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Alexandra Millner (Hg.), Niemand stirbt besser. Theaterleben und Bühnentod im Kabinetttheater.

Wien: Sonderzahl, 2005. ISBN 3-85449-240-5. 192 S. Preis: 19,80 €.

Rezensiert von: Lorenz Aggermann

Kabinett, so heißt es in einem dem Buch vorangestellten Lexikoneintrag, meint einen kleinen Raum, ein Beratungszimmer, eine Wunderkammer; im schweizerischen auch den Abort. Und weiter: kleiner möblierter Raum, 1927 von El Lissitzky in Hannover gebaut als Beispiel für die Kunst der Zeit. [...] Bei Kurt Schwitters steht das "abstrakte Kabinett" in einer Reihe von Installationen, die ein Programm der Disziplinen übergreifenden Vielfalt - Dichtung, Musik, Theater, Fotografie und Film - verwirklichen. (S. 4)

 

Diese Beschreibung paßt wohl auch am besten zum Kabinetttheater, das sich seit mittlerweile zehn Jahren genau diesen spartenübergreifenden, eigenwilligen Gesetz des Kabinetts unterwirft und daraus äußerst lebendiges Theater macht: ein wenig dadaistisch und absurd, häufig grotesk, zumeist recht grausam und dennoch immer äußerst poetisch. Dies gelingt dem Kabinetttheater alleine aufgrund der Marginalisierung seiner Protagonisten und ihrer Szene - diese sind nie und nimmer reale Menschen; sie allerdings als Puppen zu bezeichnen, greift ebenfalls zu kurz. Im Kabinetttheater werden lose verschriftlichte Dinge lebendig gemacht; vielleicht also ein Objekttheater? Auch nicht ganz richtig.

"Eine alte Frau lehnte sich aus übergroßer Neugierde zu weit aus dem Fenster, fiel und zerschellte" heißt es in Daniil Charms Neugierigen alten Frauen (S. 17), und so sieht man, wie sich eine eigenwillige Gestalt aus dem Fenster beugt - eine scharfe Nase, bleiche Wangen, hohe Stirn - dann fällt sie auch schon und zerschellt. Erst jetzt erkennt der Betrachter: das Opfer auf der Bühne, es war gar keine neugierige alte Frau, ja nicht einmal eine Puppe. Eine unschuldige alte Teetasse mußte für dieses Dramolett ihr Leben lassen, und den Vorgaben Charms entsprechend folgen ihr noch dutzende weitere nach. Welch ein Drama! Manchmal meint Theater einfach die Kunst, schriftliche Vorgänge auf der Bühne Wort für Wort sichtbar zu machen und das Kabinetttheater ist darin zu wahrer Meisterschaft gelangt. Was klein ist, darf nicht unterschätzt werden.

Nun ist im Herbst 2005 - anläßlich des 10. Geburtstages - ein erstes Buch über das vermeintliche Puppentheater erschienen, ein Buch, welches nun seinerseits wie ein Kabinett funktionieren will. Aber ist dies so ohne weiteres möglich? Der Leser bekommt von der Herausgeberin Alexandra Millner ein Mittelding zwischen Festschrift und historischen Abriß in die Hand. Die romantische Oper Der wilde Jäger (S. 104) von Franz Grillparzer findet darin genauso Platz wie der grausame englische Kasperl Punch mitsamt seiner Gespielin Judy (S. 129), Auszüge aus Cervantes Erzählung Meister Pedros Puppenspiel (S. 73) sowie Artauds Das Theater und sein Double (S. 172). Unterbrochen werden diese Texte durch diverse Hommagen an das Kabinetttheater (von Friederike Mayröcker, Franz Schuh, Ernst Kovacic, Markus Schirmer, Friedrich Achleitner, Thomas Ostermeier und anderen), durch essayhafte Annäherungen an das Figurentheater sowie den "Kasperl" im Allgemeinen (im Beitrag der Herausgeberin, S. 131) und über H.C. Artmann im Speziellen (von Sonja Kaar, S. 151). In einem Buch nun könnte diese Form der Verkleinerung jedoch schnell zu einem geschmäcklerischen Potpourri verkommen, gemäß der Devise "the essential ...".

Daß dies allerdings nicht passiert, ist nun abermals den Eigenheiten des Kabinetttheaters zu verdanken und liegt hauptsächlich an den Äußerungen, Skizzen und den zahlreichen Fotos der Theatermacher selbst, welche die scheinbar willkürliche Auswahl der Schriftstücke zu einem - durch und durch einer Aufführung entsprechendem - Ganzen fügen.

In diesen erfährt der Leser natürlich einiges über Julia Reicherts erste Puppen, aber, und das ist wohl noch wesentlicher, auch vieles über ihren spezifischen Zugang zu Literatur; über die mehr als anregende Verbindung der Figuren und Objekte zu den unterschiedlichsten Formen von Musik; über das meist von Christopher Widauer offen ausgetragene Duell Mensch - Puppe sowie über die nötige Abgrenzung hin zum "Fleischtheater". So wird schlußendlich doch deutlich, daß dieses Figurentheater wohl eine Gattung für sich bildet, die es zu erkunden gilt. Das Buch kann hierbei natürlich nur als Ersatz dienen, ein detailliertes Aufführungsverzeichnis an dessem Ende (S. 184) nährt allerdings die Hoffnung auf viele kommende Abende im Kabinetttheater.


 

Veröffentlicht am 20.10.2006 (Archiv)

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