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Vera Jung: Körperlust und Disziplin. Studien zur Fest- und Tanzkultur im 16. und 17. Jahrhundert.

Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2001. ISBN 3-412-11600-9. 395 S. Preis: 41,-- €/sfr 72,50.

Rezensiert von: Gerald Maria Bauer

Bereits der Titel suggeriert es: Mit ihrer an der Universität Saarbrücken als Dissertation approbierten Studie hat Vera Jung sich ein breites Themenspektrum vorgenommen. Fest- und Tanzkultur, Körperdisziplin und -lust über zwei höchst bewegte Jahrhunderte zu beleuchten - das ist ein gewaltiger Forschungsgegenstand. Dabei ist das in der Einleitung angegebene Anliegen der Autorin darin zu suchen, "viele Einzelstudien der Festkultur zusammenzuführen, um dadurch ein Bild des Festgeschehens in seiner gesamten Komplexität zu erhalten" (S. 20). Wie radikal sie diesen Ansatz verfolgt, offenbart sich in ihrem Versuch, zusätzlich die in der Forschung der frühen Neuzeit etablierte Dichotomie zwischen Volkskultur- bzw. Brauchtumsforschung einerseits und Elite- bzw. Hofkulturforschung andererseits aufzuheben und so Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen festzumachen. Eine geographische Einschränkung auf den deutschen Raum gibt es dann allerdings verständlicherweise doch.

 

Es ist also nicht primäres Anliegen, neue Forschungsansätze zu bieten, sondern mit Hilfe eines sorgfältig und breit angelegten Quellenapparats eine aktuelle Zusammenschau und Zusammenfassung zahlloser, seit langem unüberschaubarer kleinerer Forschungsarbeiten zu bieten. Schon allein auf Grund der bibliographischen Anregungen dürfte dieses Buch auch bald ein Vademekum für Kulturwissenschaftler der frühen Neuzeit werden.

Natürlich birgt dieser totalitär anmutende und in Forschungskreisen bestimmt nicht übermäßig populäre (und daher umso bewundernswürdigere) Anspruch auch seine leicht erkennbaren Gefahren: Vieles zu bieten, nichts erschöpfend zu beantworten. Denn so manche aus Einzelstudien entlehnte Feststellung wird durch ihre verkürzte Wiedergabe nicht zwangsläufig wahrer. Tatsächlich wünscht man sich als Leser bei der unüberschaubaren Menge an Deskriptionen festlicher Abläufe auch genauere interpretatorische Ansätze, in welchen Bedeutung, Sinn und Funktion einzelner Rituale der Analyse unterzogen werden.

Die ersten Kapitel widmet die Autorin der Beschreibung alltagskultureller Phänomene des "einfachen" Volkes, in welchen sie gleichzeitig die Reglementierungsbestrebungen durch die Obrigkeiten beschreibt. Innerhalb des anfangs liturgisch bestimmten Festkalenders und der "Freizeitkultur" (ein Begriff, den die Autorin für diesen Zeitabschnitt zu Recht problematisiert) spielte der Tanz in der Zusammenführung der Geschlechter eine zentrale Rolle. Begünstigt durch das Aufkommen des Paartanzes bot dies vor den Augen der kritisierenden Obrigkeit die einzige Möglichkeit der Annäherung in einem sozial geduldeten und etablierten Raum: dem Wirtshaus oder den dörflichen Festen.

Als Höhepunkt im privaten wie gemeinschaftlichen Leben des Menschen der frühen Neuzeit werden dann Funktion und Stellenwert der Hochzeit beleuchtet. Neben der deskriptiven Darlegung des auf gleiche Weise bei Bürgern wie Adel geregelten Ablaufs der Feierlichkeiten widmet die Autorin sich erneut den Eingriffen durch die Obrigkeit, die sich bemüßigt fühlte, gerade bei den untersten Schichten "ordnend und mäßigend" einzugreifen und so kontrollierend auf Eheschließungen einzuwirken. "Mäßigung" - und hier setzten die Instanzen hauptsächlich an - wurde gerade für dieses Fest als notwendig erachtet, da es seit jeher unter dem Etikett der "Verschwendung und des Überflusses" stand. Denn Hochzeiten galten besonders in der frühneuzeitlichen Gesellschaft als wesentlicher Gradmesser des eigenen sozialen Status und bedeuteten oft die einzige Möglichkeit für Standesübertritte. Diese Ausschweifungen führten so weit, dass Stadtgemeinden sich bemüßigt fühlten, je nach Vermögenslage der heiratswilligen Familien die Gästezahl zu reglementieren.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Hofkultur, und die Autorin unternimmt hier den ehrgeizigen Versuch, den Wandel der Festkultur vom 16. Jahrhundert zum staats- und sinnstiftenden repräsentativen Zeitalter auf nicht mehr als 140 Seiten nachzuzeichnen. Das thematische Spektrum ist enorm: Turnier, Tanz, Theater, Oper, aber auch die Entwicklung von den Vehaltensbüchern des Erasmus bis hin zu den zeremonialwissenschaftlichen Primärquellen werden übersichtsartig dargelegt. Vieles davon kennen wir aus den Studien Norbert Elias`. Zu einer dezidierten Stellungnahme für oder gegen die Thesen des heftig umstrittenen Soziologen kann Vera Jung sich allerdings nicht durchringen. Hier bleibt sie in ihren Thesen lakonisch, wenn sie meint, dass die diffuse Quellenlage keine Verallgemeinerungen darüber zulasse, wie Körperdisziplinierung und Zivilisationstheorie zusammenhingen.

Ähnlich unbefriedigt lässt sie den Leser zurück, wenn es darum geht, jener der Studie vorangestellten ureigensten Fragen nachzugehen, ob populäre und höfische Festkulturen "getrennte Welten" beschreiben. Dass gerade der "Tanz etwas Verbindendes" hatte und das Volksbrauchtum so manche höfische Festveranstaltung inspiriert haben könnte, dürfte der interessierte Rezipient bereits vor Zurhandnahme der Studie erahnt haben.

In der Interpretation der Ereignisse offenbaren sich schließlich die Defizite der Arbeit. Zumindest den Versuch zu unternehmen, für einen so großen Zeitraum einen gemeinsamen Kontext und Bewertungshinweise zu suchen, darin auch Inhomogenitäten offen zu legen, dies würde man sich bei der Lektüre mehr als ein Mal wünschen. Nichtsdestotrotz ist eine solide Einführung, eine gründliche Zusammenschau der Forschungsliteratur zu frühneuzeitlicher Fest- und Tanzkultur entstanden, die auf Grund der Quellen zum Weiterforschen Anregung bietet.

 

Veröffentlicht am 20.10.2006 (Archiv)

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