausspruch von Woody Allen fühlt man sich erinnert, wenn man die mittlerweile beachtliche Zahl jener Publikationen studiert, die sich mit seiner Person beschäftigen. In vielen Fällen "handeln" sie bestenfalls von Allen. Doch es gibt Ausnahmen, dazu gehört die von Vittorio Hösle im Verlag C. H. Beck herausgegebene Studie Woody Allen: Versuch über das Komische.

 

 

Hösles Essay entstand für eine spezielle, Woody Allen gewidmete Ausgabe von Film and Philosophy, der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Notre Dame (USA) und nennt sein Studienobjekt daher gleich in der ersten Zeile eine "Herausforderung für die Philosophie" (S. 8). Sein Ansatzpunkt ist demnach nicht primär bio- oder filmografisch, sondern er sucht nach theoretischen Gerüsten hinter dem Allen'schen Werk, wobei er drei Fragen zu beantworten versucht: "Warum erregt Allen als Komiker so viel Lachen? Was macht einige seiner Filme philosophisch so tiefsinnig? Was sind die Ursachen dieses Ausbruchs von vis comica in einem besonderen historischen und kulturellen Rahmen?" (S. 15).

Will man sich dem filmischen Werk Woody Allens nähern, so muss man sich zuerst mit der von ihm im Großteil seiner Filme dargestellten Kunstfigur als dem Zentraltypus seines komischen Systems auseinandersetzen. In einem Spannungsverhältnis diametraler Polarität findet man in Allens Figuren Selbstnegation und den Verlierermythos ebenso immanent wie deren Relativierung und Überwindung. Sein System ist das von Camus' Mythos von Sisyphos, die Vordergründigkeit mancher komischer Einfälle begünstigt Allens Stilmittel, die Ironie als Spielkonzept der Möglichkeit einzusetzen. Allens "Philosophie" besteht in der von Nietzsche herrührenden Empfindung von der "Kunst als der höchsten Aufgabe und der eigentlich metaphysischen Tätigkeit dieses Lebens."

Stringente Theorien greifen nicht immer: Bei Woody Allen gehen das Metaphorische und das rein Bildliche oft aussagemäßig Hand in Hand (siehe etwa die Bereiche "Tod" und "Gott"). Es ist das kurze, oft prägnant Imaginative, das Allens Arbeiten kennzeichnet, und zu dieser Betrachtungsweise wird oft auch der Interpretierende verleitet. Hösle widersteht dieser Versuchung, er besticht durch Sicherheit in den Zitaten, absolute Vertrautheit mit der Materie (die allerdings auch vom Leser vorauszusetzen ist, will er alle Beispiele und Anspielungen verstehen) und ist neben den Filmen in der Lage, Allens Theaterstücke God, Death und das hierzulande weitgehend unbekannte The Floating Lightbulb einzubringen. Anhand dieser Motive bietet Hösle Theoriemodelle über das Phänomen des Lachens an - von Kant über Schopenhauer bis zu Bergson, fremdsprachige Zitate werden dabei erst im Original und anschließend in Übersetzung angeführt. Auf der Seite der Kunst, die er als Vergleich heranzieht ("Allen ist ein poeta doctus." - S. 118), reicht die Palette von Aristophanes' Vögel, Cervantes' Don Quijote, Ben Johnsons Volpone bis zu Shakespeares - und Verdis - Falstaff, wobei der Autor für Allens Arbeit feststellt: "Er bleibt der Begrenzung der Komödie seit der Neuen Komödie auf solche Gegenstände treu, die nicht die höchsten, herrschenden Klassen betreffen, deren Probleme der Tragödie vorbehalten sind. Die einzigen Tragödien, die Allen kennt, sind wie bei Tschechow private, nie öffentliche Tragödien."(S. 85).

Wie bei den Filmen ist der philosophische Ansatz mit einem Satz definiert: Allen ist ein Eklektiker. Genügt aber Eklektizismus als Stildefinition? Das möchte man verneinen, wenngleich der Beigeschmack des Überbegriffes nicht von allen negativ empfunden wird. Goethe etwa verglich die Eklektiker mit Dohlen, die aus diversen Materialien ein Nest bauen, das schließlich eine eigenständige Schöpfung bildet. Der kleinste gemeinsame Nenner entschuldigt in seinem Beispiel als Definitionsinhalt allgemeine Systemlosigkeit bzw. den funktionalen Bau ohne höheren systematischen Eigenanspruch. Woody Allens Stil ist demnach eklektizistisch, ergibt aber in der Anzahl aller Summanden eine Einheit. Der New Yorker Filmemacher ist weder Filmtheoretiker noch Philosoph. Letzteres ebenso wenig wie Homer oder andere literarische Quellen, die seit Platon der Wissenschaft als Beispiele dienten. Mit der Charakterisierung als Beispielfunktion kommt man dem Ziel von Hösles Arbeit näher. In den Betrachtungen eines Philosophen (Camus) über einen Dichter (Dostojewskij) kann man lesen: "Alle Helden Dostojewskis fragen sich nach dem Sinn des Lebens. Darin sind sie modern: Sie fürchten die Lächerlichkeit nicht. Darin unterscheidet sich das moderne Empfinden von dem klassischen: dieses lebt von moralischen Problemen, jenes von metaphysischen. In den Romanen Dostojewskis wird die Frage derart eindringlich gestellt, dass sie nur mehr zu letzten Lösungen verpflichten kann. Das Dasein ist trügerisch oder es ist ewig. Wenn Dostojewski sich mit dieser Untersuchung begnügte, wäre er Philosoph. Aber er gibt ein Bild der Folgen, die diese geistigen Spielereien für ein Menschenleben haben können, und insofern ist er Künstler."

 

Es ist nicht unproblematisch, über Menschen zu schreiben, die Filme drehen. Arbeitet man über Personen, die ihre Gedanken gedruckt publizieren, kann man vom geschriebenen Wort ausgehen. Bei Woody Allen gibt es Theaterstücke, Prosastories, Comics, Drehbücher, Schallplatten, CDs und - als wesentlichstes Medium - seine Filme. Schreibt man über letztere, geht man naturgemäß des Bild- und Tonhaften verlustig. Unter denen, die (trotzdem) zu Themen solcher geschriebenen Arbeiten werden, gibt es nicht wenige, die ihr Werk nur ungern auf diese Weise zerpflückt sehen. Zu ihnen gehört der von Allen sehr geschätzte und viel zitierte Ingmar Bergman, der dazu feststellte, dass er schon deswegen nicht mit Leuten, die seine Filme kommentieren, übereinstimmen könne, weil sein filmisches Werk für ihn niemals etwas Theoretisches werden könne. Ein anderer Weg scheint demnach zielführender. Vittorio Hösles Versuch über das Komische geht vom Theoretischen aus, sucht und findet dessen Entsprechung in der Kunst und Person Woody Allens. Seine Studie ist somit - in zweifachem Sinne - wesentlich.

 

Veröffentlicht am 03.07.2001 (Archiv)

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