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Jeffrey Andrew Weinstock (Hg.): Reading Rocky Horror. The Rocky Horror Picture Show and Popular Culture.

New York: Palgrave Macmillian 2008. ISBN 0-230-61232-6. 248 S. Preis: € 71,99.

Rezensiert von: Petra Rathmanner

Gemessen an ihrem Bekanntheitsgrad hat die Rocky Horror Picture Show bislang eine erstaunlich geringe film- und medienwissenschaftliche Beachtung gefunden. In diese Lücke dringt nun der Anglistik-Professor Jeffrey Andrew Weinstock mit dem Band Reading Rocky Horror verdienstvoll vor. In drei Kapiteln untersuchen darin 14 AutorInnen den Kultfilm aus dem Jahr 1975: Im ersten Kapitel geht es um die kontextuelle Verortung innerhalb von Filmgenres und Musiktraditionen; ein weiteres Kapitel widmet sich der Publikumsbindung. Am aufschlussreichsten erweist sich das dritte Kapitel, das die Darstellung der Sexualität in gegenwärtige Queer-Debatten einbindet.

 

Der britische Autor Richard O'Brian entfachte in der Rocky Horror Picture Show einen Travestie-Spaß, der den libertinären Zeitgeist der 1970er Jahre traf – und sich deutlich gegen bislang geltende Musical-Konventionen stemmte. 1973 in einer Studiobühne des Londoner Royal Court Theaters uraufgeführt, avancierte die extravagante Rockoper bald zum Bühnenhit und eroberte den Broadway. 1975 wurde das Stück als Low-Budget-Produktion von Jim Sharman und Richard O'Brian (mit Tim Curry, Susan Sarandon und Meatloaf in den Hauptrollen) verfilmt. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten wurde der Film schließlich in einer Late-Night-Schiene gezeigt – und begann so seinen beispiellosen Siegeszug durch die Arthouse-Kinos.

 

Die Rocky Horror Picture Show gilt als Hybrid, als Persiflage auf Horror- und Science-Fiction-Filme der 1950er Jahre. Wie gekonnt der Film mit den Möglichkeiten der einzelnen Genres operiert, darüber geben die Aufsätze von Sue Matheson und Sarah Artt Auskunft; über die Einbettung in die Camp- und Glam-Rock-Ästhetik der 1970er Jahre äußert sich Julian Cornell. In seinem Text zieht er Parallelen zur Popindustrie und zu Kunstfiguren wie David Bowies Ziggy Stardust, die zeitgleich zum Erscheinen des Films Geschlechteridentitäten ins Wanken brachten und eindeutige sexuelle Orientierungen ad absurdum führten.

 

Das zweite (und umfangreichste) Kapitel verhandelt in sechs Aufsätzen die ungewöhnliche Publikumsbindung, die sich um den Film entwickelt hat. Fangemeinden haben ritualisierte Interaktionen mit dem Filmgeschehen etabliert – dazu gehören das Mitsingen und Mittanzen einzelner Lieder (etwa Time Warp); daneben werden bestimmte Dialogstellen vom Auditorium mitgesprochen bzw. kommentiert. Fallweise sind Kinobesucher – auch abseits von Look-a-like-Wettbewerben – ähnlich wie die Darsteller kostümiert. Die akademischen Deutungen dieser eigentümlichen Gruppendynamiken fallen eher kurios aus. Der Herausgeber des Bandes, Jeffrey Andrew Weinstock, gelangt etwa zu der These, dass die Zuschauer gleichsam mit den Celluloidfiguren verschmelzen möchten: "to be the movie" (S. 8); aus dieser Unmöglichkeit entstünde der Wunsch den Film zu beherrschen. Am ergiebigsten erscheinen da noch die Ansichten von Heather und Mathew Levy, deren Reflexionen über das Zuschauerverhalten sich auf Jean Baudrillards Überlegungen zur Simulation und Hyperrealität stützen: "Baudrillard's explanations allow us to recognize the audience's role in the enactment of 'Rocky Horror' as a proactive, creative – even ethical – means of coping in a simulated society." (S. 100).

 

Theoretisches Neuland betreten die Autoren des dritten Kapitels, in dem es um die Darstellung der Sexualität und deren Einbettung in Queer-Theorien geht. Für den Autor Ben Hixon liegt das subversive Potenzial des Films etwa in der Art, wie Figuren mit körperlichem Handicap sexuelle Lust zuerkannt wird. Ausgehend von Judith Butlers Theorie der Performativität gelangt Zachary Lamm zu einer überzeugenden Interpretation der Figur des Dr. Frank-N-Furter. Demnach sei diese so etwas wie ein "Queer-Pädagoge" (S. 193), der eine neue Lehre der Geschlechterrollen und der sexuellen Freizügigkeit verkünde. Einen Kontrapunkt zu dieser Sichtweise markiert Kevin John Bozelka. Folgt man Bozelka, beweise der Film einmal mehr, dass der neoliberale Kapitalismus das radikale Potenzial einer möglichen Gegenkultur umgehend absorbiere.

 

Reading Rocky Horror ist gewiss ein achtbarer Sammelband, der jedoch hinter den Erwartungen zurückbleibt. Die beiden ersten Kapitel, die Genre-Diskussion sowie die Publikumsbindung, bieten wenig Neues. Das dritte und anregendste Kapitel, die Einbettung in Queer-Theorien, hätte mehr zu bieten, als die Aufsätze präsentieren. Hier bestünde noch Nachholbedarf. Fortsetzung erwünscht.

 

Veröffentlicht am 15.06.2011 (Ausgabe 2011/1)

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