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club transmediale u. Maike Jansen (Hg.), Gendertronics. Der Körper in der elektronischen Musik.

Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2005. (edition suhrkamp 2394) ISBN 3-518-12394-7. 207 S. Preis: 9,30 € (Ö)/9,00 € (D)/16,60 sfr.

Rezensiert von: Lorenz Aggermann

Seit fünf Jahren gibt es den "club transmediale" in Berlin, jene zwischen elektronischer Musik und Clubkultur angesiedelte Veranstaltungsreihe und nach Eigendefinition "der wichtigste Treffpunkt für aktuelle elektronische Musik im deutschsprachigen Raum" (Zitat: www.clubtransmediale.de). In diesem Winter haben nun die Veranstalter neben ihrem Programm noch ein kleines, aber feines Büchlein in der edition suhrkamp herausgebracht. Wer nun glaubt, mit diesem Schachzug wollte man ein vorschnelles Resümee ziehen und die angefallenen Lorbeeren einsammeln, der irrt. Stattdessen wird unter dem Titel Gendertronics ein durchaus kritischer Einblick in die Verheißungen, die verführerischen Träume und die tatsächlichen Möglichkeiten der neuen elektronischen Musik gewährt. Wie der Titel schon erahnen läßt, steht der menschliche Körper dabei im Mittelpunkt.

 

Doch das mit dem Körper ist so eine Sache. Das digitale Zeitalter - allen voran die elektronische Musik - hatte sich die Abschaffung des Authentizitätsdenkens zum wichtigsten Anliegen gemacht. Authentizität bezog sich in diesem Fall nicht nur auf Klangproduktion und Autorschaft sondern auf den Körper an sich: den biologischen genauso wie den biographischen, den Resonanzkörper wie den Klangkörper. All diese sollten aufgelöst werden, und mit den Mitteln der Elektronik gedachte man sich diesen Wunsch zu erfüllen. Als unmittelbare Folge proklamierte man das Ende "der biologischen Zu-, Ein-, und Festschreibungen von Geschlecht und Autorschaft", und der so lancierte Diskurs entwickelte "einen mitreißenden utopisch-emanzipatorischen Drive", an dem sich sämtliche Disziplinen beteiligten, "Neurobiologen und Stadtplaner inklusive". Statt althergebrachte Körperbilder zu reproduzieren, galt es nun "neue, postindentitäre Projekte zu starten" (alle Zitate S. 21); die Tanzfläche rückte bei diesen Versuchen unwillkürlich in den Mittelpunkt. Mittlerweile ist die Euphorie allerdings verflogen, und was ursprünglich als Avantgarde-, und Minderheitenprojekt begann, wurde durch diverse Love-Paraden zu einer Farce. Die Utopie entwickelte sich zu einer Massenveranstaltung, bei welcher Drogen bzw. Sex als die verläßlichsten Mittel gehandhabt wurden, um den Körper zumindest für eine gewisse Zeit zu verlassen. Ganz nebenbei schien auch der Genderdiskurs in Quotenfragen zu verebben, als ob es abseits der Dichotomie männlich/weiblich nichts gäbe und die Quantität das Entscheidende wäre. War das Ganze also ein Witz, der sich im O-Ton der Protagonisten (Thomas Meinecke) wie folgt anhört: "Denen ist das der Soundtrack ihrer Erkenntnisprozesse und bleibt das nach wie vor auch erstmal". (S. 159)

Nein, dieses Versprechen war kein Witz, wenngleich vielerorts die Beteiligten von falschen Annahmen ausgingen. Denn der Körper erwies sich als durchaus renitent, er forderte sein Recht auf Bestehen immer wieder ein und mußte geschickt wegretouchiert werden. In Gendertronics bemüht man sich nun, die unterschiedlichen Strategien und Ziele dieser Retouchen sichtbar zumachen.

So zeigt Tom Holert, wie sich der Körper die Platten- und Magazincover nach und nach als Bühne zurückerobert, und dabei gerne auf ältere Strategien wie Glamour oder Dandyismus zurückgreift. Kurt Dahlke hingegen bekrittelt die Körperfeindlichkeit von Steuerungs- und Bedienungselementen und mahnt eine gesteigerte Benutzerunfreundlichkeit von den Herstellern ein. Olaf Karnik wiederum gibt einen komplexen Einblick in die Inszenierung von "Körper" in den Videoclips Chris Cunninghams, während Terre Thaemlitz gesellschaftliche und geschlechtliche Konditionierung in Japan querliest und eine Verbindung zwischen der musikalischen Vorbildung von Mädchen und dem Anteil an Musik-Produzentinnen herstellt. Dazwischen gibt es noch den obligatorischen Diedrich Diedrichsen Artikel, sowie einige - teils recht gewitzte - Statements von Produzenten und Musikern.

Daß der Wunsch, den Körper loszuwerden, eigentlich ein ziemlich regressives Begehren ist, stellt Claudia Basarawi mit leicht ironischem Unterton klar. "Warum schließt man uns nicht einfach in passende Kammern und setzt uns wie einen Fisch im Aquarium außerweltlichen elektronischen Klängen aus, auf die wir uns synchronisieren, und läßt uns, wenn wir uns aufgelöst haben, das All erblicken?" (S. 177), fragt sich die Autorin und Olaf Arndt scheint in seinem abschließenden Artikel eine Antwort darauf zu geben: gerade die digitalen Innovationen weisen den Menschen wieder recht schmerzhaft in seine Schranken. Neue Elektro- und Ultraschallwaffen bieten dem Staat verbesserte Möglichkeiten zur Korrektur gesellschaftlichen Fehlverhaltens - der einzelne Körper gibt dabei ein hervorragendes Zielobjekt ab.

Der Fluchtversuch ist also gescheitert. Daß ausgerechnet das Resümee "Wir sind keine Performer. Wir sind Bediener. Selbst Bediener" (S. 189) am Ende des Buches steht, verwundert, hatten wir die Szene doch als einen recht fröhlichen Haufen tanzender (Nicht-) Körper in Erinnerung. Allerdings weist gerade mal ein Artikel (von Birgit Richard) auf die Bedeutung des Tanzens "für die Kommunikation und Konstruktion der Geschlechter und für die spezielle Einbeziehung des Körpers in der Clubszene" (S. 135) hin, und damit wird zugleich das größte Manko des Unternehmens klar: das Buch ist ein sehr begrenztes Medium, da bestenfalls der Geist zum Tanzen angeregt wird. Bei einer weiteren Publikation sollte man sich überlegen, ob es nicht besser wäre eine gutverpackte DVD herauszugeben, auf welcher neben den einzelnen Aufsätzen auch akustische wie visuelle Beispiele Platz fänden. Solchermaßen würde man dem Anspruch der einzelnen Artikel und auch der Intention des "club transmediale" eher gerecht: Nicht umsonst schreibt Miss Kittin: "You can philosophize forever, you will never find the words. When was the last time, you sweat on a dance floor?" (S. 18).

 

Veröffentlicht am 20.10.2006 (Archiv)

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