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Peter-André Alt: Schiller. Leben-Werk-Zeit. Eine Biographie.

2 Bde. München: Beck 2000. Bd. 1: 737 S. m. 28 Abb. ISBN 3-406-45905-6. Preis: ATS 642,-/DM 88,-/sFr 80,-. Bd. 2: 686 S. m. 22 Abb. ISBN 3-406-46225-1. Preis: ATS 642,-/DM 88,-/sFr 80,-.

Rezensiert von: Monika Meister

Es bedarf schon einigen Mutes und großer Belesenheit, Leben und Werk Schillers in ca.1.400 Buchseiten abhandeln zu wollen und dies auf der Grundlage unübersehbarer Sekundärliteratur und unzähliger Versuche, sich den Texten Schillers und dem Zusammenhang von Zeit, Biographie und Werk wissenschaftlich anzunähern. Daß Schiller bis heute der wohl die größten Widersprüche auslösende deutsche Klassiker ist, steht außer Frage. Die Gründe dafür sind vielfältig und deren Erforschung läßt den Dichter des deutschen Idealismus par excellence nicht über einen Leisten scheren, geschweige denn ideologisch festlegen. Das macht die Lektüre der Texte Friedrich Schillers übrigens auch an der Wende zum 21. Jahrhundert zum Abenteuer.

 

Da kommt die biographische Studie Peter-André Alts gerade recht. Nicht, daß es nicht einzelne hervorragende Darstellungen zu Leben und Werk Schillers aus den letzten Jahrzehnten gäbe, aber es ist wohl der Versuch, den großen Zusammenhang von Geburt bis Tod, gleichsam von erster bis letzter Zeile, auf der Basis und im Kontext gegenwärtiger Forschung zu erfassen, der hier besticht. Prinzipiell mehr als skeptisch Unternehmungen gegenüber, die vorgeben, daß es möglich wäre, ein Leben, ein Werk umfassend zu begreifen, wird man hier eines Besseren belehrt. Die Lektüre der vorliegenden Bände nimmt immer wieder so gefangen, daß man sie nur ungern unterbricht. Kurz und gut: Peter-André Alts Schiller-Studie wird sich gewiß als wissenschaftliches Standardwerk etablieren und wird auch ein über das Fachpublikum hinausreichendes Interesse erwecken. Denn dem Autor, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum, gelingt es, in übersichtlich gegliederten Kapiteln sprachlich präzise und frei von jeglichem Wissenschaftsjargon dem Leser/der Leserin die Welt, das Denken und das durch einen "auffälligen Mangel an spektakulären Erfahrungen" geprägte Leben des großen und bereits in seiner Zeit erfolgreichen Dichters, Dramatikers, Historikers, Philosophen und Theoretikers nahezubringen. Daß dieses Leben alles andere als unbeschwerlich war und Schiller die Anerkennung nicht selbstverständlich zufiel, wird in dieser biographischen Untersuchung, konzipiert als Werkbiographie (die Leben und Werk allerdings nicht kurzschließt), ebenso transparent.

 

Die Studie gliedert die Lebensjahre 1759 bis 1805 in acht Kapitel, im ersten Band einsetzend mit den zentralen Prägungen der Jugendjahre über die poetischen lyrischen Anfänge zum dritten Kapitel: Macht der Bühne. Frühe Dramen und Theaterschriften (1781-1787).

Vom überwältigenden Debut des Dramatikers mit den Räubern (uraufgeführt 1782 im Mannheimer Nationaltheater), über Kabale und Liebe (1784) bis zum Don Karlos (1787) und den frühen Theaterschriften handelt dieses Kapitel, und es ist bemerkenswert, wie dem Autor die Darstellung des Kontexts des Theaters der Zeit, von Dramaturgie und Schauspielkunst gelingt, sodaß Schillers umfassende Kenntnis der Bühnenpraxis transparent wird, ein Umstand, der für seine Dramenkonzeptionen von großer Relevanz ist. Die so bedeutende, in Mannheim vor der Deutschen Gesellschaft gehaltene Rede Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? (1802 in veränderter Form unter dem berühmt gewordenen Titel Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet publiziert), in welcher dem Theater höchste gesellschaftspolitische Wirkungsdimensionen zugemessen werden, überschreitet freilich bei weitem die Überschrift Dramentheoeretische Entwürfe, unter der sie vom Autor eingeordnet ist.

Das vierte Kapitel widmet sich Schillers Erzählkunst und publizistischer Tätigkeit der Jahre 1782-1791, das mit dem Sensationserfolg Der Geisterseher (1789) schließt. Peter-André Alt zeigt auf, daß etwa dieser Text "die Erzählformen künftiger Autorengenerationen" beeinflußt, weder das "Genre der romantischen Schauernovelle noch die deutschsprachige Kriminalliteratur" wären ohne sein Vorbild denkbar. Im fünften Kapitel geht es um den Geschichtsdenker Schiller, die berühmten, großen historischen Schriften Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung (1788) und Geschichte des Dreyßigjährigen Kriegs (1790-1792) stehen im Zentrum der Analyse.

Eingefügt ist in diesen Abschnitt die Erörterung von Schillers Privatleben bis zu seiner Hochzeit mit Charlotte von Lengefeld, seine Begegnungen mit wichtigen Zeitgenossen, Umzüge nach Dresden, Jena, seine Tätigkeit als Universitätsprofessor für Philosophie (hier wird er auch über die Theorie der Tragödie lesen). Nicht zuletzt wird durch die differenzierte und auch behutsame Darstellung Peter-Anderé Alts nachvollziehbar, daß Schillers 1791 beginnende schwere, und vierzehn Jahre später zum frühen Tode führende Erkrankung das alltägliche und zugleich außergewöhnliche Leben wesentlich bestimmt. Der Autor versteht es, den immer wieder durch seinen schlechten Gesundheitszustand beeinträchtigten, aber dennoch über die Maßen arbeitenden Schiller im Zusammenhang seiner vielfältigen Tätigkeiten darzustellen, sodaß ein lebendiges Bild vor Augen entsteht, ohne freilich eine Nähe zu suggerieren, die es nicht geben kann.

Der zweite Band beginnt mit dem sechsten Kapitel, einer systematischen Abhandlung der ästhetischen Schriften (1791-1799), wobei transparent wird, warum diese Texte den Höhepunkt der Kunsttheorie der Weimarer Klassik darstellen, ja teilweise noch für die Frühromantiker als Voraussetzung ihrer, den Beginn der Moderne markierenden theoretischen Entwürfe gelten. Diese tragödientheoretischen, die Theorie des Schönen und die Reflexionen über Antike und Neuzeit umfassenden Schriften Schillers stehen unter deutlichem Einfluß der idealistischen Philosophie Kants. Für Schiller wird die Kunst zum überragenden, einzig mit der "schlechten" Realität "versöhnenden" Bereich, in welchem sich die "moderne" Entfremdung des Menschen in einer gelungenen Synthese von Sinnlichkeit und Vernunft aufhebe. Alt zeichnet Schiller aber auch als einen bis zuletzt von Pragmatismus und Entschlußkraft bestimmten Literaten, dem man ganz und gar nicht gerecht werde, wenn man ihn als weltfremd charakterisiere.

In einem Abschnitt wendet sich der Autor der alles weitere fügenden Beziehung von Schiller und Goethe zu, deren intensive und mehr als anregende Auseinandersetzung mit dem Briefwechsel im August 1794 anhebt (1799 übersiedelt Schiller endgültig nach Weimar). Die Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden Klassiker setzt Produktivkräfte frei, die etwa im Kontext des Weimarer Hoftheaters zur höchsten Symbiose von Drama und Bühne führen. Hier sind die (im letzten Abschnitt behandelten) Bühnenbearbeitungen Schillers genauso zu nennen wie seine erfolgreichen Inszenierungen an Goethes Bühne. (Daß Peter-André Alt auf den theatergeschichtlichen Kontext nicht ausführlicher eingeht, versteht sich von den Voraussetzungen der Studie her von selbst.)

Schillers Zeitschriften-Projekte dieser Jahre Die Neue Thalia und Die Horen mit ihrem "klassischen Programmanspruch" vervollständigen das Bild eines auf oberster Stufe tätigen anerkannten Publizisten.

Im siebenten Kapitel sind Schillers Lyrik und Epigrammatik der klassischen Periode erörtert. Hervorhebenswert ist der Abschnitt über den "unglücklichsten Schüler. Hölderlin im Schatten", weil damit eine andere Zeit und Welt in den Blick kommt, die scharfe Grenzen erkennbar werden läßt. Auch die Konflikte mit den Brüdern Schlegel und die Distanz zu Jean Paul weisen in diese Richtung.

Den Abschluß der zweibändigen Studie bildet das achte Kapitel, das sich Schillers klassischem dramatischen Werk (1796-1805), dessen Wirkungsästhetik, der "Zeit der hohen Kunst" widmet. Hier werden die großen Bühnenstücke Schillers auch in den Kontext zeitgenössischer Politik und in jenen gesellschaftlichen Aufstiegs gestellt, zugleich die enorme Materialkonstruktion etwa der Wallenstein-Trilogie (1800) thematisierend, die selbstredend nur auf Basis von Schillers historischen Studien so möglich wurde. Die Darstellung reicht von Maria Stuart (1801), der Jungfrau von Orleans (1801), dem in Weimar von Herzog Carl August verweigerten Schauspiel, über die den antiken Chor erneuernde "Mustertragödie" Die Braut von Messina (1803) zum Wilhelm Tell (1804).

 

Die letzten Jahre Schillers, seine Reise nach Berlin und die Zeit in Weimar 1804 und 1805 sind trotz neuer Pläne, Aussichten und einer Fülle von Arbeiten (etwa die Übersetzung von Racines Phèdre) immer deutlicher von Krankheit überschattet. Am Demetrius, der Fragment gebliebenen Tragödie, dem faszinierenden Schauspiel ineinander verwobener politischer und psychologischer Konflikte, schreibt Schiller noch die ersten Monate des Jahres 1805 bis knapp vor seinem Tode, am 9. Mai stirbt der Dichter.

Die beeindruckende Studie Peter-André Alts umspannt mit der Lebenszeit Schillers jene für die deutsche Kultur- und Geistesgeschichte höchst bedeutsamen Epochen (bei aller Problematik der Einteilung in Epochen), die von der Aufklärung über Sturm und Drang zur Weimarer Klassik und Frühromantik reichen. Die politische Situation in Deutschland und die alle Werte umstürzende Französischen Revolution bestimmen Schiller zutiefst. Er gilt mit Recht als einer der politisch scharf denkendsten Köpfe (mit der Tendenz zur Dogmatik), der die verhängnisvolle Verstrickung von Macht und Gewalt und deren andere Seite, die Ohnmacht, wie sie die deutsche Geschichte bestimmt, in seiner Literatur gleichsam sublimiert.

Die Anhänge der beiden Bände umfassen die Anmerkungen, die den Kapiteln entsprechende und nach thematischen Aspekten gegliederten Bibliographien, Abbildungsnachweise und Zeittafel. Das Register (Personen und Schillers Werke) schließt den jeweiligen Band ab. (Daß Alt die Texte Schillers nach der noch immer unüberbotenen von Norbert Oellers herausgegebenen Nationalausgabe zitiert, versteht sich von selbst.)

Die Lektüre dieser Werkbiographie, in deren Zentrum der große Zusammenhang von poetischer Produktion Leben und Zeit steht, glättet die vielfachen Ambivalenzen Schillers und seines Werkes nicht, sondern läßt diese in ihrer ebenso widersprüchlichen Rezeptionsgeschichte, die zwischen heftiger Zustimmung und vehementer Ablehnung hin und her schwankt, verständlicher werden. Vielleicht überrascht nimmt man zur Kenntnis, daß sich in aller Klassizität Schillers auch Momente des Brüchigen finden, eines nicht zu Ende Gebrachten.

 

Veröffentlicht am 02.03.2001 (Archiv)

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