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Heinrich von Kleist. Brandenburger Ausgabe. I/2 Robert Guiskard.

Hrsg. v. Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Peter Staengle. Frankfurt am Main, Basel: Stroemfeld 2000. 112 S. Brandenburger Kleist-Blätter 13. 475 S. ISBN 3-87877-332-3. Preis: ATS 1.299-

Rezensiert von: Monika Meister

Ein soeben erschienener, neuer Band der von Roland Reuß und Peter Staengle bei Stroemfeld herausgegebenen, an Eleganz nicht zu übertreffenden Brandenburger Ausgabe sämtlicher Werke Kleists überzeugt abermals durch methodischen Zugriff auf das Quellenmaterial und Präzision der Wiedergabe.

 

Der Band umfaßt die Edition der in der Zeitschrift Phöbus 1808 gedruckten zehn Auftritte des Fragments aus dem Trauerspiel: Robert Guiskard, Herzog der Normänner und im Anhang die in Schillers Horen 1797 veröffentlichte Biographie Robert Guiscard Herzog von Apulien und Calabrien von Karl Wilhelm Ferdinand v. Funck, welche die wichtigste Informationsquelle Kleists gewesen sein dürfte. Diesem Band I/2, dem vierten der Abteilung Dramen - Amphitryon, Penthesilea und Der zerbrochne Krug liegen bereits vor, Die Herrmannsschlacht ist für 2001 angekündigt - sind die Brandenburger Kleist-Blätter 13Robert Guiskard findet sich in diesen Kleist-Blättern auch der erste Teil des "Biographischen Archivs I/ A-K", welches Dokumente und Zeugnisse zu Leben und Werk erstmals in "ihrem jeweiligen historischen Kontext vorstellen und transparent" machen will. Durch diese Vorgangsweise werden die Quellen in ihrer historischen Positionierung neu erschlossen, ein kontextloses "erzählendes Nacheinander" verhindert. beigelegt, ein 475 Seiten umfassendes Kompendium in gewohnter, höchste Ansprüche erfüllenden Form. Neben Roland Reuß' luzider Betrachtung der strukturellen Beziehung von Szenenanweisung und Textur des Trauerspiel-Fragments

Kleists Trauerspiel-Torso Robert Guiskard wird in dieser editorischen Meisterleistung neu lesbar, die Dokumente einer zerteilten Entstehungs- und Vernichtungsgeschichte im werk- und lebensgeschichtlichen Zusammenhang präsentiert. Und damit ist zugleich der Nicht-Ort des Schauspiels angegeben: König Oidipus als Ideal, der Pesttod auf der Bühne, die vollkommene Tragödie sollte Robert Guiskard werden - aber wie diese Ansprüche um 1803, in die Gegenwart Deutschlands gesetzt, verwirklichen? Und das Theater? Kleist schrieb keine Lesedramen, suchte verzweifelt nach Möglichkeiten, seine Stücke auf der Bühne realisiert zu sehen. Ein "Theater der Zukunft" ist hier entworfen. So liegt ein abermals fremder Theatertext ohne Anfang und ohne Ende vor uns. Nachdem Kleist dem Dichter Wieland Teile des Guiskard vorgelesen hatte, äußerte dieser sich so enthusiastisch, daß er den Text als eine Ineinanderfügung der Geister von Aischylos, Sophokles und Shakespeare empfand und Kleist als den Dramatiker dachte, der die auch von Goethe und Schiller noch nicht geschlossene Lücke in der Literatur zu füllen vermöge. Solches Lob sollte sich zu Kleists Lebenszeit nicht wiederholen.

 

Diese Rezension ist auch erschienen in: Der Standard, Album, 10./11./12. Juni 2000.

 

Veröffentlicht am 05.08.2000 (Archiv)

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