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Jürgen Hein und Claudia Meyer: Theaterg'schichten. Ein Führer durch Nestroys Stücke.

Wien: J. Lehner 2001. (Quodlibet. Publikationen der Internationalen Nestroy-Gesellschaft. 3.) 352 S., 24 Abb. ISBN 3-901749-21-7. Preis: ATS 348,--/DM 48,--/sfr 42.90,--.

Rezensiert von: Mathias Spohr

In Österreich hat eine volkstümelnde Aufführungstradition lange Zeit ein einseitiges Bild von Johann Nestroy propagiert und seinen bissigen Witz verniedlicht. Und auch im Ausland hält man ihn mitunter noch für einen jener lokalen Dialektdichter, die vergangene goldene Zeiten wiederaufleben lassen, "humorvoll" und "in mildem Licht". Daß Nestroy zu einer großstädtischen Unterhaltungsindustrie gehörte wie heute auf seine Art Woody Allen, wird in diesem ideologischen Kontext nicht gern zur Kenntnis genommen. Das liegt aber auch an der mangelnden Kenntnis seiner Stücke, von denen nur vier oder fünf im Repertoire präsent sind. Einst wurden sie auch nicht für die Ewigkeit, sondern für den Tagesbedarf geschrieben und sind in der Regel Bearbeitungen. Manche Passagen sind wörtlich übersetzt, zumeist aus dem Französischen, und Nestroys Kunst liegt in der variierenden Ausarbeitung seines Modells.

 

Das vorliegende, übersichtlich konzipierte Handbuch präsentiert in chronologischer Reihenfolge alle 87 Arbeiten für das Theater, die Nestroy heute mit einiger Sicherheit zugeschrieben werden können. Sein Wert liegt vor allem in den flüssigen, verständlichen und doch knapp gehaltenen Inhaltsangaben. In Anbetracht der durchaus "unklassischen" und oft turbulenten Handlungskonstruktionen ist das keine geringe Kunst der Herausgeber. Die szenische Gliederung und die Position der musikalischen Einlagen sind in den Nacherzählungen kenntlich gemacht. Hier können sich interessierte Praktiker und Wissenschaftler ohne großen Zeitaufwand einen Einblick verschaffen - nicht so sehr in das "Werk" eines "Klassikers" als generell in das populäre Theater zwischen 1820 und 1860. Das ist eine Zeit, in der vieles im Kulturleben rasant veraltete (weit schneller als die "Moderne" hundert Jahre später), eine Zeit, die manchen der "Schaffenden" geradezu weggelaufen ist. Als Theaterschriftsteller beschäftigt sich der einst moderne Nestroy nach 1848 mit Genres, die Publikum und Kritik für traditionsverbunden halten, und vom "Volksstück" wurde im Zuge der Restauration und der Urbanisierung vor allem Sentimentalität erwartet. Es ist nicht zu übersehen, daß Nestroy dadurch gewissermaßen zu seinem eigenen Denkmal geworden ist. Die Eigenheiten seiner Sprache, seine verqueren Metaphern und Analogien, wurden als eine Art Markenzeichen geschätzt. Daß sie sich von der Person des Darstellers trennen ließen und fortan als Literatur gelten konnten, hätten viele Zeitgenossen dennoch nicht für möglich gehalten.

Im Anhang jedes Artikels befinden sich knappe Angaben zur Überlieferung, zu Vorlagen, Aufführungen, Ausgaben und Sekundärliteratur, die sich auf die Arbeiten zur gegenwärtig fertiggestellten historisch-kritischen Ausgabe stützen konnten. Auch eine Bibliographie und ein Personenregister fehlen nicht. Und wenn sich selbst die Klebebindung als so beständig erweist, daß der integrale Nestroy nicht irgendwann in unorganische Einzelblätter zerfällt, wird sich das Handbuch fraglos als solches bewähren.

 

Veröffentlicht am 04.07.2001 (Archiv)

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